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Ausgabe:

1892

Spalte:

284-285

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Armknecht, O.

Titel/Untertitel:

Die Hoffnung der Kirche und ihre Bedeutung für das christliche Leben 1892

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung. 1S92. Nr. II.

284

Willensbeftimmung fchon vorausgefetzt ift, nicht aber
die Vorausfetzung dafür bildet. Und hinwiederum hat
Kant, auch wo die .fchroffere Anficht' überwiegen foll,
nie geleugnet, dafs das moralifche Gefetz nur durch das
Gefühl der Achtung in unferem inneren Leben wirkfam
werden kann, dafs allein die Achtung ,zur Triebfeder dient,
um das objective Sittengefetz in (ich zur Maxime zu
machen', alfo zu einer concreten fittlichen Willensent-
fcheidung (,Willkürbeftimmung') fich aufzuraffen. Auch
durch feinen Kampf gegen die pfychologifche Thefe,
dafs das Begehrungsvermögen ftets durch das Gefühl
der Luft benimmt fei, will Kant nur den Raum dafür
offenhalten, dafs 1) in dem unbedingten Sollen ein (freilich
nicht empirifch nachzuweifendes) durch reine Vernunftgründe
beftimmtes Wollen vorliege und dafs 2) dem-
gemäfs auch bei der empirifchen Willkürbeftimmung
das Gefühl der Achtung vor dem Gefetz die Triebfeder
abgeben kann, damit aber eben, weil diefes Gefühl
nur aus der gefetzgebenden Vernunftthätigkeit herftammt,
diefe felbft die letzte unfere Willkür beftimmende Macht
bildet. — Aehnlich ift es mit dem Begriff des Zwecks. Auch
die ,gemäfsigtere Anficht' Kant's hält daran feft, dafs
wenn wir einen fittlichen Zweck verfolgen, nicht durch
Naturtrieb und Neigung oder ein erhofftes Luftgefühl
diefer Zweck uns angewiefen ift, fondern durch Vernunftgründe
, durch die reine Vernunftthätigkeit, aus welcher mit
dem Gefühl der Achtung auch das Intereffe am fittlichen
Gefetz allein verftändlich wird. Und umgekehrt
fchliefst die ,fchroffere Anficht' nirgends die Annahme
aus, dafs die Achtung vor dem Gefetz ein Intereffe an
demfelben in fich fchliefst und dafs fie als Triebfeder bei
einer Willkürbeftimmung nur wirken kann, indem fofort
auch das Ziel der betreffenden Handlung zu unferem
Zweck erhoben ift, an deffen Erreichung wir eben damit
auch ein Intereffe haben.

Auf die anderen Punkte, in denen ich gegenüber der
Hegler'fchen Auseinanderlöfung verfchiedener Gedankenreihen
eine einheitliche Anficht Kant's herausftellen möchte,
kann ich nicht eingehen; fchon in der kurz befproche-
nen Frage mufste ich zum Theil, ftatt die Gründe des
Verf.'s im Einzelnen zu widerlegen, Behauptung gegen
Behauptung fetzen. Ich erkläre lieber noch meine Zu-
ftimmung in einer Hauptfache. Fragt man nach der
Pfychologie in Kant's Ethik, fo kann man der Frageftel-
lung die kritifche Zufpitzung geben: hat Kant nicht
veraltete und unbrauchbare pfychologifche Vorausfetz-
ungen ungeprüft von feinen Vorgängern übernommen
und ift daraus nicht zu einem guten Theil die eigen-
thümliche Geftaltung feiner Ethik zu erklären ? Der
Verf. hat fich gründlich auf diefe kritifche Frage eingelaffen,
um fchliefslich zu dem Refultate zu kommen, dafs die-
felbe — wenigftens für die Kant'fche Ethik in ihrer Vollendung
— nur in befchränktem Umfang zu bejahen fei. Viel
ftärker tritt das Andere hervor, dafs Kant von feinem
kritifchen Standpunkt aus die pfychologifche Unterfu-
chung eingefchränkt und pfychologifche Fragen zum
Voraus entfchieden hat. Diefes Refultat, das vielleicht
der urfprünglichen Abficht bei der Wahl des Thema's
nicht völlig entfprach, liefse fich meines Erachtens an
einzelnen Stellen fogar noch confequenter durchführen;
die zufammenfaffende Formulirung desfelben durch den
Verf. fcheint mir unanfechtbar. Der Verf. knüpft an
diefes Ergebnifs feine Kritik: er findet eine Einfeitigkeit,
aber doch zugleich ein berechtigtes Streben in Kant's
Loslöfung der moral-kritifchen Fragen von den pfycho-
logifchen. Zur vollen Klarheit kann freilich der Standpunkt
, von welchem aus Hegler diefes Urtheil fällt, innerhalb
feiner hiftorifchen Arbeit nicht kommen; auch
liebt er es mehr, in diefen letzten fyftematifchen Fragen
feinen Lefern weite Ausblicke zu geben, als fie über feine
Stellung zu denfelben fcharf zu orientiren. Dem zufam
menfaffenden Satz aber, dafs eine beträchtliche Umbildung
der grundlegenden Begriffe, mit denen von Kant

I die Giltigkeit der Normen des Erkennens und Wollens
| deutlich gemacht wird, fich als nothwendig ergeben wird,
kann man feine Zuftimmung nicht verfagen.

Stuttgart. Max Reife hie.

Arm knecht, Paft. O., Die Hoffnung der Kirche und ihre
Bedeutung für das christliche Leben. Gütersloh, Bertelsmann
, 1891. (IV, 132 S. gr. 8.) M. 1.50.

Der Herr Verf. theilt feine Schrift in vier Ab-
fchnitte: 1. Die Hoffnung und das Neue Teftament
(Die Hoffnung: Gegenftand, Gewifsheit, Beftandtheil des
apoftolifchen Chriftenthums; die ethifche Bedeutung der
Hoffnung: Sehnfucht, Geduld, Treue); 2. die Hoffnung
und die Kirche (die Zeit der lebendigen, der erfterben-
den, der wiedererwachenden Hoffnung); 3. der Kampf
um die Hoffnung (Polemik gegen Ritfehl); 4. die Hoffnung
und ihre Bedeutung für unfere Zeit und unfer
Predigtamt.

Mit freudiger Hoffnung habe ich das Büchlein von
der Hoffnung der Kirche zur Hand genommen; auch
nach meiner Anficht und Einficht ift dies Gebiet unter
den theologifchen und kirchlichen Kämpfen der Gegenwart
vernachläffigt und demzufolge die chriftliche Hoffnung
in ihrem Gegenftand und ihrer Bedeutung für das
Chriftenleben dem Gefichtskreife der heutigen Gemeinde
verfchleiert. So kann ich es nur begrüfsen, dafs nach
diefer Seite hin gearbeitet wird. Eine andere Frage ift
es, ob vorliegendes Werk, das übrigens mit Geift und
Gewandtheit gefchrieben ift, dem Gegenftand und dem
Bedürfnifs gerecht wird.

Auffallen mufs dem theologifchen Lefer fofort, dafs
der Herr Verfaffer weder vom Leben nach dem Tode,
noch vom ewigen Leben diesfeit und jenfeit des Todes,
weder von der Lebensvollendung des Einzelnen noch von
der Vollendung des Reiches Gottes — wenigftens nicht
mehr als nur ganz beiläufig —, weder von der Auferstehung
der Todten noch vom letzten Gericht, noch vom
Millennium redet, fondern: ,wir haben als Hoffnung feit
der Apoftel Lehre und Zeiten die Wiederkunft (Jhrifti
und zwar als eine fichtbare in Herrlichkeit erkannt'
(S. 25). Die gefammte Chriftenhoffnung reducirt der
Verf. auf die fichtbare Wiederkunft des Herrn; wie
der im Glauben an Chriftus verbürgte gegenwärtige
Heilsbefitz nur den Werth der Vorausfetzung für jenes
Hauptftück aller Christenlehre hat, fo ift ohne jenes
Hauptftück alles Glauben, Hoffen, Lieben des Christen
nichts. Wir haben es offenbar mit einer einfeitigen
Lieblingsmeinung des Herrn Verfaffers zu thun; wir beklagen
, dafs er fo viele werthvolle religiöfe Gedanken
in den Dienft der Propaganda für diefes Lehrstück stellt.
Hätte er doch den Kanon beachtet, den er felbft S. 117
aufftellt: ,aus der Gewifsheit des Heils, wie fie durch
die Lehre von der Glaubensgerechtigkeit gewährleistet
ift, haben wir die eschatologifchen Confequenzen zu machen
(beffer: zu ziehen) und Erkenntnifse zu gewinnen' — fo
würde ervor manchem Fehlgedanken bewahrt worden fein.

Auffallen mufs fodann, dafs der Herr Verf. die eschatologifchen
Reden des Herrn in den Synoptikern mit
Ausnahme des Gleichnifses von den 10 Jungfrauen nicht
in den Kreis feiner Betrachtung zieht. Soviel ich fehe,
wird nur einmal Lc. 21, 28 erwähnt. Ift folche Ignorirung
von Herrnworten — der Herr Verf. hält die eschatologifchen
Reden Jefu doch für buchstäblich authentifch —
religiös, ift fie theologifch gestattet? Ueberhaupt macht
es (ich der Herr Verf. recht leicht; unbequeme Dinge
läfst er einfach bei Seite. Er pocht mit mächtigem
Pathos auf den alles überragenden religiöfen Werth
der für alle Menfchen fichtbaren Erfcheinung Jefu am
Ende der Tage; aber auf die mit der Vorstellung im
Neuen Testamente unlöslich verbundene Stimme des
Erzengels, auf das Feldgefchrei und die letzte Pofaune