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Ausgabe:

1893 Nr. 7

Spalte:

193-196

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reindell, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Doktor Wenzeslaus Linck aus Colditz 1483 - 1547. Nach gedruckten und ungedruckten Quellen dargestellt. 1. Teil: Bis zur reformatorischen Thätigkeit in Altenburg 1893

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung. 1893. Nr. 7.

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und Nördlingen und der Umgegend daheim waren, Friedrich
Reifer feine Heimath in Heilsbronn bei Ansbach und
Nürnberg hatte. Andererfeits wird man fragen dürfen,
wie weit etwa Franck durch feine Gattin Ottilie Behaim
mit den geiftigen Unterftrömungen in Nürnberg zufam-
menhängt. Unter den ,gottlofen Malern' in Nürnberg find j
die Behaime vertreten. Endlich aber dürfte fich aus Heg- j
ler's Einleitung zu feiner Schrift für die öfterreichifchen 1
und bayerifchen Forfcher die Nothwendigkeit ergeben, der
Frage kräftig nachzugehen, was Joh. Bünderlin oder rieh- 1
tiger Wunderl und Seb. Franck aus dem Dienft der
evangelifchen Kirche bei Wien und in Guftenfelden
hinausgetrieben. Eben noch hatte Franckais evangel. Früh-
meffer (Pfarrer war Franck nicht) bei der Kirchenvifitation [
1527 ein gutes Lob erhalten, wie fich aus den vom Re- |
ferenten veröffentlichten Vifitationsacten ergiebt.

1528 erfcheint er als Althammer naheftehend, deffen
Diallage er überletzt. Für den in Ansbach fehr einflufs- j
reichen Brenz zeigt Franck fein Leben lang volle Achtung
. Das Gefühl der Nichtbefriedigung von feiner Wirk-
famkeit in feiner Gemeinde erklärt den immerhin Barken
Abfland feines Standpunktes in der Diallage und in dem
Brief an Joh. Campanus nicht. Das Kreisarchiv in Nürnberg
birgt noch eine ganze Menge fchätzbaren refor-
mationsgefchichtlichen Materials, fo dafs die Hoffnung
nicht ausgefchloffen iR, in den Religionstomi der Jahre
152c;—31 ActenRücke zu finden, welche uns den Rarken,
heute noch nicht erklärten Wechfel in der Stellung
Franck's zu den religiöfen Fragen feiner Zeit aufhellen.
Wenn Hegler in der vom lateinifchen Original Althammers
manchmal Rark abweichenden Ueberfetzung der
Diallage durch Franck fchon da und dort Anfätze zu
Franck's fpäteren Anfchauungen findet, fo fcheint er hier
dem Ref. etwas zu fcharf gefehen zu haben. Denn meiR
find es doch nur formelle, das Original in derber Volks-
fprache wiedergebende Verfchiedenheiten, aus denen
fich nichts ableiten läfst. Franck ifl hier der jugendlich
begeiRerte Schüler Luther's.

Man wird fich durch die Umfiändlichkeiten, welche
dem Forfcher kraft der geltenden Vorfchriften auf den
bayrifchen Archiven begegnen, nicht abfehrecken laffen
dürfen, wenn auch Kolde's jüngR erhobene Klage einige
Berechtigung hat. Aber fo lange nicht allgemein in
Deutfchland unter dem Druck der öffentlichen Meinung
anerkannt iR, dafs die Archive in erRer Linie nicht fis-
califche Intereffen zu vertreten haben, fondern wiffen-
fchaftliche Anflalten find, läfst fich hier nicht viel ändern.
Wenn es auch dem zeitarmen Forfcher, der feiten lange
zuvor über feine Zeit verfügen kann, fchmerzlich iR, erR
Wochen lang vorher den GegenRand feiner Forfchung
den Archivbehörden kundgeben zu müffen, fo findet er
doch, wie Ref. aus Erfahrung weifs, freundliches Entgegenkommen
und UnterRützung.

Die DarRellungsweife Hegler's ifl gewandt, feine
Sprache frifch und aufbrechend. An originellen, die Sache
trefflich beleuchtenden Bildern (vgl. z. B. S. 3 das Bild
von der Fluth) Reht ihm ein an l ehnlicher Schatz zu Gebot
. Seine Charakteriflik der radicalen Richtungen, be-
fonders des Täuferthums und einzelner Vertreter jener
Richtung fpricht an. Kurz die ganze Schrift des jungen
Profeffors macht einen gewinnenden Eindruck. Ref. kann
lieh der Hoffnung nicht verfchliefsen, dafs von Hegler
noch eine Reihe Früchte feiner Forfchungen zur Ge-
fchichte der radicalen Richtung zu erwarten fein dürfte.
IR doch über manche wie Oswald Glait, den Eck auf
dem Reichstag zu Augsburg immer wieder verdächtigte,
wie über Joh. Odenbach noch das erfle Wort zu fagen.

Nabern. G. Boffert.

Reindell, Dr. Wilh., Doktor Wenzeslaus Linck aus Colditz
1483—1547. Nach gedruckten u. ungedruckten Quellen
dargeflellt. I.Teil: Bis zur reformatorifchen Thätigkeit

in Altenburg. Mit Bikinis und einem Anhang, enthaltend
die zugehörigen Documenta Linckiana 1485—1522.
Marburg, Ehrhardt, 1892. (XIV, 289 S. gr. 8.) M. 4. 50.

Der Verfaffer hat fich 1890 durch eine methodifch gut
gearbeitete und von der Kritik mit verdientem Beifall
aufgenommene Studie über die Beziehungen Luther's zu
Crotus und Hutten unter die Mitarbeiter auf reforma-
tionsgefchichtlichem Gebiet vortheilhaft eingeführt. Eine
Monographie über Luther's Ordensbruder, Freund und
Arbeitsgenoffen W. Linck, der fich eine Sammelausgabe
der Schriften desfelben (mit UnterRützung des Rathes
der Stadt Colditz) anfchliefsen foll, liegt als nächffe
Frucht feiner Studien zunächfl in ihrem 1. Theile jetzt
vor uns. Linck hatte bisher eine wiffenfehaftlichen Anforderungen
genügende Biographie weder durch Cafel-
mann (1863) noch durch die Auffätze gefunden, welche
Bendixen 1887 in Z. f. kirchl. Wiffenfch. u. Leb. veröffentlicht
hatte. Reindell geht auf Grund umfaffender Vor-
Rudien an die Arbeit: in der weitfehichtigen Literatur hat
er fich gründlich umgefehen; eigeneForfchungen auf Bibliotheken
und Archiven haben ihn ein zwar feinen Hoffnungen
nicht voll entfprechendes, aber doch erhebliche
Bereicherung bietendes Material auffinden laffen. Seine
Arbeit geht durchweg auf die Quellen felbff — und das
mit felbfiändigem Urtheil — zurück, Reht daher der
trüben Tradition, wie fie Berichte fecundärer Art gebildet
hatten, durchaus frei und mit klarem Blick gegenüber.
So hat denn feine Darflellung den Werth, durchaus
felbfländig aus den Quellen gefchöpft und nicht nur
Gefichertes, fondern auch mancherlei Neues zu bieten.
So wird die Jugendgefchichte durch den Nachweis des
Datums feiner Immatriculation in Leipzig auf einmal von
vielen unficheren Ueberlieferungen und Combinationen
befreit, feine Stellung und Wirkfamkeit im Augufliner-
orden, feine Beziehungen zu Luther und zu den Gedanken
der Reformation, die Tendenz der Befchlüffe des
Auguflinerconvents in Grimma u. dgl. m. werden in Tauberer
Forfchung ermittelt und dargelegt. Wenn ich, trotz
diefes Lobes, der Reindell'fchen Arbeit auch einige kri-
tifche Bemerkungen mit auf den Weg geben mufs, fo
betreffen diefe nur zum geringeren Ttieile jene fachlichen
Fragezeichen oder Einwendungen, wie fie der Fachgenoffe
dem Fachgenoffen als fein kritifches Scherfiein darreicht.
Es fehlt auch an folchen nicht völlig. Ich bedauere vor
Allem, dafs R. betreffs des wichtigen Briefes Bugen-
hagen's oder richtiger Melanchthon's an Linck, den CR
I 894 unbegreiflicher Weife in's Jahr 1527 gefetzt hat,
nicht erkannt hat, dafs er in'sj. 1521, in den Beginn der
Reformbewegungen unter den Wittenberger Auguffinern
gehört;1) unzweifelhaft würde er dann die Wichtigkeit
desfelben für die Ermittelung der inneren Stellung Linck's
zu den Tagesfragen erkannt, aber auch wohl bemerkt
haben, dafs feine Zeichnung diefer Stellung zu Melanchthon
's Urtheil, das aus feinem Zuruf an Linck ,aliquando
assuesce Deum plus quam homines timere1 (vgl. auch vorher
: ,sine has cogitationes et ad te redf) hervorleuchtet,
nicht völlig paffen will. Er hat fich da ein wichtiges
zeitgenöffifches Document aus den kritifchen Tagen der
inneren Entwicklung Linck's entgehen laffen. Ich notire
ferner die Uebertreibung, die er mit Kolde's richtiger
Bemerkung, dafs der Auguflinerorden fich befonders
durch Pflege der Predigtkunfl verdient gemacht habe,
S. 40 f. vornimmt. Seine Ausführungen werden hier
geradezu zum Zerrbilde der thatfächlichen Verhältnifse;
er vergleiche mit feiner Schilderung des Predigtmangels
etwa Cruel, Gefch. der deutfeh. Predigt im MA § 51.
Ich mache darauf aufmerkfam, dafs zu S. 161 die Anmerkungen
92 und 93 offenbar durch eine Verwirrung
im Concept an falfche Stelle gerathen find; denn die
angezogenen Quellenffellen paffen nicht zum Text. Sti-

1) Vgl. Weimarer Lutherausg. VIII, 404.