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Ausgabe:

1892

Spalte:

403

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Munk, Esriel

Titel/Untertitel:

Des Samaritaners Marqah Erzählung über den Tod Moses 1892

Rezensent:

Siegfried, Carl

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Seite 1

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403

Münk, Esriel .Des Samaritaners Marqah Erzählung über den
Tod Moses' Königsberg i. Pr., [Koch], 1890. (62 S. gr.
8.) M. 1. 20.

Die Handfchrift des Pentateuch-Commentars von
Marqah, welche fich auf der kgl. Bibliothek in Berlin
unter dem Zeichen or. quart. 522 befindet, ift eine Ab-
fchrift des zu Nablus befindlichen Orginals, welche
Petermann 1868 hat anfertigen laffen. Ueber die Be-
fchaffenheit derfelben ift bereits 1888 von H. Baneth in
feiner Dil'eratation über Marqah's Abhandlung zu den 22
Buchftaben S. 5—12 ausführlicher gehandelt worden.
Auch war in der erwähnten Schrift bereits der letzte
Theil des Manufcripts edirt. Münk fchliefst daran jetzt
die Veröffentlichung des vorletzten Theils der HS,
welcher die Seiten 2C0 b — 223 a derfelben umfafst.
Er enthält die Erzählung vom Tode Mofe's, die fich im
Vergleich zu ähnlichen Legenden in pfeudepigrapher |
Literatur durch ihre Einfachheit auszeichnet; feinem
religiöfen Standpunkt bereitet der Erzähler nur dadurch |
eine kleine Genugthuung, dafs er den Mofe vor dem !
Garizimberge, als er ihn plötzlich auf dem Nebo erblickt, j
fich niederwerfen läfst (S. 51). Der Verf. hat den Text I
in hebräifche Quadrata tranfcribirt. Auf der gegen-
überftehenden Seite findet fich jedesmal die deutfche
Ueberfetzung. Unter den Texten laufen erläuternde Bemerkungen
hin, die meift den Sprachgebrauch betreffen.
Bisweilen fähe man gern auch eine fachliche Erläuterung.
Auffällig ift S. 43 die Ueberfetzung: ,das Waffer der
Bitternils vtrfüfste er durch Schlagen (Cptas)'. Da nach
Ex. 15, 25 Mofe die Maraquelle durch einen hineingeworfenen
Baumftamm füfs machte, fo ift anzunehmen, dafs
in rpt3 ein famaritanifches Aequivalent für yy ftecke. Auch
ift Spt3 als Verb urfpr. nicht ,fchlagen' fondern .zurückftofsen-
hindern'. Im Syr. kommt nach Payne Smith auch
für ,Zweig' vor. — Anftofs erregt auch die Stelle S.
51 ,er fchlief ein mit der Lende auf dem grünen Boden
ruhend, das Geficht dem Gegenüber zugewandt'. Das
Geficht fordert als Gegenfatz nicht die Lende, fondern
den Rücken. Auch ruhte er nicht auf grünem Boden,
da er nach dem unmittelbar Vorhergehenden in die
Höhle geftiegen war. Die Schwierigkeit fteckt in den beiden
Worten nailN und rTTSy. Für fiSISC liegt die Vergleichung
mit aram. Klin am nächften, das allerdings ftets ,Lende,
Hüfte' bedeutet, indeffen das verwandte fyr. i^-. wird
auch für ,Rücken' gebraucht. mi5> ift wohl auf den ein-
gefchloffenen Raum der Höhle zu beziehen, in der Mofe
lag (vgl- hebr. ~y.y einfchliefsen). Wir möchten daher
die Ueberfetzung vorfchlagen: ,er fchlief ein mit dem
Rücken auf (dem Boden) der Höhle (ruhend), mit dem
Geficht dem Gegenüber (zugewandt).' — Der gegenüber
Stehende ift nach dem Folgenden Gott, denn es heifst
gleich darauf: ,da liefs Gott den Schlaf auf ihn fallen'.
— Der Verf. verdient Dank, dafs er die intereffante Urkunde
zugänglich gemacht hat.

Jena. C. Siegfried.

Wrede, Privatdoz. Lic. W., Untersuchungen zum 1. Klemensbriefe
. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht's Verl.,
1891. (IV, 112 S. gr. 8.) M. 2. 50.

Es ift wohl überrafchend, an der vorliegenden Schrift
zu erfehen, wie viele werthvolle neue Gefichtspunkte zum
vollen Verftändnifs des erften Clemensbriefes noch beigebracht
werden konnten, obgleich gerade mit diefem
Buche fich fo viele hervorragende Forfcher der jüngften
Zeit — ich erwähne nur Lipfius, Harnack, Lightfoot —
fo gründlich befchäftigt haben. Und dabei behandelt
Wrede nicht einmal alle durch den Brief geftellten Fragen
, fondern erörtert nur zwei, befonders wichtige
Punkte, die darin vorausgefetzten Zuftände der korin-
thifchen Gemeinde (S. I — 57) und die Stellung des Briefes

zum Alten Teftament (S. 58—Iii). Indeffen erhält man
in Wirklichkeit viel mehr, als man nach der befcheidenen
Aeufserung des Verf.'s im Vorwort vermuthen dürfte; ab-
gefehen von der Präge nach der Abfaffungszeit werden
eigentlich alle an den Brief fich knüpfenden Probleme
— nur mehr oder minder ausführlich — behandelt, und
zwar in der erften Hälfte die kirchengefchichtlichen, in
der zweiten die dogmengefchichtlichen.

Mit der einfehlägigen Literatur zeigt fich Wr. ebenfo
vertraut und bereit, unbefangen von jedem feiner Vorgänger
zu lernen — dafs ihm das letzte grofsc Werk
von Lightfoot über Clemens und die neueften Auflagen
von Lechler's apoft. Zeitalter und von Hilgenfeld's Nov.
Test, extra can. r. nicht mehr zugänglich geworden find,
ift nicht feine Schuld — wie er andererfeits feinen Weg
unabhängig und frei von jeder Schulmeinung geht. Die
Form ift angemeffen, eine Härte mir nur in der Wort-
ftellung 98, 12 ff. aufgefallen; Druckfehler befchränken
fich faft ganz auf Lefezeichen in griechifchen Worten
und andere Kleinigkeiten; erwähnenswerth dürfte nur
fein S. 48, 9 uQta/.ehio ft. ägsoxtKo, S. 73 n. i'gioc xoxxt-
vög ft. tginv ■x.öy.y.ivov und S. 88, Z. 1 v. u. N. T. ftatt
V. T.; befonders zuverläffig find die maffenhaften Citat-
beftimmungen.

Eine Ueberficht über alle neuen Thefen oder alle neuen
Begründungen von alten, die das Heft enthält, kann ich
hier nicht geben. Characteriftifch für das Ganze ift,
überall fich bethätigend — eine fo feltene Tugend bei
uns Theologen — die Vorficht und Befonnenheit, die
darauf verzichtet, Alles zu wiffen, die die mannigfaltigen
Grade der Sicherheit ihrer Refultate fcharf unterfcheidet,
die nicht die Intereffen verfchiedener Zeiten und Perfo-
nen vermengt und beifpielsweife dem Clemens nicht
ä tout prix eine Antwort auf die Fragen abverlangt, die
dem Paulus im Vordergrunde ftanden, die fich hütet,
jedes Wort eines Schriftftellers auszupreffen und einen
mehr zufällig halb aus Verlegenheit gebrauchten Ausdruck
ebenfo auszunutzen wie einen mit Bewufstfein und
voller Ueberlegung verwendeten, die endlich kein Bedenken
trägt, Widerfprüche in den Anfchauungen eines
und desfelben Autors anzuerkennen, Gedankenzüge, die
unvermittelt neben ganz andersartigen, von anderswoher
flammenden hergehen. Mit alledem vertritt der Verf.
ja nur die einzig richtige Methode hiftorifcher P'orfchung,
aber feine Abhandlung demonftrirt es fo deutlich, wie
wenig verbreitet noch in unferer Praxis diefe Methode
ift. Als ein muftergültiges Beifpiel möchte ich die Anmerkung
von S. 84—87 hervorheben, in der Wr. im An-
I fchluss an I Clem. 32, 3 f. die PVage nach deffen Rechtfertigungslehre
befpricht, eine folche Lehre bei Clem.
überhaupt beftreitet wie jede Stellungnahme des Clem.
zu dem Centraipunkt des Paulinismus. .Clemens hat
einerfeits die bei nicht reflectirender PVömmigkeit felbft-
verftändliche Meinung, dafs das göttliche Wohlgefallen
beftimmt wird durch das menfehliche Verhalten (zu dem
in erfter Linie auch die von Gott geforderte zrtW/g gehört
) — fo auch der Jefus der Synoptiker, was man
nicht zu bedenken pflegt, wenn man dergleichen unevan-
gelifch nennt — ,andrerfeits weifs er, dafs der Menfch
nichts aus fich felbft ift. Diefe beiden Gedanken find
nicht auf einander reducirbar. Wo fie naiv gebraucht
werden, werden fich daher immer Widerfprüche in den
Ausdrücken einftellen. Ebenda aber ift es falfch zu fy-
ftematifiren; denn damit wird die Pligenart folcher Schrift-
fteller ignorirt'. Solche Sätze fcheinen faft nur Selbft-
verftändliches zu enthalten, und doch für wie Viele mag
ihre energifche Betonung überflüffig fein?

Für die Gedanken des zweiten Theils möchte ich unbedingte
Annahme beantragen; ganz vortrefflich find die
Befchreibungen des von Clemens vertretenen Bibel-
chriftenthums, des Zurücktretens der chriftologifchen, es-
chatologifchen und enthufiaftifchen Pllemcnte gegen die
rationalifirend-moraliftifchen in feiner Religiofität; nicht