Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1892 Nr. 1

Spalte:

338-340

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Bibliothek der Inneren Mission. Nr. 1.-6 1892

Rezensent:

Stromberger, Christian Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

337

Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 13.

und Schleiermacher finden (ich im Kern feiner Theologie
deutlich genug wieder. Aber ein hervorragendes felbft-
ftändiges Schaffen knüpft nicht nur an einem Punkt an
die vorausgegangene Arbeit an.

Bekanntlich ift Ritfehl zuerft felbftftändig geworden
nicht in der fyfUmatifchen, fondern in der hiftorifchen
Theologie, und man konnte ja nachher noch zweifelhaft
fein, in welches von beiden Gebieten er am meiften
gehöre. Darüberhabe ich meinerfeits zwar keinen Zweifel,
und wenn ich ihn gehabt hätte, fo wäre er doch durch
diefen genauen Linblick in fein beftändiges Arbeiten,
wie wir denfelben jetzt haben, gehoben worden. Ritfehl
war der geborene Syffematiker; wo er hiftorifch gearbeitet
, und nach feiner Ueberzeugung und Bemühung
ganz frei gearbeitet hat, da hat er doch immer ebenfo
ein dogmatifches Urtheil, wie eine dogmatifche Anwendung
gleichfam mit in der Arbeit. Damit verkleinern
wir weder das Verdient!, das er fich auf dem Gebiete
der Gefchichte erworben hat, noch feine Aufrichtigkeit.
Aber wir können damit neben grofsen glücklichen
Griffen die Fehlgriffe, welche ihnen zur Seite gehen,
erklären.

Ritfehl erfte grofse Leiftung war Die Entftehung der
altkatholifchen Kirche. Wie diefes Werk in feiner erften
und in der fpäteren Faffung entftanden ift, kann jedermann
jetzt des Genaueren lefen und begreifen. Ebenfo
was dazu das perfönliche Verhältnis zu Baur beigetragen
hat, und wie beide nachher auseinander gekommen find.
Ritfehl ift ganz durch Baur auf diefe Studien gekommen,
und war fein Bewunderer nicht blofs, fondern im weiteren
Sinn Schüler. Jenes Werk ift zwar feinem Ziel nach eine
Einwendung gegen Baur's Auffaffung der Gefchichte des
Urchriltentums aber fie ift durch diefe veranlafst und in
der Weife der Unterfuchung beftimmt. Und ich glaube
noch mehr fagen zu dürfen, nämlich dafs es gar nicht
als Proteft, fondern als Nachfolge Baur gegenüber aufzufahren
ift. Den Gedanken Baur's, jene Gefchichte aus
grofsen treibenden Ideen zu verftehen und darauf zurückzuführen
, hat Ritfehl fortgefetzt, mit einer Berichtigung,
die fich doch in derfelben Linie bewegt. Er hat ein
hervorragendes Wort gefprochen in der Fortführung
und Läuterung der gegebenen Idee, an welcher viele,
die zu Baur's Schule gerechnet werden, Teil gehabt
haben. Es ift eine leidige Seite an diefem Verlaufe der
Dinge, dafs es dabei zu einem perfönlichen Bruch zwifchen
Baur und Ritfehl gekommen ift. Ich glaube, die Mitteilungen
über diefen Hergang find vollkommen geeignet
, zu zeigen, dafs es fich dabei fchliefslich um Mifs-
verftändnifse handelt, welche für ihre Zeit begreiflich
find, uns aber nicht mehr an der richtigen Beurteilung
des einheitlichen Fortfehrittes der Wiffenfchaft hindern
dürfen.

Gerade das ift nun für Ritfehl charakteriftifch, dafs
er nach diefer an fehnlichen und von Erfolg begleiteten
Leiftung fich erft recht und ganz der fyftematifchen
Theologie zuwendet. Man würde doch falfch urteilen,
wenn man dies wefentlich auf die Veranlaffung zurückführen
wollte, welche die Gelegenheit der Vorlefungen geboten
hat. Es ift der innere Beruf, welcher fich geltend
macht. Der vorliegende Teil der Lebensbefchreibung
zeigt uns noch die allmähliche, aber fichere Vorbereitung
des zweiten Hauptwerkes diefes Lebens, der Lehre von
der Verföhnung und Rechtfertigung. Wenn wir fomit
hier an der gegebenen Grenze angelangt find, fo möchte
ich doch diefe Anzeige nicht fchliefsen ohne ein Wort
darüber, worauf doch die hohe Stellung, welche Ritfehl
errungen hat, beruht. Denn auch in diefer Vorbereitung
ift das Ergebnis klar zu erfehen. Die evangelifche
Glaubenslehre ift in diefem Jahrhundert nicht ftille ge-
ftanden. Weithin leuchtend als befreiende That war
und bleibt Schleiermacher's Glaubenslehre, und in ge-
wiffem aber entfeheidenden Sinne dürfen wir fagen, dafs
ein Zurückgehen hinter diefelbe unmöglich ift. Niemand

j von den fpäteren hat die Arbeit in einer Weife fort-
1 gefetzt, die über Ritfchl's Leiftung zu ftcllen wäre. Die
I Kennzeichen der neuen Bahn find zweierlei. Das eine ift
das Wort von der Einfchränkung der Glaubenslehre auf
j das, was wirklich zum Glauben gehört, und Ausfchei-
dung des Fremdartigen. Damit ift fchon das zweite noth-
wendig gefordert, nämlich die Begründung des Ganzen
auf die wirkliche Erfahrung und auf die gefchichtliche
I Thatfache der erften Erfahrung. Was aus diefen Grenzen
heraustritt und alles wieder hereintragen will, wird nur
eine kurze Dauer, nur ein Scheindafein haben. Es kommt
aber bei diefem Portfehritte, ähnlich wie bei dem der
hiftorifchen Kritik, darauf an, dafs nicht die Unfähigen
Recht behalten, welche nur Zerftörung fehen, dafs vielmehr
viele darüber gewifs gemacht werden, wie es fich
um Aufbau handelt. Als Meifter in diefer Richtung hat
Ritfehl gewirkt. Und viele Jüngere danken ihm, ihres
Glaubens in der Theologie froh geworden zu fein. Ich
rechne es der guten Abficht zu, wenn er bemüht war,
den wirklichen Inhalt des Glaubens auch in den Formen
einer älteren Theologie wiederzufinden, und das Bewufst-
fein der gefchichtlichen Einheit damit zu ftärken. Ein Vermittlungstheologe
war er deswegen doch nicht, fowenig
als irgendeiner, der den Kern unferes Denkens in alten
Zeiten wiederzufinden vermag.

Jeder Lefer diefes Bandes wird den folgenden gerne
begrüfsen. Zum Schluffe aber foll doch auch nicht
unerwähnt bleiben, dafs wir im bisherigen nicht blofs
den' Theologen, fondern auch den Menfchen kennen
lernen, und dies neben der Jugendgefchichte ganz vorzüglich
bei feiner Verlobung und Verehelichung, die uns
in recht wohlthuendem Bild erfcheint, wenn gleich auch
das zum Gefamtbid gehört, dafs die Theologie immer
dabei ift.

Tübingen. C. Weizfäcker.

Innere Mission.

Bibliothek für Innere Mission. Hrsg. von Dir. Paft. W.
Zinfser. Nr. 1—6. Leipzig, Akadem. Buchh.(W.Faber),
189091. (gr. 8.) M. 2. 90.

Inhalt: 1. Die Aufgaben der Innern Miffion in der Wohnungsfrage
von Dr. Ernft Haffe. (XI, 13 S.) M. — 50. — 2. Die
fociale Frage und die Innere Miffion nach dem Brief des Jakobus.
Von Prof. Dr. Thdr. Zahn. (23 S.) M. —.50. — 3. Die deutfebe
Seemannsmiffion. Von Paft. E. Petri. (30 S.) M. —. 50. —
4. Aus dem Gebiete der Inneren Miffion in Paris v. Paft. Frifius.
(26 S.) M. —. 50. — 5. Innere Miffion und foziale Frage. Von
Hofpred. a. D. A. Stöcker. (25 S.) M. —. 40. — 6. Der Kommunismus
in chriftlichem Gewände. Von Prof. Dr. Hauck. (19 S.)
M. —. 50.

Es war Profeffor D. Friedr. Lücke in Göttingen, der
1842 den^ Namen der Inneren Miffion gebrauchte. Er
warf die FYage auf:,Dürfen, können wir zurückbleiben, wo
Alles im Vaterlande fich regt und bewegt? Die i. M. hat

j auch unter uns fchon ihre Freunde und Beförderer. Aber
fie müffen fich mehren. Eine Univerfitätsftadt darf in

j keinem edlen, vaterländifchen, chriftlichen Werke zurückbleiben
!' Diefe Worte haben zu verfchiedenen Zeiten
Beifall gefunden und da und dort hat man Verfuche gemacht
, die i. M. einzubürgern. So auch in Leipzig feit
1885 in einer .freien akademifchen Vereinigung für i.
Miffion'. Mit dem Wirken der i. M. follen die Mitglieder
durch Vorträge, durch eine Fachbibliothek, durch ein
Lefezimmer und Befichtigung von Anftalten bekannt gemacht
werden. Diefer Aufgabe follen die vorgenannten
Vorträge dienen und fie find es werth, in weitere Kreife
zu gelangen. Sie führen in die Tagesfragen ein und nur
ungern mufs man darauf verzichten, diefelben einzeln
nach ihrem Inhalte zu würdigen. Es find werthvolle

1 Beiträge zur Kenntnifs und zum Studium der i. M. und