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Ausgabe:

1893 Nr. 10

Spalte:

253-254

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hatch, Edwin

Titel/Untertitel:

Griechentum und Christentum. Zwölf Hibbertvorlesungen über den Einfluß griechischer Ideen und Gebräuche auf die christliche Kirche 1893

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 10.

254

Synagogenzucht bezüglichen alten Vorfchriften als veraltet
und obfolet' (S. 287).

Zwei Recenfionen (über Zunz, Litteraturgefchichte
der fynagogalen Poefie, und Stein, Ueber den ersten
Unterricht im Talmud) befchliefsen den Band. Möchte
die Fortfetzung bald erfcheinen. Sie wird vorausficht-
lich Manches bringen, was dem chriftlich-theologifchen
Intereffenkreis noch näher liegt.

Kiel. E. Schürer.

Hatch, f Reader D. Edwin, Griechentum und Christentum
. Zwölf Hibbertvorlefungen über den Einflufs
griechifcher Ideen und Gebräuche auf die chriftliche
Kirche. Deutfch von Erwin Preufchen. Mit Beilagen
von Adf. Harnack und dem Ueberfetzer. Recht-
mäfsige Ueberfetzung. Freiburg i. B., J. C. B. Mohr,
1892. (XVII, 274 S. gr. 8.) M. 6.—

Das englifche Original diefes Werkes (The lnfluence
of Greek Ideas and Usages lipon the Christian Church
ed. by Fairbairn, London 1890) hat Ref. in der Theol.
Litztg. 1891, 520 befprochen. Es ift in hohem Grade
willkommen zu heifsen, dafs nun durch eine deutfche
Ueberfetzung für die weitere Verbreitung desfelben auch
in Deutfchland geforgt ift. Die Ueberfetzung lieft fich
glatt und gut wie ein deutfches Original. Sehr dankens-
werth ift, dafs der Ueberfetzer eine kurze Biographie
Hatch's vorangefchickt hat (S. VII—XVII), in welcher
auch die übrigen Werke desfelben, namentlich die in
Sammelwerken zerftreuten Artikel, aufgeführt werden.
Bei Abfaffung der Skizze ift Preufchen durch Prof.
Sanday in Oxford unterftützt worden.

Auf den reichen Inhalt des Werkes konnte Ref. in
feiner früheren Anzeige nur in allgemeinen Umriffen
aufmerkfam machen. Es ift jetzt, da nur das Erfcheinen
der Ueberfetzung conftatirt werden foll, noch weniger
möglich, der dargebotenen Fülle wirklich gerecht zu
werden. Nur ein Mann, der ein ungewöhnliches Witten
auf dem Gebiete des griechischen und christlichen Alterthums
mit feltener Combinations- und Darftellungsgabe
vereinigte, konnte ein fo umfaffendes, reichgegliedertes
und anfchauliches Bild vor dem Auge des Lefers entrollen
. Wir fehen hier, wie in den mannigfaltigsten
Beziehungen die griechifche Cultur des Alterthums in
die chriftliche Kirche eingeftrömt ift, nicht nur auf dem
Gebiete des Dogma's, fondern auch auf dem der Sitte,
Bildung, Wiffenfchaft, ja des kirchlichen Cultus. Die
Thatfachen find überall fo mit Händen zu greifen, dafs
die Leugnung derfelben, wie Sie vor einigen Jahren
beim Erfcheinen von Harnack's Dogmengefchichte verbucht
worden ift, nur als pathologifches Symptom auf
dem Gebiete unferer theologifchen Parteikämpfe von
Intereffe ift. Das Werthvolle in Hatch's Darftellung ift
aber, dafs er fich nirgends mit fchematifchen Urtheilen
begnügt, fondern überall die allgemeinen Urtheile aufs
feinfte zergliedert, den concreten Einzelerfcheinungen
aufs forgfältigfte nachgeht und eben dadurch fein Urtheil
in der behutfamften Weife abftuft und limitirt. Niemand,
der fich in Zukunft mit der alten Kirchen- und Dogmengefchichte
näher befaffen will, wird an diefem Werke
vorübergehen dürfen.

In einem Nachworte weift Harnack auf die Punkte
hin, hinfichtlich deren es noch einer Ergänzung bedürftig
ift. Indem er aber fo die Schranken diefer
Leiftung aufzeigt, hebt er zugleich ihre hohe Bedeutung
hervor. Es fei geftattet, mit feinen Worten zu fchliefsen.
Nachdem er die Thatfache erwähnt hat, dafs Hatch die
Grundzüge der Arbeit bereits mündlich ihm eingehend
entwickelt habe, fährt er fort:

,Dennoch bin ich von der Ausführung des Werkes
,überrafcht worden. Einen folchen Reichtum des
,Materiales und eine folche Sicherheit in der methodifchen

Durchführung hatte ich nicht erwartet. Diefe Vorlefungen
,find ohne Zweifel Hatch's reifftes Werk, und fie werden
,einen unvergänglichen Platz in der kirchen-hiftorifchen
,Litteratur behaupten'.

Kiel. E. Schürer.

Lindsay, James, M. A., B. D. B. Sc. etc., The progressi-
veness of modern Christian thought. Edinburgh, Will.
Blackwood & Sons, 1892. (XIX, 182 S. 8.) Geb. 6 s.

Prof. O. Pfleiderer hat vor zwei, bzw. drei Jahren
die Entwickelung der englifchen Theologie feit 1825 darzustellen
unternommen, aber diefelbe doch nicht — wenngleich
in der deutfchen Ausgabe mehr als in der frühern
englifchen — bis auf die Gegenwart fortgeführt. Seine
ausserordentlich verdienftvolle Arbeit wird daher namentlich
nach diefer Seite hin aufs Befte ergänzt durch die
vorliegende Schrift eines fchottifchen Geistlichen, der zunächst
nur referiren will, aber fich doch im wefentlichen
mit den dargestellten Gedanken einverstanden erklärt
und künftighin die Theologie in derfelben Richtung fortgebildet
fehen möchte. Dann können wir freilich nicht
umhin, ihm perfönlich aus den Widerfprüchen einen
Vorwurf zu machen, die bei einer derartigen Zufammen-
faffung des modernen christlichen Denkens nothwendiger-
weife entstehen müffen.

Der Verfaffer beginnt damit, gegenüber dem Atavismus
gewiffer Beftreiter des Christenthums, die immer
wieder mit grofsem Gepolter längst offen stehende Thüren
einrennen, aus der Gefchichte nachzuweifen, dafs fich
das Christenthum de facto von Anfang an verändert hat.
Doch enthält die Schrift trotzdem die vollkommene und
endgiltige Offenbarung (7. 9. 33. 102): Eigenfchaften, die
ihr freilich von der künftigen Theologie vielmehr werden
bestritten werden (155). Jedenfalls gilt die allmähliche
Offenbarung, die in der Bibel urkundlich niedergelegt ift,
nicht als die Einzige; (16 f. 90 f.) fie vollzieht fich fort
und fort auch auf dem natürlichen Wege des Denkens,
oder vielmehr zugleich auf natürlichem und übernatürlichem
Wege (72 f.).

Danach bestimmt fich nun die Methode der modernen
englifchen Theologie, die namentlich in diefer Beziehung
der deutfchen voraus ift, als die inductive und ihr Ver-
hältnifs zur Philofophie als ihrer soror, nicht ihrer ancilla.
L. wendet fich hier — fonft fehlen folche directe Polemiken
fast ganz — befonders energifch gegen die
Ritfchl'fche Verwerfung der Metaphylik, die ebenfo
gewifs vielmehr zur Discreditirung der Theologie führen
würde, als in England der Manfel'fche Skepticismus, wie
fchon damals Maurice und Dorner (Jahrb. f. deutfche
Theol. 1861, 320 ff.) vorausfagten, den modernen Agnofti-
cismus und Atheismus grofsgezogen habe (50 f.). Ebenfo
bezeichnet er die Begründung der Auctorität Jefu und
die ganze Chriftologie der Ritfchl'fchen Schule als mangelhaft
(116. 118. 132 f.). Aber trotzdem adoptirt er die
chriftocentrifche Conftruction der Dogmatik (41. 164 f.
169. 173), die ja jetzt, offenbar unter deutfchem Einflufs
, in den englifchen und fchottifchen Kirchen immer
mehr Beifall findet. Desgleichen erklärt es fich aus dem
Einflufs feiner Umgebung, dafs der Verf., theilweife im
Widerfpruch mit feinen fonftigen Principien, der Incar-
nation einen folchen Werth beilegt (7. 59. 106 ff). Für
die Bedeutung, die beide Doctrinen in der modernen
Theologie Grofsbritanniens haben, erlaube ich mir, auf
meinen Auffatz in den Stud. und Krit. 1892, 539 ff. 638 ff
hinzuweifen.

Vom 3. Capitel ab befpricht der Verf. die einzelnen
dogmatifchen loci, wie fie gegenwärtig gefafst werden.
Dafs der Gottesbegriff mehr immanent und ethifch geworden
, ift ja für uns, die wir nicht denfelben abfoluten
Transfcendentalismus, wie die fchottifchen Kirchen, gehabt
haben, weniger wichtig; wohl aber, dafs man die

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