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Ausgabe:

1892

Spalte:

409-411

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hummel, Friedrich

Titel/Untertitel:

Die Bedeutung der Schrift von Carl Schwarz über das Wesen der Religion für die Zeit ihrer Entstehung und für die Gegenwart 1892

Rezensent:

Thoenes, Karl

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leitung vorher ,Die Erhabenheit und Schönheit der göttlichen
Liturgie', die (ich wie eine Homilie des 4. Jahrh. lieft.

Zuerft wird die Ueberfetzung der fog. ,dritten und
fechsten Stunde' gegeben; fie wird vom Vorlefer gelefen,
während der Priefter die Proskomödie abhält (auch die
Modifikation in der Ofterwoche wird mitgetheilt). Dann
folgt die Proskomödie (Woher kommt es, dafs es in der
Anweifung für den Priefter nach dem flawifchen Text
heifst: ,er mufs . . . mit allen Menfchen verföhnt fein
und gegen Niemand etwas haben', während nach anderen
Texten ,mit Gott' ftatt ,mit allen Menfchen' zu lefen
fteht?), die Katechumenen- und die Gläubigen-Liturgie
nach Chryfoftomus und Bafilius. Hieran reiht fich die
missa praesanctificatonim Gregor's des Grofsen, die in
der griechifchen Kirche eine viel bedeutendere Rolle
fpielt als in der lateinifchen. Den Befchlufs bilden die
Dankgebete nach der h. Communion. In dem Anhang
A werden 1) Troparien und Kontakien für die Sonntage
geboten, 2) Prokimena für die Liturgie an Sonntagen,
3) Troparien und Kontakien für die Wochentage, 4)
Prokimena und Kinonika an Wochentagen, 5) Prokimena
Kinonika, Epifteln und Evangelien für die grofse Faften-
zeit und die beiden vorhergehenden Wochen. Der
Anhang B giebt an, für welche Fefte befondere Feft-
antiphonien verordnet find, und diefe find in den Anhängen
C und D mit den Troparien, Kontakien, Ifodika,
Prokimena, Irmen, Kinonika und Entladungen für die
grofsen Fefte mitgetheilt. S. 542 f. ift ein Excurs über
das Wort scQotl&ezt' in der Entlaffung der Katechumenen
gegeben, S. 551 f. die Perikopentafel für das ganze
Kirchenjahr (Sonntage und befondere Fefte).

Der II. Band ,die Nachtwache' bietet defshalb vielleicht
noch gröfseres Intereffe, weil er liturgifche Schätze
bekannt macht, die bisher für uns fchwer zugänglich
waren. Nach einer vergleichenden Ueberficht über die
morgenländifchen und abendländifche Kriche in Bezug
auf die Nebengottesdienfte enthält er die Ueberfetzung
des griechifch-ruffifchen Abendgottesdienftes, des Morgen-
gottesdienftes und der erften Hora. Es folgen die
Stichiren, Theotokien, Troparien, Kontakien, Antiphonen,
Irmen etc. 1) für die Sonntage, 2) für die verfchiedenen
Feiertage, für die grofse Faftenzeit (fammt einer Erklärung
des Gottesdienftes in der Faftenzeit), für die ftille
Woche und für Oftern im ganzen Umfang. Dann wird
die Ueberfetzung der 9. Hora und der Abend- und
Morgengottesdienfte in der Faftenzeit fammt der Ektenie
und dem Gebet bei Hungersnöthen geboten. Notenbeilagen
bilden den Befchlufs. Dankenswerth wäre es,
wenn in einer neuen Auflage die Quellen genauer angeben
würden. Dem Ueberfetzungswerk felbft wünfchen
wir weite Verbreitung, namentlich bei unferen Liturgikern.

Berlin. A. Harnack.

Hummel, Diak. Lic. Friedr., Die Bedeutung der Schrift
von Carl Schwarz über das Wesen der Religion für die
Zeit ihrer Entstehung und für die Gegenwart. Ein Beitrag
zur Behandlung des reltgionsphilofophifchen Problems
. Gekrönte Preisfchrift. Braunfchweig, Schwetfch-
ke & Sohn, 1890. (XII, 175 S. gr. 8.) M. 3. —

Der Verfaffer diefer Preisfchrift bezeichnet im Vorworte
den Standpunkt, von welchem aus er die Bedeutung
der Schrift von Schwarz abmifst, durch folgende
von ihm bejahte Fragen:

0 ob nicht eine wiffenfchaftliche Erkenntnifstheorie
eine folche fein müffe, welche a) fleh der Grenzen des
metaphyfifchen Erkennens bewufst bleibe, ohne doch
einen abfoluten Dualismus zwifchen theoretifchem und
praktifchem Erkennen aufzurichten, und b) fpeciell die
religiöfe Gewifsheit an die Thatfache des höchften
Lebenszwecks im Menfchen geknüpft fein laffe, ohne

doch mit unficheren 'Werthurtheilen' ein fehwankendes
Weltbild aufzuführen;

2) ob wir einen Weg hätten, dem Subjectivismus
der vom ,Selbftgefühl' des Ich eudämoniftifch nur eben
abhängig gefetzten Poftulate zu entrinnen und auch den
Vorwürfen des Dogmatismus oder des blofsen pfycholo-
gifchen Formalismus zu entgehen;

3) ob wir eine objective Weltanfchauung erreichen
könnten, welche gerade da. wo fle für die erlebbare,
aber nicht erklärbare Realität des religiöfen Verhältnifses,
das Myfterium der Religion, Raum habe, in dem That-
beftande eines feftgegebenen Seins wurzele.

Aus der Bejahung diefer Fragen geht hervor, dafs
das Hauptintereffe, welches Hummel bei feiner Unter-
fuchung geleitet hat, befonders die Frage gewefen ift,
wie nahe fchon Schwarz in der bezeichneten Schrift
den religionsphilofophifchen und dogmatifchen Anfchau-
ungen von R. A. Lipfius gekommen fei.

Das Refultat der Unterfuchung, ausführlich in einer
Schlufsbetrachtung dargelegt, mag in folgenden Sätzen
kurz zufammengefafst werden:

1) Schwarz habe in verworrener Zeit, da er die
Religion als ,das freiefte, innerlichfte, tieffte Leben der
Menfchheit' aufzeigte und die Offenbarung als göttlichen
Grund der Religion, die Religion als die menfehliche
Wirklichkeit innerhalb des einen geiftigen Vorgangs be-
ftimmte, eine That gethan. Denn hierdurch habe er fo-
wohl die Unnatur, welche die lebensvolle Wechfel-
wirkung zwifchen Religion und Sittlichkeit zerreifsen
wollte, als jede Uebernatur eines thatlofen Verföhn-
ungsfeierns zurückgewiefen, eine neue Apologetik gegeben
, die rechte Befreiung für die Perfönlichkeit ge-
fchaffen, den Theismus gerettet, und der religiöfen Myftik,
wie dem tief praktifchen Elemente in der religiöfen Angelegenheit
eine Stelle geflehert (S. 168—169; vgl. auch
S. 69, 82, 83, 94 f.).

2) Der fpeculative Theismus von Schwarz, hervor-
gegangenausderpofltivenRichtungHegel'fcherPhilofophie
und gegen die negative Richtung gerichtet, habe vom
Idealismus zum Realismus weitergeführt, zu einem
Realismus, der den Reichthum der einen, ganzen Wirklichkeit
, fpeciell die Lebenswahrheit alles deffen umfaffe,
was auf der Bafis der religiöfen Erfahrung, der realen
Wechfelbeziehung zwifchen Gott und Menfch, Abhängigkeit
und Freiheit, für das einheitliche geiftige Perfon-
leben als wahr und wirklich fich gründe (S. 169).

3) Diefe Wendung zum Realismus habe Schwarz in
der Art vollzogen, dafs er von Hegel allerlei logifche
Formen, befonders das fpeculative Schema der fleh
differenzirenden Einheit, entlehnend, aber auch zugleich
aufSchleiermacher'spfychologifche Methodezurückgehend
und die Immanenz des ethifchen Factors von Kant herbeiziehend
, die Summe von Wirklichkeit, die fich von
der Bafis des religiöfen Wechfelverhältnifses aus ergebe,
in einem vorausgeftellten metaphyfifchen Schema ihre
innere Erklärung, ihre fpeculative Probe finden laffe
(S. 171. 172).

4) Auf dem von Schwarz eingefchlagenen Wege
feien zunächft Biedermann und Pfleiderer weitergefchritten.
Wenn Biedermann ebenfo die fubjectlofe Idee, wie
Schwarz die fubjectlofe Einheit nach Analogie das Be-
wufstfeins hypoftafire, fo gehe er doch darin weiter,
dafs er wenigflens den Willen habe, fich erkenntnis-
theoretifch an Kant anzufchliefsen und die Grenzen
innerer und äufserer Erfahrung nicht zu überfchreiten.
Auch Pfleiderer, trotzdem er auf der fich differenzirenden
Einheit Hegel's feinen Gottesbegriff gründe, führe
nichts defto weniger eine genetifche Behandlung der
Entwicklung des religiöfen Bewufstfeins durch und leifte
auf eine theoretifch- objective Erkenntnifs der im religiöfen
Vorgang erlebten Realität Verzicht.

Zum befriedigenden Ziele habe jedoch erfl Lipfius
die Schwarz'fchen Gedanken entwickelt. Durch ihn erfl