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Ausgabe:

1892

Spalte:

428-429

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bröcking, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die französische Politik Papst Leos IX 1892

Rezensent:

Mirbt, Carl

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428

Boiffier den Nachweifungen Deffau's und Maffe-
bieau's und fetzt demgemäfs die Schrift fpäter an als
den Apologcticus Tertullian's. Gegen Kühn bemerkt
er: Quelques savants, notamment M. Kühn, ont crit trou-
ver dans Minucius des erreurs de doctrine. Mais, outre
que les dogmes netaient pas alors aussi arretes, aussi
pricis qu'ils le devinrent dans la suite, plusieurs de ces
erreurs tiennent a reff ort que fait Vauteur pour n employer
que les termes de la languc ordinaire. En cela il forme
un parfait contraste avec son compatriote Tcrtullieu, qui
parle hardiment le latin de l' eglise et n'hesite pas a creer
des tours et des expressions qui rendent Coriginalite de ses
idees. Minucius tient a rester plus classique; il ressemble
quelquefois e) ces humanistes du XVI. siede, employes
par la chancellerie pontificale, qiä ecrivaient les brefs du
pape avec des phrases de Ciceron. II est bien possiblc que
plusieurs des erreurs qiion lui reproche viennent de ce
qu'il s'est scrvi d'expressions elegantes, qui ne rendent pas
exactement sa pensec. Kühn hätte gewifs gegen diefe
Betrachtung nichts einzuwenden; aber das, was er im
Sinne gehabt hat, fcheint mir durch diefelbe nicht getroffen
zu fein. — Die vortreffliche Ausführung über die
Bekehrung Auguftin's erinnere ich mich bereits in der
Rcv. des deux mondcs gelefen zu haben. Sie kam in meine
Hände, nachdem ich meinen Vortrag über die Confefüo-
nen Auguftin's niedergefchrieben hatte, und fie war mir

detruire les lettres anciennes, en realite les a sauvees
C'est un grand Service quelle nous a rcndu. Quand nous
cherchons a savoir de qucls elements essentiels notre civi-
lisation se compose, nous trouvons, comme base et fonde-
mcnt du reste, deux legs du passe, les lettres anciennes et
le christianisme. Quoique ces deux elements soient de
nature souvent contrairc, nous les sentons en nous qui
vivcnt cnscmble, et quel que soit celui qui domine, üucun
des deux ne parvicnt a supprimer lautre. On peut donc
dire que, lorsque les gens du IV. siede chcrchaicnt quel-
que moyen de les unir, ils travaillaicnt pour nous, et
qu'ils nous ont aides, a etre cc que nous sommcs. Malgre
la distancc qui nous separa d'eux, leur histoire ne nous
est pas etrangere; eile nous fait remontcr aux origincs
meines de la civilisation moderne, et voila pourquoi die
m'a paru meriter cette longue etude que je viens de lui
consacrer'.

Berlin. A. Harnack.

Bröcking, Wilh., Die französische Politik Papst Leos IX.

Ein Beitrag zur Gefchichte des Papftthums im II.
Jahrhundert. Stuttgart, Göfchen, 1891. (V, 106 S. gr. 8.)
M. 2. 50.

üererfteAbfchnitt(S.2—18), vorbereitende Schritte; die
werthvoll als Beftätigung der Einficht, dafs die Confeffio- j Berufung des Concils von Reims' zeigt die für dieKirchen-
nen keine ganz zuverläflige Schilderung der Bekehrung i politik Leo's mafsgebenden Vorausfetzungen, welche

Auguftin's und feines Verhältnifses zur Kirche und
Kirchenlehre in dem Jahre nach feiner Taufe bieten.
Boiffier hat dies durch eine forgfältige Unterfuchung
bewiefen. Die Sache liegt für jeden klar, der die augu-
ftinifchen Briefe und Schriften, welche mit der Bekehrung
gleichzeitig find — die Confeffionen find erft 13 Jahre
fpäter gefchrieben — ftudirt. Auch die Art, wie Boiffier
das Problem, welches die Confeffionen bieten, erklärt,
fcheint mir beifallswerth. — Im Schlufscapitel diefes
Buchs {Conunent les elements sacres et profanes se saut
fondus ensemble dans le christianisme) betrachtet der
Verfaffer den Stil des Cyprian, Hieronymus, Ambrofius
und Auguftin in Bezug auf die Abhängigkeit von den
claffifchen Vorbildern.

Der zweite Band handelt (im 4. Buch) von der
chriftlich-lateinifchen Poefie. Er beginnt mit ihrem Ur-
fprung, ja geht noch hinter denfelben zurück auf die

theils in der Perfon des Papftes und feines fachkundigen
Berathers, des Erzbifchofs Halinard von Lyon, theils in
den eigenthümlichen Verhältnifsen von Frankreich gefunden
werden, welche in der ftarken Befchneidung
der königlichen Gewalt durch die Macht der Grofs-
Vafallen ihr eigenthümliches Colorit empfingen. In be-
wufster Selbftbefchränkung verfucht Leo, zunächfl nur im
Norden Frankreichs, wo der königliche Einflufs dominirte,
fich Geltung zu verfchaffen. Sein Project, in Reims ein
Concil abzuhalten, findet freilich in Frankreich eine mehr
als kühle Aufnahme. Um den Clerus von dem Befuch der
Synode fernzuhalten, ruft der König fie wie feine weltlichen
Vafallen zu einer allgemeinen Heerfahrt auf. —
Den Inhalt des zweiten Abfchnitts (S. 18—35) macht aus
,das Concil von Reims'. Der Papft zeigt fich hier als
gewandten Politiker. Um den Clerus nicht vor den
Kopf zu ftofsen, hält er mit feinen Reformplänen in Bezug

apokryphen Evangelien, den Hirten des Hermas, die j auf Cölibat und Simonie zurück und beweift eine auf-

Pfeudoclementinen und Sibyllen und fchildert dann ausführlich
Commodian, Paulin von Nola und Prudentius.
Auch das Verhältnifs der chriftlichen Poefie zur Malerei
und Sculptur wird berückfichtigt. Das 5. Buch giebt
unter der Ueberfchrift: ,La societe paienne a la fin du
IV. siede' erftlich eine Darftellung der ,Grands seigneurs
Romains' nach den Briefen des Symmachus, fodann eine
Schilderung der letzten Widerfacher des Chriftenthums
in der gebildeten römifchen Gefellfchaft, in der die ver-
fchiedene Haltung der Gruppen hervorgehoben wird.
Dabei ift auf ältere Feinde Rückficht genommen und
ein befonderer Abfchnitt über die Panegyriker einge-
fchoben. Das letzte Buch (teilt ,Lcs de rn leres lüttes'
ausführlich dar, nämlich erftens die Affaire der Wegnahme
der Victoria, zweitens die Angriffe, denen Auguftin's
Schrift de civitate dei begegnet, um fodann die Frage
umfaffend zu beantworten, ob dem Chriftenthum die
Verantwortung für den Verfall des Reichs aufzubürden
fei. Die Antwort — auf den verfchiedenen Linien, die
hier in Betracht kommen, gefucht — geftaltet fich (gegen
Gibbon) zu einer vollkommenen Vertheidigung der
Kirche, und ich zweifle nicht, dafs der Verf. Recht hat.
Die Urfachen des Verfalls lagen in Verhältnifsen,
die aufserhalb der Einwirkung des Chriftenthums ftanden.
Nach einem Schlufsabfchnitt ,Le lendemain de VInvasion1
zieht der Verf. p. 495—500 einige wichtige Folgerungen.
.C'est ainsi qu'une religion qui devait, a ce qu'il semble,

fallende Nachficht gegenüber einigen ftark compromittirten
Kirchenfürften. Dies fchuf freie Hand für etwas viel
Gröfseres — die Geltendmachung des päpftlichenlPrimats.
Es gelingt Leo, der Autorität der Curie Anerkennung
zu verfchaffen. Es erfolgen Citationen von Prälaten nach
Rom, die lang verjährte Emancipation der bretonifchen
Bifchöfe von dem Metropoliten in Tours wird als offene
FTage wieder auf die Tagesordnung geftellt, ja der
König felbft angegriffen durch die Bannung jener Bifchöfe,
welche feinem Ruf den Vorzug gegeben hatten vor der
päpftlichen Einladung zur Synode und durch das Verbot
der Laieninveftitur. Mit der gleichen Schroffheit begegnete
der Papft den grofsen Vafallen Wilhelm von
der Normandie, dem Grafen von Blois, befonders dem
Grafen Gaufred von Anjou. — Die Wirkungen diefer
Mafsnahmen und Confequenzen bietet der dritte Abfchnitt
(S. 35—56). Die Reimfer Decrete waren Schläge
ins Waffer, wenn König und Vafallen vereint opponirten!
Es gefchah nicht. König Heinrich I. machte nicht einmal
den Verfuch und hat damit die kirchliche Cenfuri-
rungdes renitenten Gaufred ermöglicht. Im Handumdrehen
wurde die Stellung des franzöfifchen Epifkopats zur
Curie eine andere. Auf der römifchen Synode 1050 trat
dies offenkundig zu Tage. Schon feine zahlreiche Vertretung
auf derfelben bewies dies, mehr noch das ge-
fteigerte Selbftbewufstfein der Curie, welche in der Ausübung
der Jurisdiction gegen geiltliche und weltliche