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Ausgabe:

1891 Nr. 4

Spalte:

102-104

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oehler, Gust. Friedr.

Titel/Untertitel:

Lehrbuch der Symbolik 1891

Rezensent:

Haering, Theodor

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IOI

Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 4.

102

Synterefis, kann als dankenswert!» bezeichnet werden.
Denn, wenn er auch im Einzelnen viele Vorarbeiten benutzen
konnte (f. das Verzeichnifs der Literatur S. V—VII),
fo fehlte es doch bisher an einer Zufammenflellung
der Theorien der hervorragendften mittelalterlichen Theologen
von Alexander Halefius bis auf Gabr. Biel. Die
Auffaffung der benutzten Ausfprüche ifl jedoch nicht
durchweg korrekt. Der Verf. kommt (S. 52) zu dem Er-
gebnifs: Alex. Halef., Albertus M. und Durandus verftehen
unter der Synterefe den oberften Vernunft- und Willenshabitus
, Bonaventura und Heinrich von Gent allein den
Willenshabitus, Thomas Aqu., Duns Scotus und Gabr.
Biel allein den Vernunfthabitus. Aber er hatte ja felbft
(S. 36) ausgeführt, dafs Bonaventura ,den einen wie den
anderen Gewiffensconftituenten' berückfichtige. Dafs
Thomas die Synterefe allein zur Vernunft in Beziehung
fetze (S. 41), kann man nicht fagen. Denn er redet doch
von Principien, die das praktifche Gebiet betreffen, von
einem Habitus, der dem Handeln feine Richtung giebt.
Andererfeits beweifen Ausdrücke wie synt. regit volun-
tatem nicht, dafs die Synterefis felbft dem Willen zu-
gefchrieben wird. Geradezu falfch ift (S. 40) die (wenn
auch nur in einem Conceffivfatze enthaltene) Infinuation,
dafs nach Bonaventura die Synterefis den Willen zur
Annahme eines irrigen Gewiffensfpruches geneigt machen
könne. Wo fagt Bonaventura dergleichen? In dem (S. 39)
citirten Ausfpruch, wo er allerdings auch Meinungen
Anderer {secundum illos, qui etc.) erwähnt, fagt er es
feinerfeits nicht, fondern giebt nur zu, dafs die Synterefis
über Bord geworfen werden und fomit des Erfolgs verluftig
gehen könne. Dafs die Scholaftiker unter con-
scientia ,den einzelnen Gewiffensfpruch' verftehen (f. z. B.
S. 53), ift eine fchiefe Behauptung. Sie verftehen unter
conscientia im Gegenfatz zur Habitualität der Synterefe
(zur Synterefe als Fertigkeit) eine Thätigkeit {actus),
nämlich die Thätigkeit der Application der moralifchen
Principien der Synterefe auf die concreten, einzelnen
Fälle; aber deshalb heifst doch nicht conscientia der einzelne
Gewiffensfpruch felbft. —

Endlich mufs bemerkt werden, dafs der Verf. den
Zufammenhang der in Rede Behenden Lehre des Hieronymus
und der Scholaftiker mit ihrem Semipelagia-
nismus übertreibt. Hieronymus, von dem fie im allgemeinen
bei diefer Krage abhängig find, war freilich als
Dogmatiker oberflächlich, aber es ift doch immerhin zu
beachten, dafs er feinen Commentar zum Ezechiel ungefähr
zu derfelben Zeit fchrieb, wie feinen Dialogus
contra Pelagianos. Und wenn er und die Scholaftiker
fchon in ihrer Synterefis für den natürlichen Menfchen
eine Art Oppofition des Geiftes gegen das Fleifch annehmen
, fo thun fie damit an und für fleh noch nichts
anderes, als was der Apoftel Paulus (Rom. 7, 22. 23) auch
thut. Die Beziehung der letzteren Stelle auf die Wiedergeborenen
ift unhaltbar, und wenigftens Melanchthon,
der wie Albert. M. u. A. das Gewiffen einen Syllogismus
practicus in intellectu nennt {Appendix II. zu den Locis
v- 1559), hält zwar den Ausdruck syntcresis nicht feft,
verwirit aber die Sache nicht, fondern ftellt die fragliche
Fähigkeit des Menfchen in Analogie mit dem Gefetz,
welches freilich nicht erlöfen kann (vgl. auch Corp, Ref.
XIII, 146 f.).

Kiel. F. Nitzfeh.

Becker, Palt. Willi., Immanuel Tremellius. Ein Profelyten-
leben im Zeitalter der Reformation. 2. veränd. Aufl.
[Schriften des Institutum Judaicum in Berlin, Nr. 8.]
Leipzig, Hinrichs. 1890. (IV, 60 S. gr. 8.) M. —. 75.
Die im Intereffe wiffenfehaftlichen Studiums des Judenthums
und der Judenmiffion von Prof. Strack in Berlin
herausgegebene Schriftenfammlung giebt mit der Bearbeitung
des Lebens von Immanuel Tremellius einen fchätzens-
werthen Beitrag zur Gelehrtengefchichte des Reformationsjahrhunderts
. Das bisher fchon über Tremellius Bekannte
ift von Becker forgfältig gefammelt und gefichtet worden.
Einiges Neue ift hinzugekommen, wobei der hier (S. 45
ff.) zum erften Mal abgedruckte Brief von Tremellius an
Conrad Hubert, der auch für die Gefchichte der Pädagogik
von Intereffe ift, befonders erwähnt werden mag.
Aus der Kirchengcfchichte Italiens, Deutfchlands und
Englands ift manches herbeigetragen, was geeignet ift,
die Umftände, unter denen das Leben des Tremellius
fleh vollzog, durchfichtiger zu machen. Die den Schlufs
der Schrift bildenden .Anmerkungen' (S. 53 — 60) geben
den Quellennachweis für die Einzelheiten der Darftellung.
Zu vermiffen ift freilich immer noch eine Würdigung der
Leiftungen des Tremellius als Linguift, Exeget und Bibel-
überfetzer, wodurch die geiftige Perfönlichkeit des Mannes
erft recht verftändlich und feine Bedeutung klar würde.
Einige Beiträge zur fonftigen Vervollftändigung oder
Correctur des Bildes mögen hier folgen.

Zu S. 1. Der Name Tremellio fpricht für Herkunft der
Familie aus dem französ. Tremouille. — S. 3. Der Ausdruck
.Einfegnung oder Weihe zum Sohn des Gefetzes'
ift zu vermeiden, da der Eintritt der jüdifchen Knaben
in die volle Gefetzespflicht mit keinem Weiheact verbunden
ift. — S. 4. Das in den Bullen ,Cupicntes Judacos' und
,11 Iius1 von 1542, 43 ausgefprochene Intereffe von Papft
Paul III. für die Evangelifirung der Juden hätte fich erwähnen
laffen. — S. 6. Nach der humaniftifchen Bildung
des Tremellius läfst fich annehmen, dafs der Humanismus
der Anlafs feines- Bekanntwerdens mit dem
Chriftenthum gewefen ift. Daneben war zu beachten,
was Jofeph Kohen in Emek ha-Bakha (Ueberfetzung. v.
Wiener 1858 S. 78) erzählt, dafs nämlich jene kabbalif-
tifchen Schwärmer Molcho und Reubeni um 1530 auch
in der Heimath der Tremellius die nahe bevorltehende
Erlöfung ankündigten, aber bald dadrauf (1532) der eine
von Karl V. verbrannt wurde, der andere in den Kerkern
der Inquifition verfchwand. Die damit gegebene
grofse Enttäufchung der Juden hat das von Paul III. für
jene Zeit bezeugte zahlreiche Einftrömen von Juden in
die chriftliche Kirche ficher mitveranlafst, und wird auch
Tremellius beeinflufst haben. — S. 9 vgl. S. 54. Die
Exiftenz eines von Tremellius 1541 verfafsten Lehrbuchs
der hebr. Sprache (nach Wolf Bibl. Heb. II, 619
nicht ,Mcditamental (fo Becker), fondern Rudimenta
ling. Ehrl) wird von M. Steinfehneider, Bibliograph.
Handbuch über die theoret. u. prakt. Lit. f. hebr. Sprachkunde
S. 34 bezweifelt. Seinen Gründen füge ich hinzu,
dafs Tremellius in feiner hebr. Empfehlung der Grammatik
von A. R. Cevallerius {Rudimenta hebr. ling.) vom
Jahr 1560 klagt, dafs er bisher nicht im Stande gewefen
fei, feine eigenen Arbeiten für die hebr. Grammatik zu
Ende zu führen, wonach anzunehmen, dafs er noch kein
Werk diefer Art veröffentlicht hatte. Das von Zedier
aufgeführte, von Becker vergeblich gefuchte ,Opus analy-
ticund von Tremellius ift auch in der Leipziger Univerf.-
Bibliothek nicht vorhanden. — S. 11. Nach Bartolocci,
Bibliotheca Magna Rabbinica IV. S. 11 hat Tremellius eine
Pergamenthandfchrift des antichriftlichen Sepher Nizza-
chon aus Italien mitgebracht, welche fpäter in Buxtorfs
Händen war. — S. 21. Das Todesjahr des muthmafs-
lichen Verfaffers des Sepher ha-Chinnukh ift unbekannt.
Die Angabe Beckers beruht auf der üblichen Verwech-
felung desfelben mit einem Zeitgenoffen, f. Rofin, Ein
Compendium der jüdifchen Gefetzeskunde S. 80 ff.

Leipzig. Guftaf Dalman.

Oehler, weil. Prof. Ephorus Dr. Guft. Friedr., Lehrbuch
der Symbolik. In 2. Aufl. hrsg. von Diak. Thdr.
Hermann. Stuttgart, J. F. Steinkopf, 1891. (XII,
707 S. gr. 8.) M. 11. —

Die Achtung, welche fich diefes Werk erworben,
und die Arbeit, welche der Herausgeber diefer zweiten