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Ausgabe:

1892

Spalte:

109-113

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bertrand, Ernest

Titel/Untertitel:

Une nouvelle conception de la Rédemption. La doctrine de la justification et de la réconciliation dans le système théologique de Ritschl 1892

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literatur

zeitung. 1892. Nr. 4.

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bes, — alle diefe Ausfagen des Apoftolicums haben vom
Standpunkte der evangelifchen Heilserfahrung eine Vertiefung
oder Vergeiftigung erfahren, welche den religiö-
fen Kern aus der zeitgefchichtlichen Hülle mit Pietät
und Gefchick loslöft und den bleibenden Gehalt der
,zwölf Artikel' diefes Symbols zu retten und zu verthei-
digen fucht. Uiefe praktifche Umfchreibung hat es dem
Verfaffer auch ermöglicht, die einem evangelifch-pro-
teftantifchen Bewufstfein fo empfindlichen Lücken des
Bekenntnifses im Geifte reformatorifcher Frömmigkeit zu
ergänzen und das altkatholifche Denkmal auf die Höhe
chriftlich-evangelifchen Glaubens zu erheben. Wer die
Berechtigung eines folchen Verfahrens zugiebt — und
bewufst oder unbewufst wird es jedenfalls von allen
Gliedern der evangelifchen Kirche geübt — wird fich an
der Wärme des religiöfen Gefühls und an der Schönheit
der gewählten Sprache erfreuen und das Büchlein nicht
ohne Belehrung und Erbauung fchliefsen. Dafs auf dem
von dem Verfaffer eingefchlagenen Wege höchftens der
liturgifche Gebrauch des Symbols gerechtfertigt, nicht
aber die dogmatifche Autorität des zum Glaubensgefetz
mifsbrauchten Bekenntnifses begründet werden kann,
verfteht fich von felbft. Unter diefem einer weiteren Erläuterung
nicht bedürftigen Vorbehalt, können wir der
Behauptung Furrer's nur zuftimmen, ,dafs recht verftan-
den auch heute noch das alte Glaubenbekenntnifs der
abendländifchen Kirche von Allen, welche etwas vom
Leben Jefu Chrifti in fich aufgenommen haben, als Wahrheit
anerkannt werden mufs' (S. 3—4).

Strafsburg i/E. P. Lobflein.

Bertrand, Dr. Ernest, Une nouvelle conception de la
Redemption. La doctrine de fa justification et de la re-
conciliation dans le Systeme theologique de Ritschi.

Paris, Fischbacher, 1891. (505 S. gr. 8.) M. 6. —

Eine umfangreiche, ftattliche Doctordiffertation über
das theologifche Syftem Ritfchl's. Zur Erklärung desfel-
ben dürfte unter den franzöfifch redenden Proteftanten
kaum ein Theologe beffer befähigt und gründlicher vorbereitet
gewefen fein, als der Verfaffer diefes Buches.
Ein längerer Aufenthalt in Göttingen und ein perfönlicher
Verkehr mit Ritfehl, von welchem B. manches zu erzählen
weifs, hatten ihm zunächft die Anregung zu in-
tereffanten Studien über den Göttinger Theologen gegeben
{La theologie d'Albert Ritscld in der Revue theologique
von Montauban, 1885, Heft III—IV; Quid de
peccato Albertus Ritschelius setiscnt, 1888); von diefen
Vorarbeiten ift er mit rüftigem Eifer zu einer Gefammt-
darftellung weiter gefchritten, in welcher er den vollen
Ertrag und die reife Frucht feiner Unterfuchungen gegeben
hat. Das Buch zerfällt in zwei Haupttheile.
Im erften entwickelt B. mit ftrenger Objectivität die
Grundgedanken der Lehre Ritfchl's (S. 25—141). Nach
einer allgemein orientirenden Einleitung (teilt B. die Erkenntnistheorie
und die dogmatifche Methode Ritfchl's
dar (S. 25—41); hierauf handelt er von den mit dem
Rechtfertigungsdogma enger zufammenhängenden Lehren
(Reich Gottes, Perfon Chrifti, Sünde, S. 42—74);
endlich entwickelt er Ritfchl's Begriff von der Rechtfertigung
und Verhöhnung, fowohl nach ihrer biblifch-theo-
logifchen Begründung (75—HO), als nach, ihrer reli-
giös-dogmatifchen Ausgeftaltung (1 Ii —145). — Diefe
ganze Darfteilung mufs als eine muftergiltige bezeichnet
werden. Es ift dem franzöfifchen Erklärer gelungen,
ein anerkannt fchwieriges und in eine fchwerfällige Form
eingehülltes Syftem mit einer Klarheit und einer Prä-
eifion zur Darftellung zu bringen, welche geradezu bewunderungswürdig
ift. Bertrand hat fich wohl gehütet,
feinen Autor einfach zu überfetzen; eine wörtliche Ueber-
fetzung aus einer Sprache in die andere hätte hier nur
Hörend und verwirrend wirken können; er hat fich durch

eine fo intenfive Vertiefung in die Gedankenwelt des
Verfaffers hineingelebt, dafs er im Stande war, das innerlich
Angeeignete zugleich frei und treu wiederzugeben
. Wer jemals einen derartigen Verfuch gemacht,
weifs am bellen, mit welchen Schwierigkeiten er verbunden
ift. Am fchwierigften ift fragelos ein folches
Unternehmen in Frankreich, wo bekanntlich in Bezug
auf Klarheit der Darfteilung und Eleganz der Form das
Publicum fehr hohe Anforderungen an einen Schrift-
fteller macht. Ich habe über Bertrand's Werk manches
Urtheil von Sachkundigen aus franzöfifch redenden Krei-
fen vernommen: über die Durchfichtigkeit und Fafslich-
keit feiner ftets einfachen und fachgemäfsen Darftellung
gab es nur eine Stimme. Ich füge hinzu, dafs die Genauigkeit
in der Wiedergabe des Ritfchl'fchen Syftems
jener Formvollendung durchaus entfpricht. Auch in
Deutfchland wird felbft ein mit der Theologie Ritfchl's
durchaus vertrauter Lefer diefe lichtvolle Reproduction
nicht ohne Gewinn lefen. Ref. hat Bertrand's Wiedergabe
der Ritfchl'fchen Theologie mit peinlichfter Sorgfalt
geprüft: nirgends find ihm Verftöfse begegnet; über
einzelne Stellen kann man fchwanken oder anderer Anficht
fein (S. 31. 32. 74. 76. 119. 121. 131. 134. 138 vgl.
489), aber auch in folchen Fällen ift Bertrand's Deutung
wohl erwogen und niemals unmotivirt. Bisweilen hat
der Franzofe auch auf die unter den deutfehen Erklärern
ftreitigen Punkte Klarheit zu verbreiten gewufst;
ich verweile z. B. auf das Referat über die der Gemeinde
zukommende Bedeutung (S. 129—138) oder auf
die principielle Beleuchtung der Erkenntnifstheorie
Ritfchl's (S. 25 f.). — Minder befriedigend ift m. E. der
zweite Theil (S. 149—501), welcher die Beurtheilung
des Syftems enthält und denfelben Gang einfehlägt als
der erfte. Der Verfaffer hat es verftanden, die unvermeidlichen
Wiederholungen auf das Minimum zu redu-
ciren. Das Unbefriedigende liegt hier keineswegs in der
an Ritfehl geübten Kritik (fie ift zum Teil nicht unberechtigt
), fondern in dem befremdenden Umftand, dafs
durch die gegen R. erhobenen Einwendungen und be
fonders durch die aus manchen Sätzen R.'s gezogenen
Confequcnzen fehr häufig der im erften Buch fo treffend
dargeftellte Zufammenhang verfchoben, der urfprüng-
liche Sinn und die wahre Meinung des Verfaffers verhüllt
, getrübt oder entftellt worden find. Bevor ich jedoch
diefes Urtheil durch Belege begründe, mufs auf
ein Doppeltes hingewiefen werden.

Erftens ift B. bemüht, feinem Gegner volle Gerechtigkeit
widerfahren zu laffen, und er fpendet ihm reiches
Lob und fehr weitgehende Anerkennung. Er rühmt nicht
nur im Allgemeinen feine gründliche Gelehrfamkeit und
feinen oft blendenden Scharffinn; er ift auch aufrichtig
entfchloffen, von Ritfehl zu lernen, und fcheut fich nicht,
dies dankbar zu bekennen. Er ftimmt der Ritfchl'fchen
Beurtheilung der natürlichen Theologie' in bedeutendem
Umfange zu (S. 162 f.); er billigt feine Stellung zur ln-
fpirationsfrage, und die Schlüffe, welche er aus dem
richtigen Verftändnifs des alten Teftaments bei den neu-
teftamcntlichen Schriften zu Gunften ihrer hlchtheit zieht
(S. 168f. 391); der Erkenntnifstheorie Ritfchl's, welche
er im Ganzen fchillernd und nicht widerfpruchlos findet,
fucht er richtige und fruchtbare Andeutungen abzugewinnen
(173—174); er freut fich der kräftigen Abfertigung
, welche bei Ritfehl der Pantheismus erfährt (178t.);
er giebt dem Beftreben Ritfchl's, dem Gedanken des
Gottesreiches die centrale Stelle im dogmatifchen Syftem
anzuweifen, ungefchwächten Beifall (S. 48. 183 f.); er
will, wie Ritfehl, die Bedeutung der Perfon Chrifti aus
feinem Heilswirken erfchliefsen, wobei er aber auf Grund
des Selbftzeugnifses Chrifti und der Lehren der Apoftel,
die Praeexiftenz des Sohnes Gottes feilzuhalten fich ge-
nöthigt fühlt (S. 183—223); mit Ritfehl findet er nur in
der chriftlichen Offenbarung den Mafsftab zur richtigen Beurtheilung
der Sünde (S.225); anderfonft fcharf und ftreng