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Ausgabe:

1891 Nr. 6

Spalte:

145-148

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Langen, Jos.

Titel/Untertitel:

Die Klemensromane. Ihre Entstehung und ihre Tendenzen, aufs neue untersucht 1891

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 6.

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der Frage, ob Paulus jemals verheirathet gewefen, möchte I
ich mir noch eine kurze Bemerkung erlauben. Sie betrifft
das Ignatiuszeugnifs (ad Philadelph. cap. 4). So ficher
es ift, dafs dem Pfeudoignatius Paulus viel gröfser er-
fchienen wäre, wenn er unverheirathet gewefen, fo ficher
beweift feine Behauptung, dafs Paulus verheirathet war, j
dafs dies eine Meinung feiner Zeit war. Nicht unwahr-
fcheinlich ift indefs, dafs unter Anderem die Anweifung
der Paftoralbriefe, der Bifchof folle eines Weibes Mann
fein, fobald fie als von Paulus gefchrieben galt, der Anficht
als Unterlage dienen könnte, Paulus fei thatfächlich
einmal verheirathet gewefen. — Was den letzten Auffatz i
des Verf.'s anlangt, fo kann ich, trotz aller Gründlichkeit,
mit welcher er echte Beftandtheile aus den Paftoralbriefen
herauszufchälen fucht, von meinem früheren Standpunkt j
zu diefer Frage nicht laffen, wie ich ihn bei meiner An- I
zeige des Heffe'fchen Verfuches in der proteftantifchen j
Kirchenzeitung (Jahrgang 1889. S. 721 ff.) feinerzeit prä-
cifirt habe.

Nach dem allen kann ich nur fagen, trotz allen Wider-
fpruchs, dem der Verf. begegnen wird, ift feine Arbeit
eine durchaus dankenswerthe.

Berlin. Wilh. Bahnfen.

Langen. Prof. Ur. Jof, Die Klemensromane. Ihre Entfteh-
ung und ihre Tendenzen, aufs neue unterfucht. Gotha,
F. A. Perthes, 1890. (VII, 167 S. gr. 8.) M. 3. 6b.

Langen hat den Muth gehabt, das Kaleidofkop der
pfeudoclementinifchen Literatur noch einmal zu fchütteln |
und dann zu fixiren. Was er uns fehen läfst, ift ein
wefentlich neues Bild. Nur die beliebten chronologifchen
Anfätze find wenig verfchoben:

,Der Untergang der Mutterkirche Jerufalem i. J. 135
bedeutete das Abfterben des Judenchriftenthums, refp. j
die Abfonderung der exkluliv judenchriftlichen Elemente
in getrennte Secten. Zugleich mufste er den Ge- I
danken wachrufen, den verfchwundenen Mittelpunkt
der chriftlichen Gemeinden durch einen
neuen zu erfetzen. Unter diefen Umftänden ergab
fich die Aufgabe von felbft, dem noch übrigen Juden-
chriftenthum eine goldene Brücke zu fchlagen, die ohnehin
noch wenig gewürdigte paulinifche Richtung zurück- j
treten zu laffen, den Hauptapoftel Petrus, der ja allerdings
zuerft den Heiden die Kirche geöffnet, auch zum
vornehmflenVertreterdesHeidenchriftenthumszu machen, 1
und fo die neue heidenchrifUiche Aera der judenchriftlichen
Auffaffung möglichft nahe zu bringen'. Das fcheint
die dogmatifche Tendenz der in Rom entftandenen cle- I
mentinifchen ,Grundfchrift', der ,römifchen Predigt des j
Petrus' gewefen zu fein, welche zugleich eine fei es fin- !
girte oder wirkliche judaiftifche Schrift diefes Namens
verdrängen und Rom den durch Jerufalem's Fall 1
untergegangenen Primat über die gefammte
Kirche zu weifen follte. Diefe Grund fchrift ift aus
den Homilien und Recognitionen zu gewinnen. In ihr
kam das Heidenchriftenthum dadurch zur Geltung, dafs
fie erzählte, wie Clemens, ein Glied der Kaiferfamilie, als
der treuefte Schüler Petri deffen Nachfolger in Rom
wurde. Sie knüpfte dabei an Traditionen der römifchen
Kirche an. Clemens war dort gegen Ende des 1. Jahrh.
der hervorragendfte Kirchenvorfteher gewefen, gleich
angefehen bei Juden- wie Heidenchrifte n. Die
Ueberlieferung von den Reifen und dem Martyrium des
Petrus in Rom fcheint gleichfalls fchon befunden zu
haben; ebenfo die von der Disputation des Apoftels mit
Simon Magus in Cäfarea, welche polemifch gegen den
Gnofticismus zu verwerthen war. Aus diefen Elementen
und ähnlichen, angeregt durch Hegefipp und den
Dialog Juftin's mit Trypho, bildete man zu Rom,
höchft wahrfcheinlich unter Billigung oder Mitwiffen Ani-
cet's, den Clemensroman. Das, was für felbftverftändlich
galt — dafs Rom nun den Mittelpunkt der chriftlichen

Welt bilden müffe —, kommt in dem Roman zum Ausdruck
. Nicht ohne Abficht brachte man die Chriftenge-
meinde durch Clemens in Zufammenhang mit der welt-
beherrfchenden kaiferlichen Dynaftie. ,So prägte fich
fchon in dem Urfprung des röm ifch-heidenchrift-
lichen Primates das Princip weltlicher Herrfchaft
aus im Gegenfatz zu dem ftill religiöfen, an die
Effener erinnernden Charakter desjakobus von
Jerufalem'. Wenn auch diefe Schrift den Zweck verfolgte
, die Judenchriften für die neue römifche Aera der
Kirche zu gewinnen, fo ift fie doch in ihrer Haltung katho-
lifch refp. grofskirchlich-orthodox im Sinne des Hegefipp
gewefen; judenchriftenfreundlich, nicht judaiftifch. Ihr dog-
matifcher Standpunkt mufs dem des Juftin fehr verwandt
gewefen fein; fie drängte defshalb den Paulinismus zurück
. Vor allem aber war fie episkopaliftifch im Sinne
des römifchen Bifchofs, wenn auch die monarchifche
Richtung noch nicht fo fcharf ausgeprägt erfcheint, wie
fie in Jerufalem bereits ausgeprägt war, deffen Bifchof
als Oberbifchof der ganzen Kirche verehrt wurde.

Diefes Unternehmen Rom's konnte, wie fich leicht
denken läfst, in Paläftina nicht unwiderfprochen bleiben.
Dort wollte man fich den Primat nicht fo leicht nehmen
laffen und die führende Stellung in der ganzen Kirche
nicht an das apokalyptifche Babel abtreten. Kam es
nach dem Fall Jerufalem's auf die Cathedra Petri an
und füllten die Heidenchriften nunmehr zu Ehren
gelangen, fo befitzt, fo mufsten die Paläftinenfer denken,
die jetzt bedeutendfte Stadt Paläftina's, Cäfarea, den näch-
ften Anfpruch auf den Primat, wo Petrus zuerft den Heiden
die Kirche geöffnet hat; auch feine heidenchrifUiche Ka-
thedra ha, zuerft inmitten des jüdifchen Landes geftanden.
Auf diefe Weife allein konnten fie noch hoffen,
die Fortdauer paläftinenfi f ch-j udenchrift lieh er
Lehre zu fichern, wenn fie auch die Heidenchriften
als vollberechtigte Glieder der Kirche
anerkennen mufsten. Um alfo die fatale römifche
Schrift unfehädlich zu machen, arbeitete man fie in Cäfarea
kurz vor dem Ende des 2. Jahrh. um und zwar in
dem ftreng judaiftifchen Geifte, der die Gemeinde und
ihren Bifchof befeelte. Diefe Umarbeitung, die vielleicht
von dem Bifchof felbft, dem Vorgänger des Theophilus,
vorgenommen ift, ftellt fich in den uns erhaltenen Homilien
dar. Der Standpunkt ift alfo dem des Hegefipp
und des Katholicismus ganz feindlich, ein Ebionitismus
in zeitgemäfser Umbildung. Der hellenifch gebildete Paläftinenfer
will die Heidenchriften einfangen, muthet ihnen
aber in Wahrheit den ganzen Mofaismus zu.

Doch Cäfarea hat im Grunde fo wenig einen hiftori-
fchen Befitztitel wie Rom. Wohl aber befafs Antiochien
einen folchen; hier war das Heidenchriftenthum entftan-
den; hier hatte auch Petrus gewirkt. Sollte alfo jetzt
die Aera des Heidenchriftenthums beginnen, fo kann Antiochien
mit Recht den Primat fordern. Erfelden Petrus
in Antiochien als ,der in den Augen des Paulus allzu
verföhnliche Heidenapoftel, fo war folche nachgiebige
, halb paulinifche und halb judenchriftliche
Richtung für die Zeit des Aufgebens eines fchrof-
fen Judaismus ohne pofitive oder nachdrückliche
Geltendmachung des Paulinismus der wünfehens-
werthe Weg zur Verformung'. Die Cathedra Petri
in Antiochien fchien die richtige, wenigftens für den
Augenblick brauchbare Mitte zu repräfentiren. In Antiochien
alfo bildete man die fatale römifche Grundfchrift
mit den römifchen Prätenfionen und die noch fatalere
cäfareenfifche Ueberarbeitung aufs neue um. Dies <*e-
fchah im Anfang des 3. Jahrh. durch oder unter Serapion
. So entftanden die Recognitionen. Sie ftellen
fich alfo als eine conciliante katholifche Bearbeitung der
judaiftifchen Homilien dar mit einer fcharfen Spitze gegen
Cäfarea und Rom. Nur mufs man fowohl bei den Recognitionen
wie bei den Homilien Vieles ftreichen, was
nicht zu den urfprünglichen Ausgaben gehörte.

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