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Ausgabe:

1893 Nr. 8

Spalte:

211-213

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Benrath, Karl

Titel/Untertitel:

Bernardino Ochino von Siena. Ein Beitrag zur Geschichte der Reformation. 2. verb. Aufl 1893

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 8.

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find überhaupt keine Verfe, fondern Bibelfprüche ; gen, die ihm zu Theil geworden, in die englifche, hollän-
(ip 20 [19], 8 und Rom. 14, 23) mit prägnanten Zufätzen j difche, italienifche und franzöfifche Sprache.
Luther's. Nr. 23 kommt in Luther s Schriften in zweierlei I Mit Recht hat Benrath feine Arbeit einen Beitrag zur
Faffung vor (Tifchr.: ,Hüte dich vor dem Ouare') wo- GefchichtederRef. in Italien genannt. Der anziehende Theil
durch es als fprichwörtliches Citat fich kennzeichnet, derfelben ift die Gefchichte der reformatorifchen Beweg-
Zu den beigefügten deutfchen Ueberfetzungen bemerke j ung in Italien, in deffen Mittelpunkt Ochino fteht. Man

trennt fich fchwer von folchen Abfchnitten, wie vom Zu-
ftand der Theologie in Italien im Zeitalter der Renaif-
fance, vom Oratorium der göttlichen Liebe, vom Predigt-
wefen in Italien und Ochino als Prediger. Benrath hätte
aber dem Titel auch anfügen dürfen: Ein Beitrag zur
Charakteriftik der Epigonenzeit des Proteftantismus dies-
feits der Alpen. Man darf diefe Zeit nicht ungerecht be-
urtheilen, aber es erfüllt mit Wehmuth, wie Ochino dies-
feits der Alpen keinen fetten Boden gewinnen kann und
wie ein Ball hin und hergeworfen wird, bis er zuletzt
den Befchwerden der Reifen in Schlackau in Mähren

ich, dafs Nr. 25 über die Betten in Heffen, nicht über die
dortigen Gelage klagt. Bei fonft gutem Rhythmus in den
Uebertragungen Schleusner's ift Nr. 26 als verunglückt
zu bezeichnen, denn wer kann fkandiren: Oeffne du,
liebfter Spalattn — ? Zu den Schlufsbemerkungen
S. 117 ff. zwei kurze Randgloffen. Schleusner ift geneigt,
,Ein fefte Burg' mit Achelis und C. Gerbert fpäteftens
ins Jahr 1524 zu fetzen. Aber das heifst, dem Eider-
ftedtifchen Chroniften des 17. Jh.'s zu viel Ehre anthun.
Ich halte es für undenkbar, dafs Luther gerade in dem
Jahre, in welchem er alles aufbot, um der Gemeinde

ein erftes Gefangbuch zu fchaffen, fein gewaltigftes Lied 1 unterliegt. Man darf nicht fagen, der Subjectivismus
nur handfchriftlich oder mündlich verbreitet haben follte. j Ochino's, des Italieners pafste nicht zu der Art der Nord-
Zu der Vorgefchichte des apokryphen Lutherfpruch.es | länder. Denn wenn auch Benrath diefen Zug in Ochino's
.Wer nicht liebt Wein, Weib und Gefang' ift auch an Eigenart anerkennt, fo tritt er doch gegenüber dem Ge-
L. Schulze's Auffatz in ZfkWuL 1886 VII 258 ff. zu j meinfamen, das Ochino mit den Schweizern verbindet,
erinnern, wo aus einer geiftlichen Schrift von 1489 der ! zurück. Aber es ift die wefentliche Verfchiedenheit der
Spruch: ,On fchon frawen und gute win | mag nyeman j Entwicklungsftufe, auf dem der Italiener trotz feines ge-
frolich fyn' nachgewiefen ift. — Zu S. 83 Nr. 34 endlich j reiften Alters und der Proteftantismus diesfeits der Al-
möchte ich auf die Anmerkung von K. Neubauer in J pen fteht. Ochino ift der Vertreter des jungen Evan-
.Denkmäler der Aelteren deutfchen Litteratur' III, 3 S. 127 ; geliums in Italien, der fich mit Haft auf all die Probleme
verweifen. wirft, mit welchen der nordifche Proteftantismus fchon

j^je] q Kawerau abgefchloffen hatte. So erklärt fich, wie Ochino noch

einmal auf die FYage von der Polygamie zurückgreifen
konnte, die einft den deutfchen Reformatoren fo viel
Benrath, Karl, Bernardino Ochino von Siena. Ein Beitrag Leid bereitet und über den Proteftantismus die fchwcrften
zur Gefchichte der Reformation. Mit Original-Doku- Gefahren durch die Schuld Philipp's von Heffen herauf-
menten, Porträt und Schriftprobe. 2. verb. Aufl. Braun- befchworen hatte. Hätte Ochino jene Zeit felbft in
fchweig, Schwetfchke & Sohn, 1892. (XII, 323 S. Peutfchland mit durchlebt er hätte die Polygamie nicht
B' J 0 J in jener mattherzigen Weife abgewiefen, wie fie dem

gr. 8.J M. 7. 1 feurigen Italiener bei feinem rednerifchen Pathos gar nicht

Im Jahr 1875 war die erfte Auflage diefer gehalt- 1 entfprach und das Aergernifs begreiflich macht, das die
vollen Monographie als die volle reife Frucht eingehen- Kataftrophe in Zürich über den betagten Mann herbei-
der Studien des Verfaffers in Italien erfchienen. Die Ge- j führte. Das harte Verfahren der Züricher entfchuldigt
diegenheit der Arbeit Benrath's beweift fich darin, dafs j fich beim Blick auf die Schmach, welche Philipp von
er für die zweite Auflage wefentliche, tiefer eingreifende j Heffen und Huldreich Neobulus in katholifchen Kreifen
Aenderungen nicht nöthig hatte. Wohl hat er z. B. die j über den Proteftantismus gebracht hatten. Die Verkleinen
Ausheilungen, welche G. Plitt in diefem Blatt fchiedenheit der Entwicklungsftufe des Geifteslebens er-
(1876. Sp. 345) bei der Befprechung der erften Auflage er- , klärt es, dafs Ochino in den Kreifen, in welche er nach
hoben, berückfichtigt, hat verfchiedene Stellen geftrichen, feiner Flucht eintrat, nicht den befriedigenden und blei-
befonders nicht wefentlich nothwendige Stücke der Aus- 1 benden Anfchlufs fand, den man ihm hätte wünfchen
züge aus Ochino's Schriften. Aber die Gefammtauffaffung mögen. Ochino's Beifpiel dürfte für alle Zeiten lehrreich
und Schilderung Ochino's, feines Lebens, feines Charak- ■ fein und vor Enttäufchungen bewahren, wenn man die
ters, feiner bis ins Innerfte hinein ergreifenden wechfel- Verpflanzung von Elementen einer jungen evangclifchen
vollen Schickfale ift diefelbe geblieben. Trotzdem darf Bewegung in die alten Gebiete des Proteftantismus nicht
die neue Auflage fich mit Recht eine verbefferte nennen, ohne Weiteres als Förderungsmittel betrachtet. Zum vol-
Die Zahl der Originaldocumente ift von 18 auf 24 ge- len gegenfeitigen Verftändnifs gehört eine gewiffe Gleichbracht
. Ueberall hat Benrath feine Ueberfetzung aus artigkeit des geiftigen Niveaus.

Ochino's Schriften nachgeprüft und z. B. S. 79 dem 1 Aber Benrath's Ochino ift nicht nur ein lehrreiches
Schlufsabfchnitt der heben Dialoge ftatt ,mein Gelübde' ! Buch, fondern auch ein tröftliches Buch. Lange Zeit war
die gewifs einzig richtige Ueberfchrift: ,Mein letzter Wille' es ein Glaubenfatz der Anthropologen, dafs der Proteftan-
gegeben. Allenthalben begegnet der Lefer kleinen neu tismus in Italien und Spanien keine Ausfichten habe,
eingefügten Strichen in dem Gefchichtsbild, z. B. S. 13 Man wufste den romanifchen Volkscharakter oder auch
u. 15 über das Verhältnifs des Cardinais Quinones und das Klima als abfolute Hindernifse geltend zu machen,
der Victoria Colonna zum Kapuzinerorden, über den und die Ultramontanen freuten fich darüber. Dagegen
Mailänder Prediger Giulio, der feinen Glauben abfchwor, fteht Ochino mit dem ganzen Kreife feiner italienifchen
S. 92, über Ochino's Reife nach Deutfchland, S. Iii. Glaubensgenoffen als Zeuge auf. Hat es vor 300 Jahren
über feinen Verkehr mit den Predigern in Laufanne und eine tiefgehende evangelifche Bewegung in Italien ge-
Neuenburg, S. 144, feine Anftellung in Augsburg und geben, die bis hinauf in die höchften Kreife und bis
feine Verehlichung, S. 16b, den Aufenthalt in Bafel, S. 170, hinter die Kloftermauern drang, fo ift ihre Wiederkehr
feine Beziehung zu England nach feinem Abgang von nicht ausgefchloffen. Aber fo viel fcheint das Werk Ben-
Fingland, S. 225, die Züricher Verhandlungen über Ochi- rath's zu zeigen, dafs der Proteftantismus auf italifchem
no's Aeufserungen über die Polygamie, S. 251fr. Das Boden fich eigenartig entwickeln mufs, wenn er lebens-
bibliographifche Verzeichnifs von Ochino's Schriften ift fähig fein, wenn er der italienifchen Volksart ganz
neu geprüft und ergänzt und die feit dem Jahr 1875 er- entfprechen foll. Der Proteftantismus in feiner lutheri-
fchienene einfehlägige Literatur benützt. F"ür die Bedeu- fchen und reformirten Ausgeftaltung mag dabei immer-
tung des Buches {bricht fchon die Zahl der Ueberfetzun- hin befruchtend wirken, aber weder Wittenberg noch