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Ausgabe:

1892 Nr. 22

Spalte:

553-556

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jäger, Adolf

Titel/Untertitel:

Die sociale Frage 1892

Rezensent:

Stamm, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 22.

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und Ifraels Lebensweisheit (§ 70—72) behandeln. Endlich
enthalten die fortlaufenden Anmerkungen unter dem
Texte theils eine genaue Angabe der für feine Begründung
erforderlichen biblifchen Citate, theils eine Menge
kurzer, im Unterrichte zweckmäfsig zu verwendender
Erklärungen. Die fechs Abbildungen im Text bilden
eine fehr fchätzenswerthe Zugabe.

Crefeld. F. R. Fay.

Jäger, Paff. Adf., Die sociale Frage. Ein Schlüffel zur
Prophetie des Neuen und des Alten Teflaments. I. Bd.
Neu-Ruppin, Petrenz, 1891. (X, 274 S. gr. 8.) M. 3.—
Jäger, Paft. Adf., Die sociale Frage im Licht der Offenbarung
, in der Geschichte der Völker und im Irrlicht der
Zeit. IL Bd. Neu-Ruppin, Petrenz, 1891. (VII, 295 S.
gr. 8.) M. 3.-
Es giebt ein ziemlich ficheres Anzeichen dafür, dafs
eine Idee zeitweilig die Geifter wirklich beherrfcht: in
diefem Fall laffen fich nämlich weder die Novelliflen,
noch die Apokalyptiker die Sache entgehen. Nun, der
focialen Frage haben fich die Novelliften längft bemächtigt
; in dem vorliegenden Buch thut dasfelbe ein Apokalyptiker
. An der Hand der Offenbarung, die Vers für
Vers durchgenommen wird, fucht der Verfaffer nachzu-
weifen, wie viele der Johanneifchen Vifionen fich in der
Gefchichte der chriftlichen Gefellfchaft bereits verwirklicht
haben. Ebenfo unternimmt er es, mit grofser Be-
ftimmtheit vorauszufagen, was nach Ausfage der Apoka-
lypfe dereinft gefchehen wird. So foll z. B. die Türken-
herrfchaft über Paläftina im Jahr 1898 aufhören, und die
Juden werdendann bekehrt in das heilige Land zurückziehen.
Da die meiften unter den Lefern voraussichtlich nach
6 Jahren noch am Leben find, fo können fie fich dann
felbft davon überzeugen, ob Herr Paftor Jäger das neu-
teftamentliche Prophetenwort richtig gedeutet hat. Weniger
gut wird fich die Vorausfagung bezüglich Rufslands
von dem jetzt lebenden Gefchlecht controliren laffen. Für
das Jahr 1928 wird nämlich der Anfang der griechifch-
rufüfehen Kaiferherrfchaft angefetzt. Die letzte deutfehe
Schutzherrfchaft über die Kirche geht erft viel fpäter zu
Grunde, im Jahr 2520. Zu dieferZeit fällt der vierte Reiter
auf dem Kreuzzug gegen das Königreich in Griechenland.
Im Jahr 2522 tritt dann der falfche Prophet auf, der den
Stolz des Siegers bis zu widergöttlicher Selbftanbetung
steigert. Die Eroberung Deutfchlands und damit die
griechifch-ruffifche Fremdherrfchaft vollendet fich anno
2528 durch den Tod der christlichen Patrioten. Von da
an herrfcht in Deutfchland bei allen Veränderungen im
obersten Regiment das Widerchristenthum bis zum Jahr
3188. Dreihundertundfünf Jahre fpäter erfolgt die Bekehrung
des deutfehen Volks, das dann gewürdigt wird,
zum taufendjährigen Reich aufzuerstehen 3493. Nach
Ablauf der 1000 Jahre ist die Zeit der Heiden um. Das
judenchristliche Reich in Palästina erlebt anno 3158 den
Greuel der Verwüstung, d. h. nicht den Untergang, wohl
aber die Verheerung des Landes. Dreifsig Jahre fpäter
beginnt die zweite christliche Periode des Volks. Die
Vollendungszeit Ifraels ist 4448. In diefem Jahre kommt
der Engel Michael in Gog und Magog über das abtrünnig
gewordene Volk. Was alfo für den einen Hauptträger
des Gottesreichs, für das deutfehe Volk, Rufsland ist, das
ist für den anderen Hauptträger, für Ifrael, Gog und
Magog. Beide, Rufsland wie Gog und Magog, find gerufen
und gestärkt durch das römifche Papstthum, den
Drachen. Im Jahre 4493 erfolgt die Wiederkunft Christi.

Das ilt die ,Chronologie des Reiches Gottes', die der
Verfaffer aus der Apokalypfe erheben zu können glaubt.
Neben diefer Chronologie aber hat die Offenbarung noch
einen anderen Zweck: die Löfung der focialen Frage.
,Sein gnadenreiches Kommen ilt das Ziel der vorliegen-

I den Offenbarung Jefu Christi. Das fchliefst aber nicht aus
fondern vielmehr ein, dafs durch die von ihm gelehrte
fociale Gerechtigkeit ihm die Bahn bereitet werde'. Die
ganze Entwicklung des Reichs Gottes auf Erden, Gericht
und Gnade, ift vermittelt durch die Handhabung der
focialen Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit; das wird
gezeigt im Rückblick auf die Vergangenheit fo gut wie
im Ausblick in die Zukunft. Als wirkfamltes Mittel zur
Erweifung der focialen Gerechtigkeit aber erfcheint die
Herabfetzung des Münzfufses oder die Verfchlechterung
der Münze, während die Erhöhung des Münzfufses oder
die Verfeinerung der Münze das Mittel ift, durch welches
: die fociale Ungerechtigkeit, die Bedrückung der Armen
zumal, verübt wird.

In einem Anhang zum erften Bande kommen noch
die Weisfagungen des Daniel und des Sacharja zur Befpre-
chung. Aus der Gefchichte des Elia und des Elifa, aus
i dem Buche Hiob und Tobias werden zahlreiche Typen an-
| geführt. ,Die Fruchtbarkeit des Landes und des Volkes
! ift an dem Behemoth des Hiob auf eine leicht verftänd-
liche Weife gefchildert'. ,Die ftolzen Schuppen des
Leviathan find die wirthfehaftlichen Zufammenhänge im
Dienfte des Mammon'. Der alte Tobias ift das Ifrael nach
dem Fleifch. Sein Weib ift die durch den Talmud verderbte
Lehre Ifraels. Der junge Tobias ift Ifrael nach
dem Geift. Sarah im Haufe Raguel's ift die deutfeh-
evangelifche Kirche, während die neidifche und fchmäh-
füchtige Magd im Haufe ihres Vaters die römifche
Kirche ift etc.

,Wie die fociale Frage ein Schlüffel zur Prophetie
des Alten und des Neuen Teftaments ift' — der Lefer
überzeugt fich aus den angeführten Proben leicht davon,
ob das der Fall ift — ,fo ift das Wort Gottes umgekehrt
auch ein Schlüffel zur focialen Frage, indem es
nicht blofs die principielle Urfache derfelben aufdeckt,
fondern auch das technifche Mittel zu ihrer Löfung bietet
'. Der zweite Band bringt das zur Darfteilung.

,Die ungerechte Welt- und Wirthfchaftsordnung, der
ungerechte Erwerb, der ungerechte Mammon ift die ge-
fchichtliche Realifation des Satan, fein Sieg in diefer
Welt, nach welchem er durch die Synagoge des Unglaubens
und der Ungerechtigkeit trachtet, wie umgekehrt
Chriftus fich durch feine Kirche, die Predigerin
der Gerechtigkeit, in einem Gottesftaat, dem Thäter der
Gerechtigkeit, gefchichtlich realifiren will, um die Welt
und ihren Dürften zu befiegen'. Zum Erweis diefer prin-
cipiellen Aufftellung erfolgt eine Analyfe hervorragender
Stellen aus Gefetz, Gefchichte und Prophetie des Alten
Teftaments, aus Reden und Gleichnifsen Jefu wie aus
Stellen der apoftolifchen Schriften. ,Die principielle Für-
forge für die Armen deckt fich mit den ethifchen Forderungen
der Bergpredigt wie des Mofaifchen Gefetzes.
Das Neue wie das Alte Teftament bildet alfo die ethifche
Grundlage für das in der Schrift felbft verordnete technifche
Mittel zur Löfung der focialen Frage, nämlich
für die Herabfetzung des Münzfufses und für die Ab-
fchaffung der Goldwährung zu Nutz und Frommen der
Landwirthfchaft'.

Darauf folgt eine Ueberficht über die fociale Entwicklung
des römifchen Volks, der Weftgothen und
Burgunder, des mittelalterigen Deutfchlands, Italiens,
Spaniens, Englands und Frankreichs. Rom blühte, fo
lang es fchlechte Valuta hatte, es fank, fobald der Münz-
fufs erhöht wurde. Als man aus der libra Silber ftatt
96 Denare nur noch 84 fchlug, traten die unfäglichen
wirthfehaftlichen, focialen und politifchen Früchte diefer
im Intereffe der Geldmacht fich vollziehenden Verfeinerung
der Münze fchnell und fchroff in die Erfcheinung. Dagegen
als unter Trajan aus dem Pfund Silber 120 Denare
gefchlagen wurden, nahm das Reich einen neuen Auf-
fchwung. Diocletian führte die Goldwährung ein. Der Sieg
des Chriftenthums unter Conftantin konnte das Reich
nicht erhalten. ,An der Arbeitslofigkeit, die zur Arbeits-