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Ausgabe:

1892

Spalte:

167

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Popp, Herm.

Titel/Untertitel:

Der Glaube eine Illusion 1892

Rezensent:

Reischle, Max

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 6.

168

Verfländnifs hat für gefchichtliche und proteftantifche
Aufgaben, Liebe für den Rhein und evangelifche Gemeinden
, wird dem warmherzigen Chroniften für feine
mühevolle Arbeit dankbar fein.

St. Goar a.Rh. O. Everling.

Popp, Herrn., Der Glaube eine Illusion. Leipzig, Elifcher
Nachf., 1891. (76 S. gr. 8.) M. 1. —

,Es ift nicht der Zweck der Schrift, was man glaubt,
fondern den Glauben an fich zu kritifiren' (S. 48). Die
vier Capitel, in welchen der Verf. diefes Werk vollbringt,
tragen die Ueberfchriften: Der Glaube als Cerebralfunction
; das Wefen des Glaubens eine Illufion; das
Glück und der Werth des Glaubens eine Illufion; was
befreit uns von diefer Illufion ? — Vom Geift und Stil der
Schrift mögen folgende Proben einen Eindruck geben.
,Eine Einigung fcheitert immer wieder an den Tendenzen
der — Glaubenspartei, weil diefelbe mit Forderungen
an das Cerebralfyftem herantritt, die ein Denkorgan des
modernen Culturmenfchen nicht zu erfüllen im Stande
ift, falls derfelbe noch einige Befonnenheit befitzt' (S. 6).
,Warum läfst fich aber der Menfch diefe Dogmen aufreden
? Wer im [!] Schopenhauer (W. a. W. und V. B. II)
das Capitel über das metaphyfifche Bedürfnifs im Men-
fchen gelefen hat, wird nicht mehr fo fragen, deshalb
möge jeder zu diefem Zweck fich mit dem geiftvollen
Elaborat bekannt machen. Die Darlegung und Begründung
des Hanges nach Metaphyfik, wie es Schopenhauer
thut [!], zeigt uns deutlich, wie man durch den Glauben
diefen Hang zu befriedigen trachtet' (S. 26). Aber ,es
ift leichter, ein neutral daftehendes Menfchengehirn als
feft gläubig zu dreffiren, ehe [!] man Jemand, der dem
Glauben entronnen ift, wieder unweigerlich auf denfelben
zurückfchleudern kann' (S. 24). ,Nur zu gut erkannten
die Verkünder der Offenbarung, welchen Werth der Glaube
für fie habe, wenn alle Menfchen gläubig, d. h. willenlos
fich von ihnen dirigiren liefsen. Werthvoll und glücklich
war der Glaube nur für fie und ihre herrfchfüchtigen
Tendenzen, aber nicht für die Menge' (S. 67). — Auf
Jefum fehr zutreffend!

Stuttgart. Max Reifchle.

Hiickstädt, Paft. prim. Dr. Ernft, Die Gotteskindschaft

oder: Der Menfchen Erlöfung — Gottes Verklärung.
Anklam, A. Schmidt, 1891. (IX, 238 S. gr. 8.) M. 2. 60;
geb. M. 3. —; in Callico M. 3. 50; in Prachtbd. M. 4.—

Nach dem Titel erwartet man eine Darlegung über
Urfprung, Wefen etc. der Gotteskindfchaft. Aber der
Verfaffer will der Gemeinde eine gröfsere Bekanntfchaft
mit der chriftlichen Lehre vermitteln, damit fie gegenüber
der mit grofsem Selbftbewufstfein auftretenden
Weltweisheit nicht der nothwendigen geiftigen und geift-
lichen Waffenrüftung entbehre. Der ,naturahftifchen Anthropologie
' fallen fo viele zum Opfer, weil die Un-
kenntnifs in religiöfen Dingen fo grofs ift, und weil die
Gleichgiltigkeit überhand nimmt. Erft in Chrifto gewinnt
der Menfch ,das Bewufstfein von feiner hohen
Würde und feines herrlichen Zieles, und in diefem Bewufstfein
ift er gefeit gegen die Welt und ihre beftrick-
enden Lehren'. So gern wir diefer letzten Ausfage zu-
ftimmen, fo wenig verfprechen wir uns davon für den
Kampf gegen die naturaliftifche Anthropologie. Der
Begriff der Gotteskindfchaft hat aber in der Anthropologie
, auch in der chriftlichen, feinen Platz überhaupt
nicht. Höchftens läfst fich hier die Möglichkeit der
Gotteskindfchaft erörtern. Wenn aber ein ganzes Buch
über die Gotteskindfchaft mit diefer apologetifchen Tendenz
gefchrieben wird, fo ift eine Vermifchung völlig
verfchiedener Aufgaben unausbleiblich. Noch weniger
können wir uns mit der Art und Weife einverftanden

erklären, wie der Verf. die Gotteskindfchaft zur Dar-
ftellung bringt. Gegenüber den erwähnten Schäden unferer
Zeit fieht der Verf. die im Johannes-Evangelium überlieferten
,Herrenworte mit doppeltem Amen' als befon-
ders heilkräftige Zeugnifse der Wahrheit an: ,Wenn das
nicht wahr ift und gewifs, was in folch aufsergewöhn-
licher Weife von der ewigen Wahrheit als unerfchütter-
lich und unverbrüchlich bekräftigt worden ift, dann giebt
es fchlechterdings für den Menfchen nichts feftes und
gewiffes'. Die Hauptftellen, in welchen diefes doppelte
Amen vorkommt, werden in zwölf Betrachtungen ausgelegt
und auf die Schäden unferer Zeit angewendet.
Nach dem Verf. find die erften fechs ,mehr lehrhaft und
offenbaren uns, dafs wir dem Herrn ähnlich fein werden
in metaphyfifcher Beziehung, feinem Wefen und feiner
Herrlichkeit nach; die andern fechs fordern, dafs wir
ihm auch in ethifcher Beziehung ähnlich werden follen'.
Auf diefe Weife wird alles, was über die Gotteskindfchaft
zu fagen ift, und noch einiges andere unter diefe
zwölf Ausfprüche untergebracht, und der Verf. braucht
zum Schlufs nur eine kürzere Betrachtung über das
ewige Leben und die ewige Seligkeit der Kinder Gottes
anzufügen, dann umfaffen jene Stellen im Joh.-Ev. die
ganze Lehre von der Gotteskindfchaft. Es fehlt nur
noch, dafs der Verf. uns auf Grund diefer wunderbaren
Entdeckung eine Theorie über die wunderbare Zufam-
menfetzung des Evangeliums gegeben hätte. Wie foll
man dem gegenüber die Klage des Verf.'s über diejenigen
, welche berufen find, das neue Leben in den
Gliedern des Leibes Chrifti zu pflegen (S. 43), verftehen,
,dafs fie das Leben zu geben meinen in den heiligen
Schriften, in der überlieferten Schriftgelehrfamkeit'; wie
feinen Hinweis auf den Tadel des Herrn gegen die Führer
feines Volkes, ,dafs fie das wahre, gottgefällige Leben
nach äufserlichen Normen, ftatt nach dem ihm eigenen,
inneren Gefetz fich entwickeln und bethätigen laffen' ?
Die Sprache entbehrt vielfach der Klarheit und Durch-
fichtigkeit; der Verfaffer liebt es, die Ausdrücke zu
häufen, fehr fchwierige Sätze zu bilden, durch Reminis-
cenzen und Citate auch fernliegende Dinge heranzuziehen
. Auch dafs die Darlegung unterbrochen wird
durch häufige Anrede an die Lefer und an ,die lieben
Brüder im Amt', gereicht ihr nicht zum Vortheil. Der
Verleger hat an die Schrift noch einen Bogen voll
Bücherempfehlungen angebunden, unter diefen findet fich
auch zu Nutz und Frommen der Lefer eine Befprechung
der vorliegenden. Die Sache ift fchon zu oft getadelt
worden, als dafs wir es noch einmal verfuchen möchten.
Aber wenn der Beurtheiler, welcher fich ,Clericus' nennt,
erklärt: ,kaum hat mich je ein Buch fo befriedigt als
diefes' — fo fürchten wir, dafs nicht viele Lefer diefes
Gefühl mit ihm theilen werden.

Halle a/S. A. Wächtler.

Haehnelt, Superint. überpfr. Wilh., Um den Abend wird
es licht sein. Der Prophet Sacharja., in 14 Betrachtungen
für die Gemeinde ausgelegt, nebft einem poe-
tifchen Anhang. Leipzig, Fr. Richter, 1891. (VII,
140 S. 8.) M. 2. —

Es ift ein höchft dankenswerthes Unternehmen, die
Gemeinde mit ganzen biblifchen Büchern, zumal mit den
prophetifchen Schriften bekannt zu machen. Beffer als
die Predigt eignet fich hierzu die Bibelftunde. Aus
folchen find die vorliegenden Betrachtungen hervorgegangen
; jede derfelben umfafst eins der 14 Capitel des
Sacharja. In einfacher, anfprechender Weife hebt der
Verf. aus jedem die Hauptgedanken heraus und weifs
die Auslegung der einzelnen Verfe gefchickt darum
zu gruppiren. Die Auslegung geht nicht mehr auf
Einzelnes ein, als zum Verfländnifs unerläfslich ift, und
wird leicht und fchnell zur Anwendung der von dem