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Ausgabe:

1892

Spalte:

382-387

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Claravallensis, Johs.

Titel/Untertitel:

Die falschmünzerische Theologie Albrecht Ritschl‘s und die christliche Wahrheit 1892

Rezensent:

Herrmann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 15.

382

werden; fondern fie wenden iich direct an die chriftl.
Gemeindeglieder, um ihnen etwas zu bieten, was die
fonntägliche Predigt nicht bieten kann: eine Darlegung
der chriftl. Ueberzeugung als eines Ganzen. Aber freilich
ift es thatfächlich die wirkfamfte Vertheidigung des
Chriftenthums auch gegenüber den ihm Pernftehenden,
wenn mit einer folchen Klarheit und Wärme, wie es
hier gefchieht, der einheitliche Zufammenhang der chriftl.
Gefammtanfchauung und ihr praktifcher Werth für das
Leben des Menfchen pofitiv dargelegt wird. ,Die evan-
gelifch-chriflliche Lehre befteht nicht blofs in einzelnen,
unter fich kaum oder nur lofe zufammenhängenden
Stücken, fondern fie bietet eine einheitliche, praktifche
Gefammtüberzeugung über Gott und Welt und Leben,
deren Werth, im Gefühl feftgehalten, auch beftimmend
auf den Willen wirkt' (S. 2). ,Der Wahrheitsbeweis des
Chriftenthums liegt darin, dafs jeder durch den Anfchlufs
an Chriftus, fowie feine Gemeinde fich zu ihm ftellt als
zu ihrem Herrn, praktifch zurechtkommt in allen feinen
Lebensbeziehungen' (S. 4). ,Dafs das Chriftenthum die
vollendete Religion ift, die nicht überboten werden kann,
dafs es deshalb fchlechthin allgemein ift, den Bedürf-
nifsen jedes Zeitalters angemeffen und gleich geeignet
für den Arbeiter wie für den Fürften, das wird daran
offenbar, dafs es das Verhältnifs der Menfchen untereinander
zugleich mit ihrem Verhältnifs zu Gott in eine
Ordnung bringt, in welcher volles Genüge gefunden
wird' (S. 40 f.). Gemäfs der in diefen Sätzen ausge-
fprochenen allgemeinen Vorftellung davon, wie das
Chriftenthum darzuftellen und zu vertheidigen ift, hat
der Verf. feine Aufgabe durchzuführen gefucht.

Von Anfang bis zum Schluffe klingt der Grundgedanke
durch: wir Chriften flehen mit Gott, dem Herrn
der Welt, im Bunde, und der bleibende Mittler diefes
Bundes ift Jefus Chriftus. Ausgeführt wird diefer Gedanke
fo, dafs in den beiden erften Vorträgen gezeigt
wird, welche Bedeutung diefer Bund für die Menfchen
hat, was in ihm feitens Gottes den Menfchen als Heil
dargeboten und was von ihnen als Pflichtleiftung gefordert
wird, in den drei weiteren Vorträgen dann,
welche Bedeutung Jefus Chriftus als Mittler diefes Bundes
für feine Gemeinde hat. Das Heil, welches die
Chriften im Bunde mit Gott geniefsen follen, ift das
überweltliche, ewige Gut des Reiches Gottes. Der
Schwerpunkt ihres Lebens wird über diefe Welt hinausgelegt
, nicht nur fofern fie ein zukünftiges feiiges Leben
erwarten, fondern auch fofern fie in diefem irdifchen
Leben fich über die Welt mit allen ihren natürlichen
Gütern zu erheben und über fie mit ihren natürlichen
Uebeln zu herrfchen vermögen. Verpflichtet aber werden
die Menfchen in diefem Bunde zu einem neuen Lebensideal
, welches ebenfo wie das ihnen gefchenkte neue
Gut, alle ihre Lebensbeziehungen umfafst, fowohl das
Verhältnifs zu Gott als auch das zum Nächften. Diefes
Lebensideal wird verwirklicht nicht durch Weltflucht,
fondern durch Weltbeherrfchung im Bunde mit Gott,
indem die Chriften die Herrfchaft Gottes an fich und an
Anderen mit zur Durchführung zu bringen fuchen, einer-
feits durch vertrauensvolles /Nehmen' von Gott, anderer-
feits durch liebevolles ,Geben' an die Menfchen. Antheil
an diefem Bunde mit Gott gewinnt man nur durch den
gefchichtlichen Chriftus. Er hat den Menfchen ihr höch-
ftes Gut und ihr rechtes Lebensideal anfehaulich gezeigt.
Diefe feine Bedeutung wird in dem Glaubensurtheil der
Chriften ausgedrückt, dafs er ihr Herr fei. Den rechten
Glauben an Chriftus gewinnt man durch den Eindruck,
den feine Perfon und fein Werk machen, indem er uns
das Vertrauen abgewinnt, dafs in ihm Gott uns nahe ift,
wie durch nichts Anderes, was das Leben uns fonft entgegenbringt
. Demgemäfs fucht der Verf. nun das Bild
des gefchichtlichen Chriftus in lebendigen Zügen vor
Augen zu ftellen: wie er fein meffianifches Berufswerk
aufgefafst und ausgeführt hat. In feinem ganzen Reden

und Wirken bewährt fich Jefus zugleich als der Offenbarer
Gottes und als das Haupt feiner Gemeinde. Wir
fchauen in ihm verwirklicht das Ideal der Menfchenliebe,
das Urbild alles deffen, was menfehliche Gröfse, wahres
Menfchthum ausmacht. In eben diefer feiner Liebe,

| feiner Gnade und Treue, erkennen wir aber auch das

I an, was ihn zum vollendeten Offenbarer und Ebenbilde
Gottes macht. Und auf diefen gleichen Eigenfchaften
beruht feine Herrfchermacht, welche er der Welt gegenüber
am vollkommenften in feinem Leiden bewährt hat
und welche er fortdauernd in den Wirkungen auf feine
Gemeinde ausübt. — Nach diefer Beurtheilung des Mittlers
unferes Bundes mit Gott füllten die weiteren Vorträge
von dem Bundesgott und von dem Bundesgeift
handeln (S. 66). So fchmerzlich auch das Fehlen diefer
Fortfetzung ift, fo mufs man doch fagen, dafs auch die
uns gebotenen fünf Vorträge fchon für fich allein als
ein Ganzes gelten können und den Zweck, einen Eindruck
von dem Ganzen der chriftlichen Anfchauungs-
weife zu geben, durchaus erfüllen.

Schon aus der kurzen Skizze des Inhalts ift zu er-
fehen, dafs der Verf. mit Entfchiedenheit die theologifche
Richtung Ritfchl's vertrat. Diefe Vorträge bieten einen
glänzenden Beweis dafür, wie die fyftematifchen An-
fchauungen Ritfchl's, die diefer felbft in fo fchwerfälliger
wiffenfehaftlicher Form auseinanderfetzte, einfach populär
verftändlich gemacht werden können und worin ihre
anziehenden und praktifch werthvollen Momente für
Theologen wie für Laien liegen. Jeder Lefer diefer Vorträge
wird es empfinden, dafs hier in der That nicht
eine Summe von Anflehten, fondern eine einheitliche
Gefammtanfchauung entwickelt wird, und zwar von einer

| gereiften chriftlichen Perfönlichkeit, welche das, was fie
felbft erlebt und erarbeitet und fich zur inneren Klarheit

| gebracht hat, auch Anderen klar zu machen verfteht.
Der Laie merkt nichts von theologifcher Gelehrfamkeit,
fondern wird nur unter dem Eindrucke flehen, dafs ihm
einmal nicht nach der gewöhnlichen Schablone und ohne
dogmatifche Formulirungen das chriftliche Evangelium
in feiner Einfachheit und doch auch in feiner Tiefe, in
feinem praktifchen Werthe und in feiner auch dem gewöhnlichen
Verftändnifsvermögen einleuchtenden Wahrheit
vorgeführt wird. Der Theologe merkt doch auf
Schritt und Tritt, dafs die Schrift auf gründlichen exe-
getifchen und fyftematifchen Studien beruht, und er wird
immer von Neuem überrafcht durch die gefchickte praktifche
Verwerthung der wiffenfchaftlichen Arbeit, durch
die meifterhaften Formulirungen im Einzelnen und durch
das treffende, zwar nur indirectin der Auswahl und Anordnung
des Stoffes fich kundgebende, aber doch fehr be-
deutfame und lehrreiche Urtheil darüber, wie die ver-
fchiedenen Seiten der chriftlichen Lehre innerlich zu-
fammenhängen und was an der kirchlichen Lehrüberlieferung
das Wefentliche und Bleibende, was das
Unwefentliche und Vergängliche ift. Den Gemeindegliedern
und Freunden des verdorbenen Jefs — denen
zugehört zu haben auch der Ref. dankbarft fich freut —
id diefe Schrift ein theueres Vermächtnifs, ein bleibendes,
und zwar fehr charakteridifches Denkmal des Geides,
in dem er lebte und wirkte. Möchte fie aber auch weit
über diefen Kreis hinaus wirkfam und fegenbringend
werden!

Heidelberg. H. H. Wen dt.

1. Claravailensis, Johs., Die falschmünzerische Theologie
Albrecht Ritschl's und die christliche Wahrheit. Allen
Chridgläubigen gewidmet. Gütersloh, Bertelsmann,
1891. (200 S. gr. 8.) M. 2. 40.

2. Pfleiderer, Otto, Die Ritschl'sche Theologie, kritisch beleuchtet
. [Aus: Jahrbb. f. proteflant. Theologie'].