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Ausgabe:

1892

Spalte:

301-303

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Döllinger, Joh. Jos. Ign. v.

Titel/Untertitel:

Akademische Vorträge. 3. Bd 1892

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologilche Literaturzeitung. 1892. Nr. 12.

302

Döllinger, I. v., Akademische Vorträge. 3. Bd. München, I
Beck, 1891. (IX, 353 S. 8.) M. 6.—; geb. M. 8.—

Die beiden erften Bände diefer Vorträge habe ich |
in diefer Zeitung 1888 Nr. 21 u. 1889 Nr. 10 befprochen.
Diefer dritte, von Max Loffen beforgte Band enthält
aufser der bekannten Abhandlung über das Kaiferthum
Karl's des Grofsen und feiner Nachfolger, die im Münchener
hiftorifchen Jahrbuch 1865 erfchienen war, nur
ungedruckte Stücke, und zwar elf. Nur zum Theil find
fie druckfertig gewefen. Der Herausgeber hat Manches
erft lesbar machen müffen, hat aber feines Amtes in
trefflicher Weife gewaltet: man hört doch überall Döllinger
felbft.

Die beiden erften Stücke bieten Rectoratsreden aus
d. JJ. 1867 und 1871. Die erfte Rede charakterifirt kurz
und fcharf die Leiftungen der alten Ingolftadter Hoch-
fchule, geht dann zu denen der Landshuter über: ,Wir
haben Urfache genug, jene kurze, nur ein Vierteljahr- ]
hundert umfaffende Periode der Landshuter Wirkfamkeit
in der Erinnerung hochzuhalten', und charakterifirt endlich
die damals jüngft verdorbenen Theologen Stadl-
baur und Rietter. Die zweite Rede fpricht über die
Bedeutung der grofsen Zeitereignifse für die deutfchen
Hochfchulen. Sie fteht unter dem frifchen Eindruck der
Gründung des deutfchen Reichs und zeigt, wie Döllinger
fein Vaterland gekannt und geliebt hat, wie fern er aber
von jedem Franzofenhafs gewefen ift: ,üeutfchland darf
noch nicht entwaffnen. Gleich jenen caftilifchen Rittern
an der maurifchen Grenze, deren Pferde jede Nacht ge-
fattelt im Schlafgemach ftanden, angebunden an die
Pfoften des Ehebetts, mufs auch die deutfche Wehrkraft
fernerhin wachfam und gerüftet bleiben, mit der Hand am
Schwertgriff .... (Aber das uns von Frankreich angebotene
) Kartei des Haffes und der Rache nehmen wir
unfererfeits nicht an — nicht nur weil jeder Hafs das Leben
verbittert und verdüftert, fondern auch weil wir meinen,
Nachbarvölker feien benimmt, als Brüder fich zu vertragen
und einander zu helfen'. Döllinger kritifirt dann die
franzöfifche, chauviniflifche Gefchichtsfchreibung, hebt ihre
Unwahrhaftigkeit hervor und geht zu den vatikanifchen
Decreten über. Er zeigt, dafs fie den vollftändigen
Bankbruch hiftorifcher Wiffenfchaft, den abfoluten Skep-
ticismus und die Verzweiflung an der Möglichkeit ge-
fchichtlicher Gewifsheit zur Folge haben müffen. Er ver-
theidigt ihnen gegenüber die heutige gefchichtliche Wiffenfchaft
, deren angeblicher ,Zcrfahrenheit' die Decrete
entgegengeftellt worden find. Dann giebt er eine Skizze
der Gefchichte des deutfchen Volks im grofsen Stil,
entwickelt aus ihr die Eigenart des Volks: ,Wir find
nicht ein Volk wie andere, wir find ein Volk von Völkern
', und entwirft auf diefer Grundlage die zukünftigen
Aufgaben aller Wiffenfchaften in Deutfchland: ,Die
Theologie beider Kirchen wird im neuen Reiche viel lernen
und viel vergeffen müffen'. Es folgt der Gedanke
der Wiedervereinigung der Confeffionen, der ihn fo viel
befchäftigt hat. Es ift vor anderen der Beruf der Deutfchen,
in diefer Weltfrage fich voranzustellen und der Bewegung
Geftalt, Mafs und Richtung zu geben'. Vor 21 Jahren
wurde diefe Aufgabe gehellt. Heute meint man in
weiten Kreifen dasBefte zu thun, wenn man die Spaltung
auch von Staats wegen verftärkt und verewigt. Aber
weiter: ,Das Wort Noblesse obligc gilt auch von den Nationen
, mit der staatlichen Bedeutung des Vaterlandes hat
fich auch die staatliche und kosmopolitifche Verpflichtung
feiner Bürger vertieft und erweitert'. Durchdringt
uns diefes Bewufstfein wirklich? Ich fürchte, wir haben
nur Rückfchrittc gemacht. Aber der Redner zeigt noch
höhere Ziele: ,Was unfern Vätern noch als ein phantafti-
fcher Traum gegolten hätte, das ift jetzt fchon theils
erreicht, theils nahe gerückt: unter der Herrfchaft der
Hauptvölker Europas und ihrer transatlantifchen Zweige
fchliefsen fich alle Welttheile zu einem grofsen, fort-

wachfenden Völkerfyftem zufammen'. Die Aufgaben,
die hier erwachfen, werden gelöst, wenn Jeder in feinem

Beruf tüchtig ift. Der Redner kehrt wieder zur Heimath
zurück und richtet an die Studirenden einen warmen

Appell: ,1m deutfchen Reich foll künftig gleiches Mafs
und Gewicht bestehen. Das wird nicht blofs in der Handelswelt
gelten; das Princip wird auch im Reiche der
Geister, in der Wahl der Perfonen, in der Wettbewerbung
um Stellen und Aemter fich geltend machen . . . Vergeffen
Sie nur nicht: wahrhaft frei ift nur der, welcher fich
felber fittlich gebunden hat'.

Die Stücke III, IX—XII enthalten akademifche Feft-
reden: ,Ueber Religionsftifter' (1883) ift das erfte über-
fchrieben. Er fafst den Begriff weiter als üblich und
bezeichnet auch Luther und Calvin als Religionsftifter,

ja bezieht auch die verfuchte Religionsftiftung des Pofi-
tivismus mit ein. Von Jefus Chriftus aber wird nicht
gehandelt. Ueber Luther heifst es: ,Er ift der einzige Religionsftifter
, den die deutfche Nation hervorgebracht hat,
dafür ift er aber auch in feinem ganzen Wefen, feinem
Trachten und Thun, in feinen Vorzügen und Fehlern, der
echte Volksmann, der wahrste Typus des deutfchen Wefens.
Neben ihm wäre nur etwa noch der Graf Zinzendorf zu
nennen, der Stifter der Brüdergemeinde — dem Erfolge
nach ein Zwerg neben Luther, dem aber gerade jene
Gabe verliehen war, welche dem Wittenberger Reformator
abging, die Gabe der focialen Organifation. Luther,
möchte man fagen, vermochte eine Religion, aber keine
Kirche zu gründen'. Das zweite Stück handelt vom Untergang
des Templerordens (1889). Döllinger tritt für die
Unfchuld des Ordens ein, wie neuerdings auch Lea, und
erhebt fie über jeden Zweifel. Aber das Wichtigste an
dem Vortrag fcheint mir fein Schlufs zu fein, der Hinweis
auf die verhängnifsvollen Folgen, welche die Vernichtung
des Ordens nach fich gezogen hat, vor allem
für die Verbreitung und Einbürgerung des Hexenwahns.
,Wenn ich in dem ganzen Umfang der Weltgefchichte

I einen Tag nennen follte, der mir recht eigentlich als
dies nefastus vorfchwebt, fo wüfste ich keinen andern
zu nennen als den 13. Oct. 1307'. (Doch vgl. ein ähnliches
Urtheil über den 29. Sept. 1227 auf S. 196.) Das dritte
Stück (1888) bringt eine Ueberficht über die ,Gefchichte
der religiöfen Freiheit' von den Chriftenverfolgungen an
bis zu den Independenten. Am Schlufs charakterifirt der
Redner die Stellung des Jefuitenordens zur religiöfen
Freiheit und führt in Bezug auf ihre heutigen Lehren,
die Manchem fo zahm dünken, die Charakteristik an, die
Graf Montalembert kurz vor feinem Tode von der
Civilta cattolica und der Curie gegeben hat: ,Sie behandeln
die Kirche wie eine jener wilden Bestien, die man
in den Menagerien herumführt. Betrachtet fie wohl,
fcheinen fie zu fagen, und verstehet, was fie will, was zum
Wefen ihrer Natur gehört; heute ift fie im Käfig, gebändigt
und gezähmt durch die Gewalt der Umstände; aber
bedenket wohl, dafs fie Klauen und Krallen hat, und
wenn fie jemals losgelaffen wird, dann wird man es euch
wohl zeigen!' Das vierte Stück (1884) handelt über ,Darstellung
und Beurtheilung der franzöfifchen Revolution',
das fünfte (1888) über den ,Antheil Nordamerikas an der
Literatur'. Esj beginnt mit Jonathan Edwards, dem
Prediger (1703—1758), geht zu Franklin, der die für
feinen Sohn gefchriebene Selbstbiographie für die Söhne
aller Nationen gefchrieben hat, und Wafhington über
und nennt dann als die vier Männer, welche Amerika das
Bewufstfein gaben, fähig und berufen zu fein, an der
Weltliteratur thätigen Antheil zu nehmen, W. Irving,
F. Cooper, W. Prescott und W. E. Channing (über
Cooper enthält das vom Herausgeber benutzte Manu
feript leider keine weiteren Bemerkungen). Hierauf folgen
allgemeine Bemerkungen über den Stand der Literatur
in Amerika und über die Abhängigkeit von England, eine
Charakteristik des amerikanifchen Geistes und der ame-
rikanifchen Erziehung, der Unterrichtsanftalten und des