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Ausgabe:

1893 Nr. 10

Spalte:

259-261

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, F. Max

Titel/Untertitel:

Physische Religion 1893

Rezensent:

Besser, M.

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259

Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 10.

260

Müller, F. Max, Physische Religion. Gifford -Vor-
lefungen, gehalten an der Univerfität Glasgow im J-
1890. Aus dem Englifchen überfetzt von Privatdoz.
Dr. R. Otto Franke. Autorif., vom Verf. durch-
gefehene Ausg. Leipzig, Engelmann, 1892. (XIV,
398 S. gr. 8.) M. 10.— ; geb. M. 12. —

Der erften Serie von Gifford-Vorlefungen, die unter
dem Titel .Natürliche Religion' erfchien, hat nun der Verf.
die zweite folgen laffen. Für die grundlegende Beurthei-
lung des ganzen grofsangelegten Planes darf ich mich
auf meine Befprechung des erften Bandes in diefer Zeit-
fchrift 1892 Nr. 10 beziehen. Nachdem der erfte Curfus
den Begriff der natürlichen Religion feftgeftellt und die
Art und die Mittel des Studiums derfelben dargelegt
hatte, beftand die Aufgabe darin, die drei grofsen Erscheinungsformen
der natürlichen Religion zu behandeln,
nämlich die phyfifche, die anthropologifche und die
pfychologifche Religion, je nachdem das Object der
natürlichen Religion in der Natur oder im Menfchen
oder im Selbft entdeckt wird. Der Ueberfetzer des vorliegenden
Curfus hat mit Recht Anftofs genommen an
der Bezeichnung diefes erften der drei Theile als .phyfifche
Religion'. Er bemerkt ausdrücklich, dafs diefe
Wiedergabe des Titels auf den Autor des Originals zurückgehe
und wohl durch den Wunfeh veranlafst fei,
eine fchärfere Scheidung gegenüber dem erften Bande
der Gifford-Vorlefungen ,Natürliche Religion' herbeizuführen
. Dann fragt man fich aber, warum die Bezeichnung
des erften Bandes keine deutlicher unterfcheidende
war, und hier treffen wir wieder auf den Umftand, dafs
der Verf. durch die Beftimmungen des Gifford-Vermächt-
nifses genöthigt war, dem ganzen Unternehmen einen
unzutreffenden Titel zu geben. Denn unter natürlicher
Religion' verfteht der Verf., wie ich in der Befprechung
des erften Bandes ausgeführt habe, eigentlich ,gefchicht-
liche Religion' und hätte er das Ganze fo benannt, fo
wäre ihm für den vorliegenden Band der paffende Titel
natürliche' oder ,Natur-Religion' übriggeblieben. Denn
um diefe handelt es fich im vorliegenden Curfus. Der
Verf. will darlegen, wie die Wechfelwirkung des Menfchen
mit der Natur den erfteren veranlafste, dasjenige zu verstehen
und zu benennen, was hinter dem Schleier der
Natur, jenfeits des Horizontes unferer finnlichen Wahrnehmung
liegt und was durch einen controlirbaren Pro-
cefs den Charakter des Göttlichen annimmt. Controlirbar
freilich nur da, wo für diefe Entwickelungsphafe der
Religion genügendes gefchichtliches Material vorhanden
ift; und das findet fich nach dem Vf. nur ausreichend j
in der vedifchen Periode der indifchen Religion. Im I
Veda allein laffe fich die phyfifche Religion in ihrer
ganzen Fülle und Einfachheit und Nothwendigkeit flu- !
diren. Das ift ja glücklicher Weife gerade dasjenige |
Gebiet, auf dem M. Müller feit geraumer Zeit unfer
Lehrmeifter gewefen ift. Es läfst fich darum erwarten,
dafs wir auch diesmal von ihm lernen, und folche Erwartung
wird nicht getäufcht.

In anfehaulicher Weife führt der Verf. die literarifche
Entdeckung des Veda und die Zeugnifse für fein hohes
Alter vor, um dann auf Grund des eigentlichen Veda,
des Rigveda, an Agni, dem Feuer, die Entftehung und
Entwickelung der phyfifchen Religion zu demonftriren.
Das Problem ift: wie kamen die Inder jener alten Zeit
dazu, im Feuer etwas Göttliches zu glauben, das zuletzt
bis zum höchften Gott Agni, dem Schöpfer und Lenker
der Welt, heranwuchs? Oder mit anderen Worten: auf
welchem Wege wurde das Verhältnifs zum Feuer ein
religiöfes?

Was für einen wunderbaren, aufrüttelnden Eindruck
mag das Feuer auf feine erften Entdecker oder Beobachter
gemacht haben! Längft vor der vedifchen
Periode wurde dasfelbe von den Ariern benannt durch

eine von den Wurzeln, welche den Urfprung der Sprache
bilden und welche ein clamor concomitans der einfachften
Thätigkeiten der Menfchen waren. Sie nannten das
Feuer ,Agni', d. h. den Beweger; das Feuer wurde alfo
als ein Agens aufgefafst. Damit begann der Entwicke-
lungsprocefs des Agni; er wurde dann zu einem
athmenden und lebenden Agens, zeigte allerlei menfehen-
ähnliche Wirkungsformen und perfönliche Bethätigungen.
Die verfchiedenartigen Aeufserungen diefes Agens aber
wurden allmählich von der ihnen zu Grunde liegenden
activen Macht unterfchieden, und diefe wurde als etwas
über die endliche Erkenntnifs Hinausgehendes und
fchliefslich als etwas hinter der Natur Liegendes, Ueber-
natürliches und Unendliches erkannt. Durch Heno-
theismus und Polytheismus hindurch gelangte die Entwickelung
endlich zur Anerkennung eines einzigen Agens,
eines einzigen Urhebers, eines einzigen Vaters, eines einzigen
Gottes. Diefe Entwickelung Agm's wurde wefent-
lich beeinflufst durch den Entwickelungsprocefs des
Wortes deva, glänzend. Wie Feuer und Lichtglanz fo
hingen Agni und deva zufammen. Aber auch die Sonne,
der Himmel, die Morgenröthe waren deva, wie Agni. So
wurde deva zum Allgemeinbegriff, in welchem die Be-
fonderheiten der einzelnen damit benannten Wefen ver-
blafsten. Aus dem glänzenden Agens wurde ein freundlicher
Agens, dann ein mächtiger, ein mehr als menfeh-
licher und endlich ein göttlicher Agens. Nur der allgemeine
Glanz der Devafchaft mit feiner göttlichen
Activität war noch übrig geblieben, und diefer haftete
nun auch an Agni und half dazu, diefen zu einem
höchften Gott, zu einem Schöpfer und Regierer der
Welt zu erheben (S. 134), fo dafs dasjenige, was auf
den erften Blick wie ein Problem der linguiftifchen
Archäologie ausfieht, am Ende als die Löfung einer der
grundlegendften Fragen der Religionsphilofophie vor
uns fteht. Aus dem Namen des activ gedachten Feuers
und Lichtes wächft durch eine ununterbrochene hifto-
rifche Entwickelung der Begriff ,Gott' hervor. Und
Agni bleibt nicht einer unter vielen Göttern, fondern
wird am Ende ein höchfter Gott, bis fogar fein Name
bei Seite geworfen wird (S. 138) oder nur als einer von
den vielen Namen erkannt wird für den einen Gott
gemäfs der Vedaftelle: ,Das, was Eines ift, benennen
die Seher in vielerlei Weife, fie nennen es Agni, Yama,
Matarisvan1. — Zur Erhärtung diefes theogonifchen Pro-
ceffes giebt der Verf. die ,Biographie von Agni1 nach dem
Rigveda, und wie diefelbe der Kernpunkt der gefammten
Darlegungen ift, fo ift fie auch ihr Glanzpunkt. Sie hebt
an von der Geburt Agni's aus der feurigen, fengenden
Sonne und aus den Wolkenwaffern als zündender Blitz
und aus der Reibung der Feuerhölzer, durchfehreitet
dann die mythologifche Entwickelungsftufe, bis fie, über
den mythologifchen Charakter hinausgehend, fei es durch
Identification mit den anderen grofsen Deva's, wie Sonne,
Himmel, oder fei es durch energifche Ausarbeitung der
geiftigen Activität, welche alle materiellen Attribute verdrängt
, beim Begriff der höchften Gottheit anlangt.

Aus diefem im Rigveda aufgezeigten Entwickelungsprocefs
zieht nun der Verf. wiederholt die Lehre, dafs der
menfehliche Geift, ohne angeborene Fähigkeiten oder
befondere Offenbarungen zu Hülfe zu nehmen, durch
feine eigenen innewohnenden Kräfte unter der Herrfchaft
der natürlichen Eindrücke feitens der Welt rings
um uns Schritt für Schritt den höchften Gottesbegriff
gewonnen habe (S. 139. S. 191 etc.), dafs alfo die Entwickelung
des Gottesgedankens die nothwendige Folge
unferer geiftigen Anlagen fei (S. 318). Man würde jedoch
irren, wenn man diefe Gedanken als Aeufserungen
des Rationalismus werthen wollte. M. Müller fpricht
mit Ironie von Herbert Spencer und anderen Ethnologen
wegen ihres Rationalismus, den fie durch ihre euheme-
riftifchen Mythenerklärungen bewiefen. Er dringt, ob-
fchon in der Biographie Agm's diefer Gefichtspunkt kaum