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Ausgabe:

1892

Spalte:

523-525

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Loesche, Geo.

Titel/Untertitel:

Analecta Lutherana et Melanthonia 1892

Rezensent:

Enders, Ernst Ludwig

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Theologifche Literaturzeitung, 1892. Mr. 21.

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ihm auch zuzugestehen ift, dafs er in Vertheidigung
mancher de Roffi'fcher Pofitionen im Recht geblieben
ift. Aber fruchtbarer als ein polemifches Verhältnifs wird
ein Zufammenwirken zwifchen katholifcher und proteftan-
tifcher Forfchung auf dem chriftlich-archäologifchen Gebiet
fein. Die unerläfsliche Vorausfetzung dafür auf beiden
Seiten ift die von W. in der befprochenen Schrift be-
thätigte Bereitwilligkeit, in objectiver Weife die Monumente
felbft reden zu laffen.

Reutlingen. H. Dopffel.

Loesche, Prof. D. Dr. Geo., Analecta Lutherana et Melan-
thoniana. Tifchreden Luthers und Ausfprüche Me-
lanthons, hauptfächiich nach Aufzeichnungen des Johs.
Mathefius. Aus der Nürnberger Handfchrift des
German. Mufeums mit Benutzung von D. Joh. Karl
Seidemanns Vorarbeiten hrsg. u. erläutert. Gotha,
F. A. Perthes, 1892. (IV, 440 S. gr. 8.) M. 9.—

,Dem Andenken D. Joh. Karl Seidemanns' hat der
Herausgeber feine Arbeit gewidmet. Mit Recht! nicht
nur infofern er fpeciell für diefelbe die Hinterlaffenfchaft
diefes Forfchers benutzen konnte, der fich vor Jahren
bereits mit der nämlichen Nürnberger Handfchrift be-
fchäftigt hatte, fondern hauptfächlich auch deshalb mit
Recht, weil Seidemann den Weg für jede fpätere wiffen-
fchaftliche Behandlung der für die Kenntnifs Luthers
äufserft wichtigen, in ihrer herkömmlichen Geftalt aber
arg mifshandelten fog. Tifchreden gezeigt und gebahnt
hat, indem er durch die Herausgabe von Lauterbach's
Tagebuch als Erfter auf die urfprünglichen handfchrift-
lichen Aufzeichnungen von gelegentlichen Aeufserungen
und Gefprächen Luther's zurückging. Wir find freilich
auch jetzt noch weit von dem Ziele, eine allen Anforderungen
entsprechende Ausgabe der Tifchreden her-
ftellen zu können, aber doch ift fchon mancher Schritt
gefchehen, der uns dem Ziele näher führte, gerade in
dem letzten Jahrzehnt, welches uns die von Wrampelmeyer
bearbeiteten Aufzeichnungen des Cordatus und die von
Preger bearbeiteten des Schlaginhaufen (vgl. über beide
des Unterzeichneten Recenf. in diefer Zeitung: 1887,
Sp. 176 u. 1891, Sp. 522), fowie einige Veröffentlichungen
aus den Rhediger'fchen Handfchriften in Breslau (Theol.
Stud. u. Krit. 1885, S. 131. 141 ff.) und aus Hamburger
Manufcripten (Theol. Stud. u. Krit. 1890, S. 341) gebracht
hat. Auch die Arbeit Loefche's bringt uns ein gut
Stück weiter. Seine Forfchungen über Mathefius führten
ihn zur Unterfuchung der unter Mathefius' Namen im
Nürnberger Germanifchen Mufeum aufbewahrten Handfchrift
20996, welche unter der Ueberfchrift: Excerpta
haec omnia in Mensa ex ore D. Ma: Lutherj. Anno
Domini 1540, eine Anzahl von 529 Ausfprüchen Luther's
neben 137 dicta Philippi (Mclanchthonis) enthält. Zwar
flammt die Handfchrift nicht von Mathefius felbft her,
doch aber hat Loefche durch feine gründliche Unterfuchung
S. 11 ff. es im höchften Grade wahrscheinlich
zu machen gewufst, dafs fie ihrem gröfseren Beftande
nach auf diefen zurückzuführen ift, wenn es auch nicht
entfchieden werden kann, ob die Compilation der Reden
Luther's von Mathefius felbft oder von einem Anderen
herrührt, ob der Schreiber des Manufcripts blofs Ab-
fchreiber oder auch Ordner desfelben war. Denn da
die Stücke fich über den Zeitraum von 1531—1545 erstrecken
, fo enthalten fie Ausfprüche, die entfchieden
nicht von Mathefius aufgezeichnet fein können.

Eine kritifche Bearbeitung diefer Handfchrift liegt
uns nun in Loefche's Werke vor. Wir erhalten darin
189 noch ungedruckte Nummern, von denen bei 135
anderweitige handfchriftliche Parallelen nachgewiefen werden
konnten, 54 jedoch völlig neu find. Inwiefern diefe
189 Nummern uns Neues bieten, deutet Loefche in der
Einleitung S. 16 felbft an: ,Es würde zu weit führen,

die 189 Stücke einzeln zu beleuchten. Nur auf die
Gruppen mag ein Fingerzeig gegeben werden; auf die
exegetifchen, hermeneutifchen, ifagogifchen Urtheile, fowie
die zur jüdifchen Gefchichte; auf die philofophifchen,
dogmatifchen, insbesondere über Abendmahl, Dämonologie
, Efchatologie; auf die ethifchen, insbefondere
über Ehe, Wucher, Trunkfucht, Träume, Weisfagungen,
Juden, Ketzer ; auf die praktifch-theologifchen. Von den
gefchichtlichen Gefprächen feffeln zumeift die autobiographischen
, darunter die Selbftvergleichungen mit
Melanthon u. Bugenhagen, die Kritik der eigenen
Werke; ferner die Striche zu Portraits von Zeitgenoffen;
endlich die mit reformations-, religions- und allgemein
culturgefchichtlichen Elementen'. (Die betr. Nummern find
in den Anmerkungen angezeigt.)

Für die Bearbeitung des Textes felbft ift der Herausgeber
richtigen Grundfätzen gefolgt: betreffs der Interpunktion
ift er ganz felbftändig verfahren; in Orthographie
und Wortlaut hielt er fich genau an die Handfchrift, fo-
fern nicht augenfällige Fehler zu verbeffern waren, in
welchem Fall das Richtige in den Text aufgenommen,
das Falfche in die Noten verwiefen wurde. Weniger
einverstanden können wir uns mit der Anwendung der
eckigen Klammern im Texte erklären, die Loefche da
gebraucht, wo er durch den offenbar falfchen Text, für
welchen ihm auch keine Parallele das Richtige an die
Hand gab, zur eigenen Conjectur zu greifen genöthigt
war; die eckigen Klammern haben herkömmlicher Weife
nun eben einmal eine andere Bedeutung, und behält
man nicht immer ihre Loefche eigentümliche Verwendung
Streng im Auge, fo kommt man leicht zu Mifsverftänd-
nifsen, wie es Ref. beim erften Lefen öfter begegnete.
Ebenfo hätten wir zur Anzeige von Lücken im Texte
lieber den üblichen Gebrauch der Punkte ftatt des Gedankenstrichs
gefehen, bei dem man eben auch an etwas
Anderes als an eine Lücke zu denken gewohnt ift.

Eine recht dankenswerthe Arbeit, wenn Sie gewifs
auch äufserft mühevoll war, ift der genaue Nachweis der
! Parallelftellen in den anderen theils gedruckten, theils handschriftlichen
Sammlungen, deren Loefche in Allem 29
heranzog, über die er S. 22 ein chronologifch geordnetes
Verzeichnifs, theilweife auch eine Befchreibung giebt. Die
wichtigsten Varianten der Parallelen find in den Noten,
vermifcht mit den erläuternden Anmerkungen — wir
hätten beide lieber getrennt gefehen — gegeben. Die
erläuternden Noten, mafsvoll, knapp, ohne doch Wefent-
liches vermiffen laffend, nicht minder die genauen Register
erhöhen den Werth der Sammlung.

In gleicher Weife find die dicta Melanchthon's behandelt,
137 an der Zahl, von denen nur 43 Parallelen haben, faft
ausnahmslos aus dem Jahre 1553 flammend, alfo nicht
von Mathefius felbft, vielleicht aber von Joachimsthaler
Studenten in Wittenberg aufgezeichnet und dem Mathefius
mitgetheilt.

Um den Inhalt der Sammlung vollständig anzuführen,
| fei noch erwähnt, dafs alsVorftück eine von Georg Solinus,
dem fpäteren Pfarrer in Tangermünde, lateinifch nachgeschriebene
Ofterpredigt Luther's de descensu Christi ad
1 inferos aus dem Jahre 1538 mitgetheilt ift.

Indem wir mit einer Reihe kurzer Notizen zu den
einzelnen Nummern fchliefsen, müffen wir bemerken,
dafs damit nur eine kleine Nachlefe zu den gelehrten Anmerkungen
gegeben werden foll, die Prof. Kawerau in
feiner dem Erfcheinen des Werkes faft auf dem Fufs
folgenden Besprechung in den Göttinger gelehrten Anzeigen
, 1892, Nr. 5 lieferte.

Nr. 6. S. 50. Z. 17. baptizatus; ib. Note 5: Vicelius
i im Text allerdings falfch, aber der in der Anmerkung
dafür gefetzte Friedrich Reuber nicht richtig, vielmehr
ift Vigclius zu lefen, vgl. de Wette V, 578. — Nr. 17
S. 57. Note 5 lies: de Wette IV, 645. — Nr. 46. S. 71
befindet fich auch in einer Handfchrift der Trierer Bibliothek
, MS. 1800, welche diefe Nummer auch in das