Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1892 Nr. 21

Spalte:

519-520

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Denkschrift des königlich preussischen evangelisch-theologischen Seminars zu Herborn für das Jahr 1890-1891 1892

Rezensent:

Everling, Otto

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

519

Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 21.

520

Denkschrift des königi. preussischen evangelisch-theologischen
Seminars zu Herborn für das Jahr 1890—1891. Von
Prof. Lic. Dr. Friedr. Zimmer. 1. Theologifcher Kommentar
zu den Theffalonicherbriefen. 2. Nachrichten
über das Seminar. Herborn, Buchh. des Naffauifchen
Kolportagevereins, 1891. (128 S. gr. 8.) M. 1.50.

Das ungemein fchwierige Problem des zweiten Thef-
falonicherbriefes, das fich bei Cap. 2, 1 —12 zufpitzt, ift
neuerdings wiederum durch Klöpper (1889), in den Bemerkungen
Spitta's (Offenbarg. Joh. 1889. S. 497—500)
und in den fcharffinnigen Gegenäufserungen Schmiedel's
(Handcommentar II. 1.261 ff.) erörtert worden. Ihnen gefeilt
fich ein ,Theologifcher Commentar' Zimmer's bei
und zwar ergiebt fich dem Ausleger ,eine faft überrafchend
einfache Deutung durch die Wahrnehmung, dafs der Ver-
faffer fowohl des erften wie des zweiten Theffalonicher-
briefs fein Zukunftsbild aus der efchatologifchen Rede
Jefu gewonnen hat, welche uns in den fynoptifchen Evangelien
in Ueberarbeitung erhalten ift, und die er mit den
von dem Herrn felbft citirten Danielifchen Vifionen
combinirt hat. Durch diefe Erkenntnifs wird mir die Ab-
faffung des zweiten Theffalonicherbiefs durch den Autor
des erften, nämlich Paulus, zweifellos' (S. 4). Ein frifcher
Muth, der bei einer fo verwickelten Frage zu bewundern
ift, aber doch fich felbft eindämmt mit dem Satze: ,ich
bilde mir nicht ein, dafs jene Beobachtung und die auf
ihr beruhenden exegetifchen und kritifchen Ergebnifse
das letzte Wort fein werden'. — An diefer Stelle ift eine
eingehende Auseinanderfetzung mit diefer Anfchauung
unmöglich; nur eins kann ich nicht verfchweigen: mir
fcheint die etwas bedenkliche Fähigkeit des Verfaffers,
über Schwierigkeiten hinwegzukommen, die fich mehrfach
, fo z. B. S. 71 bei I Theff. 5, 4—8 zeigt, die hoch-
gemuthe Freudigkeit über die ,faft überrafchend einfache
Deutung' veranlafst zu haben. Auch nach der Wahrnehmung
' Zimmer's wird noch vielen, wie mir, das Problem
räthfelhaft und unaufgeklärt fein. Jedoch um der
vorliegenden Schrift gerecht zu werden, dürfen wir den
kritifchen Löfungsverfuch nicht in den Vordergrund
ftellen. Der Verfaffer klagt ja felbft mit Klöpper über die
gegenwärtige ,überaus traurige Periode, wo der Nachweis
literarifcher Abhängigkeit irgend eines Schriftftellers
von einem Vorgänger für die höchfte und erhabenfte
wiffenfchaftliche Leiftung gilt', und meint, es fei nicht zu
leugnen, ,dafs das Intereffe, die neuteftamentlichen Schriften
zu verliehen, vielfach ein weit geringeres ift, als das,
über fie geiftreiche Hypothefen aufzuftellen' (S. 12). So
dürfen wir gewifs auch von feiner ,geiftreichen Hypo-
thefe' abfehen und fein allerdings eigenartig zur Geltung
gebrachtes Intereffe, die neuteftamentliche Schrift zu
verliehen, berückfichtigen. Und auch hier wollen wir die
exegetifchen Einzelheiten, die Fragezeichen und Ausrufungszeichen
, die wir am Rande machten, nicht vorführen
, fondern uns an die bewufst neue oder doch als
neu angefehene Erklärungsart halten. Diefe Auslegung
ift nämlich eine Probe eines geplanten, in grofsen Grundzügen
vorbereiteten, befonders für Anfänger berechneten
neuteftamentl. Commentarwerkes. Trotz der neueren
kurzgefafsten Commentare fehlt dem Verfaffer das noch,
,was ihm als Ideal vorfchwebt'. Der gemeinfame Mangel
der vorhandenen Werke ift die ,gloffatorifche Methode',
die ,nicht wirkliche Exegefe, fondern nur die Vorarbeiten
einer folchen' giebt. ,Die Erklärung eines alten Schriftwerkes
, meine ich, gleicht der Reftauration eines verblichenen
Gemäldes. Gewifs ift derjenige feiner Aufgabe
nicht gerecht geworden, der nach flüchtigem Hinfehen
auf die Reite mit künftlerifcher Intuition, aber nach Eigendünken
das Bild neu fchafft; aber eben fo ficher hat die
Aufgabe noch derjenige nicht gelöft, der mit dem Zirkel
nur mifst, die Farbenrefte nur chemifch unterfucht und
fertig zu fein glaubt, wenn er fagt: fo und fo waren die

Linien gezogen, und diefe und jene Farbe haben fie gehabt
. Unzweifelhaft dürfen diefe Unterfuchungen nicht
fehlen, und je forgfamer fie angeftellt find, um fo gröfser
ift die Gewähr für eine getreue Wiederherftellung des
Gemäldes; aber um das Gemälde wirklich zu erneuen,
genügt nicht Zirkel und Reagenzglas, fondern man mufs
zum Pinfel greifen und die Linien in den erforderlichen
Farben wirklich zeichnen. Dies der Unterfchied der
intuitiven, der gloffatorifchen und der reconftruirenden
Exegefe. Nur die letzte führt ihre Aufgabe zu Ende,
während die intuitive eine Ausführung ohne Vorarbeit,
die gloffatorifche eine Vorarbeit ohne Ausführung ift'. —
Da erfcheint ja eine neue Art Reftaurationstheologie auf
dem Plan! Ich würde den ,Pinfel' von Paulus fernhalten
und möglich!! ungefärbt und ungefchminkt den Autor
zeigen. An fich find die paulinifchen Schriftftücke keine
verblichenen Gemälde; es find zunächft blöde Augen,
die fie anfehen, und die mufs man durch Lexikon und
Grammatik öffnen; ferner ift der Zeithintergrund allerdings
verblichen, die damalige Verhältnifse, Fragen, Strömungen
, Perfönlichkeiten und dergleichen mehr find
zum Verftändnifs zu beleben, dann wirkt das Schriftwerk
ohne Farbenzugabe! Das allerdings ift mir das Unverdauliche
an diefer Auslegung, dafs ein von Zimmer zurecht-
gepinfelter Paulus aus ihr zu uns redet! Und das liegt
nicht an Zimmer's Willen — ich glaube gern, dafs er
feine Arbeit ,im ganzen wie im einzelnen felbftändig und
auf folider philologifcher Grundlage ohne dogmatifche
Vorausfetzungen irgend welcher Art' (S. 12) hat aufbauen
wollen — fondern an feiner Methode hält es. Mir
ift keine Erklärungsart bekannt, die den Anfänger fo
ganz an die vorgetragene Auffaffung feftbindet. Und
dennoch kann ich die Arbeit mit Dank begrüfsen. Neue
Verfuche in der fchweren Kunft des Auslegens find
ftets willkommen, zumal wenn fie mit fo viel Fleifs und
Gefchick in einzelnen Punkten unternommen werden.
Die Empfindung, dafs für die erfte Einführung der
Studirenden noch mehr gefchehen mufs, hat trotz Handcommentar
wohl noch mancher; nur glaube ich, dafs dazu
die Bahnen, die Schmiedel, und befonders Lipfius in feinem
Römerbrief geht, geeigneter find, als Zimmer's Verflach
. Jedenfalls ift es wünfchenswerth, dafs das kleine
Buch in den fachmännifchen Kreifen gelefen wird und
öffentlich oder dem Herrn Verfaffer privatim Urtheile und
Winke ausgefprochen werden, bevor der Plan, in diefer
Art einen neuteftamentl. Commentar zu fchreiben, ausgeführt
wird! Der gemeinfame Standpunkt der Herausgeber
diefes Werkes würde — wie ebenfo gefchmacklos
in der Form, als verheifsungsvoll nach feinem Inhalt ge-
fagt ift — ,gleich weit von Bibliofophie und Bibliolatrie
wie von Kriticismus und Skepticismus entfernt fein.'

St. Goar a. Rh. Everling.

Wilpert, Jofi, Ein Cyclus christologischer Gemälde aus der
Katakombe der Heiligen Petrus und Marcellinus. Zum

erftenmal hrsg. und erläutert. Freiburg i/Br., Herder,
1891. (VII, 58 S. m. 9 Lichtdr.-Taf. Fol.) M. 8 —

Die Veröffentlichung bietet das Ergebnifs mühfamer
und fcharffinniger Durchforfchung, welcher Wilpert drei
Grabkammern des im Titel genannten römifchen Cöme-
teriums unterzogen hat. Ein Theil der dort vorhandenen
Malereien wurde fchon für das Werk Bofio's, freilich
mit Irrthümern, copirt. Sämmtliche in einer diefer Kammern
enthaltenen Gemälde blieben wegen ihres verdorbenen
Zuftands unbeachtet. Obgleich fie feitdem noch
mehr Noth gelitten haben, ift es W. gelungen, die Darftellungen
zu entziffern. Neben photographifchen Copien,
die den gegenwärtigen Zuftand vor Augen führen, wird
die reconftruirte Anficht in Umrifslinien geboten, wobei
die Ergänzungen als hinreichend motivirt erfcheinen.
Der Inhalt der Darftellungen ift auf dem Deckengemälde: