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Ausgabe:

1892

Spalte:

142-143

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Riggenbach, Bernhard

Titel/Untertitel:

Jesus nimmt die Sünder an. Predigten. 2., verm. Aufl 1892

Rezensent:

Hans, Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 5.

bei der fo ebenmäfsigen Dispofition der Eftomihi-Predigt
über 1 Kor. 13 die Ankündigung von Theil 1 die von
Theil 2 fammt den zugehörigen Textesverfen einfchliefse.
Die aus Gott geborene Liebe, die gröfste aller Chriften-
gaben und Chriftentugenden 1) fo grofs ift der Werth
der Liebe; 2) fo grofs ift der Segen der Liebe; 3) fo
grofs ift die Dauer der Liebe. Weniger formfchön, aber
richtiger, auch ganz der Ausführung entfprechend wäre
wohl: 1) fie ift ganz unentbehrlich, 2) wirkt überaus
fegensvoll 3) und höret nimmer auf. Eine ähnliche Bemerkung
fei bezüglich der fchönen Partition der ganz
vortrefflichen Predigt auf Cantate über Jac. 1, 13—18
geftattet. Zu dem Thema: der apoftolifche Zuruf: Irret
nicht bei der Frage über das Woher und Wohin der
Sunde — bildet der Verfaffer nach Mafsgabe der Sache
und des Textes vollkommen richtig die Theile: 1) ihr
Herd: das Herz des Menfchen; 2) ihr Ende: Nacht und
Grauen; 3) ihre Ueberwindung: die rettende Gnade
Gottes. Der Paffung des Thema's entfpräche wohl noch
genauer: 1) nicht über das Woher a) fie hat ihre Quelle
nicht in Gott, b) fondern ihren Herd im menfchlichen
Herzen; 2) nicht über das Wohin a) fie endet, wenn fie
vollendet wird, mit dem Tode; b) fie foll enden, indem fie
überwunden wird durch die Gnade Gottes. Doch
das find rein formale und im Vergleich mit den Verfehlungen
Anderer, und zwar auch tüchtiger, in diefem
Stücke — unbedeutende Ungenauigkeiten. Bei weitem
die meiften Dispofitionen des Verf.'s aber erfcheinen, je
länger man fie betrachtet, defto mehr in jeder Beziehung
mufterhaft. Als Beifpiel fei geftattet die beiden Themata
anzuführen: ,das feine Chriftenherz — das Gelieim-
nifs der feinen Sitte und des guten Tones' am 6. nach
Epiph. über Rom 12, 14—21; und ,die Bewährung der
ewigen Wahrheit nicht auf dem Wege eines halben
Gamalielrathes, fondern auf dem Wege einer ganzen
Apoftelthat', am 5. nach Trinitatis über Apoftelgefch.
5, 34—42; endlich wenigftens eine ganze Dispofition
über 1 Kor. 15, 50—67 aufQuafim.: die heilige Chriften-
hoffnung auf das Odern der himmlifchen Gemeinde 1) ihr
Ziel — die Welt der Verklärung; 2) ihr Grund — der
üfterfieg des Herrn'.

Die Texte werden mit Vermeidung aller unerbaulichen
exegetifchen Erörterungen fehr fruchtbar verwer-
thet. Als Beifpiel bündiger und treffender Zufammen-
faffung des Textinhaltes im Verlaufe einer Predigt berichten
wir aus der erwähnten für Cantate die Bemerkung:
der Text enthalte in feinen beiden Hälften die Geburts-
gefchichte der Sünde und die Geburtsgefchichte des
göttlichen Lebens. Derfelben Predigt entnehmen wir
S. 220 die nach Inhalt und Form ausgezeichnet fchön
gefchilderte Entwickelung der Sünde: ,Sie gleicht dem
heranziehenden Wetter, das erft leichte, weifse Wolken
voranfchickt, die eilend dahinziehen in flüchtigen Gedanken
und' dann zu dunklem, fchwarzem Gewölk fich
verdichten, bis nach einem Augenblick der Bangigkeit,
wo der Seele unheimlich fchwül ift, die Blitze vernichtend
herniederfallen und die zerftörenden Kräfte losbrechen
, und wie die Schneeflocke, die von der Berges-
fpitze hoch oben fich loslöft, zu furchtbarer Macht an-
wächft und als Lawine' u. f. w. . . .

Unfere abfchliefsende Zufammenfaffung lautet: diefe
inhaltreichen, formfchönen Predigten mit ihrem gefunden
, gereiften theologifchen Urtheile und ihrer grofsen
religiöfen Wärme, welcher mannigfaltiges, gründliches
Wiffen zur Seite fteht, werden ebenfowohl fcharf denkende
Männer als feinfühlende Frauen befriedigen. Jeder
ernfte Chrift wird fich an ihnen erbauen und zwar um
fo mehr, je anhaltender er fich mit innigem Heilsverlangen
und klarem Verftändnifse für die Nöthen der Zeit
in diefelben vertieft. Dem fie fludirenden Theologen
wird die Erkenntnifs der homiletifchen Meifterfchaft
noch einen befonderen hohen Genufs gewähren.
Friedberg. Diegel.

1. Riggenbach, Prof. Pfr. Lic. Dr. Beruh., Jesus nimmt
die Sünder an. Predigten. 2. verm. Aufl. Bafel, R.
Reich, 1891. (296 S. 8.) M. 2. 40.

2. Stockmeyer, Antiftes Dr. Imman., Die Bergpredigt
Jesu Christi, ausgelegt in 35 Predigten. Bafel, R. Reich,
1891. (339 S. 8.) M. 3. -

Zwei Predigtfammlungen, die aus derfelben Stadt
flammen, in gleichem Verlage erfchienen und äufserlich
ganz ähnlich ausgeftattet find, die aber auch innerlich,
bei mancher Verfchiedenheit, nicht geringe Aehnlichkeit
mit einander haben. Beide Prediger führen eine einfache
, auch dem fchlichten Mann aus dem Volke ver-
ftändliche Sprache, fie legen wenig Gewicht auf eine
kunftvolle Form, fie wenden wenig oder gar keinen
Schmuck der Rede an, es liegt ihnen lediglich daran,
einen lebendigen Eindruck auf Herz und Gewiffen zu
machen, der Grundton ihrer Ausführungen ift faft durchweg
ein feelforgerlicher. Es find keine ,grofsen' Predigten
, die fie uns bieten, es ift nichts Glänzendes ünd
Blendendes daran, es find keine rhetorifchen Meifter-
werke, aber es find warme Zeugnifse chriftlichen Hirten-
finnes. Auch der Standpunkt der beiden Männer fcheint
ziemlich derfelbe zu fein. Es ift der einer milden Orthodoxie
, die am kirchlichen Dogma fefthält, aber
immer den religiöfen Kern desfelben in den Vordergrund
ftellt.

Die Riggenbach'fche Sammlung enthält 32 Predigten
über meift freie, doch zum gröfsten Theil aus den
Evangelien gewählte Texte. Wie aus dem Vorwort
hervorgeht, das fich gleicher Kürze wie die Predigten
felbft befleifsigt, ift die zweite Auflage gegenüber der
erften um zwölf Nummern bereichert worden. Einige
Nummern waren früher auch fchon einzeln oder in
Zeitfchriften gedruckt. Nach welchem Princip die
Reihenfolge geordnet ift, habe ich nicht zu erkennen
vermocht. Eine Traurede und eine Antrittspredigt in
der Strafanftalt finden fich mitten unter den übrigen
Predigten. Jede Predigt hat eine kurze Ueberfchrift, die
aber nicht immer gerade in diefer F"orm als Thema angegeben
wird; überhaupt wird das Thema feiten fcharf
markirt und noch weniger die Eintheilung, die zuweilen
leife angedeutet, zuweilen aber auch gar nicht im voraus
mitgetheilt wird. Eine Ausnahme macht u. a. die
Predigt über den unfruchtbaren Feigenbaum, der folgende
Dispofition vorausgeftellt ift: ,Auch uns gilt des
Heilands Befchreibung: Du bift ein Feigenbaum, gepflanzt
in einen Weinberg; auch uns gilt des Heilands
Anklage: Ich fuchte Frucht und fand fie nicht; auch
uns gilt des Heilands Bitte: Herr, lafs ihn noch dies
Jahr; auch uns gilt des Heilands Drohung: Wo nicht,
fo haue ihn darnach ab'.

Stockmeyer giebt in 35 Predigten eine Auslegung
der ganzen Bergpredigt nach Matthäus. Nur V. 27 und
28, 31 und 32, VI, 9—15 find weggelaffen. Warum,
wird nicht gefagt. Doch erklärt fich das Letztere daraus,
dafs die Predigten über das Vaterunfer fchon früher ge-
fondert gedruckt wurden. Angedeutet wird es freilich
mit keinem Wort. Von VI, 7 und 8 wird einfach auf
VI, 16—18 übergefprungen, und in der 21. Predigt lieft
man fogar: ,Nun fahen wir bei Betrachtung der fünften
Bitte des Unfer Vater u. f. w.', ohne dafs gefagt wäre,
dafs und warum diefe Rückverweifung auf die gegenwärtige
Sammlung nicht pafst.

Gehalten find die Predigten wahrfcheinlich im fonn-
täghchen Hauptgottesdicnft, und wir fehen darans, dafs
es die reformirte Kirche immer noch liebt, zufammen-
hängende Schriftabfchnitte in demfelben zu behandeln.
Etwas willkürlich klingt es allerdings, wenn die Textwahl
lediglich mit den Worten angekündigt wird: ,Wir
wollen in unferen Betrachtungen über das Leben 'und
die Briefe des Apoftels Paulus eine Unterbrechung