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Ausgabe:

1893

Spalte:

334

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eucken, Rudolf

Titel/Untertitel:

Die Grundbegriffe der Gegenwart. Historisch und kritisch entwickelt. 2., völlig umgearb. Aufl 1893

Rezensent:

Glogau, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 13.

334

ganze Abfchnitte ausgeladen, es wird vielfach nur der
ungefähre Sinn wiedergegeben, unnöthiges oder unver-
ftändliches übergangen: der Ueberfetzer war offenbar
von der Tendenz geleitet, den Text verftändlich zu gehalten
und fich dabei freie Hand zu laffen; er hat nicht
die Ehrfurcht vor demfelben, die einem Ueberfetzer nicht
fehlen durfte. Die im ganzen betrachtet hervorragende
Arbeit verräth Kenntnifs der huffitifchen Bewegung (fällt
alfo ins 15. Jahrb.), während das in der Münchener Hf.
cgm. 5018 überlieferte Neue Teftament (14. Zweig) von
dem als Schreiber der Stuttgarter Hf. bibl. 15 (Neues
Teftament) aus dem Jahre 1435 bekannten Hans Wiler
herrührt, in dem W. einen Waldenfer vermuthet (Sp.
431. 377).

Im dritten Theil befpricht der Verf. die Ueber-
fetzungen einzelner Bibelftücke beginnend mit den Mo-
feer-Bruchftücken des Matthäus aus dem 8. Jh. (die Ausg.
von Hench, Strafsburg 1890 hätte benützt werden follen).
Die Citate find hier wie bei der Tatianüberfetzung {ed.
Sievers 2. Ausg. Paderborn 1892) nicht ganz genau; die
höheren Fragen wie das Verhältnifs der althochdeutfchen
Ueberfetzung zu älteren angelfächfifchen Leiftungen find
nicht berührt worden1). Bei den München—Wiener Fragmenten
des 12. Jh. (17. Zweig Sp. 455 ff.) durfte die Einheitlichkeit
der Ueberfetzung noch energifcher betont
werden (wiederum find die Proben nicht ganz genau
wiedergegeben), der Verbuch, diefelbe in das 9 Jh. hinaufzurücken
, ift mit Recht unerwähnt geblieben. Es folgen
Auszüge aus dem 18.—23. Zweig (Sp. 475 ff. ift St. Gallen
56 als 17. ftatt als 16. Zweig gezählt), vertreten durch
7 Evangelienhsf. meift des 14. Jhs. (beachte namentlich
Sp. 498ff.). Auf die zwifchen einer Melker Evangelien-
überfetzung, der erften gedruckten Bibel, der Freiberger
und Tepler Hf. beftehende Verwandtlchaft fei befonders
hingewiefen (Sp. 507ff,): es fcheint derfelbe Vulgatatext zu
Grunde zu liegen, aber es wäre recht feltfam, wenn die
Benediktiner von Melk einen lat. Text benützt hätten,
der nur unter Waldenfern gebräuchlich gewefen fein foll, j
und fo verbietet denn fchon die Sprache der Hf. die
Ueberfetzung nach Melk zu verlegen; die Sprachformen
weifen nach Mitteldeutfchland. Von Ueberfetzungen der
Salomonifchen Schriften (namentlich des Hohen Liedes)
wird Sp. 523ff. die des Williram befprochen — W.hat eine
verloren geglaubte Hf. in Maihingen wiedergefunden,
dazu eine Bamberger von 1528 —, die des Hohen Liedes
von St. Trutpert (in München befinden fich 3 Copien des
16. Jh., die textgefchichtlich von Bedeutung find) und die
in 9 weiteren Hff. erhaltenen Arbeiten (Sp. 548 ift hers-
rewung verfchrieben für herfr-). Die Offenbarung Johannis
hat W. in Proben von 5 Hff. des 15 Jh. vorgelegt.
Einen grofsenRaum nehmen die Pfalterien ein (Sp. 557«".)
24 verfchiedene Recenfionen in 85 Hff, die fog. altalem.
Pfalmen und die 1885 entdeckten Parifer Pfalmenfrag-
mente ahd. Zeit find nicht erwähnt, es fehlen die Wigger-
tifchen Pfalmenfragmente, undfo wird fich in diefem Theil
wie in den andern manches nachtragen laffen, woraus
aber nicht entfernt dem Fleifse des Autors ein Vorwurf
erwachfen foll, der uns durch fo viele reiche neue Gaben alle j
Achtung abnöthigt. Auch in der Beurteilung des einzelnen
hat W. gar manchesmal fehlgegriffen (z. B. Sp. 606,
wo er die Möglichkeit der Benützung des hebräifchen
Textes offen laffen will, ohne zu wiffen, dafs fei [nicht
{&=anima fondern]=ipse); weggeblieben wären am bellen
die gar zu häufigen gar zu unbeftimmten Charakterifirun-
gen der Ueberfetzungstechnik, die unmöglich bei einem
erften Wurf auch nur eine richtige Directive geben können
, vgl. z. B.Sp.622: ,dafsjene felbftändige Leiftung keine
befonderen Merkmale an fich trägt, weder hervorragenden
Mangel an Kenntnifs des Lateinifchen, noch auch

1) Die Notiz Sp. 708, dafs keinerlei Beziehungen zwifchen angel-
fächf. und althochd. Arbeiten obwalten, beruht in diefer Allgemeinheit
auf Irrthum.

überrafchende Gewandtheit im Deutfchen verrät'. Auf
einem fo neuen Gebiete wie auf dem der mittelalterlichen
Bibelüberfetzung mufs im Anfang noch manche Frage offen
bleiben — mit diefen Worten des den Dank weitefter
Kreife verdienenden Bearbeiters empfehlen wir das epochemachende
Werk ausweitender und ausfeilender Forfchung.

Halle a. S. Friedrich Kau ff mann.

Eucken, Prof. Rud., Die Grundbegriffe der Gegenwart. Hifto-
rifch und kritifch entwickelt. 2., völlig umgearb.
Aufl. Leipzig, Veit & Co., 1893. (VII, 318 S. gr. 8.)
M. 6.—

Diefes, in erfter Auflage auch in einer englifchen
Ueberfetzung vorliegende Werk, zeigt ,eine aufrichtige
Entrüftung über all das Kleine, Nichtige, Scheinhafte,
das fich grade bei den zentralen Fragen der geiftigen
Exiftenz heute fo auffpreizt und die Menfchheit um
ihre Seele und ihr Glück betrügen möchte'. Nach einer
Einleitung: ,Die Begriffe, ein Spiegel der Zeit' behandeln
vierzehn felbftändige Artikel von recht verfchiedenem Umfange
folgende Begriffe: Subjectiv — objectiv, Erfahrung,
Apriori—aposteriori, Entwickelung. Monismus — Dualismus
, Mechanifch — organifch,Gefetz,Individualität — Gefell-
fchaft — Socialismus, Utilitarismus (das Glücksproblem),
Idealismus — Realismus — Naturalismus, Freiheit des Willens
, Perfönlichkeitund Charakter, Theoretifch — praktifch,
Immanenz — Transcendenz (das religiöfe Problem). Ihnen
folgt ein kurzes Schlufswort und ein Verzeichnifs der im
Werke felbft erläuterten Begriffe und Ausdrücke.

Ich habe den Verf. bereits gelegentlich anderer Werke
wiederholt zu charakterifiren verflicht (vergl. Deutfche
Litteraturzeitung 1885 Nr. 38, 1888 Nr. 14, 1890 Nr. 38)
und mag mich nicht wiederholen. Seine Arbeit zufammen-
faffend fagt er im Schlufswort ,Als Ganzes angefehen
zeigt die Gegenwart bei diefen zentralen Problemen viel
Reflexion aber wenig Intuition, viel Wiffen aber wenig
Schaffen, viele Intereffen aber wenig Kraft, viel Elafticität
aber wenig feftes Durchfetzen felbftändiger Gedankenrichtungen
, mit einem Worte viel Talent aber wenig
Charakter' und er ermahnt die Zukunft, fich zu befinnen,
der er übrigens in Erwartung grofser Perfönlichkeiten
hoffnungsvoll entgegenfieht.

Man wird in allem Einzelnen nicht nur den wohl
unterrichteten, fondern auch den wirklich eindringenden
Forfcher erkennen, der, die einzelnen Artikel mit den
betr. Schuläusdrücken beginnend, die Wendung und Ausdeutung
, welche diefelben in der Gegenwart gefunden
haben, anfchaulich zu machen fucht. Dafs dem Ref. eine
folche fehr nahe Verbindung von Reflexion und Hiftorie
nicht eben genehm ift, geftattet ihm kein Urtheil über
andersartige Bedürfnifse und thut feiner Hochachtung vor
dem Verf. keinen Abbruch.

Kiel. Guftav Glogau.

Richter, Chr., Der Bau des kleinen Katechismus Luthers

oder der innere Zufammenhang der fünf Hauptftücke.
Leipzig, Fr. Richter, 1891. (IV, 278 S. gr. 8.) M. 3.—

Referent ift in einiger Verlegenheit dem vorliegenden
Werke gegenüber. Der Herr Verf. findet den Nachweis
des inneren Zufammenhanges der fünf Hauptftücke nicht
nur zeitgemäfs, fondern auch im allgemeinen Intereffe;
allein Referent hat nicht finden können, dafs der Herr
Verf. etwas anderes bietet, als was die Katechismustradition
feit 300 Jahren geboten hat. In der Einleitung
wird ferner wohl die Anficht von Lisco 1851 erwähnt,
die richtige Reihenfolge fei: erfter Artikel des zweiten
Hauptftückes, erftes Hauptftück, zweiter und dritter Artikel
des zweiten Hauptftückes; auch die Anficht Ungenannter
: das vierte Hauptftück habe voranzuftehen, —
diefe beiden Anflehten werden widerlegt und Luth'er's