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Ausgabe:

1891 Nr. 7

Spalte:

175-177

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Manen, W. C. van

Titel/Untertitel:

Paulus. I. De handelingen der Apostelen 1891

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 7.

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treff diefes Punktes durch Abbot's Bemerkungen (S. 352
—361) nicht alle Bedenken befeitigt fein. Von befon-
derem Werth ift die gründliche Gefchichte der Erklärung
unterer Stelle S. 386—406.

XVIII: Ueber die Conftruction von Titus 2, 13,
S. 439—457 (aus dem Journal of tlie Society of Biblical
Literature and Exegcsis 1881), vertheidigt die Conftruction
,des grofsen Gottes und unteres Heilandes'
(nicht: unteres grofsen Gottes und Heilandes). Drei angehängte
Excurfe handeln fpeciell noch 1) über die Weg-
laffung des Artikels vor atüTr]gog qfiwv, 2) über den Gebrauch
von hnqxxveia in Bezug auf Gott (fehr reich an
Material) und 3) über den Ausdruck tov [leyäXov -irtov.

XIX: IJoh. 5, 7 und Luther's deutfche Bibel,
S. 458—463 (aus dem Christian Intelligencer, 15. Mai
1879), zeigt, gegenüber einer irrigen Behauptung von
T o d d, dafs Luther die fragliche Stelle niemals recipirt hat.

XX: Ueber die Eintheilung des griechifchen
Textes des N.T. in Verfe, S. 464—477, ift eine englifche
Wiedergabe des betreffenden, von Abbot bearbeiteten
Abfchnittes in Gregory's Prolegomenis zu Tifchendorf's
editio octava (S. 167—182). Abbot weift die Abweichungen
in Betreff der Vers-Eintheiluug zwifchen den
verfchiedenen Ausgaben des griechifchen Neuen Tefta-
mentes nach. Die Arbeit, in welcher ein riefiger Fleifs
auf ein recht untergeordnetes Thema verwendet ift, ift
charakteriftifch für den felbftverleugnenden Eifer, mit
welchem Abbot fich auch der kleinften Aufgabe gewidmet
hat, und ift infofern ein würdiger Schlufs des Ganzen

Kiel. E. Schür er.

Manen, Dr. W. C. van, Paulus. L De handelingen der
Apostelen Leiden, Brill, 1890. (207 S. gr. 8.) M. 4. —

Der Verfaffer diefes mit Gefchick und Scharffinn ge-
fchriebenen Buches hat fich bekanntlich in letzter Zeit
zur Hypothefe Loman bekehrt, welche er noch vor 7
Jahren (Jahrbücher für proteftantifche Theologie 1883, S.
593—618) zu ganz objectiver Darftellung gebracht hatte.
Vorliegendes Werk eröffnet eine felbftändige Begründung
des neugewonnenen Standpunktes mit einer Kritik der
Apoftelgefchichte. Der Entftehung diefes Buches ift der
erfte Theil (S. 5—165) gewidmet. Nachdem zunächft die
Einheit des Werkes gründlich und überzeugend erwiefen
ift (S. S—18), wird die Compofition befprochen, d. h.
aus einer Reihe von inneren Gründen die Apoftelgefchichte
als eine fecundäre Bildung erwiefen, in welcher
fehr verfchiedenartiges und oft widerfpruchsvolles Quellenmaterial
verarbeitet worden ift (S. 18—58). So liegen
gleich dem Pfingftberichte zwei verfchiedene Begriffe von
yhüoaaig XaXeiv zu Grunde, fo begegnen zwei verfchiedene
Auffaffungen bezüglich des Verhältnifses von Taufe
und Geiftesmittheilung und bezüglich der Stellung der
erften Gemeinde zum Volk von Jerufalem, überhaupt
ein realiftifches und ein idealiftifches Bild von der Urge-
meinde nebeneinander. Auch die Erzählung von dem
Procefs, der Vertheidigung und dem Tode des Stephanus
läfst einen doppelten Hintergrund erkennen, und an Unklarheiten
, unmotivirten Uebergängen und Widerfprü-
chen fehlt es in keiner Partie des Buches. Unter die
fchriftlichen Quellen, darauf folche Erfcheinungen zurückweifen
, dürfen die paulinifchen Briefe, an welche man
zuerft denkt, kaum gezählt werden (S. 58—74. 139—142).
Doch fieht fich der Verfaffer, indem er diefe Thefe durchzuführen
fucht, zu Conceffionen von fehr bemerkens-
werther Art gedrängt. Nicht blofs fällt manches treffende
Wort gegen diejenigen unter feinen fonftigen Gefinnungs-
und Kampfgenoffen, welche die Paulusbriefe geradezu
in Abhängigkeit von der Apoftelgefchichte fetzen, fondern
es wird je länger, defto unverhohlener auch erinner-
ungsmäfsige Benutzung jener Briefe, befonders desjenigen
an die Galater, zugeftanden (S. 67,-67. 140. 142. 145.
147. 155. 203). Selbftverftändlich wendet fich die Auf-

merkfamkeit des Verfaffers zunächft den f. g. Wirftücken
zu (S. 74—96), deren Inhalt zwar durchaus glaubwürdiger
Natur ift, unferem Verfaffer jedoch auf einen, nur den
äufseren Verlauf der apoftolifchen Reife kennzeichnenden
(S. 88), Bericht wahrfcheinlich des Lucas (S. 92) zu-
fammenfchrumpft. An mehreren Stellen zeigt der Verfaffer
in der That, was vor ihm fchon Overbeck und
Straatman dargethan, dafs, auch was aus diefer Quelle
mitgetheilt wird, weitgehende und eindringende Aneignung
von Seiten des Apoftelgefchichtfchreibers erfährt.
Aber wir können ihm nicht mehr folgen, wenn er in der
Nachfolge Straatman's fogar die Reife nach Rom fo
auffafst, dafs Paulus fie dem Reifebericht zufolge als
freier Mann, erft der Apoftelgefchichte oder ihrer nächften
Quelle zufolge als Gefangener, der fich auf den Kaifer
berufen, unternommen hätte (S. 79 f. 120). Der Apoftel-
gefchichtfchreiber ift nämlich unferem Verfaffer zufolge
nicht einmal in der Lage gewefen, den Reifebericht di-
rect zu benutzen, fondern kannte ihn blofs aus einem anderen
Werk, darin er bereits Aufnahme und Verarbeitung
gefunden hatte (S. 95, 123). In diefem anderen Werke,
neoioöoi oder 7igä§sis IlavXov, findet unfer Kritiker die
Hauptquelle für den zweiten Theil, fofern diefer nicht von
dem Apoftelgefchichtfchreiber felbft ausgeftaltet wurde.
Letzterem gehört z. B. die Stelle 15, 1—33 an, der Quelle
dagegen nicht blofs die vorhergehende Miffionsreife des
Paulus und Barnabas, fondern auch fchon Alles, was
Letzteren, die Einfetzung der Siebenmänner, die Stepha-
nus-Verfolgung (dies Alles wird erft in der Apoftelgefchichte
von Damaskus und Antiochia nach Jerufalem verlegt
), die Bekehrung des Paulus, den Philippus und Simon,
die Verhältnifse in Antiochia betrifft (S. 96—125). Für den
Hauptinhalt der 12 erften Capitel müffen jedoch 7iigiodoc
oder 7TQc'^eig Tltigoc aufkommen, die felbft nur eine tenden-
ziöfe Nachbildung der Acta Paidi fein follen (S.125—133).

Das Neue diefer Hypothefe über die Compofition
der Apoftelgefchichte (eine das Vei ftändnifs erleichternde
Ueberficht folgt S. 142—149) befteht fonach darin, dafs
jene Kette petropaulinifcher Literatur, deren genauere
Kenntnifs wir Lipfius verdanken, in der kanonifchen
Apoftelgefchichte auch infofern fchon ihren erften Ring,
daran fich die übrigen Glieder anfchloffen, befitzen würde,
als bereits diefe Schrift eine Zufammenarbeitung von
Quellen darfteilt, die von Haus aus nur der Verherrlichung
des Einen oder des der Anderen Hauptapoftel gewidmet
waren. Nur Schade, dafs keinerlei Beweis dafür beizubringen
ift, dafs die im kirchlichen Alterthum unter den
obengenannten Titeln curfirenden Werke einen Inhalt,
wie den hier vorausgefetzten, gehabt hätten. Was diefe
Schriften füllte, betrifft vielmehr zumeift einen Zeitraum,
welcher erft mit jenen römifchen Tagen anhebt, womit
unfere Apoftelgefchichte fchliefst. Unfer Kritiker thut
daher wohl daran, wenn er gelegentlich zu verftehen giebt,
feine Paulusacten brauchten fich nicht gerade mit den
von Origenes und Eufebius erwähnten zu decken (S. 122.
190). Eher noch hätte er einen Verfuch in diefer Richtung
mit den Petrusacten wagen können; er unterläfst
dies jedoch gänzlich. Wieder mehr in fchon gebahnte
Geleife lenkt er zurück in den Abfchnitten über Jofephus
(S. 133—139) und über den Zweck der Apoftelgefchichte
(S. 149—158). Diefer war nämlich theilweife der, aus
der Tübinger Schule bekannte, conciliatorifche (S. 156),
theilweife der, von Straatman und Meijboom, des Verfaffers
Landsleuten, entdeckte politilch -apologetifche
(S. 9—13. 157 (X Deutlicher wird noch in dem Abfchnitt
über den Verfaffer (S. 159—164) gefagt, fein Standpunkt
fei ,derjenige des werdenden Katholicismus. Sein Geift
ift durchdrungen von dem katholifchen Ideal der Einheit
von Petrus und Paulus. Noch find diefelben nicht in
Aller Ueberzeugung Eins, aber er hilft ihnen nach Kräften
dazu, es zu werden' (S. 160). Gefchrieben habe diefer
Mann wahrfcheinlich in Rom (S. 162) zwifchen 125 und
150 (S. i64).