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Ausgabe:

1892 Nr. 15

Spalte:

373-378

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zahn, Theodor

Titel/Untertitel:

Brot und Wein im Abendmahl der alten Kirche 1892

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 15.

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Cap. 12 feiner Erkennbarkeit, Cap. 13 handelt vom Logos,
aber fchon Cap. 10 von Gott als Schöpfer; und Gottes
Verhältnifs zur religiöfen Gefchichte der Menfchheit ift
befprochen worden, längft ehe an ,Logos' und (C. 14)
,die Trinitätslehre' gedacht wird. Wie viele Wiederholungen
durch diefe Dispofition nothwendig werden,
bedarf keiner Nachweifung; durch Zerreifsung des Zu-
fammengehörigen verfchuldet fie, dafs man bei der Leetüre
es wohl zu allerhand Wiffen über die Theologie
des Iren., aber nicht zu einem Verftändnifs bringt.

Jedoch noch viel fchädlicher ift die von K. vorgenommene
Ifolirung des Irenaeus, feine Loslöfung aus
den dogmengefchichtlichen Zufammcnhängen. Möller's
Gefchichte der Kosmologie wird ja mitunter citirt, auch
Dunker's Chriftologie des h. Iren., aber nur gelegentlich
vereinzelte Sätze: es wird kein Verfuch gemacht, das
Befitzthum des Iren, auf diefem Gebiete auf feine Quellen
hin zu unterfuchen (wenigftens lind Gnofticismus und die
griechifche Philofophie nicht die Hauptfache), es zu vergleichen
mit dem der für Iren, mafsgebenden Autoritäten
, mit den Anfchauungen des zeitgenöffifchen Vulgär-
chriflenthums, vollends es zu beurtheilen bezüglich der
Confequenz, der Uebereinftimmung mit der Religiofität
des Mannes, der Eigenthümlichkeit gegenüber dem Hergebrachten
, kurz es gefchichtlich zu begreifen und ge-
fchichtlich zu würdigen. SeitHarnack'sDogmengefchichte
follten folche Monographien nicht mehr gefchrieben
werden können. Was irgend ein Mann um 185 über
Gottes Erkennbarkeit oder über den Logos oder über
die Trinität gefchrieben hat, das der Reihe nach zu-
fammenzuftellen, ift eine beinahe überflüffige Arbeit:
erft durch Aufweifung der Zufammenhänge nach allen
Seiten hin erlangt es feine Bedeutung.

Dafs der Verf. dies überfehen hat, drückt feinen
Auffatz trotz fo vieler günftiger lvigenfchaften faft zu
einem speeimen diligentiae et cruditionis herab.

Marburg. Ad. Jülicher.

Zahn, Prof. D. Th., Brot und Wein im Abendmahl der alten
Kirche. Erlangen u. Leipzig, A. Deichert Nachf., 1892. j
(32 S. gr. 8.) M. —.50.

Neues Material von Bedeutung über das von mir
Beigebrachte enthält die Schrift nicht. Trotzdem wird
von ,keck hingeworfener Entdeckung' und von ,auf- I
dringlicher Dreiftigkeit' gefprochen und S. 3 dem Lefer
die Wahl gelaffen, ob ich zu den Leuten gehöre, die
Ringham ,ohne Dank ausbeuten oder mit Undank igno-
riren'. Zahn weifs recht gut, dafs meine Abhandlung
weder Bingham verpflichtet ift, noch zu ihrem Schaden
von ihm abgefehen hat. Aber wie fleht es mit feiner
dürftigen Anmerkung Gefch. des NTlichen Kanons II,
S. 437 f., die er über das Waffer im Abendmahl gefchrieben
hat, bevor er fleh aus meiner Unterfuchung belehrt
hatte? Ihr wäre Bingham recht nützlich geworden. Zahn
giebt meiner Abhandlung ferner das Prädicat, fie habe
die Umgebungen der Frage /ziemlich genau' abgefucht.
Wo find die Stellen, die ich überfehen habe? Ich fuche |
fie in feiner Schrift vergebens.

Nun die Sache. Hätte Zahn fleh etwas mehr Mühe
gegeben und wäre nicht fo rafch bei der Hand gewefen,
die Beunruhigungen zu zerftreuen, die meine Abhandlung
geftiftet zu haben fcheint, fo hätte er mit gröfserer Kunft
etwas Eindrucksvolleres fagen können. Ich fürchte, mit
dielen Blättern werden feine Freunde wenig zufrieden
fein und namentlich ihre Oekonomie beklagen; denn fie
fchliefsen mit folgenden Sätzen: ,Die Sitte (Waffer flatt
Wein beim Abendmahl zu gebrauchen) war zur Zeit
Cyprian's nicht jung. Sie wird in die erften Zeiten der
alrikanifchen Kirche hinaufreichen. Wir aber können
nach allen Analogien nur annehmen, dafs hier wie bei
den Secten die Gründe in einer Abneigung gegen den

Weingenufs, in einer Hinneigung zu ftrenger Entfagung
lagen. Da zu Cyprian's Zeit niemand mehr vernünftige
Rechenfchaft von der alten Gewohnheit zu geben wufste,
ift fie dem Widerfpruch der Majorität erlegen'. Alfo in
die erften Zeiten der nordafrikanifchen Kirche, d. h.
doch wenigftens in die Zeit um 160, reicht die Sitte,
das Abendmahl mit Waffer zu feiern, hinauf — und es
war eine kirchliche Sitte, nicht eine fectirerifche. Woher
hatte aber Afrika feine kirchlichen Sitten? Aus
Rom, wie bekannt. Zahn wird fleh alfo der Annahme
fchwerlich entziehen können, dafs auch in der römi-
fchen Kirche um die Mitte des 2. Jahrh. die Sitte
nicht unbekannt gewefen ift, das Abendmahl mit Waffer
zu feiern. Ift dem fo, dann würde ein Hiftoriker die
PTage, welche Elemente Juftin bei der h. Handlung vorausgefetzt
hat, minder hochmüthig im Sinne der Tradition
beantworten, als Zahn es gethan hat. Doch — die
Bereitfchaft, eventuell auch Unbequemes anzuerkennen,
ift bei Zahn überhaupt nur hypothetifch; denn S. 17f.
lefen wir: ,(Wenn Harnack Recht hat), fo ift an die
Stelle der gefchichtlichen Entwickelung das unverftänd-
liche Wunder gefetzt . . . , das nur aus jener im Finftern
vor fich gegangenen Revolution, welche man ,Entftehung
der katholifchen Kirche' nennt, erklärt werden kann;
und auch dies ift nur möglich, wenn man zugleich annimmt
, dafs 1) die Männer, welche das Werk vollbracht
haben, fich das Wort gegeben und gehalten haben, von
dem Staatsftreich zu fchweigen und fich anzuflehen, als
ob die feit 16b oder 170 durchgeführten Neuerungen
apoftolifche Stiftung wären, und dafs es 2) diefen Männern
gelungen ift, ihre chriftlichen Zeitgenoffen zu hyp-
notifiren und dadurch alle Erinnerung an die Zuftände
um 150 auszulöfchen'. Diefe katholifche Argumentation ift
aus Zahn's zahlreichen Schriften fattfam bekannt. Ich
begreife aber angefichts derfelben nicht, warum er feine
Brofchüre überhaupt gefchrieben hat. Es hätte ja voll-
ftändig genügt, den obigen Satz abzudrucken, um mich
zu widerlegen. Wenn man eine hiftorifche Thatfrage
durch einen Syllogismus löfen kann, deffen Oberfatz die
unveränderliche Tradition bietet, wozu dann noch die
Spiegelfechterei einer Unterfuchung?

Um 160 gab es eine kirchliche Sitte in Nordafrika,
das Abendmahl mit Waffer zu feiern. Um diefelbe Zeit
haben zahlreiche Kirchengemeinfchaften der verfchieden-
ften Herkunft das Abendmahl ebenfo gefeiert, was Zahn
nicht beftreitet. Unter diefen Secten befanden fich auch
die .Enkratiten'. Diefe aber find überhaupt erft im 3.
Viertel^ des 2. Jahrh. aus der grofsen Kirche ausgefchie-
den. Sie befanden fich vorher im Schofse derfelben: das
ift eine gefchichtliche Thatfache, die Zahn anerkennen
wird. Alfo ergiebt es fich auch von hier aus: vor 16b
ift das Abendmahl innerhalb der grofsen Kirche
auch mit Waffer gefeiert worden. Endlich: Tatian,
der Schüler Juftin's, hat — unbeftritten — das
Abendmahl mit Waffer gefeiert1), und Juftin felbft
ift dem Enkratitifchen nicht abhold2). Diefe Thatfachen
mufs man vorausCchicken, wenn man den Brauch Unteraichen
will, den Juftin fchildert. Zahn beginnt aber mit
Juftin und findet deshalb feine Lefer — zunächft die
Lefer der Kirchenzeitung, in der feine Abhandlung er-
fchienen ift — in harmlofefter Stimmung. Die Behauptung
, Juftin fchildere einen Abendmahlsgottesdienft mit
Brod und Waffer, mufs ihnen wie aus der Piftole ge-
fchoffen vorkommen, und das Spiel ift von Anfang an

1) Dafs der katholifche Märtyrer Pionius noch im J. 250 keinen
| Wein, fondern Waffer gebraucht hat, bezweifelt Zahn. Die Worte lauten:
I nQOOtv^afiivwv avxwv tuA ).aßövx(ov uqxov uyiov xal fdoo. Zahn

lagt, das Brod könne ein von einer früheren Abendmahlsfeier zurückbehaltenes
Brod gewefen fein, oder man könne auch annehmen, dafs es
fich um ein blofses durch Gebet geheiligtes Frühftück gehandelt habe.
Bei eifrigem Nachdenken wird fich wohl noch eine dritte und vierte Möglichkeit
finden laffen. Ob fie wahrfcheinlicher find, als die Beziehung
auf das Abendmahl, mufs ich dem Lefer überlaffen.

2) Apol. I, 15. 16. 29.