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Ausgabe:

1892 Nr. 12

Spalte:

300

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kobell, Luise von

Titel/Untertitel:

Ignaz von Döllinger 1892

Rezensent:

Harnack, Adolf

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299

Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 12.

300

der Chronik Crescens einflufsreich geworden. Wären
aber auch diefe Zahlen nur ungefähr richtig — und wer
wollte mehr behaupten — fo beweifen fie auf alle Fälle,
dafs die Apologien zwei getrennte Schriften find.

Was Cramer zur Erhärtung diefer Behauptung vorbringt
, fcheint mir die Frage nur zum Theil zu fördern.
Er ift der Anficht, dafs die beiden Apologien fchon
vor Eufebius zu einem Ganzen vereinigt worden und dem
Kirchenhiftoriker nur noch als die eine Apologie an Anto-
ninus Pius bekannt gewefen feien. Auch er ftützt fich
dabei auf die Verwirrung, die in den Angaben des Eufebius
herrfcht. Mir fcheint indeffen diefe Verwirrung viel
unfchuldiger zu fein, als fie von den Forfchern hingeftellt
wird. Dafs Eufebius an der Hauptftelle IV, 18 (vgl. auch
16, 1) von zwei Apologien fpricht, bezweifelt Niemand,
aber man fagt wohl, die zweite Apologie führe bei ihm
eine Kryptoexiftenz. Wie aber kann er deutlicher als
in 16, 1 und 2 von ihr fprechen, wo er in vollftändig
klarem Zufammenhang mit ev xfj ösötjXcoptvr] ajcoloyia
auf das ebengenannte ösvxeqov ßißliov zurückweift und
nun ganz richtig ein Citat aus der 2. Apologie bringt.
Dagegen kann doch die offenbare Verwechslung (entweder
des Eufebius oder wahrfcheinlicher eines Ab-
fchreibers) zwifchen a und ß' in 17, 1 [jcqoxeqo. ftatt
Öevxeqo) unmöglich aufkommen. Stutzig machen könnte
höchftens IV, 8, 5, wo, ohne dafs eine folche Erklärung
durch Schreibverfehen möglich ift, die Stelle Apol. II, 12
als aus der erften Apologie entnommen citirt wird.
Aber ich glaube in der That nicht, dafs Eufebius, als
er feine KG. niederfchrieb, immer die vollftändigen
Rollen feiner Gewährsmänner vor fich liegen hatte; er
hat doch wohl wie andere Gelehrte mit Excerpten gearbeitet
, und eine fo unfchuldige Stelle wie die von ihm
citirte mag in feinen Excerpten fehr leicht an einen fal-
fchen Platz gerathen fein.

Die Verfechter der urfprünglichen Einheit beider Apologien
legen grofses Gewicht auf das mehrfache Vorkommen
des coq scgoECprjftEV in der 2. Apologie, womit
auf die erfte zurückgewiefen wird. Cramer weift das
mit Entfchiedenheit und vollkommen richtig zurück. Das
coq oxQOkcprjuev ift mindeftens an 2, wahrfcheinlich aber
an allen 3 Stellen höchft verdächtig und gewifs nur der
Zufatz fei es eines Lefers, fei es, wie Cramer meint,
deffen, der die beiden Apologieen zu einer zufammenge-
fügt hat. Eine derartige Interpolation anzunehmen,
fcheint mir ganz unbedenklich (vgl. meine oben citirte
Abhandlung).

Die Unterfuchung des Verhältnifses der beiden Apologien
zu einander führt Cramer auch auf die Athena-
gorashypothefe Harnack's. Er hält fie infofern aufrecht,
als Harnack ihm erwiefen zu haben fcheint, dafs man
nach Zufammenfügung der beiden Apologien zu einer
die Legatio des Athenagoras zu der zweiten Apologie
ftempelte: ,Zu Gunften des grofsen Juftin, der in der
altchriftlichen Kirche in fo hohen Ehren ftand, dafs ihm
Epiphanius den Titel ,Freund Gottes' geben konnte,
durfte man fich die pia frans wohl erlauben, den Namen
des Athenagoras, eines unbekannten Mannes, wegzu-
radiren, um deffen fchöne Apologie dem Juftin zuzu-
fchreiben und fo einen Erfatz für die verloren gegangene
zu gewinnen'. Aber urfprünglich hat Juftin zwei Apologien
gefchrieben, eben die, welche wir noch in der
grofsen und der kleinen Apologie befitzen und die in
den SS. Parallel. Cod. Rupef. Saec. VII als erfter und
zweiter Theil der Apologie an Kaifer Antoninus von
einander gefchieden find'. Cramer hätte m. E. beffer
gethan, wenn er die ganze Athenagorashypothefe aus dem
Spiel gelaffen hätte. Für denjenigen, dem die urfprüng-
liche Zweitheilung der uns jetzt noch erhaltenen Apologien
Juftin's keinen Bedenken unterliegt, ift fie über-
flüffig, und für Harnack ift, foviel ich fehen kann, diefe
ganze Frage erft entftanden auf der Suche nach der
zweiten Apologie, die da verloren gegangen fein foll.

Ich bemerke noch, dafs Cramer in einer längeren
Zwifchenbemerkung für dieUnechtheit des Hadrianifchen
Refcriptes eintritt, wie mir fcheint, nicht mit Recht, obwohl
auch ich nicht glaube, dafs fchon Juftin es amSchluffe
feiner Apologie angebracht hat. Endlich notire ich, da
man es leicht überfehen könnte, dafs auch van Manen
{Gids, Aug. 1890, S. 290—327 und Theol. Tijdschr. Maart,
1891, S. 134-—147) die Echtheit des Briefwechfels zwifchen
Plinius und Trajan beftreitet (vgl. Semler, Havet, Schae-
del), ohne durchfchlagende Gründe vorbringen zu können.

Giefsen. Guftav Krüger.

Kobell, Luife von, Ignaz von Döllinger. Erinnerungen.
München, Beck, 1891. (V, 140 S. 8.) M. 2.80; geb.
M. 3.60.

Aus dem Inhalt diefes ernften und liebenswürdigen
Büchleins follen unten nur drei Stellen mitgetheilt werden
. Die Verfafferin ift zwölf Jahre hindurch bis zum
Anfang des J. 1890 wöchentlich Freitags mit Döllinger
im englifchen Garten fpazierengegangen. ,Vorliegende
Aufzeichungen find das Ergebnifs der dabei gepflogenen
Gefpräche, die Döllinger's Geift befeelte. Längft verdorbene
Menfchen lebten in feinen Worten wieder auf,
nicht phantaftifch und gefälfeht, fondern echt und voll
packender Wahrheit, und viele feiner Zeitgenoffen um-
fafste er in feinem verftändnifsvollen, fcharffinnigen Ur-
theile'. Die Erzählerin hat ihn in feinen eigenen Worten
gefchildert, in gutem Gedächtnifs aufserordentlich inter-
effante Züge, Worte und Schlaglichter bewahrt und fie
ungefchminkt und treu wiedergegeben. Perfönliches,
Biblifches, Theologifches, Politifches findet man in buntem
Wechfel; Kunft und Literatur werden auch berührt;
der Kreis von Menfchen, die er befonders gerne fah, uns
vorgeftellt. Das immenfe Wiffen, das umfaffende Gedächtnifs
, den fcharfen Blick und den heitern Gleichmuth des
feltenen Mannes bewundert man, aufs neue freut man fich
an den kurzgefafsten treffenden Urtheilen und — finnt über
das Gefchick unteres Vaterlandes, deffen befte Kräfte
durch die confeffionellen Spaltungen und die innerkirchlichen
Krifen gehemmt werden.
Und nun die drei verfprochenen Mittheilungen:

,Wir haben es fpäter in auffallender Weife erfahren,
wie nachtheilig die Unterdrückung des proteftantifchen
Geiftes und der proteftantifchen Geiftlichkeit für die
ganze Sache des Chriftenthums geworden ift' (von FYank-
reich ift die Rede und der Aufhebung des Edicts von
Nantes).

,Was zu dem Mangel an Enthufiasmus überhaupt
bei der heutigen Jugend beiträgt, ift, glaube ich, das
Zeitungswefen, welches die Begeifterung fo oft abltreift.
Z. B. Bismarck, wie viel wird an ihm bekrittelt und gerüttelt
, die grofsen Züge feines Lebens, feine hervoi-
ragenden Verftandesanlagen, feine urfprüngliche, echt
deutfehe, mächtige Natur wird bald durch diefen, bald
durch jenen angegriffen. Die Natur hat Bismarck aus
einem Gufs gegoffen, er ift ein Prachtwerk an Patriotismus
, aber wie Viele der Preffe Angehörigen fpritzen
ätzende Säuren darauf und verftümmeln es in armfeliger,
mifsgünftiger Weife, ftellen Fehler ins Licht und ehrfurchtgebietende
Fähigkeiten in Schatten. Die zeitungslefende
Jugend fieht das Zerrbild, wägt auf der Wage derjour-
naliften das Gute und Schlechte ab, und betrügt fich
felbft um die Begeifterung für einen begeifterungswerthen
Mann'.

Folgenden Ausfpruch eines öfterreichifchen Minifters
erzählte Döllinger heiter zuftimmend: ,Wenn wir keinen
bedeutenden Minifter haben, holen wir uns eben einen
aus dem proteftantifchen Deutfchland, machen ihn katho-
lifch und uns ift geholfen, .... Und beijarcke, Schlegel
ufw. traf diefer Ausfpruch zu'.

Berlin. A. Harnack.