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Ausgabe:

1893 Nr. 14

Spalte:

352-353

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Wake, The genuine epistles of the apostolical fathers 1893

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 14.

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verliehenen Gerechtigkeit, oder es wirken alle
Sacramente kraft diefes Sacramentes'. So wären wir
fchon Rom. 1, iöf. glücklich beim Mefsopfer als dem
,Urgrund aller verliehenen (Gottes-) Gerechtigkeit' angelangt
; mehr kann man billigerweife von einem ,Ausleger'
nicht verlangen. In der nämlichen Stelle intereffirt
uns auch noch die Kunfl, wie Sch. jedes irnputative
Moment aus dem Rechtfertigungs-Act eliminirt. Sch.
fchiebt nämlich zwifchen die unlöslich enge verbundenen
v. 16 (Das Ev. eine Gotteskraft zum Heil für den Glaubenden
) und v. 17 (Gottgewirkte Gerechtigkeit näml. ift
in ihm dem Glauben enthüllt) den hier ,ftillfchweigend
vorausgefetzten' (siel) und angeblich durch die Ausführungen
in 1, 18—3, 20 beffätigten Zwifchengedanken
ein: Als Sünder find alle Menfchen ungerecht vor Gott.
Diefe Ungerechtigkeit ift das Hindernifs, um zum Heil
zu gelangen. Wer alfo das Heil will, mufs zuerft der Gerechtigkeit
theilhaftig oder mufs gerechtfertigt' werden
(p. 64). ,Diefes findet dadurch flatt, dafs diefelben mit
Chriltus — — übernatürlich vereint oder Glieder
feines myftifchen Leibes werden' (p. 66). Alfo eigentlich
nicht Gott, fondern die Kirche rechtfertigt die
Menfchen; nicht den glaubenden dosßrjg (Rom. 4, 5),
fondern den vorher durch allerhand übernatürliche
Gnaden' und Weihen feitens der Kirche Gerechtgemachten
fpricht Gott gerecht. — Diefelbe Mifs-
handlung erfährt Paulus zu 3, 20. Obgleich es dort heifst,
dafs aus Werken des Gefetzes jegliches Fleifch nicht
gerechtfertigt wird, und obgleich P. diefen Grundfatz,
z. B. Rom. 4, 4 u. Gal. 3, 10—12, dahin erweitert und
verallgemeinert, dafs er ganz principiell j edes soydCeolrai
aus dem Rechtfertigungsacte ausfchliefst, ja in fchärfften
Gegenfatz zu dem ausGnade den ,gläubigen Sünder'ge-
rechtfprechenden Gott ftellt, meint doch Sch. in abgefeimter
Naivität: ,Diefe Stelle hat mit der Lehre der Kirche
von den guten Werken des Gerechten nichts zu thun'
(p. 127, A. 2). Auch nichts, wenn im Widerfpruch mit
Paulus, der jedes der göttlichen div.auooig vorausgehenwollende
Thun des Menfchen ausfchliefst, das Tridenti-
num lehrt, dafs die justificatio durch die ,voluntaria sus-
ceptio' der Gnade, ,unde homo ex injusto fit Justus', prä-
parirt werde (Sess. VI, can. 7), und wenn es auf den

Satz: ,--Sola fide impium justificari, ita ut intelligat

nihil aliud requiri, quod ad justificationis gratiam coo-
peretur, et nulla ex parte necesse esse, eum suae voluti-
tatis motu praepar ari atque disponi' (ibid. can. 9) das
anathema legt? — Geradezu auf den Kopf geftellt ift
die paulin. Lehre zu 4, 13 (nicht durch's Gefetz ward dem
Abrah. die Verheifsung des Welt-Erbes, fondern mittelft
der Glaubens-Gerechtigkeit), wo Sch. von einer ,bereits
in der Menfchwerdung mitgetheilten Gerechtigkeit,
die behufs der Zuwendung feitens der Erben den Glauben
bedingt (sie)', fabelt (p. 156). Und nacktefter
Pelagianismus enthüllt fich zu 10, 4 t. (Ende des Gef. ift
Chriftus), wo Sch. im fchroffften Widerfpruch zur Ausführung
P.' in 10, 5—II fchreibt: ,Das Gefetz hat in der
That Chriftus und in Ihm die Gerechtigkeit als fein
Endziel und führt feinen treuen Beobachter auch
wirklich dazu' (p. 321). Wenn man allerdings fo ,aus
dem Gefetze zu Chriftus und damit zur Gerechtigkeit
gelangt' (p. 321), dann darf man fich nicht mehr wundern,
bei und trotz Rom. 4, 4—5 auf die ,Lehre von der
Verdienftlichkeit der guten Werke des Gerechten'
zu ftofsen (p. 149) und als .felbftverftändlich und
bekannt' die ,Wahrheit' bezeichnet zu fehen, dafs ,der
Menfch fich Verdienft oder Mitverdienft erwerben
kann'(p.98), ja dafs wir Chriften ,uns die himmlifche
Herrlichkeit verdienen können' (p. 255).

Auch im Einzelnen ift viel römifches Schaumgold
eingefprengt. So heifst Paulus einmal ,Verwalter übernatürlicher
Gnadengaben' (p. 57f.), oder es wird ,die
Jungfräulichkeit die edelfte Frucht der Gnade des
Elerrn' genannt (p. 86), oder auch Maria dem Haufe

David's incorporirt (p. 45), oder es tritt uns das ur-
fprüngliche .übernatürliche Ebenbild Gottes', der ,Zu-
ftand der heiligmachenden Gnade' (p. 133) oder eine
längere Glorification des doch Chrifto feine Ehre raubenden
Mefsopfers als der .fortwährenden Erneuerung des
Opfers Chrifti am Kreuze' (p. 195, Anm. 1) entgegen,
oder es wird der unterchriftlichen und widernatürlichen
.Abtödtung des Fleifches' (p. 245) oder den angeblich
in Rom. 8, 19fr. ,biblifch begründeten (!!) Segnungen
der Dinge der äufseren Natur' (p. 257) das Wort geredet
, oder wieder einmal auf die ,Gnadenfchätze der
Kirche' (p. 284) der Finger gelegt, oder endlich dem
evangel. Schrift-Princip ein Hieb verfetzt (p. 327) u. a.
m. Befonders erwähnt fei auch noch die echt katholifche
Degradirung der ,niaiig', die als ,ein Act des Intellec-
tes, welcher der göttlichen Wahrheit zuftimmt' (p. 151),
als .Unterwerfung der höchften natürlichen Vermögen
und der eigenen Erkenntnifs unter die geoffenbarte
Wahrheit' (p. 60. 132. 161), als das ,Führwahrhalten
einer Offenbarung' (p. 67. 234) und — als ,eine gewiffe
Leiftung des Menfchen' (p. 157. iöof.) befchrieben wird.

Doch wir müffen abbrechen und fügen nur noch
einige Worte über die formelle Seite des Buches bei.
Stil, Diction und Conftruction laffen bei Sch. viel zu
wünfehen übrig und find offenbar durch des Verf.'s inten-
fiven literarifchen Umgang mit den Scholaftikern und
anderen alten Herren verderbt worden; oft lefen fich die
Sätze wie eine fchlechte deutfehe Ueberfetzung eines
latetnifchen Scriptums (vgl. z. B. p. 17. 31. 85. 90. 107.
I 199 u. ö.). Verkehrte Wortbildungen, wie ,fortfetzen' (ftatt
fortfahren), z. B. p. 57. 82. 85 f. 97. 100, oder .Begier-
lichkeit' (91. 108 u. ö.) oder .angängliche' (p. 65) oder
Jetzlich' (ftatt: letztlich), p. 75 u. a., ,Benjamiten' (ftatt:
Benjaminiten) p. 334, u. a. dgl. fallen auf und erregen
Anftofs. Legion ift die Zahl der Druckfehler, darunter
auch recht finnftörender. Einem gelehrten Herrn übel
anflehen Schnitzer und Accentfehler wie: eüayyeXiQsiv
(p. 42), daoöeixO-rj (p. 47), nvevLictzi itov (p. 56), nioztv-
oai (p. 65), Origines (p. 63. 67), dlrfhia (p. 100), v.cr/.orr
9-eia (p. 89), ör/.atolHpovzai (p. 103), STtava/iaveiv (p. 110),
in/oirjoav (ft.jjzr., p. 119), soyaLeiv (2mal p. 149), isOti/.a
os (p. 159), cciiaQTiuiv (p. 219), ydo saziv (p. 324) u. a. m.

Wir fchliefsen mit der Bemerkung, dafs Schäfer's
Buch, trotz vieler guten Bemerkungen im Einzelnen
(vgl. p. 74. 79. 81. 87. 94. 116. 123. 127 u. ö.), die Exegefe
des Römerbriefes wenig fördern wird, da Römerbrief-
Auslegenwollen und alle widerbiblifchen Lehren
Rom's Fefthaltenwollen nun einmal unvereinbare Gegen-
fätze find. Wir begriffen, offen gefagt, nicht, wie man
den Römerbrief auslegen und katholifch bleiben kann,
wenn wir nicht die finnverblendende Macht der ,uazauc
dvaozQOifJ 7iatp07cctQädoTng' kännten.

Friedberg i. Heff. Willi. Weiffenbach.

Wake, Archbishop, The genuine epistles of the apostolical
fathers. London, Routledge, 1893. (VII, 376 S. gr. 8.)
3 s. 6 d.

Die Ueberfetzung der apoftolifchen Väter durch den
Erzbifchof Wake mufs viel gelefen worden fein. Sie hat
(nach Richardfon, Bibliographical Synopsis, Buffalo
1887) feit 1693 12 Auflagen erlebt. Alfo wird fie es
wohl verdient haben, unter ,Sir John Lubbock's Hundred
Books', d. h. die auf Koften (?) des verftorbenen Parlamentariers
diefes Namens herausgegebene Serie von hundert
guten Büchern in lesbarem Druck und hübfehem
Einband aufgenommen zu werden. Indeffen, man kann
die Pietät doch gar fehr übertreiben. Kaum glaublich,
aber wahr: keine Notiz in dem Buch zeigt an, dafs und
in welcher Weife feit der Zeit des feiigen Erzbifchofs
unfere Kenntnifs des Textes der apoftolifchen Väter bereichert
worden ift. Die beiden Clemensbriefe werden ab-