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Ausgabe:

1892 Nr. 22

Spalte:

540-543

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, Karl

Titel/Untertitel:

Die göttliche Zuvorsehung und Erwählung in ihrer Bedeutung für den Heilsstand 1892

Rezensent:

Grafe, Eduard

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Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 22.

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hätten'. Als ein Hauptbeweisflück werden natürlich die
Briefe des Jakobus, Petrus, Judas und Johannes angeführt
(S. 154), als ob nicht deren Echtheit eben fraglich wäre.
Mit den entfcheidenden Gegeninftanzen findet fich der
Verf. durch Gründe ab, die mehr klug ausgedacht als
überzeugend find. Die Berufung auf die aramäifch überlieferten
Worte Jefu rali&ä xovji (Marc. 5, 41) und
Itpcpa&ä (Marc. 7, 34) findet er ohne jede Beweiskraft
(S. 144), weil aus zwei einzelnen Worten nicht gefchloffen
werden dürfe, dafs Jefus für gewöhnlich aramäifch ge-
fprochen habe. Der Schlufs von zwei Worten auf das
Ganze ift freilich nicht zwingend, er bleibt aber wahr-
fcheinlich, fo lange nicht 1) aus dem Zufammenhang der
beiden Erzählungen nachgewiefen wird, dafs Jefus Gründe
hatte, für jene beiden Worte fich ausnahmsweife des
Aramäifchen zu bedienen, und fo lange nicht 2) überhaupt
irgend welche Wahrfcheinlichkeitsgründe dafür
beigebracht werden, dafs Jefus für gewöhnlich fich des
Griechifchen bediente. Weder das eine noch das andere
ift vom Verf. geleifiet. Referent will damit keineswegs
die Möglichkeit beftreiten, dafs Jefus und die Apoftel
auch etwas Griechifch verftanden haben. Aber wenn
man alles, was wir wiflen, umfichtig erwägt, wird man
für die Kreife, welchen Jefus und die Apoftel angehörten
, nur eine fehr mäfsige Kenntnifs des Griechifchen
als wahrfcheinlich, dagegen einen vorwiegenden Gebrauch
des Aramäifchen als ficher annehmen müffen. Es ift
vielleicht fchon zu viel, wenn man die Verbreitung des
Griechifchen in Galiläa zur Zeit Chrifti etwa fo hoch
anfchlägt, wie heutzutage die des Franzöfifchen im Elfafs.

Die höchften Fragen der hiftorifchen Kritik berührt
der fechfte Auffatz ,Ueber den hiftorifchen Beweis
und das Wunder des heiligen Domes1 (S. 183—199).
Das Wunder des heiligen Dornes ift die wunderbare Heilung
eines Mädchens im Klofter von Port Royal 1656
durch ein Stück aus der Dornenkrone Chrifti. Das Wunder
ift verhältnifsmäfsig gut bezeugt und wird doch von der
proteftantifchen Kritik allgemein für unhiftorifch gehalten.
Da man aus diefer Analogie einen ungünftigen Schlufs
hinfichtlich der neuteftamentlichen Wunder gezogen hat,
unterfucht Abbott die Bezeugung des Wunders von Port
Royal und findet fie ungenügend. Darin hat er gewifs
Recht. Aber fehr bedenklich ift es überhaupt, auf die
äufsere Bezeugung der neuteftamentlichen Wunder entfcheidenden
Werth zu legen und darauf den chriftlichen
Glauben zu begründen. Diefe Art der Apologetik hat
fich doch längft als morfch erwiefen.

Die letzte Abhandlung kehrt wieder zum Alten Te-
ftamente zurück (S. 200—223: Kritifche Bemerkungen
über altteftamentliche Stellen). Abbott fucht hier
zunächft die alphabetifche Anordnung in Pfalm 9—10
herzuflellen und giebt dann kritifche Bemerkungen zu
folgenden Stellen: Lev. 20, 10. Exod. 30, 6. II Reg. 7, 13.
lob 24, 14. Pf. 41, 6. Pf. 40, 8. Pf 59, 10-Ii». Pf. 68,
5. 33. 34. Pf. 35, 14. Pf. 49, 8. 9. 10. Pf. 49, 15. Pf. 14,
5. 6. Pf. 53, 5. Pf. 71, 20. 21. Pf. 72, 20. Pf. 106, 48.
Jefaia 41, 6. 7.

Kiel. E. Schürer.

Weiss, D. Bernh., Die katholischen Briefe. Textkritifche
Unterfuchungen und Textherftellung. [Texte und Un-
terfuchungen zur Gefchichte der altchriftl. Literatur,
hrsg. von Ose. v. Gebhardt und Adf. Harnack, VIII. Bd.,
3. Hft] Leipzig, Hinrichs' Verl., 1892. (IV, 230 S. gr. 8.)
M. 7. 50.

In derfelben muftergültigen Weife wie früher für die
Apokalypfe (Texte und Unterfuchungen VII, 1; f. Theol.
Litztg.1891,471) ift hier für die katholifchen Briefe die hand-
fchriftliche Ueberlieferung mit peinlichfter Sorgfalt und
ficherer Methode unterfucht und das Refultat diefer Un-
terfuchung in einem Abdruck des Textes mit erklärenden

Anmerkungen vorgelegt. Die Unterfuchung befchränkt
fich auch diesmal auf die Majuskel-Handfchriften, weil
Weifs der Ueberzeugung ift, dafs diefe allein für die
Conftituirung des Textes entfeheidend find. Diefe aber
find nach ihren Licht- und Schattenfeiten auf Grund
einer erfchöpfenden Statiftik fo eingehend charakterifirt,
wie es bisher nirgends auch nur annähernd gefchehen
ift. Eben dadurch gewinnt auch das textkritifche Urtheil
für jeden Einzelfall ungemein an Sicherheit und überzeugender
Kraft.

Weifs geht auch diesmal wie bei der Apokalypfe
von den jüngeren Handfchriften aus. Diefe find für die
katholifchen Briefe: K= Mosquensis saec. IX, L = An-
gelico-Romanus saec. IX, P = Porfirianus saec. IX ineunt.
Ihnen gegenüber bilden die älteren eine Gruppe für
fich, nämlich X = Sinaiticus, A = Alexandrinus, C =
Epliraemi. Eine Sonderftellung nimmt vermöge der Güte
feines Textes cod. B = Vaticanus ein. Die jüngeren
Handfchriften unterfcheiden fich von den älteren im allgemeinen
dadurch, dafs in den jüngeren diejenigen Abweichungen
von dem urfprünglichen Texte häufiger
find, welche aus der Abficht der Elmendation entfprun-
gen find; weniger häufig dagegen die willkürlichen Aende-
rungen und die Nachläffigkeitsfehler. In den älteren Handfchriften
ift das Verhältnifs das umgekehrte. Doch ift
der Unterfchied nur ein relativer. Auch die jüngeren
Handfchriften find von Fehlern der zweiten Art nicht
frei, und auch die älteren find fchon vom emendirten
Text beeinflufst. Und zwar hat Weifs'Unterfuchung ergeben
, dafs letzteres im Text der katholifchen Briefe
in erheblich ftärkerem Mafse der Fall ift als bei der
Apokalypfe. Der codex Vaticanus ift ,von den fpeeififeh
emendirten Lesarten noch fo gut wie ganz frei' (S. 80),
hat dagegen zahlreiche Fehler der zweiten Art (willkürliche
Aenderungen und Nachläffigkeitsfehler). — Hieraus
ergiebt fich, dafs man keiner diefer Handfchriften für
fich allein ein ausfchlaggebendes Gewicht zufchreiben
darf, auch nicht dem Vaticanus. So werthvoll diefe
Handfchrift auch ift, fo ift fie doch überall nach den
anderen zu controliren. Es ift eben für jeden einzelnen
Fall die Entfcheidung nicht nur nach dem Alter der
Zeugen, fondern auch nach der Art der Variante zu
treffen. Da Weifs fein Urtheil für jeden E"all auf den
nachgewiefenen allgemeinen Charakter der Handfchrift
ftützen kann, fo ift die Sicherheit eine ganz andere, als
wenn man nur nach dem Alter der Handfchrift entfeheidet.

Auf die Charakterifirung der Handfchriften (S. 1—92)
folgt S. 93—230 der Abdruck des Textes mit erklärenden
Anmerkungen. Diefelben find hier noch umfangreicher
als bei der Apokalypfe und haben geradezu den
Charakter einer fortlaufenden fachlichen Erklärung. Für
die Textkritik ift, wie bei der Apokalypfe, bei allen be-
merkenswerthen Varianten auf dieProlegomena verwiefen.
Es wäre im Intereffe der leichteren Ueberficht vielleicht
zweckmäfsig gewefen, wenn diefe textkritifchen Verwei-
fungen von den übrigen Anmerkungen getrennt und
dabei auch die Textvarianten felbft immer kurz angegeben
worden wären.

Ein Verfehen ift mir im Text von Jak. 4, 13 aufgefallen
, wo Weifs mit Tifchendorf und Weftcott-Hort
STOirjoo/iEV exeT eviavröv giebt, während die Prolegomena
S. 88 zeigen, dafs er das eva nach eviavröv in den Text
aufnehmen wollte. In den Prolegomenis ift überdies ftatt
,vor eviavröv' zu lefen ,nach eviavröv'.

Kiel. _E. Schürer.

Müller, Lic. Karl, Die göttliche Zuvorersehung und Erwählung
in ihrer Bedeutung für den Heilsftand des einzelnen
Gläubigen nach dem Evangelium des Paulus.
Eine biblifch-theologifche Unterfuchung. Halle a/S.,
Niemeyer, 1892. (IV, 159 S. gr. 8.) M. 3.—
Die Wahl des Themas ift eine glückliche. Denn eine