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Ausgabe:

1892 Nr. 16

Spalte:

397-401

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dillmann, August

Titel/Untertitel:

Hiob. Von der 3. Aufl. an erklärt von A. D. 4. Aufl 1892

Rezensent:

Budde, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 16.

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oft verfucht fühlen, über die vielen, für unfern Gefchmack
wunderlichen Deutungen als ,übergeiftliche Unwiffen-
fchaftlichkeit' (Delitzfch, Comm. zum H. L.) zu lächeln.
Indefs ziemt es fich, die altkirchliche Erklärung, in der
ein gut Theil warmen religiöfen Lebens niedergelegt ift,
mit Ehrerbietung zu behandeln, und fo lange die evan-
gelifche Wiffenfchaft felbft den letzten Reft der alle-
gorifchen Erklärung, die fog. typologifche Exegefe, d. h.
die unklare und nur fcheinbar tieffinnige Vermifchung
von Allegorie und Buchftaben, nicht völlig abgeftreift
hat, hat fie kein Recht, über katholifche ,Unwiffenfchaft-
lichkeif fich zu ereifern.

Verf. hat ,mit dem entfchiedenen Glauben der Kirchenväter
' ,die wiffenfchaftlichen Ergebnifse feiner Zeit' verbinden
wollen 57. Er hat zu diefem Zweck auch
moderne, evangelifche und jüdifche Commentare gelefen.
Er exegefirt aus dem hebräifchen Text und der Vulgata.
,Wir nun glaubten, den correcten Text des H. L. in der
hebräifch-lateinifchen Bibel von Tauchnitz gefunden zu
haben.' 1 f. Wo ,die Hahn'fche Recenfion', für den Verf.
,kurzweg' die veritas hebraica 2, von der Vulg. abweicht,
erklärt Verf. in der Vorrede, fie ,fo gut als möglich mit
der Vulgata ausgleichen' zu wollen 2; in der Einzelerklärung
ift er nicht fo unwiffenfchaftlich, vielmehr weift
er oft die Fehler der Vulg. nach. Diefe Discrepanz
zwifchen Programm und Ausführung giebt zu denken. —
In der Eintheilung, in den Ueberfetzungen und in vielen
Anmerkungen ift er von Delitzfch abhängig, den er freilich
häufiger benutzt als citiert hat. Als felbftändige wiffen-
fchaftliche Leiftung darf der Comm. in keiner Weife
gelten. Wir evangelifchen Forfcher können nichts daraus
lernen. — Den wenig vornehmen Ton in der Polemik
gegen die ,Buchftäbler' mufs man wohl der Unbehülflich-
keit eines etwas kindlichen wiffenfchaftlichen Betriebes
zu Gute halten.

Halle. H. Gunkel.

Dillmann, Prof. Dr. Aug., Hiob. Von der 3. Aufl. an erklärt
v. A. D. 4. Aufl. [Kurzgefafstes exeget. Handbuch
zum altem Teftament, 2. Lfg.] Leipzig, Hirzel,
1891. (XL, 361 S. gr. 8.) M. 6. —

Mit dem Commentar zu Hiob begann A. Dillmann

1. J. 1869 die Reihe feiner glänzenden Commentare, durch
die er dem verdienftlichen Unternehmen des ,Kurzge-
fafsten Exegetifchen Handbuchs zum Alten Teftament'
geradezu eine neue Jugend gab. Obgleich die Bearbeitung
diefes Buches von Hirzel und nach ihm von Juftus
Olshausen eine der bellen Abtheilungen des Handbuches
gewefen, fo überragte doch die gefchmackvolle, lesbare,
ungemein reichhaltige und forgfältige Arbeit Dillmann's
die der Vorgänger noch um ein bedeutendes. Es ift nicht
zuviel gefagt, dafs diefe Commentare Dillmann's die voll-
endetfte Geftalt des commcntarius perpetuus zum Alten
Teftamente im 19. Jahrh. darfteilen; die wenigen Jahre,
die es uns noch bringen foll, werden dies fchwerlich Lügen
ftrafen. Wer wie ich an dem erften derfelben, dem Commentar
zum Hiob, in feiner Lehrzeit arbeiten gelernt und
Luft und Liebe zum Alten Teftament gewonnen hat, der
mufs das Erfcheinen der neuen Auflage mit befonderer
Freude begrüfsen. Ein fchlechtes Zeugnifs freilich für
das altteftamentliche Studium, dafs fie erft jetzt erfcheint,
befonders wenn man bedenkt, dafs zwifchen der 1. und

2. Auflage 13, zwifchen der 2. und 3. 17, und nun zwifchen
der 3. und 4. Auflage mehr als 22 Jahre liegen.
Aber ein um fo ruhmvolleres Zeugnifs für den Verfaffer,
wenn man fagen mufs, dafs die neue Auflage in keinem
Stück hinter der vorigen zurückfteht, in manchem fie bei
weitem überholt. Eine grofse Tugend hebt der Verf.
felbft im Vorwort mit Genugthuung hervor: dafs die neue
Auflage trotz der Maffe des Hinzugekommenen den Umfang
der vorigen nicht überfchreitet. Genau die Ii Seiten,

um welche die Einleitung vermehrt wurde, find am
Commentar und dem Vorwort erfpart, und kämen nicht
die 2 Seiten des fehr willkommenen Literaturverzeich-
nifses hinzu, fo würde das Buch aufs Haar diefelben 399
Seiten zählen wie früher. Um diefe feine ,Kunft, ,kurz-
gefafst' zu fchreiben' mufs man den Verf. in der That
beneiden.

Eine vollftändig neue Durcharbeitung nennt das
Vorwort diefe Auflage mit vollem Rechte; denn aufser
wenigen Seiten der Einleitung dürfte nicht leicht ein
nennenswerther Abfchnitt ohne umfangreiche Aenderungen
geblieben fein, und gewifs kein einziges Wort ohne forg-
fame Erwägung und Prüfung.

Die Grundlagen des Ganzen find, den Anfprüchen
der Gegenwart entfprechend, verftärkt durch noch eingehendere
Befragung der Ueberfetzungen. Wie ernft Dillmann
es damit genommen hat, beweift feine äufserft
mühfame Vorarbeit in der Abhandlung ,Textkritifches
zum Buche Ijob' (Sitz.-Ber. d. Berl. Akad. 1890.5.134565.).
Der aus der 1889 veröffentlichten koptifchen (fahidifchen)
Ueberfetzung gewonnene LXX- Text des B. Hiob, befreit
von den maffenhaften hexaplarifchen Nachträgen
aus Theodotion, wird darin von Anfang bis zu Ende auf
fein Verhältnifs zum hebr. Text geprüft und Hatch's
Thefe von der Urfprünglichkeit jener Recenfion mit durch-
fchlagenden Gründen widerlegt. Der Commentar bucht
nun den Befund diefer Unterfuchungen auf Schritt und
Tritt und zieht auch fonft mit der gröfsten Sorgfalt die
Ueberfetzungen zu Rathe. Man darf diefe Arbeit als
muftergültig bezeichnen und infofern wohl als ab-
fchliefsend (vgl. das allgemeine Urtheil S. XXVIIIf.), als
nicht leicht mehr jemand wagen wird, für den Text des
Hiob von LXX das Heil zu erwarten. Selbft bei dem
einzigen Male, wo Dillmann es freigiebt, auf Grund der
LXX einen gröfseren Abfchnitt, den vom Vogel Straufs
39, 13—18, zu ftreichen, wird man der offen gelaffenen
zweiten Möglichkeit folgen muffen, da trotz einer ge-
wiffen Eigenart (vgl. übrigens zu v. 17 mit der 3. p. für
Gott 40,9) gerade diefer Abfchnitt ganz unnachahmlich
und im Zufammenhang befonders feft gegründet ift.

Ferner war eine ungewöhnlich umfangreiche Literatur
zu berückfichtigen und an unzähligen Stellen nachzutragen
; das Literaturverzeichnifs S. XXIX f. allein zählt
feit 1869 rund 15 Commentare und 30 Abhandlungen auf,
aber aus fehr viel mehr Büchern ift mit gewohnter Umficht
Stoff herzugetragen. Jenes Verzeichnifs bringt das
wirklich Nutzbare in ziemlicher Vollftändigkeit; nachtragen
möchte man an Commentaren Batefon Wright 1883, an
Abhandlungen Hengftenberg, Ueber das Buch Hiob
1856; Studer Ueb. d. B. H. 1858; Wellhaufen's vortreffliche
Anzeige der 1. Aufl. (Jahrbb. f. d. Th. 1871 S. 552
bis 557); Studer's ,Antikritik' (Jahrbb. f. prot. Th. 1877
S. 540 ff.); Smend's fehr ausführliche Anzeige meinesBuches
(Stud. u. Krit. 1878 S. 153fr.); Buhl, Om Jobs bog 1887.
Dazu kommt feit dem Erfcheinen des Buches noch der
Auffatz von Meinhold in Lemme's neuer Zeitfchrift.

So mufs man denn fragen: Was ift der Ertrag all
diefer neuen Arbeit und des eigenenNachdenkens des Ver-
faffers, wie er in diefem Handbuche niedergelegt ift? ,Zwar
faft viel', darf man getroft antworten. ,That eminent critic
Dillmann, who in spite of himself continually makes snck
gratifying concessions to younger sclwlars', fo nennt ihn
T. K. Cheyne {The Expositor April 1892 p. 2486) gerade
mit Bezug auf diefes Buch, und mich dünkt, mit grofsem
Recht. Denn fo wenig Dillmann im ganzen mit der
neueften Entwickelung der altteftamentlichen Forfchung
einverftanden ift, wie man denn gerne zugeben mag, dafs
fie vielfach fprungweife und zerfplittert vorfchreitet, fo
gern er in grofsen Dingen entfchiedenen Einfpruch erhebt,
fo bleibt diefe Entwickelung doch auch an ihm nicht
unbezeugt, und man darf fagen, dafs von jüngeren Gelehrten
kaum ein Schritt gewagt ift, deffen grundfätz-
liche Berechtigung fich nicht durch Seitenftücke bei