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Ausgabe:

1893 Nr. 13

Spalte:

328-329

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nitzsch, Karl Wilhelm

Titel/Untertitel:

Geschichte des deutschen Volkes bis zum Augsburger Religionsfrieden. 2., durchgeseh. u. verm. Aufl. 3 Bde 1893

Rezensent:

Mueller, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 13.

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näherem Zufehen fofort als unmöglich oder mindeftens
unerweislich herausftellen.

Von den fpäteren Stücken find einige mehr Bilder
und Skizzen, als Unterfuchungen, und in dem Mafse als
fie dies find, auch geniefsbarer. Für den, der an ftrengen
Zufammenhang gewöhnt ift, ift freilich auch hier die unruhige
und fprunghafte Darfteilung ftörend. In den
Studien unterfuchender Art ift wieder viel Gewagtes.

Nr. 19: ,Die Stadt Ephraim' (S. 243—245) handelt
über die drei famaritanifchen Bezirke Ephraim,
Lydda und Ramathaim, welche nach I Makk. 11, 34 zur
Zeit des Makkabäers Jonathan durch nothgedrungene Con-
ceffion des fyrifchen Königs von Samarien getrennt und
den Juden verliehen, alfo mit Judäa vereinigt worden
find. Aus dem Zufammenhang des 1. Makkabäerbuches
(vgl. auch 10,30. 38. 11, 28. 57) erhellt deutlich, dafs
dies erft damals gefchehen ift. Schlatter combinirt aber
damit die Angabe des Pfeudo-Hekatäus, dafs fchon
Alexander der Grofse den Juden Samarien als fteuer-
freies Gebiet verliehen habe {Joseph, contra Apion. II, 4:
zr)v SctfiaoetTtv %iogav 7TQoaeif/ny.tv e'xeiv avzolg acpogo-
Xöyqrov). Nun ift hier freilich nicht von drei Bezirken,
fondern von ganz Samarien die Rede. Um aber die
Combination durchführen und die Verleihung der drei
Bezirke in die Zeit Alexander's des Grofsen verlegen zu
können, wird decretirt: ,in %iv ~aiiageiTiv yvigav liegt
eine den Satz verderbende Verallgemeinerung, die nicht
dem Hekatäus, fondern dem Zitierenden beizumeffen ift'
(S. 245 Anm.).

Nr. 23: ,Die Ebene Dothans' (S. 277—289) behandelt
den geographifchen und hiftorifchen Hintergrund
des Buches Judith. Es wird darüber manches Richtige
gefagt. Wenn aber fchliefslich die Abfaffung des Buches
Judith ,etwa an den Schlufs des dritten oder den Anfang j
des zweiten Jahrhunderts' gefetzt wird (S. 287), fo trifft
das ficher nicht zum Ziel. Denn in diefer ruhigen Zeit,
vor der Verfolgung durch Antiochus Epiphanes, kann
ein Buch, welches die Errettung der glaubenstreuen Juden I
vor heidnifchen Bedrängern fchildert, unmöglich ent-
ftanden fein.

Nr. 25: ,Hippos und Gamala' (S. 305—313) enthält
zutreffende Bemerkungen gegen die Identificirung
von Gamala mit el-Hösn, die jetzt wohl von den Meißen
aufgegeben ift. Schlatter's eigene Anficht, dafs Gamala
in el-Jehudije, ein gutes Stück nordöftlich vom See
Genezareth, zu fuchen fei (S. 3TI)> kann ich nicht für
glücklich halten, da fie mit den Angaben des Jofephus
Bell. Jud. IV, I, I {räfiala nölig Tccqixeöv avrixQvg
vnsg %rv lif.tvm> xeiiiivrj) nicht vereinbar ift.

Ein Glanzftück der Combination ift wieder die letzte
Nummer (26: ,Das Paläftinenfifche Antiochien',
S. 314—320). Im Quellengebiet des Jordan, weftlich von
Panias, hat fich noch heute der Ortsname Daphne erhalten
(vgl. Jos. B. J. IV, r, 1). Da nun das berühmte
Antiochia in Syrien Aviioxsu* enl Actcpvy hiefs, fo meint
Schlatter, dafs auch hier ein Antiochia gelegen haben
müffe. Beweife dafür giebt es nicht. Aber die Combi-
nationsgabe des Verfaffers weifs fie herbeizufchaffen.
Dabei müffen freilich einige Stellen, welche ficher von
dem berühmten fyrifchen Antiochia handeln, auf diefes
,paläftinenfifche Antiochia' bezogen werden; und um
diefes zu ermöglichen, mufs wieder tief in die Quellenkritik
hineingegriffen werden. In der Quelle von Antt.
XVII, 2, 1, nämlich im Julius von Tiberias, war
unfer paläftinenlifches Antiochia gemeint, während
Jofephus irrig an das grofse Antiochia gedacht hat

(s. 317)-

Die Studien des Verfaffers zeigen mannigfache
Kenntnifse. Aber feine Methode entbehrt völlig der
Zucht. Sie erinnert an das Schlimmfte, was je von Seite
der radicalen Kritik gegenüber den Schriften des Neuen
Teftamentes geleiftet worden ift. Damit ftimmt nicht
gerade fchön der vornehme Ton, in welchem das Buch

gefchrieben ift. Dafs Andere vor dem Verfaffer auch
fchon einiges Brauchbare gefagt haben, erfährt man faft
nirgends. Alles erfcheint wie eine Offenbarung Schlatter
's. Andere werden in der Regel nur genannt, wenn
fie etwas recht Verkehrtes behauptet haben (z. B. Holtz-
mann S. 198, 214, der Unterzeichnete S. 4, 23, 26, 33,
147, 192), und man mufs dankbar fein, wenn man von
Prädicaten wie ,thöricht' (S. 131 Anm.), ,phantaftifch'
(S. 293 Anm. 1), ,leichtfinnig' (S. 339 Anm.), verfchont
bleibt.

Kiel. E. Schürer.

Bonghi, Ruggero, Die römischen Feste, illuftrirt von G. A
Sartorio und Ugo Fleres. Autorifirte Ausg. Deutfch
von A. Ruhemann. Wien, Hartleben, (1891). (V,
216 S. gr. 8.) M: 8.—

Obfchon für den Archäologen mehr in diefem reich
ausgeftatteten Werke zu holen ift, als für den Theologen,
fo mag es doch auch diefem von einem zwiefachen Ge-
fichtspunkte aus empfohlen werden. Da die römifchen
Fefte vom Neujahrstage an bis zu dem des Winterfol-
ftitiums durchweg einen religiöfen Hintergrund aufweifen,
fo lohnt es fich für den, welcher der Gefchichte der
Bethätigung des religiöfen Factors im Leben der Völker
nachgeht, dies hier auf einem befonders belangreichen
Gebiete an der Hand eines fo kundigen — wenn auch
ab und zu gar zu phantafiereichen — Führers wie Bonghi
zu thun. Andererfeits aber werden fich für den Kenner
der gegenwärtigen Verhältnifse in Rom höchft merkwürdige
Auffchlüffe über Sinn und Herkunft gewiffer Bräuche ergeben
, und auch da wird derjenige nicht zu kurz kommen,
welcher etwa in dem Sinne des gelehrten, in Neapel wohnenden
proteftantifchen Pfarrers Trede die relativ bedeutenden
heidnifchen Beftandtheile des gegenwärtigen römifchen
Cultus nachzuweifen und ihre Herkunft aufzudecken
fich zum Ziel fetzt.

Königsberg. Benrath.

Nitzsch, Karl Willi., Geschichte des deutschen Volkes bis
zum Augsburger Religionsfrieden. Nach deffen hinter-
laffenen Papieren und Vorlefungen hrsg. von Gymn.-
Oberlehr. Dr. Geo. Matthäi. 2., durchgefeh. u. verm.
Aufl. 3 Bde. Leipzig, Duncker & Humblot 1892. (XX,
396; X, 360 u. XIV, 479 S. gr. 8.) M. 24.-

Es ift immer etwas aufserordentliches, wenn Vorlefungen
, die nach dem Tode des Verfaffers herausgegeben
werden, wirklich einfchlagen. Die deutfche Gefchichte
K.W. Nitzfch's aber hat nicht nur die ganze Bedeutung
diefes Hiftorikers erft offenbar gemacht, fondern auch fo
auf die Forfchung gewirkt wie es nur wenigen Werken
vergönnt ift. Ich habe bei Gelegenheit der neuen Ausgabe
den ganzen Reiz diefer Darfteilung und Auffaffung
wieder fo lebhaft empfunden wie bei der erften, und wenn
ich auch die mannigfachen Gefahren, die mit ihr verknüpft
find, etwas höher anfchlage als vor zehn Jahren,
fo möchte ich doch wiederum diejenigen, die nach einer
lebendigen Anfchauung von der Gefchichte in ihrem
Gegenfpiel der perfönlichen Kräfte und der feften Infti-
tutionen verlangen, auf diefes Buch verweilen. Es kann
auch uns Theologen auf Schritt und Tritt, wenn auch
nicht leiten und führen, fo doch die Ziele der gefchicht-
lichen Forfchung und Auffaffung vorhalten.

Geändert ift natürlich wenig. Die Zuthaten, Verbef-
ferungen oder Erwiderungen auf Einwände gegen die
1. Aufl. berühren die Kirchengefchichte nirgends. Dagegen
möchte ich auf die Einleitung und den Schlufs
des ganzen Werkes hinweifen, von denen jene eine Skizze
der Entwicklung der Gefchichtsfchreibung im Alterthum
und Mittelalter, diefer einen Ueberblick über die Ent-