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Ausgabe:

1893

Spalte:

261-265

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gallwitz, Hans

Titel/Untertitel:

Das Problem der Ethik in der Gegenwart 1893

Rezensent:

Thoenes, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. IO.

262

berückfichtigt wird, auf die Beachtung feiner Definition
von Religion, wonach fie nur diejenige Wahrnehmung
des Unendlichen fei, welche direct oder indirect die
moralifche Haltung des Menfchen beeinfluffe. Nach
diefem Mafsftab zieht er die Grenzlinien zwifchen
Religion und Mythologie, wie zwifchen Religion und
Cultus. Wohl hält er Mythenbildung und Cultus für
Bethätigungsformen der Religion, die ohne voraufgehende
Ausarbeitung der Begriffe und Namen von Göttern unmöglich
feien, aber fie find ihm die Parafiten, nicht das
Mark der Religion. Aus dem Umftand, dafs der Glaube
an einen Gott fich im Fortfehritt vom Unvollkommenen
zum immer Vollkommeneren bis zu der beften, reinften
und wahrften, von Chriftus verkündigten Religion ohne
irgendwelche befondere Offenbarung mit natürlicher
Nothwendigkeit für jeden mit Sinneswahrnehmung, Vernunft
und Sprache begabten Menfchen entwickelt habe,
fchliefst er auf die unerfchütterliche und univerfale
Wahrheit diefes Glaubens. Die beiden Begriffe Entwicklung
und Offenbarung, die auf den erften Blick fo
grundverfchieden erfcheinen, fallen ihm fchliefslich in
einen zufammen. Aber wie reimt fich die Behauptung
einer folchen Offenbarung, die die andere Seite der
natürlichen Entwickelung wäre, mit der Annahme, dafs
der Gottesglaube die nothwendige Folge unferer geinigen
Anlagen fei? Mufs man das Letztere nicht fo verftehen,
dafs Gott lediglich durch die Gedanken der Menfchen
hervorgebracht werde? Und wie könnte dann noch von
Offenbarung — und fei es die univerfalfte und natür-
lichfte — die Rede fein? So oft der Verf. diefen fpringen-
den Punkt ftreift, fo oft läfst er ihn in der Schwebe.
Nur eine Stelle zeigt, dafs er bei der Entftehung und
Entwickelung der Religion doch noch einen anderen
Factor kennt, als den Menfchengeift inmitten der Natur.
Er fagt S. 319: ,Wenn es einen durch die Zeitalter fich
hinziehenden Weltzweck giebt, wenn die Natur nicht
blind ift, wenn es hinter der ganzen Welt der Erfchei-
nungen verborgene thätige Principien giebt, die endlich
als die Ausführer eines Willens erkannt werden, dann
ift die Entwickelung des menfehlichen Glaubens an
diefen höchften Willen felbft die wahrhaftigfte Offenbarung
diefes höchften Willens und mufs die uner-
fchütterliche Grundlage für alle Religion bleiben, mögen
wir fie nun natürlich oder übernatürlich nennen'. Das
ift ja eine höchft wichtige Ergänzung; nur fchade, dafs
fie im Zufammenhang des Ganzen faft wie ein hypo-
thetifches und ungerechtfertigtes Einfprengfel ausfieht.
Wäre die Begriffsbeftimmung der Religion in ihrer
engen Verknüpfung mit der fittlichen Art des Menfchen
confequenter zur Geltung gebracht und durchgeführt, fo
würde fich daraus auch eine feftere Bafis für das Ineinandergreifen
von Entwickelung und Offenbarung ergeben
haben. Vor allem wäre der Verfaffer dadurch gedrängt
worden, als Knotenpunkte der religiöfen Entwickelung
neben den gleichartigen Anlagen der Vernunft und
Sprache und der Verftandeskategorien (S. 327) befondere
charaktervolle hervorragende Perfönlichkeiten
anzuerkennen, wie er es in Bezug auf Abraham (S. 216)
gethan hat. In der fittlichen Energie der Perfönlichkeit
fpringt eine Wirkfamkeit der Offenbarung im Unter-
fchiede von der blinden Natur am deutlichsten in's Auge,
und von da aus würde auch ihr Zufammenwirken mit
der Entwickelung der Religion von der fynergaftifchen
Namengebung an eine hellere Beleuchtung empfangen
haben.

Salbke bei Wefterhüfen a/Elbe. Beffer.

Gallwitz, Stadtpfr. comm. Superint. Hans, Das Problem
der Ethik in der Gegenwart. Ein Beitrag zur Löfung
desfelben. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht's, 1891.
(VIII, 272 S. gr. 8.) M. 5. —
Der Titel feines .Buches wird vom Verfaffer im Vorworte
dahin näher erklärt, dafs der philofophifchen For-
fchung der Gegenwart bezüglich der Perfon Chrifti das
Räthfel aufgegeben werde, wie das Allgemeine im Be-
fonderen, das Abfolute im Concreten, das Göttliche im
Menfehlichen vorhanden fein könne. Denn wie der chrift-
liche Glaube dem ehemaligen Rationalismus nicht habe
zugeben können, dafs die göttliche Wahrheit in einem
: ein für alle Mal fertigen Schatze von Vernunfterkennt-
{ nifsen zu finden fei, fo müffe er auch der Behauptung des
heute herrfchenden Evolutionismus widerfprechen, dafs fie
im unendlichen Verlaufe der Weltgefchichte in ftets unvollkommener
Geftalt zur Erfcheinung komme. Vielmehr
müffe der Glaube von einer gefchichtlichen Perfon,
die mit dem Anfpruch aufgetreten fei, den Inbegriff der
, Wahrheit in fich zu befchliefsen, fowohl feinen Urfprung
| nehmen, als fich immer auch erneuern und ftärken laffen.

Offenbar ift hierdurch, was der Verfaffer eigentlich
j meint, noch recht dunkel umfehrieben, und man gewinnt
zunächft nur die Vermuthung, dafs er in Jefu Chrifto, da
ein Problem der Ethik behandelt werden foll, den Inbegriff
aller ethifchen Wahrheit darfteilen wolle. In der
That ift dies feine Abficht. ,Die Erkenntnifs des höchften
fittlichen Gutes', heifst es S. 234, .welches zugleich die
höchfte Aufgabe dictirt, ift nicht von einem fortfehrei-
tenden Procefs philofophifcher Forfchung zu erhoffen,
fondern fie ift in Jefus Chriftus offenbart. Daraus er-
wächft für jeden, welcher nach Gotteserkenntnifs und
gutem Gewiffen ftrebt, die Aufgabe, fich von Jefus Chriftus
die Grundzüge feines Denkens und Wollens vorfchreiben
zu laffen, oder mit einem Wort an ihn zu glauben. Die
Perfönlichkeit Chrifti ift felbft das höchfte Gut, deffen
Aneignung mit der höchften fittlichen Aufgabe zugleich
deren Löfung darbietet'.

Den Stoff nun, deffen Behandlung ihm zur Erhärtung
des in diefen Sätzen niedergelegten Gedankens nothwendig
fcheint, theilt Gallwitz in heben Capitel ein, welche nacheinander
die Ueberfchriften tragen: Begriff des Sittlichen
— Organ des Sittlichen — Gefetzes- und Güterethik —
Natürlich und fittlich — Das Gefetz der Perfönlichkeit —
Die fittliche Aufgabe — Die Einzigartigkeit Jefu Chrifti.

Der Ertrag des erften Capitels ift der, dafs nicht von
einem beftimmten Begriff des Sittlichen ausgegangen
werden könne. Denn fo lange die Menfchheit wie jeder
einzelne der Entwicklung unterftehe, fei es eine verhängnisvolle
Annahme, dafs es ein der Menfchheit immanentes
Urbild der Sittlichkeit gebe.

Zur Begründung diefes Urtheils wird ausgeführt, dafs
der Gehalt des fittlichen Handelns fich nicht in einer für
alle Zeiten und Völker gleicherweife gültigen Formel ausdrücken
laffe (S. 2), und ferner nicht eine einzelne That,
fondern nur der Gefammtzuftand der fie vollbringenden
Perfon, wenn die That aus deren Charakter folgerecht hervorgegangen
fei, fittlich genannt werden könne.

Diefe Folgerichtigkeit jedoch fei nur ein formales Kennzeichen
des Sittlichen; was die pofitive Qualität desfelben
angehe, fo fei diefe die noch unbekannte Gröfse, die gefucht
werden müffe. Spinoza und Kant hätten diefe Qualität aus
formalen Kennzeichen des Sittlichen zu entwickeln verbucht
, aber der Verfuch fei mifslungen. Unter Vorausfetzung
der Spinoza-Kantifchen Negation des empirifchen Einzel-
gefchehens könne ein Syftem der Ethik, das die Fülle der
ethifchen Einzelgüter und individuellen Berufsaufgaben
umfpanne, nicht aufgeftellt werden. Auch laffe fich die
menfehliche Natur nicht in der Weife Kants in zwei
gegeneinander disparate Hälften, ein intelligibles und ein
finnliches Ich, zertheilen. Wo bei einem einzelnen Menfchen
die Functionen des Leibes aufhörten und die der Seele
oder des Geiftes anfingen, und umgekehrt, vermöchten
wir nicht anzugeben. Eine allgemeine leibliche oder
geiftige Subftanz, die der bezüglichen Entgegenfetzung
zu Grunde liege, gebe es nicht. Auch feien die Gattungsbegriffe
überhaupt im allgemeinen leer. Insbefondere
treffe dies bezüglich des Menfchen zu. Gegenwärtig