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Ausgabe:

1893 Nr. 14

Spalte:

353-355

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wirth, Karl Herm.

Titel/Untertitel:

Der ‚Verdienst‘-Begriff in der christlichen Kirche, nach seiner geschichtlichen Entwicklung dargestellt. 1. Der ‚Verdienst‘-Begriff bei Tertullian 1893

Rezensent:

Preuschen, Erwin

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 14.

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gedruckt, als wären fie auch heute nur fragmentarifch
vorhanden! Man fragt fich vergeblich, warum? Und wenn
doch der Text Wake's kanonifirt werden follte, fo konnte
in einer kurzen Vorrede das Nöthige gefagt werden. Es
handelt fich ja nicht um eine ,kritifche' Frage, und felbft
der confervativfte englifche Lefer wäre dafür dankbar
gewefen.

Giefsen. G. Krüger.

Wirth, Dr. Karl Herrn., Der ,Verdienst'-Begriff in der christlichen
Kirche, nach feiner gefchichtlichen Entwicklung |
dargeftellt. I. Der ,Verdienft'-Begriff bei Tertullian.
Leipzig, Dörffling & Franke, 1892. (VIII, 74 S. gr. 8.)
M. 1. 20.

Es ift eine dankenswerthe Aufgabe, deren Löfung
der Verf. vorftehender fleifsigen Unterfuchung in Angriff
genommen und von der er den erften Theil in einer Darfteilung
des Verdienftbegriffes bei Tertullian vorgelegt
hat. Er füllt damit eine Lücke in unferer Literatur aus,
die fich fchon in mancher Hinficht fchmerzlich fühlbar
gemacht hat. Denn m. W. exiftirt eine Unterfuchung
über die Gefchichte des Begriffes überhaupt noch nicht.
Ueber polemifchen Intcreffen ift das Intereffe an der gefchichtlichen
Entwicklung, wie es fcheint, völlig in Ver-
geffenheit gerathen. Dafs der Anfang mit Tertullian gemacht
wird, ift vollkommen berechtigt. Denn bei ihm
liegt der Begriff zum erften Male fcharf formulirt vor, j
freilich fo, dafs die Formulirung felbft wieder ein Pro-
duet der eigenen Entwicklung Tertullian's ift. Inwiefern |
die hier zuerft uns entgegentretende Begriffsbeftimmung
auf die Folgezeit eingewirkt hat, wird im weiteren zu
unterfuchen fein.

Die Refultate des Verf.'s, die ich mit feinen eigenen
Worten nach den Capitelüberfchriften gebe, find folgende:
1) Es ift die Möglichkeit vorhanden, dafs fich der Menfch
vor Gott Verdienft erwirbt. 2) Der Menfch erwirbt fich
vor Gott Verdienft, indem er zwifchen dem, was Gott
nachläfst {iiidulgcntia'), und dem, was Gott will (voluntas),
das Letztere wählt und thut. 3) Das, was Gott will, ift
unfere Heiligung. 4; Das religiöfe Motiv, fich ,merital
vor Gott zu erwerben, bildet einerfeits die Hoffnung auf
den zeitlichen und ewigen Lohn, andererfeits die Furcht
vor der zeitlichen und ewigen Strafe, welche je nachdem
den Menfchen treffen.

Diefe Definition, der eine Ueberficht über den Sprachgebrauch
Tertullian's hinfichtlich des Wortes meritutn,
tnerere, demerere, promereri, etc. vorausgeht, ift aus dem
Anfang der Schrift de exlwrt. cast. gewonnen. Die
Hauptfätze lauten: nemo iiidulgcntia utendo prome-
retur, sed voluntaü obsequendo. voluntas dei est saneti-
ficatio nostra . . . . id bonuvi — sanetificationem dico — in
Speeles distribuo complures, ut in aliqua earum depre-
hendamur. prima species est virginitas a nativitate; secunda
virginitas a secunda nativitate, idest a lavacro, quac aut in j
matrimonio purificat ex covipacto, aut in viduitate per- j
severat ex arbi'trio, tertius gradus superest monogamia
. . . (c. 1) sed quomodo vetat quaedam (im Vorhergehenden
ift von der zweiten Ehe die Rede), quibus etiam supplicium
acternum comminatur — utique mim quae vetat non
vidt, a quibus et offendetur, — sie et e contrario, quae vult,
praeeipit, et aeeepto facit et aeternitatis mercede dispun-
git (c. 2). Für 1—-3 der obigen Definition ergiebt fich j
die Begründung ohne weiteres aus den citirten Sätzen
von c. I. Wenn das Folgende auch bei Tertullian in
anderem Zufammenhange fteht, fo hindert doch nichts,
diefen Satz mit der obigen Begriffsumfchreibung zu
verbinden. Man wird daher urtheilen dürfen, dafs Wirth
mit feinen Leitfätzen die Anfchauung Tert.'s richtig I
wiedergegeben hat — aber nur, foweit fie fich in der
Schrift de exh. cast. finden. Es ift m. E. ein Hauptfehler
der Wirth'fchen Unterfuchung, dafs fie zu wenig auf die

innere Entwicklung Tert.'s eingeht. Methodifch unzu-
läffig ift es, von einer fo fpäten Schrift, in der die eigen-
thümliche montaniftifche Färbung der Anfchauungsweife
deutlich zu Tage tritt, auszugehen und danach das ganze
Bild zu conftruiren. Diefer Mangel wird auch dadurch
nicht ausgeglichen, dafs hier der Begriff fchärfer, als in
den anderen Schriften, formulirt erfcheint. Die Folge
ift vielmehr, dafs die Sache unter einen Gefichtspunkt
gerückt ift, dem fich nicht alle Glieder gleichmäfsig unterordnen
laffen, dafs einzelne Momente infolge deffen in
einem falfchen Zufammenhange erfcheinen oder in den
Hintergrund treten, obwohl fie für Tertullian felbft auf
einer anderen Stufe feines Denkens im Vordergrunde
ftanden. Die fleifsig gefammelten Belege aus anderen
Schriften, die Wirth feinen Ausführungen zugefügt hat,
verlieren demnach einigermafsen an Werth.

So hat Wirth vor allem von der Schrift de paeni-
tentia viel zu wenig Gebrauch gemacht, obgleich Harnack
nachdrücklich genug auf ihre Bedeutung hingewiefen hatte
(DG III, S. iöff. Anm.). Wenn Tertullin dort fagt: emen-
datos liquebii) cum pendente venia poena prospicitur, cum
adhuc hberari non meremur — ut possimus mereri —, cum
deus comminatur, non cum ignoscit (6,6). quidam autetn
sie opinantur, quasi deus necesse liabeat praestare etiam
indiguis, quod spopondit, et liberalitatem eins faciunt ser-
vitutem (6,11), vgl. 7, 11, fo zeigen diefe Worte, dafs er
nicht immer denfelben Verdienftbegriff gehabt hat, wie
der, den er de exh. cast. ausführt, oder dafs fein Verdienftbegriff
doch nicht fo einfach zu umfehreiben ift, als
es von Wirth gefchieht. Dabei wäre auch zu Tage gekommen
, dafs Tertullian da, wo er von der satisfactio—
s^ouolöynaig handelt (c. 9), kein Wort davon fagt, dafs
er die Bufshandlung als etwas Meritorifches anfleht, fo
dafs durch die Leiftung — auch nicht die gefteigerte
Leiftung — ein gewiffes Verdienft vor Gott erworben
wird, das die Sündenfchuld verringerte. Der ganze Bufsact
fteht vielmehr lediglich unter dem Gefichtspunkte, dafs
dadurch Gottes Zorn befänftigt wird (paen/tcutia deus
mitigatur 9,2). Hätte Wirth diefer Erkenntnifs, die er
felbft gelegentlich (S. 35) einmal ausfpricht, mehr Folge
gegeben, fo wäre feine Darftellung weniger gefchloffen
und fyftematifch, dafür aber auch der Wirklichkeit mehr
entfprechend ausgefallen. Auch eine eingehende Würdigung
der Schrift ad uxorem hätte — trotz 1,8 — dasfelbe
Refultat ergeben (vgl. bef. I, y in.). So fteht alles unter
falfcher Beleuchtung.

Da der Verdienltbegriff Tert.'s als ein im wefentlichen
einheitlicher aufgefafst wird, fehlt auch jede Unterfuchung
darüber, was Tert. zu der Formulirung in feiner monta-
niftifchen Schrift geführt habe. Auch hier hätte Wirth
die Frage löfen können, wenn er Beobachtungen, die er
gelegentlich felbft gemacht hat (S. 22 u. 29. 33 f.), weiter nachgegangen
wäre. In dem Mafse, als auf die diseiplina als ein
das gefammte Leben des Chriften umfpannendes Syftem
von Einzelforderungen ein fteigendes Gewicht gelegt
wurde, im demfelben Mafse bildete fich auch der Begriff
von der befonderen Gottwohlgefälligkeit erhöhter Forderungen
der diseiplina aus. Wie ftark das Wort in
montaniftifchen Kreifen betont worden fein mufs, lehrt
Tert.'s Sprachgebrauch in feinen früheren und feinen
fpäteren Schriften (vgl. den Index in meiner Ausgabe von
de paenit. und de pud. s. h. vi).

Den zweiten Theil nimmt eine Unterfuchung der Frage
ein: ,wie viel im Verdienftbegriffe (Tert.'s) der chriftlichen
Lehre angehört und wie viel der Einwirkung fremder,
entfehieden nichtchriftlicher, Factoren zuzufchreiben ift'.
Das Refultat ist, ,dafs im Verdienftbegriffe bei Tertullian
das chriftliche Element das bei weitem geringfte ift hingegen
mancherlei heidnifche Faktoren es find, die gerade
das Wefen desfelben bedingen' (S. 73). ' Was in
diefem Abfchnitt unter denUeberfchriften:,Ueberfchätzung
der ethifchen Perfönlichkeit des Menfchen', ,Behauptung
der Lehrbarkeit und Lernbarkeit des fittlic'hen Verhal-

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