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Ausgabe:

1892

Spalte:

165-166

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Knuth, G.

Titel/Untertitel:

Geschichte der Kirchengemeinde von St. Georgen zu Glaucha-Halle a. S 1892

Rezensent:

Wächtler, August

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find, und dafs fich auf fie auch bezieht, was Michael
Carnovianus in einem Briefe an Joh. Heffus vom J. 1534
von den Antwerpener Sucrmcri fagt. Jedenfalls waren
die Loiften keine Lutheraner und keine Wiedertäufer,
fondern .Libertiner', Freigeifter; in einem Actenftücke von

1544 werden fie Sadducäer genannt, weil fie nicht an die
Auferftehung der Todten glaubten. Ueber ihre fonftigen
Irrthümer giebt der Bericht bei Döllinger am vollftän-
digften Auffchlufs. Sittliche Verirrungen werden ihnen
nicht Schuld gegeben. 1526 wurden mit Loy neun feiner
Anhänger, darunter zwei Frauen, abgeurtheilt, 1544 und

1545 fechs enthauptet; einer, Dominicus van Oucle, der
Verfaffer der von den Loiften verbreiteten Schriftchen,
ftarb im Kerker durch Selbftmord; einige retteten (ich
durch Flucht. Alle auf die Secte bezüglichen Urkunden
find im zweiten Theile der Schrift abgedruckt; im erften
Theile wird forgfältig zufammengeftellt, was fich daraus
über fie ermitteln läfst. In den Urkunden finden fich
auch einige Notizen über David Joris und fein boeck
van den wondere (S. 24. 27. 29 u. f. w.) und über den
Buchdrucker Jacob van Liesveit (S. 48). Unter den In-
quifitoren, die 1526 fungirten, befindet lieh auch der bekannte
Löwener Theologe Ruardus Tapper.

Bonn. F. H. Reufch.

Knuth, Pfr. G., Geschichte der Kirchengemeinde von St.
Georgen zu Glaucha-Halle a. S., auf Grund urkundlicher
Quellen dargeftellt. Halle a/S., Buchhandlg. des Wai-
fenhaufes, 1891. (VIII, 252 S. m. 2 Abbildgn. 8.)
M. 2. —

Der Verfaffer hat mehrere Jahre lang in dem Kirchl.
Anzeiger für leine Gemeinde Studien über deren Ge-
fchichte veröffentlicht. Diefe Artikel find in der vorliegenden
Schrift zu einem Ganzen verbunden und bilden
nun eine zuiümmenhängende Gefchichte der Kirchengemeinde
von St. Georgen. Von den älteften Nachrichten
über den Ort an bis zu dem gegenwärtigen Zuftande
der Gemeinde werden die bemerkenswerthen Ereignifse
in gefchichtlicher Zeitfolge vorgetragen. Dafs nicht alle
Vorgänge und Perfonen gleichmäfsig eingehend und ausführlich
behandelt werden, wird feinen Grund in der
Verfchiedenheit des im Pfarrarchiv vorhandenen Stoffs
haben. Auf diefen hat der Verf. fich anfeheinend ge-
fliffentlich befchränkt. Dadurch ift manches, was für die
Gemeinde nicht unwichtig ift, zu kurz gekommen, z. B.
die Entwicklung der Reformation in Halle, wobei (S. 27)
die Gefchichte der Serviten unrichtig angegeben, auch
(S. 28) überfehen ift, dafs die Kirche von St. Ulrich fchon
1541 einen evangelifchen Prediger bekam. Irreführend ift
die Bemerkung, dafs Plütfchau und Ziegenbalg von
Francke zum Miffionsberuf vorbereitet feien. Der Ent-
ftehung des Buches aus jenen erwähnten Artikeln — wir
haben in früheren Artikeln die Vermuthung ausgefpro-
chen, heifst es S. 41 — ift es wohl zuzufchreiben, dafs
gewiffe Einzelheiten wiederholt erwähnt werden. Von
A. H. Francke verfichert der Verf. dreimal, dafs er nur
zwei Kirchenlieder gedichtet (S. 108. 126. 132), obwohl
mehr von ihm bekannt find, und Freylinghaufen in feinem
Gefangbuch drei mittheilt, während allerdings im
hallifchen und im fächfifchen Provinzial-Gefangbuch nur
zwei flehen. Auch die zweimalige Angabe über die
frühere Schule in Glaucha (S. HO u. 203) ift ungenau.
Von der Gefchichte der St. Georgengemeinde kann der
Verf. mit Recht fagen, dafs fie die Theilnahme der
ganzen evang. Kirche verdient. Man möchte zu dem,
was geboten wird, gern noch einige nähere Mittheilungen
über das Leben der Gemeinde, über ihre Theilnahme
an den kirchlichen Vorgängen und über die
Veränderungen in ihrer kirchlichen Verfaffung haben.
Die Gefchichte der Kirchengemeinde wird faft zu fehr
als Gefchichte des Pfarramts und feiner Träger behandelt
, ift aber auch als folche ein werthvoller und dan-
kenswerther Beitrag zur hallifchen und zur evangelifchen
Kirchengefchichte.

Halle a/S. A. Wächtler.

Theile, Pfr. Karl, Bilder aus der Chronik Bacharachs und
seiner Thäler. Ein Stück rheinifcher Orts- und Kirchengefchichte
. Gotha, F. A. Perthes, 1891. (VII, 152
S. gr. 8.) M. 2.—

An den fchönften Punkten des Rheinthaies grüfsen
aus den vorwiegend proteftantifchen Städtchen St. Goar
und Bacharach prächtige, gothifche Kirchen den Wanderer
. Die beiden evangelifchen Gotteshäufer werden eben
jetzt erneuert. Zur Wiederherftellung der Bacharacher Peterskirche
follen auch die vorliegenden .Bilder' ein Scherflein
einbringen. Sie haben aber ihren Werth in fich; in anziehender
, theilweife erhabener Sprache laffen fie ,faft zwei
Jahrtaufende deutfeher Vergangenheit, deren Wellen-
fchlag dies kleine Fleckchen rheinifcher Erde gefpürt,
an dem finnenden Geift vorüberziehen'. Die Bedeutung
folcher Ortsgefchichten weifs die hiftorifche Wiffenfchaft
zu würdigen. Der Pfarrer als Verfaffer wird naturgemäfs
die Kirchengefchichte in der Ortsgefchichte befonders
hervorheben, er wird auch an feine Gemeindegliederais
Lefer denken und hier und da weiter ausholen, die
allgemeinen Begebenheiten breiter vortragen, als für
die Specialarbeit unbedingt erforderlich ift. Beides ift
hier gefchehen, aber deshalb wird das fleifsig gearbeitete
Buch doch auch dem Hiftoriker willkommen fein ;
denn es bietet zu einer forgfältigen Benutzung der vorhandenen
Litteratur felbftändige, auf archivalifchen Studien
beruhende Forfchungen. Wir erwähnen nur die
intereffante Schilderung des ,Glockenfimultaneums' mit
feinen faft zweihundertjährigen Streitigkeiten (S.98—108),
die trefflichen Mittheilungen ,aus dem reformirten Gemeindeleben
' (S. I09—130). Statt einzelner, geringfügiger,
kritifchcr Einwendungen geben wir einen kurzen Ueber-
blick über den reichen Inhalt des frifch gefchriebenen
Werkes. Nach einer ,ftimmungsvollen' Einleitung berichtet
der Verfaffer im erften Theile (S. 7—40) ,aus dem
Mittelalter' 1. ,Kurköln und das St. Andreasftift 1094—
1558' ,Stahleck und Pfalzgrafen', 2. ,Entfaltung des Kir-
chenthums', ein höchft feffelndes, .echtes Stück mittelalterlicher
Kirchenherrlichkeit', 3. Eine altdeutfche Stadt
und ihr Weinmarkt, 4. ,die „freyen Thäle" in Recht und
Sitte'. ,Es ift wie fernes Glockenläuten einer untergegangenen
Welt, das aus den verwitterten Steinen und vergilbten
Pergamenten uns wunderfam umtönt'. Der zweite Theil
(S.43—136) giebt zunächft ,Allgemeines über Entftehung
und Bedeutung der Reformation' und die .evangelifchen
Anfänge in Bacharach' (1546 von St. Goar aus). Sodann
ziehen die pfälzifchen Kurfürften der verfchiedenen
Linien mit dem mehrfachen Confeffionswechfel und
deffen Folgen vor unferem Auge vorüber. Wir erleben
die Schreckensjahre des dreifsigjährigen Krieges,
die Schamlofigkeiten der franzöfifchen .Pfalzvergiftung',
blicken tief in das Gemeindeleben hinein und finden,
dafs ,die preufsifchen Thäler' .unter den mächtigen
Schwingen des Adlers der Hohenzollern gut wohnen,
beffer noch als unter dem kurpfälzifchen Löwen'. ,So
gliedert fich die Gefchichte der Bacharacher Gemeinde
in drei deutliche Abfchnitte. Zuerft erblüht fie nach dem
Sturm und Drang der Reformationsbewegung zu jenem
altreformirten Gemeindeleben, deffen Träger ein Crufta-
rius ift; fodann geht fie zurück unter dem wiederholten
Druck gewaltfamer Gegenreformation römifcher Ordensleute
im Bund mit Spaniern und FYanzofen fowie den
eigenen Landesherren, um fich fchliefslich unter preufsi-
fchem Schirm im Frieden zu bauen als evangelifche Gemeinde
der Gegenwart'. — Nachträge, Pfarrerverzeich-
nifs und Litteraturnachweis bilden den Schlufs. — Wer