Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1892 Nr. 10

Spalte:

267-268

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Richter, Die Stimme des Herrn auf den Wassern 1892

Rezensent:

Köstlin, Heinrich Adolf

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

267

Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 10.

268

kranken, dafs dem engen Zufammenhang der Religion i
mit der fittlichen Art des Menfchen nicht von vornherein
eine grundlegende Bedeutung eingeräumt wird.
Diefe Beftimmung dürfte nicht nachhinken. Ihre Be-
rückfichtigung hätte den Verf. wohl davor bewahrt, die
Religion als eine pfychologifche Nothwendigkeit auszugeben
(S. 187). Vielmehr müfste die Religion in dem-
felben Mafse wie die fittliche Bethätigung als ein Aus-
flufs der Freiheit betrachtet werden. Pfychologifch
nothwendig wäre fie ja nur, wenn fie nichts weiter wäre,
als ein unvermeidliches Stadium in dem Entwickelungs-
procefs der Vorftellung und Sprache, die durch begriffliche
Abgrenzung dazu nöthigt, ein Endliches zu
umfpannen und damit ein über diefes Endliche hinausgreifendes
Ueberendliches vorauszufetzen. Bei diefem
Procefs wird die fittliche Freiheit völlig ignorirt. Aber
follte fie nicht bereits in diefem Entwickelungsprocefs
zur Geltung kommen? Ift nicht die geiftige Thätigkeit,
die fich in der Bildung von Vorftellungen und Begriffen
durch die Sprache kundgiebt, bereits auf eine Beherr-
fchung der umgebenden Natur gerichtet zur Erreichung
von Zwecken, die über diefe Natur hinausliegen? Ergäbe
fich nicht ein viel deutlicherer Ausgangspunkt für das
Ueberendliche gewiffer Vorftellungsreihen, wenn fich in
der Bildung folcher Vorftellungen die fittliche Freiheit
gegenüber der Naturmacht bereits wirkfam erweift?
M. E. wäre die Unterfuchung fruchtbarer geworden, wenn
von vornherein mit diefem zu fpät eingeführten Factor
gerechnet worden wäre, wenn der Verf. etwa an die
von ihm begünftigte fprachwiffenfchaftliche Beobachtung
Noire's angeknüpft hätte, wonach der Urfprung der Begriffe
in dem Vorgang zu fuchen und zu finden fei, dafs
wir uns unferer eigenen Thätigkeiten bewufst werden,
entfprechend der Thatfache, dafs die Sprachwurzeln
überwiegend menfchliche und zwar gemeinfam geübte
Thätigkeit bezeichnen. Diefe ,fynergaftifche' Theorie
hätte doch wohl den Verf. dahin führen können, der
fittlichen Art des Menfchen eine beftimmende Rolle
auch bei der Entwickelung der Religion zuzufchreiben.
Denn indem der Menfch die Natur durch feine Thätigkeit
fich zu unterwerfen fucht, bethätigt er feine Ueber-
legenheit über diefelbe; und wenn er dennoch dem gewaltigen
Druck der Naturmächte gegenüber feine Ohnmacht
fühlt, fo fucht er in den die gemeine Natur
überfchreitenden Vorftellungen Bundesgenoffen feiner
fittlichen Art, die ihm die Herrfchaft über die Natur
garantiren. Die Religion bietet ihm eine Erlöfung aus
dem Druck, in den ihn der Kampf feines fittlichen An-
fpruches auf Beherrfchung der Natur mit der blinden
Naturgewalt verfetzt. — Doch es würde zu weit führen,
diefen Gedanken hier auszufpinnen. Vor allem follen diefe
Einwendungen den Dank nicht fchmälern, den wir dem
Verf. fchulden und der fich insbefondere noch erftreckt
auf die übrigen Partien des Buches, auf die lichtvollen
Darlegungen über die hiftorifche Behandlung der Religion
und die aus einem reichen Schatz gefchöpfte Vorführung
der Materialien, deren wir für das hiftorifche und
vergleichende Studium der Religion bedürfen.

Die vorliegende Reihe von Vorlefungen giebt ja nur
Vorarbeiten. Die nächfte Aufgabe des Verf.'s würde es
fein, das erfte der drei grofsen Gebiete der natürlichen
Religion, nämlich die ,phyfikalifche' Religion zu behandeln
. Möchte es dem verehrten Herrn Verf. vergönnt
fein — und bei der geiftigen Jugendfrifche, die das
vorliegende Werk auszeichnet, dürfen wir es hoffen —
dem fchönen Anfang ein würdiges Ende zu geben und
weiterhin die Fülle feines Wiffens und das Licht feines
Denkens für uns fruchtbar zu machen.

Salbke bei Wefterhüfen (Elbe). M. Beffer.

Richter, Feldpropft Dr., Die Stimme des Herrn auf den
Wassern. Schiffspredigten für die Nordlandsreifen

Seiner Majeftät des Kaifers und Königs 1890 und
1891. Berlin, Mittler & Sohn, 1891. (60 S. gr. 8.)
M. 1. —

Es ift fonft nicht üblich, eine Predigtfammlung von
fo kleinem äufserem Umfang in diefen Blättern zur Be-
fprechung zu bringen. Die hiftorifche Bedeutung, welche
diefe neun Predigten beanfpruchen dürfen, wie deren
Eigenart nach Beftimmung und Haltung rechtfertigt jedoch
gewifs eine kurze Anzeige. Es ift ,der Hausvater,
der in diefen Andachten fpricht, indem er von feinem
Priefterrechte in Ermangelung eines Geiftlichen an Bord
Gebrauch macht und dadurch ein Zeugnifs ablegt, welches
einen Jeden von uns zur Nachfolge in feinem Kreife
auffordert'. Und diefer Hausvater ift kein geringerer,
als der Kaifer des deutfchen Reichs, der auch hierin
feinem Volke mit leuchtendem Beifpiel vorangeht und
durch die Weife, den Sonntag auf See zu feiern, zeigt,
dafs keine Gemeinfchaft gefegnet ift, wo nicht das lebendige
Brod des göttlichen Worts gebrochen wird, und
kein Sonntag ein Tag des Herrn, wo man nicht inmitten
der Berufsarbeit zu dem Herrn fich wendet, in deffen
Dienft wir alle vom Höchften bis zum Niedrigften uns
wiffen. Auch diefe Erinnerungsblätter an des Kaifers
Erholungsreifen find folch ein ftilles ,Winken', von dem
die fiebente Andacht fo fchön und finnig redet. Möchten
alle Hausväter zu Waffer und zu Lande, möchten alle,
die an das Hausvaters Stelle flehen, diefes ,Winken'
verftehen, in Haus und Hütte, auf Schiffen und in Ca-
fernen! Der Aufbau der Andachten ift, wie es ihre Beftimmung
mit fich bringt, ein einfacher und fchlichter.
Das Textwort (Pf. 104, 1. 2; 1—4; 24; 31—35. Luc. 5,
1—11 in 5 Abfchnitten) wird unmittelbar in die Beleuchtung
der Lage und des Augenblicks gerückt; die Einzelzüge
werden in durchaus natürlicher, wie von felbfl
fich ergebender Weife auf die gegenwärtige Situation
angewandt, man hat weniger den Eindruck einer Predigt
über das Wort, als den einer väterlichen Theilung des
Worts unter die Genoffen des Kaifers. Der Homilet
verbirgt fich hinter dem Hausvater. Aber in der treffenden
Faffung der Themen, in der knappen, vielfagenden
Ausdrucksweife, in der klaren Abfolge der fcheinbar
kunftlos fich aneinanderreihenden Gedanken verräth
fich der gefchulte Homilet, in der Einftreuung tiefer
Beziehungen zu Herz und Leben der erfahrene Seel-
forger (S. 14. 48. 51—54 u. a. m.), in dem warmen
Hauch der über die Andachten ausgebreiteten Stimmung
ein poetifches Gemüth.

Darmftadt. H. A. Köftlin.

Prochet, D. theol. M., Präfident des Waldenfer-Comites
für die Evangelifation Italiens, Offener Brief an Herrn
Lic. Pastor Karl Roenneke. Gütersloh, Druck von C.
Bertelsmann, [1892]. (10 S. gr. 8.)

Der ,offene Brief' wendet fich polemifch an den ver-
dienftvollen, langjährigen Leiter der evangelifchen Gemeinde
Rom's, in eigener, aber wohlberechtigter Sache.
H. Roenneke hat in einem, auch im Druck erfchienenen
Vortrage: Wie kann das Intereffe für die deutfche evan-
gelifche Diaspora in Italien auf Seite der Heimatkirche
geweckt und gepflegt werden? — darauf hingewicfen,
dafs es wünfchenswerther fei, von Deutfchland aus die
eigene evangelifche, als die waldenfifche Miffion zu untcr-
ftützen, und hat dies nicht nur aus pofitiven kirchlichen
Motiven begründet, fondern auch auf irrthümliche Angaben
über den Zuftand der Waldenfergemeinden ge-
fitützt, die keiner Unterftützung bedürften und fogar ver-
fchwenderifch mit ihren Mitteln umgehen könnten. Hr.
Prochet deckt an der Hand der amtlichen Rechnungen
die zahlreichen und fchwerwiegenden Irrthümer des citir-
ten Vortrags auf, und gewinnt dadurch freilich ein anderes
Gefammtbild von der arbeitenden und fich mühen-