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Ausgabe:

1893

Spalte:

225-228

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Köhler, H.

Titel/Untertitel:

Von der welt zum Himmelreich oder die johanneische Darstellung des Werkes Jesu Christi, synoptishc geprüft und ergänzt 1893

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Kiel.

Erfcheint Pre's
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°: 9. 29. April 1893. 18. Jahrgang.

Köhler, Von der Weh zum Himmelreich (Holtz- i de St. Maur 1652—1700, publiees par Gigas
mann). 1 (Reusch).

Franken, Jezus' getnigenis omtrent God naar

de vier evangelien (Holtzmann).
Taylor, The witness of Hermas to the four

gospels (Holtzmann).
Lettres des Ben£dictins de la Congregation

Schulthefs-Rechberg, Der Gedanke einer

göttlichen Offenbarung (Häring).
Wohlenberg, Empfangen vom heiligen Geift,

geboren von der Jungfrau Maria (Lobftein).
Falke, Die Lehre von der ewigen Verdamm-
nifs (Lobftein).

Paulfen, Einleitung in die Philofophie(Glogau).
Drummond, Das Naturgefetz in der Geifter-

welt (Thoenes).
Althaus, Die hiftorifchen und dogmatifchen

Grundlagen der lutherifchen Taufliturgie (Ka-

werau).

Doumergue, Essai sur l'histoire du Culte re-
formfi (Hans).

Köhler, H., Von der Welt zum Himmelreich oder die
johanneifche Darftellung des Werkes Jcfu Chrifti,
fynoptifch geprüft und ergänzt. Kritifch-theologifche
Studie. Halle a/S., Niemeyer, 1892. (XXVIII, 335 S.
gr. 8.) II 5.-

Die vorliegende, fehr genau und forgfältig, auch
unter Benutzung reichlicher und dabei mit Verftändnifs
und Unbefangenheit ausgewählter Literatur gearbeitete,
,kritifch-theologifche Studie' will das eigentliche Heilswerk
in einer im Vergleich mit ,der mehr von Paulus
als von Jefus abhängigen Kirchenlehre' urfprünglicheren
Form zur Darfteilung bringen. ,Sie macht den Verfuch,
im Anfchlufs an den johanneifchen Entwurf unter Heranziehung
der fynoptifchen Inftanz, prüfend, vergleichend,
ergänzend die vornehmften Functionen des Heilandswerkes
nach der vom Herrn felbft gegebenen Deutung zu einem
organifchen Ganzen zufammenzufaffen und in ihrem ge-
fchichtlichen und ewigen Werthe zu begreifen' (S. XX).
Uebrigens vertritt der Verfaffer auf fynoptifchem Gebiete
die Zwei-Quellen-Theorie (S. VII); dabei hängt Lucas
noch von Matthäus ab (S. 280); der Beiden als Quelle
dienende Verfaffer der Logia aber läfst gerade jene
zarten, für die Ewigkeit gefponnenen Fäden des inneren
Zufammenhangs' (S. 296 f.) vermiffen, welche dann der
Lieblingsjünger, der ffe noch in der Hand behalten,
aufweiff.

Originell ift fchon die Anordnung des Stoffes, der
zu Folge nach einer allgemeinen Beftimmung der Aufgabe
Jefu, welche fich aus den Begriffen von Gott und
Welt, Tod und Leben ergiebt (Jefus und die johanneifche
Welt' S. 1 — 20), zunächft .Licht und Wahrheit, johanneifch
und fynoptifch' (S. 21—43) zur Befprechung kommen.
Da nämlich Matth. 5,14 matthäifches Sondereigenthum
darftellt (S. 24), wird ,das Licht der Welt' Joh. 8,12
(trotz Anklang der Stelle an 1,4) wohl gefchichtliche, von
der Sonne entlehnte (S. 26. 29. 40), Selbffbezeichnung Jefu
fein. Das' ift freilich ebenfo unglaublich, wie umgekehrt,
wenn es fich nicht um Jefu, fondern um die johanneifche
Gedankenwelt handelt, für den Begriff des Lichtes die
Nothwendigkeit einer Verbindung des ethifchen mit dem
intellectuellen Sinn ganz am Platze ift (S. 31 f.). Ebenfo
unzweifelhaft erfchwert der ,fchillernde Begriff' der uL\Dtiu
,die Sicherheit des Verftändnifses und macht die Ent-
fcheidung über die Frage, ob und in welchem Mafse
Johannes gefchichtlich berechtigt war, den Begriff in
Jefu Reden zu verwenden, in einzelnen Fällen ganz unmöglich
' (S. 39). Wo aber die Berechtigung liege, ihn
zu dem fynoptifch-johanneifchen Gemeingut zu fchlagen,
wird dann bei dem gänzlichen Mangel an fynoptifchen
Parallelen nur um fo fraglicher. Eine Scheidung der Gebiete
wird fofort unvermeidlich in den nächften Ab-
fchnitten Jefus das Leben, johanneifch' (S. 44—62) und
Jefus, der Urheber des Reiches Gottes, fynoptifch'
(S. 63—78). Dem liegt, wie man fieht, das bekannte
Appergu zu Grunde, dafs der fynoptifchen ßaoiltict die
johanneifche Cm?; entfpreche. In der That hält es unfer
Verfaffer für möglich, dafs Jefus in Parallele mit Joh.
14,6 auch gefagt haben könne eyw etui ?; ßaaiXela zov
vbsoC, und fucht Gründe zufammen, warum diefe F"ormel
von den fynoptifchen Urkunden nicht geboten werde
(S. 77). Abermals ein Beweis, wie verwirrend und verdunkelnd
das Medium wirkt, durch welches hier die
Perfon Jefu betrachtet werden foll. So viel Richtiges
und Beherzigungswerthes der folgende Abfchnitt, zumal
über den Leidensgedanken Jefu, über die Abendmahls-
ftiftung und den Heilswerth feines Todes enthält, über
Sündenvergebung, Knecht Gottes u. A., fo ift doch Alles
gewaltfam unter fremdartige Gefichtspunkte gebracht,
wie gleich aus der Ueberfchrift erhellt ,Licht und Wahrheit
in Wirkfamkeit, johanneifch und fynoptifch' (S. 79
—144). Eigentliche Abficht des Evangeliften, auf deffen
Rechnung diefe beiden Begriffe kommen, ift es freilich
gewefen, ,die in Chrifto fich vollziehende Bethätigung des
göttlichen Liebeswillens unter dem Hauptgefichtspunkt der
Mittheilung neuen Lebens darzuftellen' (S. 86). ,So erfcheint
die Lebensmittheilung als die entfeheidende Funktion,
in welcher Jefus den Zweck feines Kommens oder Ge-
fandtwerdens in die Welt verwirklicht' (S. 146). Daher
die beiden letzten Abfchnitte, in welchen diefer Gedanke
wieder den Quellen entfprechend zu doppelter Ausführung
gelangt, mehr als die Hälfte des Umfanges des
ganzen Werkes in Anfpruch nehmen: ,Mittheilung des
Lebens von Jefus an Andere, johanneifch' (S. 145—241)
und ,Vermittelung der Reichsgenoffenfchaft durch Jefus,
fynoptifch' (S. 242—326). Als ein Mufter der Combination
mag etwa die Art gelten, wie fynoptifche Elemente in
dem johanneifchen Spruch von der Wiedergeburt zu-
fammengefafst erfcheinen (S. 224 f. 304 f.). Die Gegenwart
des Reiches Gottes kann auf diefem Wege gegen
Joh. Weifs natürlich nur aufserhalb jedes Zweifels ge-
ftellt erfcheinen (S. 248 f.)

Diefer Verfuch, den Inhalt der Verkündigung Jefu
nach allen vier Evangelien unter Ausfcheidung der
johanneifchen Einkleidung darzuftellen, läuft wefentlich
parallel mit den Darftellungen von Weifs (S. XVIII) und
Beyfchlag. Theilweife erinnert es überdies an die jüngfte
Veröffentlichung Harnack's (Zeitfchrift für Theologie und
Kirche 1892, S. 189—231), wenn mit der Logoslehre
(S. 22 f. 150. 207) auch die Präexiflenz aus dem Zeugnifse
des gefchichtlichen Jefus eliminirt wird (S. 58 f. 160 f.
224. 259 f.) Demgemäfs wird alles Reden, dafs er von

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