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Ausgabe:

1891 Nr. 5

Spalte:

120-121

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Noesgen, C.F.

Titel/Untertitel:

Geschichte der neutestamentlichen Offenbarung. 1. Band: Geschichte Jesu Christi 1891

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 5.

120

Völter, welchem er in Bezug auf Annahme von Interpolationen
bald beiftimmt, bald entgegentritt. Im Allgemeinen
findet er Völter's Kritik zu wenig literarifchen, zu
fehr dogmatifchen Charakters. Insbefondere macht er
gegen ihn die Selbftändigkeit des Galaterbriefes in Bezug
fowohl auf den theologifchen, als auf den hiftorifchen
Inhalt geltend. Wenn Völter dem Umfiand, dafs die
korinthifchen Judaiften die apoftolifche Würde des Paulus
anfechten, ohne auf die Befchneidung zu dringen,
die galatifchen dagegen die Befchneidung fordern, ohne
dem Apoftolat des Paulus zu nahe zu treten, die Deutung
abgewinnt, dafs dort die wirkliche gefchichtliche
Stellung des Paulus, hier dagegen eine fpätere Situation
zur Darflellung gelange (S. 167 f.), fo zieht unfer Ver-
faffer daraus vielmehr den Schlufs, dafs Gal. vor Kor.
gefchrieben ift. Die Frage nach der Befchneidung der
Heidenchriften ift nur am Anfang der ganzen Auseinan-
derfetzung möglich und fleht in der nachapoftolifchen
Zeit bereits aufser Debatte; zu einer Beftreitung der
Autorität des Paulus ift man erft in Folge feiner Stellungnahme
zu Befchneidung und Gefetz vorgefchritten (S. 30).
Wie damit, fo wird man überhaupt faft mit Allem, was
unfer Verfaffer zur Vertheidigung der Echtheit vorbringt,
einverftanden fein können. — Es liegt in der Natur der
Sache, wenn die kritifchen und exegetifchen Bemerkungen
zu Joh. welche die zweite Hälfte des Heftes ausfüllen
(S. 35 — 72), wenigftens dem Unterzeichner nicht alle in
gleicher Weife einleuchten. So wenn 3, 5 s£ vdazog v.ai
nveiiiaxog von natürlicher und geiftiger Geburt (S. 37 f.)
zu verttehen, 4, 36 — 38 o onelgiov der Täufer, akloz die
Propheten fein follen (S. 44f.); ferner foll 4, 39 Gloffe,
4, 44 erft hinter 46 a am Platze fein; 5, 2 habe urfprüng-
lich Beth seta — Schafhaus geftanden, 13, 2 — 4 hiefs ur-
fprünglich blofs x«t dehrvov yivoiitvov sytigezai xcu zi~
itrioiv y.z'k; 13, 16 foll blofs in erfter Hälfte echt, 13, 20
zufammenhangslofer Zufatz eines fpäteren Lefers, durch
16 veranlafst fein.

Strafsburg i/E. H. Holtzmann.

Druschky, Paft. em, Ueber den Sinn und den Gedankengang
in den Reden Jesu Lucas, Cap. 15 und 16. Ein Verfuch.
Leipzig, Deichert Nachf,, 1891. (VI, 106 S. 8.) M. 1. 20.

,Es ift ein blofses Rathen, ohne jede Bürgfchaft des
Errathens' (S. 31). So charakterifirt der Verf. die bisherigen
Verfuche, das Gleichnifs vom ungerechten Haushalter
und feine Umgebung zu erklären. Vielleicht wird
er es fich gefallen laffen müffen, dafs man feinern .Verfuch
' das gleiche Motto vorfetzt. Jedenfalls wäre von
dem Verfaffer einer verhältnifsmäfsig fo ausführlichen
Monographie zu erwarten gewefen, dafs er von den bisherigen
Bemühungen, die Stelle nicht blofs exegetifch,
fondern auch mit Mitteln der literarifchen Kritik aufzuhellen
, genauere Kenntnifs genommen hätte. Dann würde
er fich z. B. an Weifs und Jülicher erinnert haben, ehe
er fchrieb: ,Vor allen Dingen foll ein Gleichnifs die Lehre
deutlich machen. Jeder Zug der Parabel foll dazu beitragen
. Leiltet ein Gleichnifs das nun ungenügend oder
gar nicht, fo ift es fchlecht erfunden oder wird falfch
verftanden' (S. 35). So erfahren wir denn auch hier wieder,
der reiche Mann fei Gott; feine Habe aber ift zur Abwechslung
diesmal das Volk Israel; der fie verfchleudernde
Haushalter ift das Israel auf religiöfe Abwege führende
Schriftgelehrtenthum; die Rechenfchaft und Abfetzung
weifen auf das meffianifche Gericht; der Schuldbrief ift
das meffianifche Gefetz; die Schriftgelehrten fälfchen ihn,
indem fie, ftatt gründliche Bufse zu fordern, den Leuten
die Frömmigkeit leicht machen durch allerlei Werkgerechtigkeit
. Die Unmöglichkeit diefer Erklärung tritt in
ein erfchreckendes Licht bei 16, 9. Die Auslegung diefes
Verfes gehört in fprachlicher und fachlicher Beziehung
zum Abfurdelten, was man lefen kann (S. 59—68). Aber

es ift nicht nöthig, dem Verfaffer auf feinen abfchüffigen
Pfaden weiter zu folgen. Der Irrthum des Grundfatzes,
welcher ihn dabei leitet, befteht darin, dafs er ohne
Ahnung von der Art, wie der dritte Evangelift auseinander
liegende Stoffe nach oft allerdings äufserlichen Ge-
fichtspunkten anordnet und durch allgemeine Uebergangs-
formeln verbindet, aus 16, 1 fchliefst, dafs das Folgende
im ftrengen Zufammenhang mit dem Vorangegangenen
zu denken fei und Jefus im Grunde immer noch die 15, 2
in Frage geftellte ,Meffianität feines Handelns' vertheidige
(S. 40 f. 47. 103). Was dann im weiteren Verlauf diefer
grofsen Apologie noch folgt, das, einen mühfamen Ueber-
gang von einem Gleichnifs zum andern bahnende, Aggregat
16, 14—18, wird in feinen einzelnen Theilen als eben-
fo viele fchlagende Antworten Jefu auf vom Evangeliften
zwar nicht mitgetheilte, von unferem Verfaffer aber fcharf-
finnigft errathene, Spottreden erwiefen, womit die angegriffenen
Schriftgelehrten das, fie an den Pranger Hellende,
erfle Gleichnifs um feine Wirkfamkeit zu bringen gefucht
hätten. Dafür werden fie dann im zweiten, das Verhalten
der Pharifäer zu den Sündern illuftrirende, Gleichnifs
um fo deutlicher über das Schickfal belehrt, welches ihrer
wartet. Alles unnöthige Mühe und Qual, aber doch als
Specimen jener falfch berühmten Kunlt und Schriftgelehr-
famkeit von Belang, welche fich berufen glaubt, da und
dort einen »genialen Griff des Heilandes' (S. 43) zu entdecken
, wo es zunächft gilt, der Arbeitsweife eines Schrift-
ftellers auf die Spur zu kommen. Genie gehört dazu
nicht, aber Fleifs und ein wenig gefunder Menfchen-
verftand.

Strafsburg i/E. H. Holtzmann.

Noesgen, Prof. Dr. C. F., Geschichte derneutestamentlichen
Offenbarung. (In 2 Bdn.) 1. Bd. Gefchichte Jefu Chrifti.
1. Hälfte. München, Beck, 1891. (XII, 322 S. gr. 8.)
M. 6. —

.Wiffenfchaftlich gerecht wird es nur fein, auch die
andere Hälfte diefes erften Bandes meines Werkes, welche
die Gefchichte Jefu zu Ende führt, mitfprechen zu laffen,
bevor man über meine Art und Weife, die Gefchichte
Jefu zur wiffenfchaftlichen Darfteilung zu bringen, das
Urtheil abfchliefst. Denn dann erft kann es fich zeigen
, ob dem Verfuche, die Gefchichte von offenbarungsgläubigem
Standpunkt fo zu zeichnen, wie hier ge-
fchieht, eine innere Berechtigung zukommt. Und allein
darum bitte ich' (S. VIII). Es wäre fonach illoyal, wenn
wir jetzt fchon in eine fachliche Beurtheilung diefer Leift-
ung eintreten wollten. Wir begnügen uns daher einft-
weilen mit Kenntlichmachung theils der Anlage und Methode
, theils der theologifchen Richtung des Werkes. Die
Einleitung bringt zunächft ein Capitel über ,die neutefta-
mentliche Offenbarung' (S. 1 —17), dann eine Erörterung der
,Quellen der Gefchichte der neuteftamentl. Offenbarung'
(S. 17 — 84), beftimmt drittens den .Ausgangspunkt für die
wiffenfchaftliche Darfteilung der Gefchichte Jefu' (S. 84
— 91), um im vierten Kapitel ,das Leben Jefu bis zur
Taufe' (S. 91 — 126), im fünften ,das Auftreten des
Täufers' (S. 127 — 149), im fechsten ,das Selbltbewufst-
fein Jefu bei feinem Auftreten' (S. 149 — 163), im fieben-
ten ,den Plan Jefu' (S. 163 — 17T), im achten ,die Chronologie
des Lebens Jefu' (S. 172 — 187) zu behandeln.
Uns intereffiren vorläufig nur die allgemeinen Fragen.
Der Verfaffer beginnt damit, Auskunft zu ertheilen über
dasjenige, was von Seiten Gottes gefchehen ,mufste',
wenn es zu einer deutlichen Selbftbezeugung vor und
unter Menfchen kommen follte. Was demgemäfs wirklich
gefchehen ift, heifst Gefchichte der neuteftamentlichen
Offenbarung. Aufgabe des Gefchichtsfchreibers ift es,
den thatfächlichen Fortfehritt diefer Gefchichte ,nach den
beiden Seiten der göttlichen Heilsbereitung und Heilsbekundung
(der Verfaffer erläutert diefen Unterfchied