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Ausgabe:

1893

Spalte:

312-316

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nathusius, Martin von

Titel/Untertitel:

Die Mitarbeit der Kirche an der Lösung der sozialen Frage. I. Die soziale Frage 1893

Rezensent:

Naumann, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1893 Nr. 12.

312

Predigten find fachlich genau meditirt, im Ausdruck extem-
porirt; die wöchentliche Drucklegung derfelben gab ihm
jedoch die heilfame Controle über Stil und Ausdruck.
Geheiligte Natürlichkeit der Rede im Gegenfatz zu jeder
Künftlichkeit ift ihr Schmuck, aber die geheiligte Natürlichkeit
wird flofflich befruchtet durch ausgedehntefte
Leetüre, durch klare fichere Beobachtung der Menfchen
und Dinge, vor allem durch Bibelftudium und perfönliches
Heilsleben.

Was Kawerau uns in der feffelnden Charakteriftik
der Predigtweife Spurgeon's mit reicher Auswahl bezeichnender
Ausfprüche des Mannes felbft bietet, ift ein dankenswerter
Beitrag zur Homiletik; das Befte aber, was man
aus Spurgeon und Kawerau über Spurgeon lernen kann,
ift ein weites Herz und ein enges chriftlich.es Gewiffen.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Loofs, Prof. D. Friedr., Predigten. Halle a/S., M. Niemeyer
, 1892. (VIII, 290 S. gr. 8.) M. 3.—

Den Wunfehgedanken kann ich nicht unausgefprochen
laffen, dafs doch die Sitte, wie fie in Tübingen, Leipzig,
Halle u. a. O. befteht, eine allgemeine Uebung der Uni-
verfitäten würde, dafs nicht nur die beftellten Univerfi-
tätsprediger, fondern auch andere Genoffen der theolo-
gifchen Facultäten fich an den akademifchen Gemeindepredigten
betheiligten. Wie fruchtbar der thatfächliche
Erweis, dafs alle Theologie der Kirche Chrifti zu dienen
habe und um der Kirche Chrifti willen da fei; wie
fruchtbar und belebend für die Profefforen, den mit der
Gemeinde Chrifti gemeinfamen Glauben im Zeugnifs des
Wortes Gottes vor der Gemeinde zu bekennen; wie
fegensreich, zunächft für den Kreis der Hörer des
Wortes, dafs hier die drohende Kluft zwifchen Theologie
und Kirche ausgefüllt und auf Grund des gepredigten
Glaubenswortes das Vertrauen der Gemeinde Chrifti zu
der Theologie und ihren Lehrern neu gegründet, bezw.
gefertigt wird. Der Herr Verfaffer hat diefen Segen
wohl erkannt; bei der Uebernahme der Profeffur für
Kirchengefchichte in Halle hat er ein oftmaliges Predigen
im Studienfemefter fich ausbedungen, und was er dem
Hörerkreis durch feine Predigten geboten hat, ift in
diefem vorliegenden Bande weiteren Kreifen zugänglich
gemacht. Den beftellten Univerfitätsprediger darf das
Bewufstfein nicht verlaffen, dafs die Hörer, infonder-
heit die theologifchen, nicht nur dem Inhalte, fondern
auch der Form nach eine Art von Mufterpredigt erwarten
(ob er fie liefert, ift eine andere Frage); und das
bedeutet nicht feiten eine gewiffe Hemmung und birgt
die Gefahr nur legaler Correctheit. Freier und freudiger
fteht von vornherein der theologifche Profeffor auf der
Kanzel, welcher andere Disciplinen als die der praktifchen
Theologie vertritt. Den Hörern ift felbftverftändlich der
Inhalt die grofse Hauptfache; von diefem Profeffor ein
in keiner Weife officielles, fondern frei aus innerem Triebe
dargebotenes Zeugnifs des Glaubens zu vernehmen, ift
ihnen für ihr Glaubensleben werthvoll, und ihm felbft
fteht das Zeugnifs vom Chriftenglauben, das auch er der
Gemeinde darbieten will, allen anderen Rückfichten hinderungslos
voran. So find nach beiden Seiten möglichft
günftige Bedingungen für die Predigt des Wortes vorhanden
, die es in der That zum Frommen des Profeffors
und der Gemeinde zu verwerthen gilt.

Die Predigten von Loofs follen daher mit befonderer
Freude begrüfst fein; der gediegene Inhalt läfst die
Freude zu lebhaftem Danke werden. Jeder Predigt
merkt man es an, dafs fie dem inneren Drang des Chriften
entfprungen ift, der Gemeinde das hohe Gut des Chriften-
glaubens zu bezeugen. In frifcher, von aller Kanzelpedanterie
freier, echt volksthümlicher Sprache werden
in mehr oder weniger nahem Anfchlufs an den Text die
Gedanken entfaltet; Illuftrationen befonders aus dem
eigenthümlichen Gebiet des Herrn Verfaffers, der Kirchengefchichte
, dienen in gefchickter Weife zur Veranfchau-
lichung. Aber auch darin bekunden die Predigten die
Geburt aus dem Geiftesleben des Predigers, dafs die
Verbindung, in welcher die religiöfen Gedanken in dem
Herrn Verfaffer mit fonftigen Bildungselementen vereinigt
find, ohne Scheu dargelegt wird. Reichliche Citate aus
unfern Claffikern bis hin zur vollftändigen Anführung
der Wurmlinger Kapelle von Uhland und zur ausführlichen
Erklärung des Gedichtes, finden bereitwillige Aufnahme
, — ein Verfahren, deffen Berechtigung für diefe
Predigten ich nicht anzweifeln will, deffen Nachahmung
jedoch um fo entfehiedener zurückzuweifen fein dürfte.
Der Kern des Werthes der Predigten ift jedoch mit dem
Allen noch nicht berührt; er ift wohl darin zu finden,
dafs in ungekünftelter Weife der Herr Verfaffer feine
Hörer vor die Perfon Chrifti ftellt, ihn mit klarem Auge
anfehauen lehrt, ihnen ohne Geltendmachung dog-
matifcher Prämiffen rein thatfächlich feine Herrlichkeit
zur Anbetung vor die Seele rückt. Ausgefahrene
Geleife und demnach Phrafen irgend welcher Art trifft
man in diefen Predigten nicht an; nur was dem Prediger
felbft werthvoll geworden ift, wird den Hörern gegeben;
daher ift alles voll Leben und Kraft. Man lefe z. B. die
Predigt vom Sonntag Quinquagefimae über Lc. 23,27—34;
,Die Liebe unferes Heilandes', oder die die Studirenden
befonders berückfichtigende Predigt zum Semefteranfang
über I Pt. 2, 11—20 ,Als die Freien!', um den Eindruck
der eigenthümlichen Kraft und Frifche zu empfinden.

Den Hörern der Predigten wird die Herausgabe
zum nachhaltigen Beherzigen eine erwünfehte Gabe fein;
es ift mein Wunfeh, dafs fie auch aufserhalb des erften
Hörerkreifes zahlreiche dankbare Lefer finden mögen.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Nathusius, Prof. D. Mart. v., Die Mitarbeit der Kirche an
der Lösung der sozialen Frage. I. Die foziale Frage.
Leipzig, Hinrichs, 1893. (VIII, 310 S. gr. 8.) M. 5.—;
geb. M. 6.—

Seit faft 3 Jahrzehnten wartet die evangelifche
Kirche auf eine Theologie, wie fie durch die fociale Frage
nöthig gemacht wird. Die Praktiker der Kirche flehen
völlig neuen Aufgaben gegenüber und ihnen fehlt das
erforderliche Ideenmaterial. Der einzige nennenswerthe
j Verfuch, die neuen theologifchen Aufgaben zu durch-
j dringen, wurde von Rudolf Todt 1878 gemacht und
glückte nur zum geringeren Theile. Seitdem wartet die
arbeitende theologifche Jugend auf ihre geiftigen Führer,
denn alles bruchftückweife Dargebotene, wie es die Denk-
fchrift des Centralausfchuffes für innere Miffion und
allerlei Vorträge und Einzelftudien enthielten, konnte den
Mangel einer principiellen Gefammtdarftellung des fraglichen
Gebietes nicht erfetzen. Endlich bricht ein theo-
logifcher Profeffor den Bann des Schweigens und legt
uns den erften Band einer Unterfuchung über das Ver-
hältnifs der Kirche zur focialen Frage vor. Schon diefes
verpflichtet uns, ganz abgefehen von dem Inhalte des
Buches, zu warmem Danke, und befchränkt in gewiffer
Weife die Anforderungen, die wir ftellen dürfen. Eine
neue Sphäre der Wiffenfchaft kann nicht mit derfelben
Treffficherheit behandelt werden, wie ein verfchiedentlich
durchgearbeitetes Gebiet. Darum find alle nachfolgenden
Einwendungen auch nur mit dem Bewufstfein gefchrieben,
dafs Wünfche ausfprechen leichter ift, als ihnen genügen.

Die Gefammtanlage des Werkes ift fo gedacht,
dafs der vorliegende erfteTheil das Material zumVerftänd-
nifs der focialen Frage bietet, während ein zweiter Theil
zeigen foll, wie fich chriftliche Ethik und praktifche
Theologie zu diefem Material verhalten. Diefe Gefammtanlage
hat den Vorzug einer gewiffen Klarheit und ift
von den Vorausfetzungen des H. Verf.'s aus völlig ein-
wandsfrei. Etwas anders wird derjenige zur Sache flehen,