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Ausgabe:

1893 Nr. 8

Spalte:

208-209

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Freimann, Jac.

Titel/Untertitel:

Beiträge zur Geschichte der Bibelexegese. 1. Hft. Des Gregorius Abulfarag, gen. Bar-Hebräus. Scholien zum Buche Daniel 1893

Rezensent:

Nestle, Eberhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 8.

208

unter anderem die erde Veröffentlichung der Protonice-
Legende verdanken, fich auch um diefen Schriftfteller
verdient gemacht (f. Stokes, im Journ. of the R. Soc.
of Antiquarics of Ireland, Nr. I. Vol. f. Fifth Series 1890,
p. 29 n. 16), natürlich auch Affemani in feinen verfchie-
denen Werken gebührende Rückficht auf ihn genommen,
fonft aber hat er wenig Aufmerkfamkeit gefunden, wie
beifpielsweife die obengenannte Proteftantifche Real-
Encyklopädie beweift. Um fo verdienftlicher ift es, dafs
er in diefem aus einer Inauguraldiffertation erwachfenen
Buch eine fo gründliche Bearbeitung erfahren hat. Der
erfte Theil (bis S. 18) handelt über fein Leben, feine
Schriften und feine Lehre auf Grund von Materialien,
die mit dem gröfsten Fleifs hauptfächlich in römifchen
Handfchriften gefammelt wurden, und bietet felbft dem
Kenner der fyrifchen Richen- und Literaturgeschichte
allerlei neues Detail, z. B. über die von Mofes benützte
Bibelüberfetzung, über die von ihm citirten Schriftfteller,
unter welchen Braun auch des Irenaus von Lyon Arm-
feligkeit der fälfchlich fo genannten Gnofis aufführt; —
im Text der Hdf. heifst es: Andronicus, Bifchof von
TVJflÄ (=pM5?), — die vielen von ihm verfafsten dogmatischen
, liturgifchen und anderen theologifchen und philosophischen
Werke. Von einem derfelben, feinem Buch
über die Seele, wird uns hier S. 29—130 eine hie und da
etwas verkürzende Ueberfetzung geboten, S. 132—161 find
21 fehr eingehende Anmerkungen oder Excurfe zu einzelnen
Punkten beigefügt. Der Verf. hat fich mit feinem
Buch um diefen Schriftfteller etwa dasfelbe Verdienft erworben
, wie Ryffel um den etwa 200 Jahre älteren Ara-
berbifchof Georg. Zum Theil find es diefelben Fragen,
die in beiden Werken zur Sprache kommen, z. B. die
neftorianifche Lehre vom Seelenfchlaf. Der erfte Theil
des Werks über die Seele ift mehr philofophifcher Art,
der zweite mehr theologifcher. An dem erften kann eine
Gefchichte der Philofophie, beziehungsweise Pfychologie
nicht vorübergehen, an dem zweiten nicht eine dogmen-
gefchichtliche Bearbeitung der Eschatologic. Wie fehr
die griechifche Philofophie im fernen Olfen hlingang
gefunden hatte, möge man daraus entnehmen, dafs Mofes
mit dem ftaarbehafteten kahlköpfigen Anytos und dem
plattnafigen und narbigen Melitos ebenfo exemplificirt,
wie daneben mit Adam, Eva, Seth, Petrus oder Paulus.
Die Ankläger des Sokrates, die heute vielen nicht mehr
bekannt fein werden, find ihm ganz geläufige Figuren.
Aus griechifcher Naturgefchichte nimmt er wohl auch die
Angabe, dafs Adler und Rebhühner ohne Waffer, Wefpen
ohne Luft leben können. Der ganze erfte Teil ift eine
Auseinanderfetzung mit der griechifchen Pfychologie,
auf die arabifche wird noch keine Rückficht genommen,
dagegen noch auf die manichäifche (S. 42). Seine Definition
der Seele in C. 15 ift die: ,eine lebende, unsterbliche
, intelligente, rationable (warum nicht: rationale?),
intelligirende, mit Erinnerung begabte, fich felbft bewegende
, leuchtende, dünne, reine, mit Urteil begabte, un-
lichtbare Subftanz, die mit dem Körper verbunden, einmal
von ihm getrennt und dann unzertrennlich wieder
mit ihm vereinigt wird'. Dies wird dann nach allen einzelnen
Bestimmungen genau durchgeführt. Der biblifch-
theologifche Sprachgebrauch wird genau analyfirt. Gleich
das erfte Capitel geht davon aus, dafs das Wort OS5 in
der Bibel viererlei Bedeutungen habe, dann noch 3 bei
den Philofophen (die vegetative, animalifche und vernünftige
Lebenskraft). Capitel 31 unterfucht, ob mit den
Ausdrücken Nus, Pfyche und Pneuma 3 oder 2 Kräfte
bezeichnet werden oder nur eine, und führt die einzelnen
Autoritäten auf. C. 22 handelt über die Frühgeburten,
c. 23. 24 über den Creatianismus auf Grund von Zach.
12, 1. Beim männlichen Kind bildet fich die Seele in
40, beim weiblichen in 80 Tagen, wobei von Lev. 12,
2—5, und Ex. 21, 22 ein intereffanter Gebrauch gemacht
wird. C. 37 über Seelenwanderung, c. 40 Ebenbild Gottes,
c. 41 dafs die Todten von den für (ie dargebrachten

Opfern einen Nutzen haben. S. 107 wird 8, 42 der Apo-
ftol. Constitutionen als Kanon des Paulus citirt. Bei
verderbten Stellen des nur in einer Hdf. erhaltenen Textes
wird der Wortlaut des Originals in den Anmerkungen mit-
getheilt; den ganzen Text abzudrucken war dem Herausgeber
nicht möglich. Man kann fich aber offenbar überall
auf fein Verftändnifs des Textes verlaffen. Warum aber
S. 142 unten ,uber den tj'BS' u. S. 144 und fonft ,aus
dem Scheol'? Möge der Verf. uns noch weitere derartige
Arbeiten schenken. Die fyrifche Literatur ift nicht nur
für das biblifche und urchriftliche Gebiet reich und
lohnend.

Tübingen. E. Neftle.

Freimann, Rabb. Dr. Jac, Beiträge zur Geschichte der
Bibelexegese. L Hft. Des Gregorius Abulfarag, gen.
Bar-Hebräus. Scholien zum Buche Daniel. Hrsg.,
überfetzt und mit Anmerkungen verfehen. Brünn,
Epftein & Co., 1892. (74 S. gr. 8.) M. 2. —

Ueber das grofse Scholienwerk zum A. u. N.T., das
Barhebräus im Jahre 1277 in 7 Monaten und 19 Tagen
gefchrieben und von dem in den letzten 30 Jahren nun
fchon 20 Autoren einzelne Theile veröffentlicht haben, f.
zuletzt 1892, Nr. 14. Hier erhalten wir die Scholien zu
Daniel, mit Phnfchlufs des canticum puerorum; die zu
Sufanna, Bei und Drache wurden bereits 1888 mit denen
zu Ruth von Heppner herausgegeben. Die vorliegende Veröffentlichung
ruht, wie die zuletzt befprochene, von Freimann
nicht genannte von Kaatz, auf fämmtlichen 4 in
Deutfchland bekannten Handfchriften; (ie unterfcheidet
fich von den bisherigen dadurch, dafs fie nicht blofs die
fyrifche Literatur bereichern, fondern auch einen Beitrag
zur Gefchichte der Bibelexegefe liefern will und daher
auch die Quellen angiebt, aus denen Barhebräus mittelbar
oder unmittelbar gefchöpft haben mag, fowie die
Anflehten neuerer Exegeten vergleicht. Dies ift mit ziemlich
gründlicher Kenntnifs in der exegetifchen Literatur
gefchehen; doch find einige der neueften Werke unerwähnt
geblieben. Ref. führt einige Notizen an.

Auch dem Barhebr. gilt Daniel als Sohn des Joja-
chin (Jechonja), während feine 3 Genoffen feine Oheime,
Söhne Jojakim's, find. Wegen feines Ausfehens wurde er
für einen Eunuchen gehalten; dazu war auf S. 26 Jef. 39,7
zu citiren. In dem Monarchienbild findet Barh. mit Ephräm
das babylonifche, medifche, perfifche und griechifche
Reich nebft denen der Diadochen. Belfazer findet feinen
Tod, als er über das Geficht erfchrocken nachts auf den
Gang hinaustrat und von den Palaltwächtern für einen
Attentäter gehalten wurde. Er war der jüngere Bruder,
nach andern wegen Jef. 27,7, der Sohn des Evilmero-
dach. Dafs Daniel nur 3mal täglich beten konnte, hatte
feinen Grund in der Ueberhäufung mit Staatsgefchäften.
Die 70 Jahrwochen find nicht von Cyrus, fondern vom
20. Jahr des Artaxerxes an zu rechnen und enden mit
dem 4. Jahr des Caligula, in welchem diefer das Götzenbild
im Tempel aufftellt. Die 46 Jahre des Tempelbaues (Joh.
2,20) enden im 6. Jahr des Darius Hyftafpis. Die 3 vor
Antiochus Epiphanes ausgeriffenen Hörner find Klein-

I Afien, Aegypten und Perfien. 11,17 die Frau dem
Alexander zu feinem, nicht zu ihrem Verderben ge
geben (Suffix anders vocalifirt). Zur Verdeutlichung der
70 Jahrwochen dient eine fehr eingehende chronolo-
gifche Tabelle von der Tempelzerftörung durch Nebu-
kadnezar im Jahr 4939 bis zu der durch Vefpafian 5585
(richtiger 5577, die erfte Zahi ift das Schlufsjahr Vefpa-
fian's). Der Anfang der Seleucidenrechnung wird 309 v.
Chr. angefetzt, die Kreuzigung im 19. Jahr des Tiberius.
Zu dem in der Einleitung Bemerkten kann Ref. beftätigen,
dafs genau diefe Tabelle, von J. S. Affemani überfetzt,
nach 3 anderen von Adam bis Mofes u. f. w. an dem

I dort angegebenen Orte fich findet (=Bd. XXIV der his-