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Ausgabe:

1892 Nr. 15

Spalte:

378-379

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Feige, Herm.

Titel/Untertitel:

Die Geschichte des Mâr Abhdîsô und seines Jüngers Mâr Qardagh 1892

Rezensent:

Nestle, Eberhard

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Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 15.

378

Zufatz fei.1) Ich mufs es natürlich Jedem überlaffen, wie
er über jenen Schlufs denken will; ein ftricter Beweis
läfst fich nicht führen; ich habe ,von höchfter Wahr-
fcheinlichkeit' gefprochen (S. 125. 131). Zahn hat auch
(S. 14) die ,Möglichkeit' der Ausdrucksweife xoxr/giov
vöaxoq xal xndf/axoq erwiefen; aber wenn von zwei unabhängigen
Zeugen der eine einen eben nur möglichen
Ausdruck nicht bietet, fo pflegt man, wenn nicht
zwingende Gründe vorliegen, ihm zu folgen. Doch dies
ift eine Sache für fich. Aber eine unflatthafte Verkürzung
in der Wiedergabe des von mir geführten Beweifes ift
es, dafs Zahn zwar bei Befprechung des negativen
Theils (S. 8) auf die Stelle Apol. 66 eingegangen ift,
fie aber dort nicht erwähnt, wo fie zum Beweife gehört.
Nach der feierlichen Citation der Einfetzungsworte (ohne
die Erwähnung vom .Gewächs des Weinftocks') fährt
Juftin alfo fort: ojisq xal iv xolq xov MiOga /ivoxngioiq
jtagiöwxav yived&ai ui/Djodiitvoi 01 xovr/gol öai/uovsq' öxi
ydg ägxoq xal jtoxi/giov vöaxoq xttitxai iv xalq xov
(ivovfitvov xklexalq ust ixiXbymv xivmv, // kjcloxaod-t //
uavtlv övvaaDx. Wenn Juftin im Vorhergehenden vom
Wein gefprochen hätte, warum nahm er dann nicht die
Dionyfusmyfterien als Parallele? Um dem Gewicht diefer
fchlagenclen Stelle zu entgehen, behauptet Zahn, Juftin
fage nicht, dafs die chriltliche Cultushandlung in den
Mithrasmyfterien nachgeäfft werde, fondern ,das ganz
äufserlich und falfch aufgefafste Weisfagungsbild', und
zwar meint er, an Jefaj. 33, 16 denken zu müffen. Allein
davon fteht fchlechterdings nichts im Texte; Zahn erlaubt
fich das einfach einzutragen. Ich fetze den Text
hierher: {ol uxöoxoXoi xagtömxav) xov 'inoovv Xaßövxa
agxov tvyagioxijOavxa tlxtlv' Tovxo xoalxe elq xr/v dvd-
/uvr/Otv (iov. xovxo ioxi xo Ocöud fiov xal xb xoxtjgiov
ofioiojq Xaßovxa xal tvyagiOxrjöavxa tlxslV Tovxö ioxt
xo ai/xu ftov xal uövoiq avxotq iisxaöovvar bntg (alfo
diefe Handlung) xal iv xolq xov Midga fivoxr/gioig xagt-
öcoxav yivtoOai (folgen die obenftehenden Worte). An
irgend eine Weisfagung ift hier nicht gedacht. Die
Handlung felbft ift nach Juftin nachgeahmt und zwar
vollkommen, nämlich in den drei Stücken, Brot, Waffer-
becher und Gebet. Wer fo fchreibt, mufs auch im
Abendmahl diefe drei Stücke anerkannt haben, Brod,
Wafferbecher und Gebet. Merkwürdig — fchliefslich
ftreift auch Zahn an das Richtige nahe heran. Selbft
auf Grund des überlieferten Textes ift es nach feinem
Urtheil offenbar, dafs das Waffer für Juftin Hauptinhalt
des Kelchs gewefen ift, der Wein eine Zuthat zum
Waffer. ,Ein Brot und ein Becher mit Waffer, dem
etwas Wein beigemifcht ift, das ift alles'. Alfo das Waffer
der Hauptinhalt! Und Cyprian fordert es um der Sache
willen, dafs beim Abendmahl Wein und Waffer gebraucht
werde; ohne Waffer ift ihm die Handlung fo
unvollkommen wie ohne Wein. Und da foll es in ältefter
Zeit undenkbar gewefen fein, dafs man den Wein ganz
fortliefst nein — undenkbar ift es nicht, denn ein Theil
der alten nordafrikanifchen Kirche hat faft ein Jahrhundert
lang das Abendmahl fo gefeiert, und unzählige
Chriften um d. J. 150 ebenfo, nicht anders Tatian, nach
Zahn ein vortrefflicher Chrift, und Juftin nennt als Hauptinhalt
des Kelchs nach Zahn das Waffer! Worüber
ftreiten wir eigentlich? Die wünfehenswerthe einftimmige,
unveränderte Tradition ift doch nach Zahn felbft nicht
zu erreichen, und ich habe nie beftritten, dafs ftets auch
Wein gebraucht worden ift. Worüber wir ftreiten? ,Um
etwas beigemifchten Wein' und zwar gerade beijuftin ;
denn Juftin gehört zu den doctores graves der katholi-
fchen Traditionaliften; wenn man ihn und Irenäus befitzt
, fo glaubt man fich gewappnet gegen eine See
von Plagen, die fich wider die katholifche Traditions-

1) Wie der gewifs feltfame Thatbeftand, der in den Codd. A u. C
vorliegt, entftanden ift, das zu erklären bin ich nicht verpflichtet. Wir
haben es mit Handfchriften des 14. u. 15. Jahrh. zu thun, und Juftin
fchrieb im 2. Jahrh.

theorie erheben. Ich meine Zahn etwa fo verftehen zu
müffen: Orientalen, Griechen und Römer mögen die
Tradition noch fo fehr gemodelt und ihre eigenen Gedanken
und Wünfche eingetragen haben. Sie thaten es
auf ihre eigene Gefahr und ohne allgemeine Wirkung.
Juftin und Irenäus bezeugen es anders, und die Folgezeit
hat darum Recht, der katholifchen Kirche, die am Ofter-
fonntag entftanden ift, für alle ihre Gebräuche das ,semper,
ubique, apiui omnes' nachzurühmen.

Berlin. A. Harnack.

Feige, Dr. Herrn., Die Geschichte des Mär 'Abhdiso' und
seines Jüngers Mär Qardagh. Hrsg. und überfetzt. Kiel,
Haefeler's Verl., 1890. (59 u. 104 S. gr. 8.) M. 6. —

Die hier anzuzeigende Märtyrergefchichte ift zwar
fchon im Jahr 90 erfchienen, durch einen merkwürdigen
Zufall fogar zweimal, indem faft ganz gleichzeitig auch
| J. B. Abbeloos aus andern Handfchriften fie heraus-
' gegeben hat, unter dem Titel: Acta Mar KardagJii: As-
I syriac praefecti qui sub Sapore II martyr oeeubuit syriace
iuxta manuscriptum Amidensc una cum versione latina
cdidit 7iunc primum J. B. A. 1890. 106 S. Bruxelles &
Leipzig (Brockhaus): fie ift aber in der Theol. Lit.-Ztg.
noch nicht zur Sprache gekommen. Dies fei hiermit
nachgeholt, indem für alles Sprachliche auf die anderweitigen
Anzeigen des Buches verwiefen fei (von Nöldeke
in ZDMG 44, 529—535; Baethgen DLZ 90, 32; Rev. cnt.
91, 19,20; LCB1 90, 51). Der Held der Gefchichte
Qardagh (= xdgöaS,, Cardaces im Cornelius Nepos) foll
mütterlicherfeits aus der gläubig gewordenen Familie
des Königs Sanherib flammen, der nach anderen Mär-
tyreracten noch unter Julian lebte, väterlicherfeits aus
dem Haufe Nimrod's und wurde von feinem Vater
Gusnoi im Magismus erzogen, von 'Abhdiso' (Ebed-Jefu)
für das Chriftenthum gewonnen, für das er im 49. Jahr
i Sapor's vor feiner Burg auf dem Hügel Melqi bei Ar-
| bela den Märtyrertod der Steinigung erlitt, nachdem er
1 fich in feiner Burg lange gegen eine grofse Uebermacht
I gewehrt hatte. Vier Kirchen wurden dort fpäter ihm
zu Ehren erbaut und alljährlich um die Zeit feines
Todes in der letzten Sommerwoche eine Gedächtnifs-
feier von drei und ein Feft von fechs Tagen mit einem
grofsen Markt veranftaltelt. Faft fcheint es, dafs fich
darin ein vorchriftlicher Brauch erhalten hat. Noch
lebend bittet der Heilige in einem Gebet, dafs wer an
diefem Ort in Krankheit fei's für Menfchen, fei's für
Vieh an Gott fich wende, Hülfe finden möge, und nach
der einen Recenfion fagt ihm vor feinem Tode eine
himmlifche Stimme zu, dafs feine Gebeine aufserdem
Hülfe ausftrömen laffen follen auch für die Saaten,
dafs nicht auf fie falle Grille und Heufchrecke und
Maus und der ,Scherer' (ein nicht näher bekanntes Thier).
Die Gefchichte ift offenbar erft fpäter aufgezeichnet!
J nach Feige und Nöldeke im 6. (oder Anfang des 7.)
Jahrhundert: die Hauptfachen werden gefchichtlich fein.
Das 49. Jahr des Sapor ift in der einen Hdf. = 359 an-
! gefetzt; nach Nöldeke begann es am 24. September 357.
Die Wundererzählungen des N. T.'s dienen als Vorbild,
werden aber ihrerfeits weiter ausgefchmückt: 'Abhdiso'
wird z. B. wie Petrus durch den Engel aus dem Ge-
fängnifs befreit, das am andern Morgen die Kriegs-
j knechte von Wohlgerüchen erfüllt finden. Selbft-
I verftändlich fehlt der Wohlgeruch auch nicht beim Tod
des Helden. Ref. ift in der Martyrienliteratur nicht be-
lefen genug, um fagen zu können, ob die folgenden
Züge befonders charakteriftifch find; vielleicht ift doch der
eine oder andere von Werth. Der h. Sergius erfcheint
S. 16 hoch zu Rofs. 'Abhdiso' ift vielleicht der erfte
Träger diefes Namens. Von der h. Schrift wird faft
ausfchliefslich Pfalter und Evangelienbuch gebraucht,
das Abhdifo in einem kleinen Ranzen oder auf dem

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