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Ausgabe:

1893 Nr. 9

Spalte:

231-232

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wohlenberg, G.

Titel/Untertitel:

Empfangen von Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria 1893

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 9.

232

eine fichere Frucht der wirklichen Vertiefung in diefe
Arbeit.

Es ift hier nur möglich, eine trockene Dispofition
zu geben. ,Die göttliche Offenbarung ift in jedem Fall
die Quelle der Religion . . . Gott ift der Heilbringer im
Unheil der Welt für die, welche ihm angehören', wie ver-
fchieden immer diefes Heil gedacht werden mag. Diefe
Thefe wird gefichert gegen die Forderungen, Gottes
Dafein zu beweifen, den Glauben zum Wiffen zu erheben,
die ,Religion fchlechthin' zu beftimmen. ,Verftehen
durch Erleben ift eine Art des Erkennens, die uns überaus
geläufig ift . . . Religiös handeln, denken, empfinden
kann man nur in der befondern Weife derjenigen Offenbarung
, in welcher man fein Heil gefunden hat'. Aber,
um zu diefen Einrichten zu gelangen, mufs man allerdings
,der Religion das Recht zugeftehen, fich über ihr Wefen
felbft auszufprechen'. — Der zweite Abfchnitt handelt
von der Offenbarung in Chriftus. Hier befonders, fcheint
es mir, find von vielen anerkannte und von andern
immer wieder mifsdeutete Gedanken in ein ganz befonders
überzeugendes Licht gerückt, namentlich durch
reichliche und energifche Verwerthung des Begriffs der
,fittlichen Erziehung'. Die ,Erfahrung, von Chriftus errettet
worden zu fein', wird dadurch fehr lebensvoll dem
Verftändnifs nahe gebracht. Wie diefe Offenbarung in
Chriftus auch uns rettet, wie die Perfönlichkeit Chrifti
bleibend einzigartigen Werth hat, wird dann ausführlich
gezeigt. ,Lehren und Grundfätze find Ideale, aber nicht
Kräfte'. Der Erzieher wirkt immer durch feine Perfönlichkeit
; aber Chriftus ,erhebt fich principiell über alle andern
Erzieher der Menfchheit dadurch, dafs er die Menfchen
in ein religiöfes Verhältnifs zu fich fetzt, indem der Inhalt
der erzieherifchen Kräfte, welche er auswirkt, dem
Menfchen das definitive Heil, ein neues Herz und eine
neue Welt fchenkt'. Die Chriftenheit mufste fo den
Ausdruck finden, dafs ,er Gott fei im Sinne der Identität
feines Gott auswirkenden fittlichen Wefens mit der
Macht über alle Dinge'. Die Bedingung, felbft diefen
Eindruck zu gewinnen, ift, dafs man fich von ihm den
Sinn wecken lälst für die Kräfte und Güter, die von ihm
ausgehen, alfo das ethifche Lebensideal anerkennt gegenüber
der .modernen Weltanfchauung', foweit diefe ein
naturaliftifch.es und äfthetifches hat.

Göttingen. Th. Häring.

Wohlenberg, Paft. Lic. G., Empfangen vom Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria. Eine Schutz- und Trutz-
fchrift, der chrifthchen Gemeinde dargeboten. Leipzig,
Deichert Nachf., 1893. (44 S. gr. 8.) M. —.60.

In diefer, ,der chriftlichen Gemeinde dargebotenen
Schutz- und Trutzlchrift' befpricht der Verfaffer zu-
nächft ,die übernatürliche Geburt Jefu und das Glaubens-
intereffe' (S. 6—12), um dann in längerer Ausführung die
,gefchichtliche Beglaubigung der übernatürlichen Geburt
jefu' (S. 12—44) darzulegen. Leider hat fich die übrigens
in durchaus auflandigem Tone und objectiver Erörterung
gehaltene Apologie der Jungfrauengeburt die Sache fehr
leicht gemacht, indem oft ganz anders geartete und ver-
fchieden orientirte Begriffe promiscue verwendet und zur
Begründung des umftrittenen Satzes geltend gemacht
werden. Es ift zu bedauern, dafs eine zur Belehrung der
Laien beftimmte Auseinanderfetzung mit den gegnerischen
Anfchauungen den zu erläuternden Gegenftand nicht
fchärfer und präcifer fast; wir begegnen hier der allerdings
auch in jungft erlaffenen amtlichen Kundgebungen
begangenen Verwechfelung der Begriffe .Fleifchwerdung
des Wortes', .Gottheit Chrifti*, .übernatürliche Geburt',
Begriffe, welche fowohl durch ihre Entftehungsgründe
als durch ihren theologifchen Inhalt und Charakter auf
fehr verfchiedene Zufammenhänge hinweifen. Durch
eine folche Stellung und Löfung der Frage wird die

Gemeinde, welcher man dienen möchte, nicht aufgeklärt
und beruhigt, fondern im Gegentheil über die Tragweite
des Problems getäufcht und in ihrem Glauben geftört
und verwirrt.

Strafsburg i. E. P. Lobftein.

Fafke, Divif.-Pfr. Rob., Die Lehre von der ewigen Verdammnis
mit befonderer Berückfichtigung des Con-
ditionalismus, der Apokataftafis und der Seelenwanderung
. Eifenach, Wilckens, 1892. (V, 180 S. gr. 8.)
M. 3.60.

.Zweck diefes Buches ift der, die Möglichkeit der
ewigen Verdammnis wiffenfehaftlich zu erweifen und
diefer Lehre einen dauernden Platz in der chriftlichen
Dogmatik zu fichern' (S. 2). Nach einer Darlegung der

| Vorausfetzungen (S. 4—24) einer folchen Möglichkeit,
welche der Verfaffer in dem Wefen, der Beftimmung
und der Unfterblichkeit der Seele fowie in der Wahlfreiheit
findet, bekämpft er ,die drei efchatologifchen
Syfteme, welche fich die Aufgabe ftellen, an die Stelle
des Dogma's von der ewigen Verdammnis ein anderes
zu fetzen': es find die Syfteme der bedingten Unfterblichkeit
oder des Conditionalismus (S. 25—38), der Wieder-
herftellung aller Dinge (S. 39—58) und der Seelenwanderung
(S. 59—81). Als Ergebnifs der biblifchen
Entwickelung (S. 82—123) gewinnt F. eine Reihe von

I Sätzen, welche vom Neuen Teftament klar vertreten
und darum für die Dogmatik mafsgebend fein follen.

, JMach dem Tode erhält jede Seele den Hades als vor-

! läufigen Aufenthaltsort angewiefen. Gute und Böfe
finden fich dort zufammen von Anfang an und bleiben
darin bis zum jüngften Tag. Das ift der Zwifchen-
zuftand. Wenn auch diefe Unterwelt eine einheitliche,
zufammenhängende ift, fo finden fich nach ihrer Ge-
finnungsart die Seelen doch in verfchiedenen Abtheilungen
zufammen, die Frommen im Paradies oder
dem Schofs Abraham's, die Gottfeindlichen und noch
nicht Bekehrten im .Gefängnifs' (cpvlay.r). In diefem
Zwifchenzuftand ift für jeden Sünder noch eine Bekehrung
möglich; aber auch die fortfehreitende Abkehr
von Gott und Verhärtung in der Sünde ift ebenfo mög-

j lieh. Ift der Zeitpunkt gekommen, dafs die Seelen
Aller ausgewachfen und ausgereift find, die einen zur
vollendeten Gottebenbildlichkeit, die andern zur teuf-
lifchen Bosheit, dann verlangt es Gottes Liebe und
Gottes Gerechtigkeit, die innerlich fchon vollendete
Spaltung der Seelen auch äufserlich zu vollziehen. —
Die einen gehen ein in die Seligkeit; die andern in die
gewollte Trennung von Gott, in die Gehenna; der Aufenthalt
dauert unter den Qualen ohnmächtigen Haffes von
Ewigkeit zu Ewigkeit. Die ewige Verdammnifs
fchliefst die Efchatologie des Neuen Teftaments
als die nothwendige Confequenz der Entwickelung
logifch ab (S. 123—125)'. Der nach einer dogmen-
hiftorifchen Erörterung den Schlufs bildende .dogmatifche

i Aufbau' bringt keine pofitiv neuen Momente zu den der
biblifch-theologifchen Bearbeitung abgewonnenen Re-
fultaten hinzu; höchftens im Einzelnen führt der Verfaffer
die früheren Ergebnifse noch weiter aus. Z. B.
S. 160: ,Auch die Gewifsheit des Wiederfehens,
felbft der frommen und gottlofen Verwandten unter einander
, gewinnt durch diefe Lehre an noch gröfserer
Fertigkeit'. Dagegen bemüht fich F., die gegen die
Ewigkeit der Höllenftrafen erhobenen Einwürfe zu entkräften
, indem er allerdings nach vielen Seiten hin in
andere als rein exegetifche und biblifche Betrachtungen
fich einläfst. — Es foll nicht geleugnet werden, dafs der
Verfaffer eine grofse Belefenheit an den Tag legt und
ein beträchtliches Material zufammengetragen hat; auch
verdient feine Kritik der von ihm bekämpften efchatologifchen
Syfteme die Beachtung der Gegner. Nichts-