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Ausgabe:

1893

Spalte:

283-285

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesammtausgabe. 5. Bd 1893

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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283 Theologifche Literaturzeitung. 1893 .Nr. II, 284

auch hier wieder durch wichtige noch ungedruckte Nachrichten
vor allem aus dem Dresdener und Wiener Archiv
ergänzt find. Erft nachdem wir durch W. einen
klaren Einblick in diefe Verhandlungen erlangt haben,
gewinnen wir ein richtiges Verftändnifs für die
Vorgänge auf dem Regensburger Reichstag, wie anderer-
feits wieder die Darfteilung Winckelmann's von den BeEinleitung
orientirt über das allmähliche Erfcheinen
diefes umfänglich angelegten Pfalmencommentars; über
Luther's Abficht einer Fortfetzung und zweiten Ausgabe
und die Gründe, warum beides unterblieb; über die
Basler Nachdrucke und endlich über die verfchiedenen
deutfchen Ueberfetzungen. Der Herausgeber zeigt, gegen
die gewöhnliche Annahme, dafs Luther's Vorlefung fchon

gebenheiten in Regensburg die Verhandlungen in Nürn- ! 1518 begonnen haben mufs, ferner dafs der Drucker, um
berg in das rechte Licht ftellt. Namentlich erhält man , der Nachfrage zu genügen, in Lieferungen die jeweilig
erft jetzt eine richtige Vorftellung von der grofsen Ver- fertigen Stücke ausgab, — daher die unvollftändigen
legenheit, in der fich der Kaifer in Regensburg zwifchen ! Exemplare in den Bibliotheken; kein einziges ganz voll

den Forderungen der Proteftanten und der fchroffen Ab-
weifung aller Zugeftändnifse an fie von Seiten der altgläubigen
Majorität befand. Aus diefer verzwickten Lage erklärt
fich dann auch zum grofsen Theil die fonderbare Form
des Nürnberger Friedens. Da er wegen des Widerfpruchs
der Reichsflände nicht in den Regensburger Abfchied aufgenommen
werden konnte, fo erfcheint er als ein ein-
feitiger Act des Kaifers und war eigentlich fomit für das
Reich nicht bindend. Mit Nachdruck hebt W. gegenüber
der bisherigen Anfchauung hervor, wie wenig gefichert

fländiges fcheint erhalten zu fein. Er zeigt, dafs die
erfte Lieferung fchon im März 1519 eher ausgegeben
fein mufs, als der Bogen mit dem Vorwort vom 27.
März; dadurch erklärt fich übrigens auch, was Riederer
Nachrichten II 468 über das von ihm benutzte Exemplar
berichtet. Ich habe hier nur nachzutragen, dafs Oldecop's
S. 3 aus Köftlin's Luther angezogenen Worte uns feit
1891 in der vollftändigen Ausgabe feiner Chronik (Stuttg.
litt. Verein) vorliegen, und dafs der Brief, aus dem S. 6
nach Enders III 172 eine Stelle benutzt ift, jetzt in

überhaupt die Zugeftändnifse waren, die den Proteftanten I Hartfelder's Melanchthoniana paedag. 1892 S. 113 (vgl.
in diefemFrieden gemacht wurden, und wie fehr fie von auch fchon S. Iii) vollftändig abgedruckt ift. Zu den

den hohen Forderungen abftechen, welche die Proteftan
ten im Anfang der Verhandlungen glaubten machen zu
dürfen. Gerade das, was fie von dem Frieden vor allem
erhofften, die Einftellung der am Kammergericht gegen
fie anhängig gemachten Proceffe, wurde in keiner Weife
erreicht. Nach wie vor waren fie den Vexationen des
Gerichtes ausgefetzt. Wenn nun aber W. meint, der Friede
fei für die Entwickelung des Proteftantismus eher ein
Hemmfchuh als ein wirkfamer Schutz gewefen, fo fcheint
er mir die Bedeutung des Friedens doch allzufehr zu
unterfchätzen. Ein richtiges Urtheil wird man nur dann
gewinnen, wenn man ihn, wie es Baumgarten thut, nicht
für fich allein, fondern im Zufammenhang mit dem Regensburger
Abfchied betrachtet. Da war es nun doch
für die Proteftanten von grofsem Werth, dafs diefer Abfchied
die Beftimmungen des Augsburger Abfchieds nicht
wiederholte, und dafs die Proteftanten das Einfehreiten
des Kammergerichts von nun an mit Berufung auf die
Nürnberger Verhandlungen als Bruch der kaiferlichen
Zufage zurückweifen konnten. Angehängt find dem Buche
ein fehr genauer Quellennachweis und 7 bisher unbekannte
Actenftücke, die in der Mehrzahl aus dem Strafsburger
Archiv Hammen. — Möchte der Verfaffer bald die Mufse
gewinnen, feine Studien auf diefem Gebiet fortzufetzen,
auf dem er wie kaum ein anderer zu Haufe ift.

Weimar. H. Virck.

Luther's, D. Martin, Werke. Kritifche Gefammtausgabe.
V. Band. Weimar, H. Böhlau, 1892. (VIII, 676 S. 4.)
M. 17.—; Einbd. M. 5.—

Schon als 1888 der VI. Bd. erfchien, konnte das
Nachfolgen des V., den D. C. Bertheau übernommen
hatte, in nähere Ausficht geftellt werden; gleichwohl ift
er erft jetzt, nicht durch den urfprünglichen Bearbeiter,
fondern durch Pf. E. Thiele in Magdeburg, vollendet
worden; er bringt als einziges Stück die Operationes in
Psalmos (I—22) von 1519—21, entfpricht alfo den Bd.
XIV—XVI der Erl. Ausg. opp. exeg. lat. Bertheau's Vorarbeiten
für die literargefchichtliche Einleitung find von
Thiele benutzt; diefer felbft ift bereits durch feine Edition
der vatikanifchen Handfchrift von Luther's Fabeln
(Halle 1888) unter den Lutherforfchern bekannt. Aufser
diefen hat aber auch der Sekretär der Lutherausgabe,
P. Pietfch, mitgearbeitet, indem er ausgewählte Proben
aus den verfchiedenen deutfchen Ueberfetzungen der
Operationes unter dem Texte mitgetheilt hat, um die-
felben der Beachtung der Germaniften zu empfehlen.
Die forgfältige, ein reichhaltiges Material verarbeitende

Basler Nachdrucken erinnere ich an den Brief des
O. Brunfels an B. Rhenanus vom Ii. Nov. 1520 (Briefw.
d. B. Rh. von Horawitz-Hartfelder S. 253), nach welchem
fchon damals der erfte Druck der Operationes in Bafel
begonnen gewefen zu fein fcheint; ferner an Pellikan's
Nachricht über feine Mitwirkung an diefer Ausgabe in
feinem Chronicon. Bei der Bibliographie ift die mir von
der Commiffion bei Band XII geftattete Angabe der
Fundorte der vom Herausg. benutzten Drucke wieder
unterblieben; nur wo von der Eigenthümlichkeit eines
einzelnen Exemplars etwas zu bemerken ift, wird deffen
Fundort angegeben. Es wird aber auch die bisher
übliche Verweifung auf die vorzügliche v. Dommer'fche
Befchreibung der Drucke der Hamb. Stadtbibl. unter-
laffen. Die Bordüre A1 ift = v. D. nr. 8, die von C.
= nr. 113, der ebendafelbft S. 29 befindliche Holzfchnitt
= v. D. nr. 40. Ich bemerke aber auch, dafs v. Dommer's
Befchreibung des Titels des Druckes B an 6 Stellen von
der Thiele'fchen abweicht', auch fchweigt Thiele über
ein charakteriftifches Merkmal der letzten Seite, welches
v. D. notirt. Man wird alfo unficher fein, ob hier Ver-
fchiedenheit der Exemplare anzunehmen ift, oder ob
diefe Abweichungen alle nur als Ungenauigkeiten des
einen oder andern zu deuten find. Bei der aufserordent-
lichen Sorgfalt, mit der v. D. gearbeitet hat, würde ich
es bedauern, wenn man die genauefte Berückfichtigung
feiner Vorarbeit unterlaffen wollte. Zu B und C wäre
wohl auch aus Riederer Nachr. IV 484 anzumerken gewefen
, dafs A. Petri den Befitzern leiner unvollftändigen
Märzausgabe die betr. Bogen der 2. Ausg. nachlieferte,
fodals es neben reinen Ex. von B u. C auch combinirte
giebt. Der Textgeftaltung ift mit Recht A, der einzige
Wittenb. Druck, trotz feiner Fehler zu Grunde gelegt,
B und C mit Pellikan's ftiliftifcher Revifion find nur vor-
fichtig zu Hilfe gezogen, um offenbare Druckverfehen
zu tilgen. Natürlich wird im einzelnen Falle ein Dis-
senfus beliehen bleiben, ob man an diefer oder jener
Stelle eine zweifelhafte Lesart von A dem Drucker oder
Luther felbft zur Laft legt; ich möchte z. B. doch prae-
eipai 24, 26 mit B C für einen Druckfehler st. praeeipue
anfehen. In orthograph. Beziehung ift möglichfte Con-
fervirung des Originals erftrebt. Man wird gewifs nichts
dagegen haben, wenn das häufige Jd est dem Brauch
von A gemäfs ftets idest gedruckt wird, aber war es
auch dann beizubehalten, wenn die Unachtfamkeit des
Setzers von A es auch da angewendet hatte, wo beide
Worte zufällig als Satzcopula und Prädicat des Satzes
neben einander ftehen, wie 27, 27? Mit Recht bemüht
fich die Ausgabe, das häufig in Verwirrung gerathene
consum{ni)are u. consumere zu fcheiden, indem erfteres