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Ausgabe:

1892

Spalte:

170

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Aus den Lebenserfahrungen eines Siebzigers 1892

Rezensent:

Kühn, Bernhard

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Tög Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 6. 170

Propheten bezeugten Heilswahrheit auf das chriftliche
Glaubensleben fortgeführt. Dafs der Verf. alle Fragen
der Kritik vermieden hat, wird ihm niemand verdenken.
Aber durch jene unmittelbare Anwendung des Worts
wird der Anfchein erweckt, als fei der hergebrachten
Schriftauffaffung ohne weiteres rechtzugeben. Ja, es
wird jene .Gemeindeorthodoxie' begünfbgt, welche den
rechten Gebrauch und das volle Verftändnifs des Schriftworts
erfchwert. Ob es z. B. nothwendig war, bei Cap. 11
darauf aufmerkfam zu machen, dafs Matth. 27, 6—8 von
einer Weisfagung des Jeremias geredet wird, ift uns
zweifelhaft, aber die Erklärung, dafs der Prophet Sacharja
die Verkündigung des Jeremias aufgenommen und feine
Weisfagung ausgebildet hat, ift fehr fraglich. Das, worauf
es dem Matthäus ankam, hat eben Jeremias gefagt und
nicht Sacharja. Aber der Schlufs: ,fo dürfen wir einen
Gedächtnifsirrthum des Evangeliften gewifs nicht annehmen
', ift hier fo überflüffig, wie er an fich bedenklich
ift. Die Brauchbarkeit des Buches für die Gemeinde
würde gewonnen haben, wenn der Text jedesmal, vielleicht
nach einer revidirten Ueberfetzung, der Betrachtung
beigegeben, und wenn die einzelnen Betrachtungen
noch mehr, als es gefchehen, unter fich in Zufammenhang
gefetzt wären. Ein anderer Ausgangspunkt und Anfang
der biblifchen Betrachtung, als der im Text gegebene,
ift nur für die Predigt, nicht für die Bibelftunde rathfam

Halle a/S. A. Wächtler.

,ins Gnadenmeer zu fpringen'. Das Wörtchen ,mal' lälst
fich wohl in jeder Rede und oft mehr als zehn Mal aufweifen
. Sehr unvermittelt treten auch bisweilen ,das
gläferne Meer', ,die goldene Harfe', ,die goldenen Thore
und Strafsen Jerufalems' u. f. w. auf in den aufseror-
dentlich häufigen, lebendigen, concreten Schilderungen
der ,FVeuden der unfichtbaren Welt'. Gefammteindruck:
mit brennendem, religiöfem Empfinden und eindringlicher
Beredtfamkeit ift manche unfehöne Eigenart und
ftarke Einfeitigkeit verknüpft. Ob diefe in gewiffen Kreisen
des Niederrheins beliebte Art der Ausfprache über chriftliche
Dinge unferer Zeit befonders frommt, wage ich zu
bezweifeln.

St. Goar a/Rh. O. Everling.

Seeg er, weil. Paft. Karl, Ich preise deine Gerechtigkeit

allein ! Predigten und Schriftbetrachtungen. Auf Wun feh
von Freunden gefammelt und nach dem Kirchenjahr
geordnet, hrsg. von Paft. O. Seeger. Neukirchen b.
Moers, Buchhandlg. des Erziehungsvereins, (1890). (III,
677 m. Bild. gr. 8.) M. 4.— ; geb. in Leinw. M.
5-30; in Halbfrz. M. 6.— ; mit Goldfehn. M. 6.50.

Die 62 Predigten bzw. Schriftbetrachtungen, welche
zum gröfsten Theil fchon früher in Sonntagsblättern und
dem kleinen Werke Jefus und die Samariterin' gedruckt
waren, hat der Bruder des Verfaffers gefammelt und
mit einem Lebensbild des Entfchlafenen herausgegeben.
Mit gemifchten Empfindungen habe ich den umfangreichen
Band gelefen. Nach meiner Auffaffung vom Wefen
des evangelifchen Cultus und der Gemeindepredigt
müfste ich entfehiedenen Einfpruch erheben gegen diefe

Predigtweife, wenn nicht der Umftand, dafs kein Auf- j gemacht, es folgen fich im Gegentheü zwei verwandte

Aus den Lebenserfahrungen eines Siebzigers. Gotha, F. A.
Perthes, 1891. (VII, 199 S. 8.) M. 3. —

Das Buch nimmt fich aus wie eine fpäter veranftal-
tete Sammlung geiftreicher Zeitungsplaudereien, nur find
die einzelnen Artikel, deren hier 71 zufammengeftellt
find, wohl nie vorher im Druck erfchienen, fondern find
allmählich auf Notizblättern entftanden. Die Hauptfache
ift für uns, dafs die Lebens- und Weltanfchauung, aus
welcher heraus alle diefe Urtheile genoffen find, eine
durchaus chriftliche ift: die Nothwendigkeit der Glaubensgrundlage
und des Glaubenszieles für ein menfehliches
Dafein, das einen Sinn haben und zu irgend welcher
dauernden Befriedigung gereichen foll, ift überall vorausgefetzt
. Nur hat der Verfaffer jedwede ausführliche
Befprechung religiöfer Fragen, fo gut wie jede im engeren
Sinne wiffenfehaftliche Erörterung ausgefchloffen, da
für die grofsen Schlachtfelder des Glaubens und Wiffens
feine geiftige Rüftung unzureichend fei, wie er im Nachworte
fagt. Da nun, was man nach dem Titel vorausfetzen
könnte, irgend welche Erlebnifse, abgefehen von
ein paar gelegentlich verwertheten Begegnungen, auch
nicht erzählt werden, fo ftellt fich das Ganze dar als
eine Sammlung von längeren und kürzeren Betrachtungen
über das menfehliche Leben nach feiner leiblichen,
geiftigen und fittlichen Bethätigung, wie fie ein ziemlich
belefener, fehr verftändiger und durch die Umrtände
mehr auf ein innerliches Leben hingewiefener Greis aus
den gebildeten Ständen gelegentlich angeftellt und dem
Papiere anvertraut hat. Zu fyftematifcher Behandlung
und Anordnung ift nicht einmal der geringfte Verfuch

fchlufs im Einzelnen darüber gegeben wird, ob man es j Gegenftände in diefem Buche nur dann aufeinander,
mit Zeitungsartikeln oder wirklich gehaltenen Predigten ! wenn fie zufällig auch bei der Gedankenaudienz des
zu thun hat, die Beurtheilung erfchwerte. Jedenfalls ift die j Verfaffers hinter einander herkamen; dann folgt wieder
cultifche Rede principiell als Beftimmungsrede, Er- I das, was ihm am nächften Tage, oder wenn fonft er in

weckungspredigt gefafst, auch die Schriftbetrachtungen,
foweit fie von den eigentlichen Predigten überhaupt zu
unterfcheiden find, haben einen bewufst rednerifchen, auftürmenden
, den .Durchbruch der Gnade' bezweckenden
Charakter. Eine folche Geftaltung der Predigt kann
nach meiner Ueberzeugung dazu führen, felbftverftänd-
lich unbeabfichtigt, der feiernden Gemeinde Stätte und
Stunde der gemeinfamen Anbetung zu rauben, und fie
fleht im Gegenfatz zu dem feit Schleiermacher fich
durchfetzenden, rechten Verftändnifs der Gemeindepredigt
. Jedoch diefer principielle Widerfpruch hindert mich
nicht, bei dem Verfaffer eine ungemein wirkungsvolle,
faft möchte ich fagen, plaftifch geftaltende Rednergabe
anzuerkennen und aus feinen Aeufserungen den Pulsfchlag
eines tieferregten, religiöfen Lebens herauszufühlen. Nur
verbindet fich mit diefen Vorzügen wieder eine auffallende
Behandlung der deutfehen Sprache. Es findet fich
eine derartige Fülle unpaffender Bilder und Redensarten,
dafs man unfehwer eine halbe Spalte mit folchen anfüllen
kann, die jedem geläuterten Gefchmack widerfpre-
chen. Zudem werden die Lieblingskraftausdrücke wiederholt
. Ich weifs nicht, wie oft er feine Zuhörer heifst

Schreibelaune war, gerade eingefallen ift. Und der Gedankeninhalt
der verfchiedenen Betrachtungen ift durch
Ueberfchriften ungefähr vergleichbar denJean-Paul'fchen
Capitelüberfchriften in lauter einzelnen Vocabeln angekündigt
. In den Kreis feiner Erörterungen hat der Verfaffer
alles Mögliche aus dem häuslich en und öffentlichen
Arbeits- und Leidensleben gezogen und hat manch
gutes Wort über Erziehung, vernünftige Lebensweife
und gefunde Lebensauffaffung anderen Büchern entlehnt
und aus feinem Eigenen hinzugethan. Freilich fonderlich
in die Tiefe gehen diefe Betrachtungen nicht, und namentlich
bedauern wir, dafs an vielen Stellen, wo vom Leiden
die Rede ift, der chriftliche Standpunkt durch einen
mehr philofophifchen verdrängt ift. Immerhin ift das
Buch fehr lefenswerth und wird in unferem Zeitalter,
wo man gewohnt ift, geiftige Genüffe brockenweife zu
fich zu nehmen, auch Freunde genug finden.

Dresden. Dr. phil. B. Kühn.