Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1892 Nr. 2

Spalte:

43-46

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Möller, Wilh.

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der Kirchengeschichte. 2. Bd. Das Mittelalter 1892

Rezensent:

Loofs, Friedrich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

43

Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 2.

44

nifse nicht nachweifen können und vielleicht niemals
wiederfinden werden.

Kiel. Hugo Gering.

Möller, Prof. Dr. Wilh., Lehrbuch der Kirchengeschichte.

2. Bd. Das Mittelalter. Freiburg i. Br., J. C. B. Mohr,

1891. (XII, 560 S. gr. 8.) M. 12.—

Vorbemerkung d er Redaction. Noch ehe die nachfolgende,
vor längerer Zeit bereits eingefandte Befprechung zum Abdruck gebracht
werden konnte, ift Wilh. Möller am 8. Januar d. J. aus
diefem Leben abgerufen worden. Mit dem Schmerz über den Verlud
des trefflichen Mannes und liebenswürdigen Collegen verbindet
fich nun die Trauer darüber, dafs fein grofses Werk nicht von ihm
felbft zu Ende gebracht werden konnte.

Mit hoher Freude und mit herzlichem Dank hat
Harnack in diefer Zeitung (1889 Nr. 26) den erften Band
der Möller'fchen Kirchengefchichte angezeigt. Dem vorliegenden
zweiten Bande gebührt ebenfo freundliche Aufnahme
. Denn er theilt mit dem erften in vollftem Mafse
die von Harnack hervorgehobenen Vorzüge edelfter
Wahrheitsliebe, behutfamfter Gründlichkeit und grofser
Reichhaltigkeit. Dafs die kirchengefchichtliche Arbeit
ein gut Stück weitergekommen ift in den letzten beiden
Jahrzehnten, ift auch hier offenbar ; eine Vergleichung des
Möller'fchen Buches mit Hafe's Lehrbuch und Herzog
's Abrifs (vgl. diefe Zeitung 1891, Nr. 1) führt das
deutlich vor Augen, und felbft Kurtz's neuefte Auflage
(I, 2, II. Aufl. 1890) verräth mit Möller's Buch verglichen
, dafs ihre erfte Conception einer weitzurückliegenden
Zeit angehört.

Dennoch nimmt m. E. diefer zweite Band des
Möller'fchen Lehrbuches eine andere Stellung ein in der
kirchenhiitorifchen Literatur als der erfte. Er wird eher
überholt werden und veralten. Dies Urtheil ift nicht in
der Verfchiedenheit der Referenten begründet, und noch
viel weniger darin, dafs der Herr Verf. hier nicht mit
dem gleichen bewundernswerthen Fleifse gearbeitet hätte.
Im Gegentheil, die gleiche Sorgfalt ift hier von zweifellos
mühfamerer Arbeit begleitet gewefen. Aber eben
daran liegt es, dafs diefer zweite Band nicht in dem
Mafse wie der erfte den Eindruck einer vollendeten Zu-
fammenfaffung vieler Einzelarbeiten hervorruft. Freilich
giebt es auch in der alten Kirchengefchichte noch Aufgaben
genug für die Forfchung; doch fleht man dort
nirgends wie in einem Urwalde: das ganze Gebiet ift
kleiner und Spuren lichtender Arbeit trifft man wenigftens
unweit jedes Dickichts. In Bezug auf das Mittelalter gilt
das Gleiche höchftens für die Zeit bis zum Jahre ca. 1000
fowie für die Papftgefchichte der fpäteren Jahrhunderte
und für andere an das Arbeitsgebiet der Profanhiftoriker
grenzende Reviere. Wer wie Möller die Publicationen
des ,Archivs für Litteratur- und Kirchengefchichte des
Mittelalters' verfolgt, mufs auch ohne eigenes Stöbern
in den Bibliotheken lebhaft den Eindruck haben, dafs die
kirchengefchichtliche Arbeit für die Zeit des fpäteren
Mittelalters noch gewaltige Aufgaben vor fich hat, ehe
die Hauptwege als gebahnt gelten können. Erft jetzt beginnen
wir zu richtigerer Erkenntnifs der mittelalterlichen
Myftik zu kommen, erft jetzt hat uns K. Müller in Bezug
auf die Tertiarier der Bettelorden von lediglich traditionellen
, aber irrigen Vorftellungen befreit, und erft jetzt
haben betreffs der Reformen auf dem Gebiete des Mönchsthums
Ehrle, Denifle, Kolde's fchönes Buch über
die deutfehe Auguftinercongregation, Grube's Arbeiten
über Johannes Bufch u. a. uns wenigftens einen Theil
des Erkennbaren erkennen laffen. Diefe neueren Arbeiten
hat Möller natürlich forgfältigftverwerthet. Doch
fie werden für viele andere Gebiete das Fehlen gleicher
Pfadfinder ihm nur um fo empfindlicher fühlbar gemacht
haben. Der Abfchnitt z. B. über ,die zünftige Theologie
im Zeitalter des Schisma' und über ,die Theologie der

zweiten Hälfte des 15. Jahrh.' läfst deutlich erkennen,
dafs Werner's regiftrirende und referirende Arbeiten
über die fpätere Scholaftik nur Bäume befchrieben, nicht
Wege gebahnt haben; ja der erfte der genannten Ab-
fchnitte giebt unter voller klingendem Titel nur Mittheilungen
über die fog. Reformfreunde. Auch die Abfchnitte
über die grofsen Concilien zeigen, dafs der umfangreiche
und neuerdings immer noch gewachfene Stoff von der
Forfchung noch nicht wirklich verarbeitet ift; Möller
hat in fehr gerechtfertigter Scheu vor Aufnahme einzelner
bekannter Details fich hier verhältnifsmäfsig
fehr kurz gefafst. Doch ich will nicht weiter ausführen,
was wir auch hier in Möller's Lehrbuch noch nicht
haben ; das würde wie Undankbarkeit ausfehen gegenüber
der Sorgfalt, mit der M. auf Grund der Quellen
felbft dem bereits Erarbeiteten prüfend und fichtend nachgegangen
ift, und bahnbrechende neue Quellenftudien
wird kein Vernünftiger von einem Lehrbuch erwarten,
dafs die ganze Kirchengefchichte umfpannt. Nur Eines
möchte ich wenigftens berühren. Unfere kirchenhiftorifche
Tradition ift naturgemäfs an der deutfehen Kirchengefchichte
orientirt, und je umfangreicher der Stoff ift, defto
berechtigter ift es, wenn von der deutfehen Kircheng<_-
fehichtsfehreibung das Allgemeine in feiner deutfehen
Befonderung dargeftellt, die deutfehen Verhältnifse ausführlicher
erörtert werden. Doch erft dann ift dies völlig
unanfechtbar, wenn wir bewufst fpeeififeh Deutfehes als
folches hervorheben. Auch M. hat dies nicht immer ge-
than. ,Die Myftik' ift auch ihm für das 14. Jahrhundert
mit der fog. deutfehen Myftik fo gut wie abgethan; die
Sache liegt doch aber fo, dafs wir über die Erbauungsliteratur
der übrigen Länder noch nicht hinreichend
Befcheid wiffen. Ebenfo fleht es mit den partiellen
Reformbeftrebungen, welche dem Scheitern der allgemeinen
Kirchenreform folgten. Auch in Frankreich find Reform-
congregationen entftanden innerhalb verfchiedener Orden,
— wir müffen auch hier den Schein vermeiden, als gäbe
unfere Tradition die allgemeine Gefchichte. Vielleicht
am nöthigften ift diefe Vorficht in Bezug auf die Stellung
der Kirche im Staate. Die deutfehen Verhältnifse, welche
aus den in der Ottonenzeit gelegten Keimen im 13. Jahrhundert
hervorwuchfen, find zweifellos finguläre, und ich
glaube nicht, dafs unfere kirchengefchichtliche Tradition
das genügend zum Ausdruck bringt. Andererfeits haben
alle zum alten oder neuen Imperium gehörenden Gebiete
in diefem Punkte vieles gemeinfam gegenüber den Ver-
hältnifsen, die z. B. in Island Platz griffen. Der Traum
der Univerfalhiftoriker vor 100 Jahren von einer Uni-
verfalgefchichte, die alles, was in Algerien und in Sibirien
, was in China und was in Amerika paffirt, mit
gleicher Liebe umfafste, ift beim Erwachen ernfter
Forfchungsarbeit verflogen; auch die allgemeine Kirchengefchichte
mufs auf ähnliche Träume verzichten, ja felbft
das fcheint mir unnöthig, dafs man wenigftens Skizzen
aus allen Ländern bringe. Nicht das alfo ift gemeint,
dafs die Stellung der Bifchöfe in Frankreich, England,
den nordifchen Reichen und Island ebenfo ausführlich
dargelegt werde, als es für Deutfchland gefchieht. Doch
wenn die Forfchung weiter gekommen ift, werden in
den verfchiedenen Ländern die nationalen Verhältnifse
durch Hinweife auf diejenigen anderer Gebiete fchärfer
charakterifirt werden können, als es jetzt gefchieht, und
fchon jetzt, meine ich, find wir in der Lage, in diefer Richtung
mehr zu thun, als traditionell ift. Möller hat für die
Zeit des Inveftiturftreits folche Vergleichungen nicht unter-
laffen; für die fpätere Zeit fehlen fie, und bei der Refor-
mationsgefchichte wird dies Fehlen ftörend empfunden
werden können.

Auf Einzelheiten, in denen Möller's Darfteilung
angegriffen oder hie und da auch berichtigt werden
könnte, will ich mich hier ebenfo wenig einlaffen, als auf
Ergänzung der reichlichen Literaturangaben; denn gegenüber
der Stofffülle eines folchen Lehrbuches tragen der-