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Ausgabe:

1892 Nr. 2

Spalte:

46-49

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Döllinger, Joh. Jos. Ign. v.

Titel/Untertitel:

Das Papstthum. Neubearbeitung von Janus ‘Der Papst und das Concil’ im Auftrage des inzwischen heimgegangenen Verfassers von J. Friedrich 1892

Rezensent:

Reusch, Franz Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 2.

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artige Notizen ftets den Charakter der Zufälligkeit und
Lückenhaftigkeit '). Eine allgemeinere Bemerkung aber
möge mir nicht verargt werden. In einem Punkte nämlich
habe ich mit der Art der Möller'fchen Darfteilung
mich gar nicht befreunden können, und diefer
eine Punkt macht in diefem Bande dem Umfange des
Stoffes entfprechend fich noch mehr bemerkbar als im
erften: es ift die Art der Dispofition. Sie ift wefentlich
doch die alte, bislang in allen Lehrbüchern geübte
fchematifche Zerfchneidung des Stoffes jeder Periode in
eine Reihe paralleler Längsfchnitte, welche den Lefer
nur zu oft nöthigt, fich darein zu finden, dafs zwifchen
zweien einander folgenden Paragraphen eine Kluft befeft-
igt ift, die kein vermittelnder Gedanke überbrückt. So
verbreitet diefe Methode des Disponirens ift, fo fcheint
es mir dennoch gänzlich zweifellos zu fein, dafs fie für
gefchichtliche Darftellung nicht die richtige ift; denn fie
giebt dem, der die Dinge noch nicht kennt, das Bild
auch der wichtigften Periode, auch der bedeutendften
Perfönlichkeit faft ftets nur in Bruchtheilen, die auf einem
weiten, durch einander fernftehende Paragraphen abge-
fteckten Felde zufammengelefen werden müffen. Und
wenn eine Erwähnung eines erft fpäter fälligen Stoffes
dennoch fchon früher nicht vermieden werden kann, fo ift
der, welcher über eigene Kenntnifse noch nicht verfügt, gezwungen
, einftweilen mit Unbekannten zu rechnen. So
wird z. B. von Möller bei Eugen III. (S. 257) der hl.
Bernhard erwähnt, aber was er feiner Zeit bedeutete, erfährt
man erft fpäter, und doch ift Eugen III. unvoll-
ftändig charakterifirt, wenn man nicht erkennt, dafs er von
Bernhard in den Schatten geftellt wurde. In ähnlicher
Weife find S. 272 die Ritterorden, S. 311 die Cifter-
zienfer, S. 318 ff. die grofsen Scholaftiker, S. 461 ff. die
Brüder und Schwertern des freien Geiftes als bekannte
Gröfsen eingeführt, während erft fpäter von ihnen gehandelt
wird, und die Beifpiele diefer Art liefsen leicht
fich häufen. Am auffälligften find die Mifsftände diefer
fchematifchen Art des Disponirens vielleicht S. 469 ff.
und 477 ff.; denn hier wird zu erft von dem Schisma, den
Reformconcilien und den Päpften diefer Zeit gehandelt,
danach von ,den gefteigerten kirchlichen Mifsbräuchen
unter dem Schisma'. Man fagt allgemein und mit Recht,
die Gefchichtsfchreibung fei eine Kunft. Wo aber hat
fich die Richtigkeit diefer Behauptung mehr zu bewähren,
als in der Dispofition? Wie ein Novellift oder ein Dramatiker
verpflichtet ift, feinen Stoff ,künftlerifch' fo zu grup-

1) Nur anmerkungsweife und beifpielsweife notire ich Einzelnes. Zu
S. 11; nicht nur Bifchöfen, fondern allen Briedern war die Verheirathung mit
Nicht-Jungfrauen verboten (can. apost. 18 bezw. 17; vgl. can. Neocaesar.
von 314 Nr. 3 und 7). Ulfila's Tod darf nicht mit Waitz in das Jahr
388 gefetzt werden (S. 28), wenn mit Philoflorgius feine Weihe durch
Euieb von Nicomedien (t 341) behauptet und als fein Geburtsjahr 311
angegeben wird (S. 27), denn nach Auxentius ftarb Ulfilas 70 Jahr alt, 40 1
Jahr nach feiner Weihe. Gregor v. Tours (S. 65) ftarb 594, nicht 595.
Zu Haimo (S. 183) wäre Ilauck KG. Deutfchlands II, 597 zu beachten
gewefen. Gegen die Richtigkeit der S. 339 verwertheten Uh 1 horn'fchen j
Ausführungen über die Laienbrüder in den Klöftern hat fchon Weiz- j
fäcker (in diefer Zeitung 1885 Sp. 352) Zweifel geäufsert; das Clerikal-
werden vieler Mönche (vgl. Möller S. 315 f.), nicht die Aufnahme von
Laien war das Neue; übrigens bedarf die Sache m. E. dringend einer
monographifchen Unterfuchung. Auch die Dominikaner hatten fratres
illitcraä (S. 401). Nicht Elias v. Cortona war von 1227—1230 General- j
minifter (S. 399), Johannes Parens folgte dem hl. Franz (1227—1232),
dann Silas (1232—1239). Cream war nie Ordensprovinzial (S. 457; vgl. j
K. Müller Art. Occam in der Allg. deutfehen Biographie). Ecckehart's |
Heimath (S. 459) war Hochheim bei Gotha (vgl. Denifle, Archiv V, 349 ff).
— Die S. 12 angeführte Differtation von Schenk ift S. 7 mit der zweiten
Hälfte ihres Titels citirt. Bonifatius war nicht ,der lateinifche Name' Win-
frid's; m ei n e andersartige Erklärung des Namens (Zeitfchr. für K G. 1882
S. 623 ff.) ift von Hauck zwar überfehen, aber doch fo vielfach angenommen
(z. B. von Wattenbach, Gefchichtsquellen 5. Aufl. I, 126),
dafs ich auf fie verweifen darf. S. 361 hätten Schwabe's Studien zur
Gefchichte des zweiten Abendmahlsflreites 1887 (vgl. GGA. 1888 S.
561 ff.) benutzt werden müffen. S. 366 wäre Stölzle's Auffatz im Hifto-
rifchen Jahrbuch 1890 S. 673 fchon zu verwenden gewefen (vgl. jetzt die
Ausgabe des tractatus de unitale et trinitate divina von demfelben.
Freiburg 1891). Zu S. 348 und 442 vgl. Knöpfler, die Ordensregel der
Tempelherren (Hill. Jahrbuch 1887, S. 666 ff.).

piren, dafs der Lefer nie fich für unvollftändig unterrichtet
halten kann; wie er genöthigt ift, bald hier bald da
einmal einen neuen Faden aufzunehmen, je nachdem es
die Rückficht auf die Verftändlichkeit der Situation for-
; dert; wie er bald complicirte, perfonenreiche Scenen
geben mufs, in denen viele Fäden feiner Erzählung zugleich
weitergefponnen werden, bald in Monologen oder
Dialogen nur eine Reihe des Gefchehens weiterführt:
fo, meine ich, mufs auch der Gefchichtsfchreiber verfahren
; gleich jenen mufs er fich beftreben, ftets voll-
ftändige Bilder zu geben, die Perfonen nie einfeitig charakterifirt
auftreten zu laffen. Allgemeine, fchematifche
Regeln darüber laffen fich gar nicht geben, es wird auch
ftets dem individuellen Gefchmack und Gefchick ein weiter
Spielraum übrig bleiben. Das aber kann man doch hoffen,
dafs unfere allgemeine Kirchengefchichte, wenn fie das
Ziel derartiger ,künftlerifcher' Dispofition nur erft einmal
ins Auge fafst, doch durch gemeinfame Arbeit zu
Nutz ihrer Verftändlichkeit von manchen Velleitäten der
jetzigen Art der Dispofition befreit werden wird. Wie
viel verftändlicher wird z. B. die Miffionsgefchichte werden,
wenn fie in dem engen Zufammenhang mit der Reichs-
gefchichte, in dem fie fteht, auch in der Darftellung belaffen
wird! Wie viel klarer wird die gefchichtliche Stellung
eines Nikolaus I., wenn man fich bemüht, auch in der
allgemeinen Kirchengefchichte, ähnlich wie Hauck es in
feiner Kirchengefchichte Deutfchlands gethan hat, das
Werden einer kirchlichen Partei und die Entftehung der
Pfeudoifidorifchen Decretalen vor feinem Pontificat zu
erörtern. Ich wähle dies letztere Beifpiel, weil hier Möller
felbft, offenbar durch Hauck augeregt, in der angegebenen
Weife verfährt, und weil eine Vergleichung
diefer Abfchnitte z. B. mit denen über die Zeit des
Schisma's fehr deutlich zeigt, wie viel die Darftellung
gewinnen würde, wenn die dort befolgte Art der Dispofition
ftets und confequenter.zur Anwendung gekommen
wäre.

Doch auch diefe Bemerkungen follen der aufrichtig-
ften dankbaren Freude über Möller's Buch keinen Abbruch
thun. Sie ändern nichts daran, dafs es weitaus
das befte Lehrbuch ift, das wir befitzen.

Von den feltenen, nur bei Eigennamen zuweilen
Hörenden nicht berichtigten Druckfehlern (S. 61 Jahn
ftatt Hahn; S. 149 u. 152 Kunft ftatt Knuft; S. 523
Gebhardi ftatt Gebhardt) würde ich nicht reden, hätten
nicht zwei mir eine ganz befondere Freude gemacht:
der .Engländer' (S. 73), von dem Aldebert feine Reliquien
erhielt, — er ift der ,angclus domini in specie hominis
", von dem Aldebert redete [epp. Bonifatii ed. Jaffe
Nr. 50 p. 139), und die ,auf phyfifchem Wege durch die
forcirte Ruhe der Nebelfchau' erzielte myft'ifche Ekftafe
der Omphalopfychen (S. 511).

Halle a/S. Friedrich Loofs.

Döllinger, I. von, Das Papstthum. Neubearbeitung von Janus
,Der Papft und das Concil' im Auftrage des inzwifchen
heimgegangenen Verfaffers von J. Friedrich. München
, C. H. Beck, 1892. (XIX, 579 S. gr 8.) M. 8. —;
geb. M. 9. 50.

Der erfte Theil diefes Bandes ift im Wefentlichen
ein Abdruck des Textes des 1869 von Döllinger unter
dem Namen Janus' herausgegebenen Buches (es wird
im Folgenden mit D. bezeichnet). Aber Friedrich hat deffen
Erörterungen in eine andere, fehr zweckmäfsige und über-
fichtliche Ordnung gebracht. Er hat fie auf vier Capi-
tel, die ältere Zeit (des Papftthums), die mittlere, die neuere
Zeit, die Gegenwart, vertheilt und jedes Capitel in
Paragraphen zerlegt. Die vier Paragraphen des 1. Capi-
tels enthalten das, was bei D. S. 67—81, 92—100,
82—91, 131—1^4 fteht (S. 11 ift die Note bei D. S.
XV eingereiht)." Im 2. Capitel enthalten $ 1 und 2 D.