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Ausgabe:

1891 Nr. 6

Spalte:

148-149

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Noeldechen, Ernst

Titel/Untertitel:

Tertullian 1891

Rezensent:

Harnack, Adolf

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147

Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 6.

14S

Cäfarea und Antiochien hatten gröfsere Anfprüche
auf die Cathedra Petri als Rom. Aber Macht geht vor
Recht, und wirkliches Leben ift mehr als gefchichtliche
Erinnerungen. Bei der neuen Conftituirung des chriftli-
chen Gemeinwefens nach 135 konnte nur Rom der Primat
zufallen. ,Die Uebertragung des Primats von Jerufalem
auf Rom war felbftverftändlich. Nur vollzog fich diefelbe
bei der damals noch unausgebildeten juriftifchen Organi-
fation der Kirche nicht plötzlich durch ein Gefefz oder
einen Concilsbefchlufs, fondern allmählich, mehr that-
fächlich als doctrinell. Aber, wenn unfere Conftruction
richtig ift, doch nicht ohne Hülfe der Literatur, refp.
apokryphifcher Dichtung und auch nicht ohne theolo-
gifchen Widerfpruch'. In das Fundament der Kirche,
die fich ,irdifcher' organifirte, hat Rom auch den Clemens- |
roman gelegt. •— —-

Ich habe wefentlich mit den Worten des Autors
felbft feine Ergebnifse wiedergegeben und kann an feiner
Hypothefe ein Doppeltes rühmend hervorheben, 1) dafs
he den katholifchen Elementen der Pfeudoclementinen
beffer gerecht wird, als die früheren Verfuche, 2) dafs
fie das ,Abbrechen' der Romane bei Cäfarea, refp. bei
Antiochien, welches bisher nicht eben befriedigend erklärt
war, aufserordentlich gut zu erklären weifs. Allein
eine gute Erklärung braucht nicht immer die richtige
zu fein. In diefem Fall ift mir die Richtigkeit um fo
zweifelhafter, als ich nicht in der Lage bin, dem Verf.
fonft in irgend einem wefentlichen Punkte zu folgen.
Die Methode gefchichtlicher Forfchung, welche er anwendet
, ift mir fremd, und die Vorausfetzungen, die er
in Bezug auf die allgemeine Gefchichte derälteften Kirche
mitbringt, vermag ich mir nicht anzueignen. Ohne Tendenzkritik
kommt man bei den tendenziöfen Pfeudoclementinen
wahrfcheinlich nicht durch; aber die des Verfaffers
erinnert mich nach Vorausfetzungen und Methode an
die unerfreulichfte Seite der Tübinger Tendenzkritik,
in ihren Schwächen vermehrt durch die dem Verfaffer
und Friedrich eigenthümliche Vorftellung, dafs die .Primatsidee
' im 1. und 2. Jahrhundert ein wichtiger Factor
gewefen fei und man fich um den Primat gezankt
habe. Diefes Haften am ,Primat' ift vielleicht noch ein
Schatten der römifchen Gefchichtsbetrachtung, welche
Langen fonft fo kräftig abgeftreift hat. Meine wichtigften
Bedenken gegen die Conftruction des Verfaffers faffe ich
in folgenden Punkten zufammen:

1) Langen behandeltdie Pfeudoclementinen als öffentliche
Literatur mit wefentlich kirchenpolitifchem Charakter
. Wären fie das — ja, wie der Verfaffer annimmt,
officiöfe Schriften, in Rom, Cäfarea und Antiochien
verfafst —, fo müfsten fie eine andere Gefchichte in
der Kirche gehabt haben. Diefe Romane als Kundgebungen
der Kirchen von Rom, Antiochien u. Cäfarea
anzufehen, fcheint mir ein grundlegender Fehler.

2) Langen hält das Judenchriftenthum auch noch nach
dem J. 135 für einen höchft wichtigen Factor der allgemeinen
Kirchengefchichte. In Rom fucht man es zu gewinnen
und läfst defshalb Paulus noch mehr zurücktreten
; in Cäfarea bildet der Judaismus fogar noch um
190 den Charakter der Gemeinde. Aber noch bedenklicher
faft, als diefe Annahme, ift die merkwürdig abftracte
Vorftellung von einem Judenchriftenthum' und ,Heiden-
chriftenthum', welches überlegt, Entfchlüffe fafst, pactirt
u. f. w., ohne dafs man ein concretes Bild von diefen
Gröfsen zu gewinnen vermag. Wir find nicht mehr gewohnt
, mit folchen GefchichtsbegrifTen als mit realen Fac-
toren zu rechnen.

3) Langen glaubt, dafs bis gegen 135 Jerufalem als
Mittelpunkt, der ,Primatialfitz', der ganzen Chriftenheit
gegolten habe, dafs defshalb fofort nach dem Falle Je-
rufalems das Bedürfnils wach geworden fei, einen neuen
Sitz zu creiren, dafs mit merkwürdiger Uebereinftimmung
die Cathedra Petri nun in den Mittelpunkt gerückt worden
fei und der Streit fich nur darum gedreht habe,

welcher Stadt das meifte Anrecht auf fie zukomme. Aber
weder läfst fich ein allgemeines Anfehen Jerufalems in
der ganzen Chriftenheit erweifen, noch läfst fich darthun,
dafs man nach dem Falle Jerufalems nach einer ecclesia
prima ein allgemeines Bedürfnifs gehabt habe, noch läfst
fich zeigen, dafs die Cathedra Petri um 140 fo viel gegolten
hat. Die Sache verhält fich vielmehr umgekehrt.
Der Gedanke einer ecclesia prima in der Kirche ift erft
aufgekommen, nachdem Rom, die Welthauptftadt, fac-
tifch ecclesia prima geworden war, und die Cathedra
Petri ift nachträglich zur Begründung des fchon beftehen-
den Anfehens von Rom eingefchoben worden.

4) Langen hat keinen Beweis beigebracht, dafs die
Homilien fo früh anzufetzen find, wie er fie anfetzt
oder vielmehr — keinen Beweis, der aufserhalb feiner
Conftruction noch zu Recht befteht. Dafs die Homilien
Zeitfpuren tragen, die auf eine fpätere Zeit weifen, hat
er wohl bemerkt; aber er hat eben defshalb fpätere Zu-
fätze angenommen. Dasfelbe ift in Bezug auf die Re-
cognitionen der Fall; auch hier kann Langen das Zeitalter,
in welches er fie verfetzt, nur mit Hülfe der Annahme
von Interpolationen halten.

5) Langen hat in dankenswerther Weife auf die Ver-
fchiedenheit des Standpunkts des Verf.'s der Plomilien u.
der Recognitionen aufmerkfam gemacht, aber m. E. diefe
Verfchiedenheit ftark übertrieben, wenn er die Homilien
als ftreng judaiftifch, die Recognitionen als frei von jedem
Judaismus darfteilt. Doch — man mag den Standpunkt
der letzteren noch fo günftig beurtheilen — dafs fie der
gleichfam officielle Ausdruck der antiochenifchen Kirche
bald nach d. J. 200 find, ift fchwerlich glaublich.

Dies find nur die wichtigften Bedenken, die fich mir
bei der Leetüre der intereffanten Abhandlung aufgedrängt
haben. Die einzelnen Bedenken übergehe ich, weil wir
in der Frage der pfeudoclementinifchen Literatur noch
nicht fo weit find, um die Sache durch Rede und Gegenrede
in Bezug auf Einzelheiten fördern zu können. Es
mufs erft der Raum abgedeckt fein, in dem fich die Kritik
überhaupt hier zu bewegen hat, wenn fie nicht in
eine Sackgaffe oder zu vagen Phantafien gerathen foll.
Zu diefer Abdeckung gehört aber auch die Uebereinftimmung
in Bezug auf den litterarifchen Charakter der
Schriftftücke. Hier beginnen freilich bereits die Schwierigkeiten
, weil unftreitig manche Quellen der Pfeudoclementinen
nach Form, Abficht und Urfprung einen ganz
anderen Charakter getragen haben als die uns erhaltenen
Schriften.

Berlin. A. Harnack.

Noeldechen, Dr. Ernft, Tertullian, dargeftellt v, E. N.
Gotha, E. A. Perthes, 1890. (X, 496 S. gr. 8.) M. 9. —.

Nach zahlreichen mühfamen und eindringenden Vorarbeiten
hat Noeldechen hier eine Biographie Tertullian's
geliefert, des einzigen Kirchenvaters vor Ambrofius und
Auguftin, deffen Werke die Zeichnung eines Lebensbildes
ermöglichen. Wir befafsen bereits eine Reihe von
Darftellungen, aber Nöldechen hat feine Vorgänger hinter
fich gelaffen. Nicht nur hat er ein vielfeitigeres hifto-
rifches und antiquarifches Wiffen hinzugebracht, fondern
auch eine beffere Kenntnifs der Werke Tertullian's und
ein lebendigeres Anfchauungsvermögen. Angefichts der
grofsen Aufgabe hat er feinen Stil gezügelt und nicht
nur eine lesbare, fondern auch anziehende, in nicht
wenigen Abfchnitten geiftvoll gefchriebene Biographie
| gefchaffen. Vergleicht man fein Werk mit den fchätz-
baren Werken Neander's, Böhringer's und Hauck's,
fo freut man fich der Fortfehritte, welche die gefchichtliche
Wiffenfchaft im Allgemeinen und die Patriftik im
Befonderen gemacht hat. Dafs der Zaun zwifchen Welt-
und Kirchengefchichte niedergeriffen ift, dafür legt diefe
Monographie, aus der man fehr viel Neues lernt und
viele dunkle oder unbeachtete Punkte beleuchtet ficht,