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Ausgabe:

1893 Nr. 11

Spalte:

277-279

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Faye, Eugène de

Titel/Untertitel:

Les apocalypses juives 1893

Rezensent:

Schürer, Emil

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277

Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. II.

278

Kuenen anerkannte Beziehung der Weisfagung c. 5, 29
auf die Erfindung des Weinbaus Dillmann's Gefühl wider-
ftrebt, geht niemand etwas an. Wenn er aber in Aufl.
5 und 6 S. 116 fagt: ,vom Wein als Beruhigungsmittel
gegen den göttlichen Fluch zu weisfagen oder weisfagen
zu laffen, in: auch nicht Sache der biblifchen Schrift -
fteller; wer davon weisfagt, fteht Mich. 2, 11 gefchrieben',
fo ift das eine Entftellung des klar vorliegenden Wortlautes
, die auf denjenigen, der jene Auslegung vertritt, ein
ungünftiges und falfches Licht wirft. ,Der wird uns auf-
athmen laffen v o n d. h. Beruhigung und Troft geben
vor unterer Arbeit und der Mühfal unferer
Hände', fo überfetzt Dillmann felbft und nimmt fich
damit jedes Recht zu jener abweifenden Bemerkung, ob
es auch weiter heifst ,welche uns kommt von dem Erdboden
her, den Jahve verflucht hat'. Will Dillmann
denn alles Ernftes behaupten, dafs der Wein dem
Alten wie dem Neuen Teftamente nicht als Mittel zur
Erquickung des Arbeitsmüden galt, oder meint er, dafs
folche Erquickung als unerlaubt galt, weil die Arbeit
nur durch einen Fluch (obendrein über die Erde, nicht
den Menfchen) in die Welt gekommen fei? Es bleibt
dabei, dafs eine andere Erklärung unmöglich ift.

Nirgends treffen wir den Verf., wenn wir die Auflagen
mit einander vergleichen, in gröfserer Unfchlüffigkeit,
als bei der Gruppe von Abfchnitten, die neuerdigs vielfach
alsj1 einer fpäteren Schicht J 2 gegenübergeftellt
werden (insbefondere 4, 17—24. 6, 1—4. 9, 20—27. II,
l—g). Der Raum gemattet nicht, dies eingehend nach-
zuweifen: wer aber die 4., 5. und 6. Aufl. aufmerkfam
miteinander vergleicht, wird fich dem Eindruck fchwer-
lich verfchliefsen können, dafs der immer wechfelnde
Löfungsverfuch jedesmal weniger einleuchtend wird und
fich Dillmann hier in einer Nothlage befindet, aus der
die Unterfcheidung von J1 und J2 allein, diefe aber auch
ganz leicht, einen Ausweg weift.

Auf einen Forfcher, der fo wenig ftille fteht und
fich felbft fo fchwer genug thut, kann man ruhig warten.
Selbft die Umwege eines Mannes wie er find nie vergeblich
, und mag felbft die nächfte Auflage, der wir mit
froher Zuverficht entgegen fehen, ihn noch an manchem
Punkte in Widerfpruch mit der Mehrzahl der Fach-
genoffen finden, fo wird fie doch zweifellos wie diefe
einen Fortfehritt bedeuten. Möchten nur bald auch von
den beiden übrigen Bänden des Hexateuch-Commentars
neue Auflagen nöthig werden!

Strafsburg i/E. K. Budde.

Faye, Lic. Eugene de, Les apocalypses juives. Essai de
critique litteraire et theologique. Paris, Fischbacher,
1892. (226 S. gr. 8.) Fr. 6.—

Statt ,Die jüdifchen Apokalypfen' würde der
Titel diefes Buches richtiger lauten ,Die jüdifche Apo-
kalyptik'. Denn die Abficht des Verfaffers ift nicht,
eine detaillirte Unterfuchung der einzelnen Schriften zu
geben, fondern eine Zeichnung des Gefammt-Bildes der
jüdifchen Apokalyptik. In einem erften Theile (S. 13—
119) charakterifirt er die einzelnen apokalyptifchen
Schriften, deren er im Ganzen zwölf unterfcheidet; in
einem zweiten Theile (S. 121 —152) ftellt er die wichtigften
apokalyptifchen Ideen dar. In fechs Anhängen (S. 153
—224) werden die bei der Darfteilung vorausgefetzten
Quellen-Scheidungen gerechtfertigt

Der Verfaffer wandelt in den Spuren von Spitta
und Kabifch, geht alfo in der Quellen-Scheidung fehr
weit und weifs alles fehr genau. Im vierten Buch Efra
find vier urfprünglich felbftändige Apokalypfen zufammen-
gearbeitet, in der Apokalypfe des Baruch ebenfalls
vier. Auch im Buch Henoch laffen fich vier ver-
fchiedene Quellenfchriften unterfcheiden, wovon Faye
indeffen nur eine, die Thier-Vifion c. 85—90 näher behandelt
. In die chriltliche Offenbarung Johannis
find zwei verfchiedene jüdifche Apokalypfen eingearbeitet.
Nur die Affumptio Mofis entgeht dem Schickfal der
kritifchen Analyfe.

Die einzelnen Schriften theilt der Verf. in verfchiedene
Kategorien ein, indem er eine populäre, eine
rabbinifche und eine tranfeendente Apokalyptik
unterfcheidet.

Die populäre Apokalyptik ift die, welche die
nationalen, politifchen Hoffnungen zu kräftigem Ausdruck
bringt. Schriften diefer Art haben wir im Ganzen
acht, welche fich wieder dadurch von einander unterfcheiden
, dafs vier fich der allegorifchen Darftellung bedienen
, vier aber nicht. Die vier allegorifchen Apokalypfen
find: 1) Das Adler-Geficht, IV Efra c. 11—12,
unter Domitian gefchrieben (S. 14—20). 2) Das Geficht
vom Menfchen, unter welchem der Meffias zu verftehen
ift, IV Efra c. 13, in den letzten Zeiten der römifchen
Republik, unter der Regierung der jüdifchen Fürften
Ariftobul II und Hyrkan II entftanden (S. 20—25).
3) Das Geficht vom Walde, Baruch c. 36—40, gegen die
Mitte des erften Jahrh. n. Chr., vielleicht zur Zeit Cali-
gula's verfafst (S. 25—28). 4) Die Thier-Vifion, Henoch
c 85—90, aus der Zeit des Johannes Hyrkan, Ende des
zweiten Jahrhunderts vor Chr. (S. 28—33). Die nicht-
allegorifchen populären Apokalypfen find: 1) Eine Apokalypfe
, welche fich aus folgenden Stücken des IV.
Buches Efra zufammenfetzt: IV Efra c. V, 1—13a, VI,
11—30, VII, 26—(VI) 17, VIII, 63—IX, 8. Sie ift zur
Zeit Octavians gegen 31 vor Chr. gefchrieben (S. 35—45).
2) Eine jüdifche Apokalypfe, welche folgende Stücke
der chriftlichen Offenbarung Johannis umfafst: Ap. Joh.
VII, 1-8, VIII, 2—IX, 21, X, ia, 2b_7, XI, 14, I5a, 19,
XII, XIII, (XIV, 1-5), XIV, 6-11, XVI, 13-20, XIX,
11 —16, 17—21, XX, 1—3, 7—15, XX, 1—6. Sie flammt
aus der Zeit Caligula's (S. 46—60). 3) Eine andere jüdifche
Apokalypfe, welche ebenfalls in die Offenbarung Johannis
eingearbeitet ift, Ap. Joh. X, ib 2a, 8—11, XI, 1—13,
I5b-i8, XIV, 14—20, XV—XIX, 8, XXI, 9—27, XXII,
15, unmittelbar nach dem Tode Nero's entftanden (S.
60—67). 4) Die Assumptio Mosis bald nach dem Tode
Herodes des Gr. verfafst (S. 67—74).

Als rabbinifche Apokalypfen bezeichnet der
Verf. folgende zwei: 1) Baruch c. 6—32, bald nach
der Zerftörung Jerufalems 70 n. Chr. entftanden (S. 77—
86). 2) Baruch c. 53—75, noch vor dem J. 70 n. Chr.
gefchrieben (S. 86—95).

Die tranfeendente Apokalyptik ift vertreten durch
folgende zwei Schriften: 1) Baruch c. 48—52, 7; 41—43,
2; 76, 1—4. Diefe Stücke nämlich gehören zufammen
und bilden eine Apokalypfe, welche gegen Ende des
erften Jahrh. nach Chr. verfafst ift (S. 97—103). 2) Die
,Apokalypfe des Salathiel', d. h. die vier erften Vifionen
des Efra, IV Efra c. 3—10 mit Ausnahme der oben
bereits ausgefchiedenen Stücke. Sie ift jedenfalls nach
der Zerftörung Jerufalems durch Titus, vielleicht erft
nach dem Untergang Barkochba's gefchrieben (S.
103—123).

Die Begründung der kritifchen Analyfe in den Anhängen
(S. 153—224) nimmt es mit ihrer Aufgabe nicht
allzu fchwer. Man mufs häufig ein gutes Vertrauen zu
der Kunft des Verfaffers mitbringen, um überzeugt zu
werden. Wird er Lefer finden, welche diefe Bedingung
erfüllen? Ich bezweifle es fehr. Es wird wohl auch
hier gehen, wie bei manchen Verfuchen folcher Art:
Niemand glaubt daran aufser dem Verfaffer felbft.

Die Darfteilung der apokalyptifchen Ideen (S. 121 —
152) ift nicht fonderlich tiefgehend. Und mit der Benützung
der früheren Literatur hat es fich der Verf.
auch etwas leicht gemacht. Aufser Spitta und Kabifch
ift nur noch dem Unterzeichneten die Ehre häufigerer
Erwähnung zu Theil geworden. Wie bedenklich es mit
der Literaturkenntnifs des Verf.'s beftellt ift, zeigt die