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Ausgabe:

1892 Nr. 20

Spalte:

506

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Berger, Alfred

Titel/Untertitel:

Die Lehre vom Reiche Gottes 1892

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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5°5

Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 20.

506

auch Züge aus ihrem erbaulichen Privatleben mittheile', —
man meint mitunter nicht ein bibliographifches Buch,
fondern ein Leben der Heiligen vor fich zu haben, —
tadelt aber die Aufnahme ,bombaftifcher Lobeserhebungen
auf Epitaphien, in Leichenreden u. f. w.', in denen oft ,das
ohnehin vom Verf. Gefagte rhetorifch breitgefchagen
werde'. Er meint ferner, bei der Anführung von Ur-
theilen über die einzelnen Autoren könnten .manche über-
fchwängliche Tiraden eines Andres, Feller und noch
älterer, oft für ihre landsmännifchen [oder die zu ihrem
Orden gehörenden] Schriftfteller parteiifch eingenommenen
Literarhiftoriker' einfach weggelaffen werden. Von
den 1564—80 geftorbenen Theologen, werden wenigftens
fechs in keiner Weife herrvorragende als inter scriptorcs
sui aeviprinceps und dgl. bezeichnet; die eruditione oder
Joctrina praestantcs, conspicui und dgl. find gar nicht zu
zählen. In diefer Hinficht ift in der 2. Auflage nicht
viel gebeffert. Von dem Jefuitcn Fr. Ribera wird z. B.
S. 85 gerühmt: er habe niemals, auch wenn er fehr dürftig
gewefen, ohne den Obern zu fragen, etwas getrunken,
jede Woche nach der Vorfchrift der Ordensregel einige
Male feine Zelle gefegt und nie einen Brief gelefen, ohne
ihn vorher feinen Obern vorgelegt zu haben. Von L.
Richeome, .einem der erften Lichter der Gefellfchaft Jefu
in Frankreich', erzählt Hurter S. 287, er habe, faft achtzigjährig
und gelähmt, fleh in die Küche tragen laffen und
mit zitternden Fingern die Teller gefpült. Von den Vertretern
der Jefuitenmoral war Bauny zwar plus aequo
benignus, aber vir antiquae probitatis, Fr. Amicus, von
dem drei laxe Moralfätze von der Inquifition verdammt
wurden, vir profundae et copiosissiinae doctrinae, vioribus
praeditus candidis et prisca simplicitate evangelica pru-
dentia tetnperata; credititrprwiam, quam in Societatcm Jesu
attulit, innocentiam ctiam in coelum attidisse und dgl.
P. Laymann ift nulliautfere nullt theologo morali secundus,
viele andere find auetores classici, summi oder graves.
Von einer .Anweifung für Priefter' eines fpanifchen Kar-
thäufers Antonio de Molina wird, um ihre Vortrefflichkeit
gegenüber den geringfehätzigen Urtheilen einiger Janfe-
niften' zu erweifen, berichtet: ein fpanifcher Bifchof habe
verordnet, in allen Sacrifteien feiner Diöcefe ein an einem
Kettchen hängendes Exemplar zum Gebrauche der Priefter
aufzubewahren und nach einem halben Jahre keinem
Priefter mehr die Meiskleider zu verabfolgen, der nicht
das Buch von Anfang bis zu Ende durchgelefen habe.

Tadelnswerther noch als folche Allotria und Curiofa
find einige Urtheile des Verf.'s über den Werth von Büchern.
S. 3T5 heifst es, Perrone bemerke ,weife': wenn man die
Commentare von Cafpar Sanctius zu den Propheten,
von Bellarmin und Berthier zu den Pfalmen, von Bernar-
dinus a Piconio zu den Paulinifchen Briefen mit den Auslegungen
von Semler, den beiden Rofenmüller, Kuinöl
u. f. w. vergleiche, werde man einen Unterfchied finden
wie zwifchen Mark und Knochen, Geift und Körper,
Himmel und Erde. Ecquid aliud exspectes ab Iis, qui
nonntsi terrena sapmnti S. 430 wird über Bonfrere's Ono-
masticutn urbium et loeorum S. Scripturae das Urtheil
des J. Clericus aus dem J. 1707 angeführt, als ob es noch
jetzt gälte: es fei die befte biblifche Geographie, und
ähnlich S. 200 das Urtheil des J. Morinus von 1628, die
Römifche Septuaginta-Ausgabe von 1587 fei die befte.

Von den Druckfehlern mögen nur einige verdruckte
oder verfchriebene Namen angeführt werden: Henricus
ftatt Hieronymus Vecchietti, Valvedere ftatt Valverde,
Patreolus ftatt Prateolus, Iahri ftatt Jarhi (Jarchi), Abo-
gardus ftatt Agobardus, Th. Popo ftatt Pope Blount,
Pontenborch ftatt Toutenborch, Bingfeld ftatt Binsfeld,
Mohrhof ftatt Morhof, Linfemann ftatt Linfenmann, Keiner |
ftatt Kellner, Hippler ftatt Hipler, Jochum ftatt Jocham,
Dux ftatt Düx, Langwitz ftatt Laugwitz, Safen ftatt Saufen.
Der bekannte Index des J. M. Brafichellenfis heifst Index
librorutn expurgandorunt, nicht prohibitorum (S. 78).

Trotz all diefer Fehler wiederhole ich, dafs der

Nomenciator ein nützliches Nachfchagebuch ift, deffen Gebrauch
durch ein gutes Regifter erleichtert wird. — Zum
Verftändnifs der in diefer Auflage (in der erften erft im
I zweiten Bande) vorgedruckten Protestatio auctoris ver-
j weife ich auf Index 2, 223. Da Hurter fo viele Schrift-
i fteller als heiligmäfsige Perfonen fchildert, war freilich die
I Verflcherung, dafs er dem Heiligfprechungsrechte des
Papftes nicht vorgreifen wolle, gemäfs dem Decrete Ur-
ban's VIII. von 1625 am Platze.

Bonn. F. H. Reufch.

Berg er, Paft. Alfr., Die Lehre vom Reiche Gottes. Ein Leitfaden
für den Unterricht. Göttingen, Vandenhoeck &
Ruprecht's Verl., 1891. (IV, 38 S. gr. 8.) M. —80;
cart. M. 1. —

Der Gedanke, von welchem der Verf. des vorliegenden
Leitfadens für den Unterricht ausgeht, ift, dafs
Luther's Katechismen unvergänglichen Werth für den
chriftlichen Jugendunterricht' hätten, doch mache ,fich
daneben immer dringender das Bedürfnifs geltend, für
die Oberftufen der Schule ebenfo wie für den Confir-
I mandenunterricht eine einheitliche Darfteilung der chriftlichen
Lehre zu gewinnen', und zwar eine folche, ,die
von der perfönlichen Erfahrung ausgeht und auf die
perfönliche Glaubensgewifsheit hinftrebt'. ,Es kommt
darauf an', heifst es im Vorwort weiter, ,der heran-
wachfenden Generation das Erbe der Vorzeit nicht unvermittelt
darzubieten, fondern es ihr innerlich anzueignen
. Die Kinder müffen nicht nur eine Summe von
Kenntnifsen mitnehmen, fondern innerlich erleben und
erfahren, was fle lernen. Nur fo werden fie wirklich zum
Glauben kommen.' Wir können uns mit diefen vortreff-
l liehen Grundfätzen nur einverftanden erklären. Was wir
I die Kinder lehren, mufs von perfönlicher Erfahrung ausgehen
und getragen fein von der ihr eigenthümlichen
Kraft, die Herzen zu gewinnen. Dann wirkt perfönlich
Erlebtes auch feinerfeits wieder ,perfönliche Glaubensgewifsheit
'. Dann wird wirklich das fchöne Erbe der
Vorzeit der heranwachfenden Generation nicht ab-
ftofsend, weil .unvermittelt', dargeboten, fondern .innerlich
' angeeignet. Dann ,wird ihnen (den Kindern) der
Glaube eine Macht werden, durch welche fie die Anfechtungen
, welche das heutige Leben mit lieh bringt,
zu überwinden vermögen'.

Wer diefen .befcheidenen Verfuch', einer berechtigten
.Forderung' nachzukommen, der Beachtung würdigt,
die er verdient, wird reichen Gewinn davon haben. Er
hat ,zunächft das Bedürfnifs des Lehrers' im Auge und
entwickelt nach einer kurzen, auf Chriftenthum und
Bibel fleh beziehenden Einleitung nach einander den
Gedanken des Reiches Gottes, die Stiftung des Reiches
Gottes auf Erden, feine Ausbreitung und feine Vollendung
, in einfacher, genauer und lichtvoller Darfteilung,
die durchdrungen ift von wohlthuender Herzenswärme'.
Es ift fchlichtes, biblifches Chriftenthum, das hier gelehrt
wird, fern von allem dogmatifchen Rigorismus und
befchränktem Confeffionalismus. Dafs eine folche erquickende
Gabe gerade von einem Mecklenburger Paftor
dargereicht wird, hat uns mit befonderer Freude und
innigem Danke erfüllt. Es kann doch nicht anders fein,
es mufs doch endlich einmal dahin kommen, dafs der
Geift echt evangelifcher Union fiegt über alles kleinliche,
engherzige und unfruchtbare Sonderkirchenthum.

Crefeld. F. R. Fay.

Brinkmann, Geh. San.-R. Dr. W., Kirche und Humanität
im Kampfe gegen die leibliche und sittliche Noth der Gegenwart
. Berlin, Hertz, 1891. (V, 128 S. gr. 8.) M. 1. 50.

Ein Arzt, der aus Rückficht auf feine Gefundheit
genöthigt war, feinen Wirkungskreis auf längere Zeit zu