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Ausgabe:

1892

Spalte:

218-220

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hess, Wilh.

Titel/Untertitel:

Christliche Glaubens- und Sittenlehre 1892

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Predigt kann als Beifpiel für treffliches Eingehen auf
die Denkweife akademifcher Kreife dienen. Ebenfo die
Partition diefer Predigt als Beifpiel einer in Bezug auf
Text, fowie überhaupt Sache und Form fehr glücklichen
Faffung. Marc. 10, 17—22 wird nämlich unter der Ueber-
fchrift: ,der Weg zum ewigen Leben' in den beiden Theilen
behandelt: 1) ,Wer befindet fich auf diefem Wege?
Der, welcher das ewige Leben für ein hohes Gut
achtet. 2) Wer kommt zum Ziel? Der, welcher das
ewige Leben achtet für das höchfte Gut'. Andere fehr
wohlgelungene ftreng analytifche Partitionen find die zu
dem fchon erwähnten Thema der 9. Predigt über Jon.
15, 7: wir wollen (die höchfte Ehre des betenden Chri-
ftenj zu erkennen fuchen in der fchrankenlofen Zufage
der Erhörung und nicht weniger in der Vorausfetzung
derfelben, die der Herr voranftellt; ferner die in der
26. Predigt zum Rectoratswechfel über Joh. 1, 9: des
Chriflen Freudigkeit für die Aufgaben feines Berufes.
Ein Gebot des Herrn ift diefe Freudigkeit, aber fie ift
auch eine Verheifsung des Herrn. Bündig find die
Partitionen immer, der Form nach fcheinbar einfach,
der inhaltlichen Auffaffung nach oft fehr kunftvoll. Der
Verf. fafst in der Partition und demnach auch in der
Ausführung Texte und Themata oft mit fcharffinniger
Eigentümlichkeit an, fo dafs er nicht bringt, was man
zunächft erwartet, dagegen vieles Andere, und zwar recht
Gutes, nicht feiten überrafchend Richtiges. Zuweilen tritt,
wie das bei kurzen Texten natürlich ift, der Unterfchied
zwifchen ftreng analytifchen und mehr thematifchen Predigten
zurück, z. B. in dem Thema der fehr guten Predigt
am Todtenfefte über üffenb. 14, 13: Wie das Ge-
dächtnifs der feiigen Ewigkeit für denChriften eine göttliche
Kraft zum Erdenleben ift. Auch den Theilen: es vertieft
unfer Glaubensleben, es erhöht unfere Freudigkeit, es
heiligt unfere Gefinnung — fieht man es auf den erften
Blick nicht an, dafs fie genau an die Textesabfchnitte
geknüpft werden. Von unferen Verftorbenen wird in diefer
Predigt wenig gesprochen. Obwohl die zweite Rede
über Pf. 126 fehr gefchickt oft auf ihren Text zurückkommt
, fo kann doch mit demfelben ihr Thema: der
Chriftusglaube ift die Chriftenhoffhung — nur durch viele
Kunft in Verbindung gebracht werden.

Eben weil der Verf. eigentümlich, lebhaft, fo zu
fagen nicht in langer, gerader Linie, fondern rafch von
einem fcharf ausgeprägten Gedanken zum andern eilend
fchreibt, hätten wir zur Erleichterung der Auffaffung und
Ueberficht manchmal ein fchärferes Hervorheben des
Unterfchiedes der Theile fowie namentlich der Uebergänge
gewünfeht (z. B. N. 1, 4, 7; in 22, Tbl 2 u. 3).

Einem fo profaifch angelegten, zu kühneren Gedankenbewegungen
nicht befähigtenMenfchen,wie dem Unterzeichneten
, erregen natürlich einzelne Aufftellungen
des fo fein und fcharffinnig denkenden Verf.'s Bedenken.
Mufs man nicht z. B. den Begriff des Mitleides zu ftark
preffen, um die Behauptung S.94 ganz richtig zu finden:
,der Herr Jefus ift in keiner Stunde feines Lebens und
Sterbens ein Gegenftand unteres Mitleides'? Zu viel
dürfte wohl in der vorzüglichen 19. Rede aus dem Textesworte
: .Siehe er betet' über Apoftlgfch. 9, 11 S. 16b
gefchloffen fein: ,Alle diefe Gebete von ehedem find als
nichts gefchätzt gegen dies Gebet; und erft auf Grund
deffen, was er bei Damaskus erlebt hat, hat er angefangen
wirklich zu beten. Das ift offenbar die Meinung
im unterem Texte1. Ift wirklich wie es m 17 S.145 heifst
,das einzige Gebot, das er uns gegeben hat, nach dem
Mafsftab feiner Liebe einander zu lieben'? In der Bergpredigt
finden fich z. B. Matth. 5, 29 oder doch 6, 7.
33 Gebote des Herrn, welche nicht als Ausfuhrungen der
Liebe betrachtet werden können. (Auch über die Auffaffung
des freilich fehr fchwierigen Septuag.-Evangeliums
Matth. 20, 1—16 haben wir einige Zweifel.)

Doch zu folchen Bedenken fanden wir fehr feiten,
dagegen zur Freude über befonders glückliche Gedan-

kenfaffungen häufig Anlafs. Als Belege dürfen wir neben
den bereits angeführten Ankündigungen von Thema und
Theilen nurnoch nennen: die Kennzeichnung des Textes
Luk. 6, 36 S. 39: ,Die Tragweite und Tiefe des Wortes
wetteifert mit der Kürze des Ausdruckes'. Die bündige
klare und fchöne Bemerkung über die Sünderin in Luk.
7, 36—50 S. 80: ,Eine Vorgefchichte hat ihr Verhalten.
Auf 2 Blättern fleht diefe Vorgefchichte gefchrieben. Das
eine Blatt ift erfüllt von Sünden und Schanden, das andere
Blatt erglänzt von den Schriftzeichen göttlicher
Huld'; das richtige und feine Bild S. 165 für die Wirkung
der Noth auf das Beten: ,Verfchüttete Quellen arbeiten
fich durch das Geftein'.

Indem wir noch das öftere gute Anknüpfen an die
Zeit oder die alten Texte des Kirchenjahres erwähnen,
fchliefsen wir mit der Hoffnung, dafs diefe eigenthümlichen,
fehr anregenden, frifchen Predigten mit ihren die Schrift -
erkenntnifs vertiefenden und überhaupt theologifch fcharf-
finnigen Gedanken in fchöner, mit kunftvoller Einfachheit
fich freibewegender Form vielen Gebildeten zur
Erbauung und insbefondere vielen Theologen auch zur
homiletifchen Förderung dienen.

Friedberg. Diegel.

Hess, Gymn.-Prof. Wilh., Christliche Glaubens- und Sittenlehre
. Leitfaden für den evangelifchen Religionsunterricht
in Gymnafien und Realgymnafien. Freiburg
i/B., J. C. B. Mohr, 1891. (VIII, 91 S. 8.) M. 1.20.

Der Grundgedanke diefes vorliegenden Leitfadens
der Glaubens- und Sittenlehre für Gymnafien mufs von
vornherein als richtig bezeichnet werden. Er geht dahin,
,dafs es empfehlenswerth fei, den religiöfen Stoff in den
allgemeinen Culturzufammenhang zu ftellen und dem
Bildungsftoff der oberen Gymnafialclaffen anzupaffen'. Es
unterliegt keinem Zweifel, dafs, wie der Berichterftatter
aus eigener Erfahrung beftätigen kann, auf diefe Weife
das Intereffe der Schüler geweckt wird. Und das ift, wie
bei jedem Unterrichte, fo ganz vorzüglich bei demjenigen
in der Religion, die Hauptfache. Nur keine trockene
Dogmatik und vielleicht eine noch trockenere, daher langweilige
Moral! Fftne mafsvolle Jiterarifche Illuftration',
wie fie f. Z. auch fchon von K. R. Hagenbach in feinem
Leitfaden zum chriftlichen Religionsunterrichte an höheren
Gymnafien und Bildungsanftalten angeftrebt wurde,
können auch wir nur befürworten. Ihr dient ,ein faft
ausfchliefslich den Quellen entnommener Citatenfchatz,
welcher namentlich auch die Leiftungen des Alterthums
berückfichtigt. Citate aus griechifchen Autoren wurden
deutfeh wiedergegeben, um das Büchlein von Realgymnafien
nicht auszufchliefsen'.

,In theologifcher Hinficht wurde fefte biblifche Grundlage
erftrebt, wodurch freier Anfchlufs an das Ueber-
lieferte wie an die wiffenfehaftliche Theologie ermöglicht
wurde. Der Stoff zerfällt in eine religionsgefchichtliche
Einleitung als Unterlage für die Beurtheilung des Chriften-
thums und in die eigentliche Glaubens- und Sittenlehre.
Diefer wurde die Reichgottesidee zu Grunde gelegt'.
Wenn der Verf. hofft, es werde niemand, der fich der
Mühe des Prüfens unterziehe, die erforderliche Selbftän-
digkeit in der Durchbildung des Stoffes vermiffen', fo fei
ihm die Verficherung gegeben, dafs fie überall wahrzunehmen
ift. Mit befonderer Sorgfalt find auch die bib-
lifchen Belegftellen, ,die nicht als Ornamente gedacht,
fondern zum Nachfchlagen beftimmt find', ausgewählt.
.Eingeftreute Fragen kommen dem Nachdenken zu Hilfe'.
Unter ihnen findet fich auf S. 20 die ganz vortreffliche:
,In wie fern ift Bismarck's Wort: „Der Deutfche fürchtet
Gott allein, fonft niemand", echt proteftantifch'?

Die religionsgefchichtliche Einleitung (S. 1—22) beginnt
mit der Erörterung des Religionsbegriffs, giebt eine
klare Darfteilung der gefchichtlichen Religionen, bezeich-