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Ausgabe:

1892 Nr. 8

Spalte:

212-215

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Doumergue, Emile

Titel/Untertitel:

L‘autorité en matière de foi et la nouvelle école 1892

Rezensent:

Lobstein, Paul

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211

Theologifche Literaturzeitung. 1892. Nr. 8.

212

auf, dafs es fich in der orthodoxen Principienlehre um
ein äufserlich herübergenommenes Erkenntnifsideal
handelt, welches feinen urfprünglichen Zufammenhang
in der katholifchen Geftalt des Chriftenthums hat. Ich
fage: äufserlich herübergenommen. Denn es ift nie
meine Meinung gewefen, wie Tröltfch mich verfteht,
dafs bei den proteftantifchen Dogmatikern eine innere
Aneignung der myftifch - rationaliftifchen Motive jenes
Erkenntnifsideals ftattgefunden habe. Diefe ftehen vielmehr
ficherlich mit ihren eigenen religiöfen Tendenzen
in Widerfpruch. Aber fie haben, was urfprünglich aus
diefen Wurzeln gewachfen war, herübergenommen oder
nicht eigentlich herübergenommen, fondern in der, alfo
durch Melanchthon geprägten Form als das in der
.Vernunft' Gegebene beibehalten. Und für unfere ge-
fchichtliche Würdigung fcheint mir diefe innere Zu-
fammengehörigkeit wefentlicher und wichtiger zu fein
als die Differenz, die den unmittelbar Betheiligten die
Hauptfache war. Dafs Tröltfch anders urtheilt, hängt
mit der öfter von ihm geäufserten Anficht zufammen,
dafs der Dualismus von Vernunft und Offenbarung im
Wefen jeder pofitiven Religion liege und daher nicht
eigentlich eine Verwandtfchaft der fcholaftifchen und
orthodoxen Principienlehre begründe. Aber dies Urtheil
fährt etwas zu grob über die Dinge hin. An und für
fich ift es ja richtig, auch ich habe es gelegentlich gegen
die Meinung vertheidigt, der Autoritätsglaube fei etwas
fpecififch Katholifcb.es (Wefen der chriftl. Reh2 441 ff.).
Allein, was fich fragt, ift, ob nicht die Art, wie diefer
Gegenfatz nicht in der orthodoxen Dogmatik überhaupt,
wohl aber in ihrer Principienlehre ausgeprägt ift, in einer
Grundanlchauung hängen bleibt, welche zu den Entfteh-
ungsurfachen des Katholicismus gehört. Dies habe ich
zu zeigen verfucht und finde es auch bei Tröltfch nicht
widerlegt. Deshalb fcheint mir feine Verwerthung jenes
an und für fich richtigen Urtheils eine irrige zu fein und
ihn verhindert zu haben, die wirklich vorhandene Verwandtfchaft
zwifchen der orthodoxen Principienlehre und
der fcholaftifchen mit genügender Deutlichkeit zu fehen.

Der zweite Abfchnitt der Schrift ift mir befonders
werthvoll erfchienen. Doch mufs ich auch hier ein Bedenken
wenigftens andeuten. Verftehe ich die hier gegebene
Erörterung dahin, dafs gezeigt wird, wie die
zu den treibenden Grundgedanken der Reformation in
nächfter Beziehung ftehende Gegenüberftellung von Gefetz
und Evangelium der Punkt geworden ift, von welchem
aus die evangelifche Gefammtanfchauung fich nun
auch wirklich in dem Dualismus von Vernunft und
Offenbarung angebaut hat, und wie diefer Umftand dazu
geführt hat, der reformatorifchen Predigt eine ihr urfprünglich
fremde, aber ihre Ausmünzung in der Theologie
wefentlich bedingende rationale Grundlage zu geben —
fo habe ich nichts einzuwenden; darin fcheint mir ein
fpringender Punkt jener Entwicklung glücklich getroffen
und aufgezeigt zu fein. Und wenn der Verf. fagt, man
müffe beides, die äufserlich bedingte Principienlehre und
diefe fachliche Berührung auseinanderhalten, und dafs
man das müffe, diene an und für fich fchon zur Cha-
rakteriftik der orthodoxen Dogmatik, fo fcheint er in
der That nichts anderes gemeint zu haben. Aber wozu
dann der ausführliche Nachweis, dafs die Einführung
eines fpätkatholifchen Stücks Metaphyfik in die Lehre
von den göttlichen Eigenfchaften feiner Anfchauung
nicht zuwider fei? Das verfteht fich ohnehin von felbft,
dafs diefe Folgerung aus der äufserlich aufgenommenen
Principienlehre mit jener fachlichen Verwerthung des
Gegenfatzes von Vernunft und Offenbarung in der alten
Dogmatik nichts zu thun hat. Und wozu der Verfuch,
die Organifation der Wiffenfchaften aus der Gleichung
.Vernunft und Offenbarung = Gefetz und Evangelium'
zu deuten und verftehen? Das klingt ja nun plötzlich,
wie wenn die äufserlich aufgenommene Principienlehre
als ein aus der Grundanfchauung der Reformation neu

erzeugtes Gebilde erwiefen werden follte. Aber das
würde fich weder mit dem reimen, was er fonft felber
nachdrücklich betont, noch mit dem, was die Thatfachen
hergeben. Man darf doch, dafs für die Dogmatiker die
Philofophie fchliefslich den einzigen Werth hat, zur Er-
kenntnifs des Gefetzes zu führen, und dafs fie darin
ihren Zweck erkannt wiffen wollen, nicht in das Andere
umfetzen, dafs fie von diefem Punkt aus die ganze Principienlehre
, in der fie fich dergeftalt anbauen, neu gedacht
und entworfen hätten. Hier fcheint mir daher
eine unausgeglichene Ungleichmäfsigkeit der Darftellung
zu liegen.

Mit der dem Hifloriker natürlichen Vorliebe für
feine Helden betont der Verf. oft, dafs fie in ihrer Art
ein Ganzes erreicht hätten, während die moderne Dogmatik
nichts Aehnliches aufzuweifen habe. Dagegen ift
auch nichts einzuwenden, da er felbft nicht im Zweifel
darüber ift, dafs diefes Ganze immerhin mit recht groben
Nähten verfehen war und uns in der gänzlich veränderten
Lage des geiftigen Lebens nicht mehr dienen kann.
Nur will mir fcheinen, eben deshalb klinge der Ton
des Lobes einerfeits, der Geringfehätzung andererfeits
etwas zu fouverän. Die heute geftellte Aufgabe ift eben
eine unendlich fchwierigere, und es hilft uns nichts, wenn
wir die Blicke rückwärts auf die Fleifchtöpfe Egyptens
werfen. Indeffen — ich will darüber nicht mit dem Verf.
rechten, fondern ihm zum Schlufs noch einmal für feine
werthvolle Gabe danken.

Berlin. Kaftan.

1. Monod, Pasteur Leopold, Le probleme de l'autorite.

2. ed. augmentee d'une preTace. Lyon, Georg, (1891).
(128 S. gr. 8.) M. 2.—

2. Doumergue, F., L'autorite en matiere de foi et la nouvelle

ecole. Lausanne, Payot. — Paris, Fischbacher, 1892.
(240 S. gr. 32.) Fr. 2.—

Das in erftgenannter Schrift behandelte Problem ift
von grundlegender Bedeutung für den chriftlichen Glauben
und die evangelifche Theologie. Doch nicht nur
die principielle Wichtigkeit des Gegenftandes, auch die
Vorliebe des franzöfifchen Geiftes für die abftractere
Faffung folcher Fragen erklärt das weitgehende Inter-
effe, welches den auf das gegenwärtige Thema bezüglichen
Verhandlungen in den Kreifen des franzöfifch
redenden Proteftantismus ftets aufs neue entgegengebracht
wird. Manche Unterfuchungen, welche zunächft
einer andern concreteren Frage gelten, münden in das
hier angeregte Problem aus. So haben z. B. die in einer
verbreiteten Zeitfchrift veröffentlichten Auffätze des allbekannten
, auch in Deutfchland hochgefchätzten Exe-
geten, Prof. Godet, auf Anlafs einer fpecielleren Erörterung
, das Problem der religiöfen Autorität innerhalb
des Chriftenthums behandelt, und die zwifchen ihm und
feinem Gegner, Prof. Sabatier, weiter geführte Discuf-
fion bewegt fich zum gröfsten Theil um diefen Mittelpunkt
. (Vgl. Le Chretien evangelique, März, April, Mai,
September: Le Nouveau Testament contient-il des
dogmes? — L'autorite de Jesus-Christ — L'autorite des
apdtres — Explication, — Hierauf die Erwiederung von
Prof. Sabatier in der Revue chretienne, Januarheft, und
die neue Entgegnung von Prof. Godet, in derfelben
Revue Februar- und Aprilnummern). Indeffen ift in neu-
efter Zeit die Aufmerkfamkeit und das allgemeine In-
tereffe durch obige Schrift in hervorragender Weife in
Anfpruch genommen worden. Der Herr Verf., ein namhafter
Geiftlicher der Eglise libre zu Lyon, hatte feine
Studien vormals auf der £cole libre de l Oratoire zu
Genf vollendet, wünfehte aber auch den zum Dienfte in
der reformirten Kirche Frankreichs erforderten Grad zu
erwerben, und legte zu diefem Zwecke der theolgifchen
Facultät zu Paris eine Differtation vor, welche er in