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Ausgabe:

1891 Nr. 4

Spalte:

100-101

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Appel, Heinrich

Titel/Untertitel:

Die Lehre der Scholastiker von der Synteresis 1891

Rezensent:

Nitzsch, Friedrich August Berthold

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 4.

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zelne Excurfe, durch welche je und je der Gang der
Befchreibung unterbrochen wird. Ihr Inhalt ift: Erörterung
einiger bis jetzt nicht genügend aufgeklärter Darftellungen
, Zufammenftellung einiger gleichartiger Darftellungen
befonderer Art, die Polychromie bei altchrifl•
liehen Reliefs, Aufzählung von erklärenden Infchriiten,
die fich auf altchriftlichen Sarkophagen finden. Befonders
hervorzuheben ift der Excurs: Scheidung der Sarkophage
nach Gruppen, wo die Sarkophage nicht blofs nach
chronologifchem Gefichtspunkt, fondern auch nach Werk-
ftätten in einleuchtender Weife gruppirt find. In einzelnen
Fällen glaube ich von der Qualification, die
Ficker den Bildwerken giebt (— warum nicht allen ? —),
abweichen zu müffen; z. B. bei Nr. 160 fcheint mir ,gute
Arbeit', bei Nr. 135 ,vortrefflich' zu viel zu fein. Freilich
mufs man fich durchweg der Relativität auch der
günftigften Prädicate bewufst bleiben. Ueber einzelne
Deutungen läfst fich natürlich rechten. Die S. 44 befürwortete
Spaltung der Gruppe: Erfchafifung des Weibes,
in zweiScenen wird fchwerlich viel Anklang finden. Sollte
auf Nr. 184 die Orantin ,zwifchen zwei Heiligen' (untere
Reihe ganz links) nicht vielmehr = Sufanna zwifchen
den Aelteften fein ? An diefer Stelle erfcheint eine hi-
ftorifche Darftellung wahrfcheinlicher. Während bei vielen
Bildwerken von Ficker eine Dati rung angegeben ift, ift
diefelbe doch auch bei folchen unterlaffen, deren Wichtigkeit
eine Datirung wünfehenswerth erfcheinen läfst,
z. B. bei Nr. 161 u. 212. In anderen Fällen ift die Ent-
ftehungszeit wohl genauer abgegrenzt, als fich zwingend
beweifen läfst, z. B. bei Nr. 135 (,aus dem dritten Viertel
des vierten Jahrhunderts'), bei 213 (,erfte Hälfte des
zweiten Jahrhunderts'). Umgekehrt ift es gewifs richtiger,
wenn Ficker als Entftehungszeit von Nr. 177 jetzt nur
noch das vierte Jahrhundert im Allgemeinen angiebt,
wahrend er in feiner ,Darfteilung der Apoftel in der
altchriftlichen Kunft' (1887 S. 74) vom gleichen Sarkophag
meinte, ,er falle feinem ganzen Charakter nach in
die frühere Zeit des vierten Jahrhunderts'. — Wenn Ficker
den Kopf des Mofes in Nr. 116 ,grämlich', die Mienen des
Manns mit dem Petrustypus auf Nr. 183 ,refignirt' nennt,
fo möchte ich bemerken, dafs es mifslich ift, bei Arbeiten
von fo dürftigem Charakter feinere Nüancen des Ge-
fichtsausdrucks zu conftatiren, deren Darftellung über
das Vermögen des betreffenden Handwerkers offenbar
hinausging. Auch Nr. 184 ift zu roh gearbeitet, als dafs
es anginge, in dem Mofes des Quellwunders den Petrustypus
der Verleugnung — doch wohl mit Abficht —
wiederholt zu finden. Auf der Photographie erfcheint
auch die Aehnlichkeit nicht gerade durchfchlagend. In
dem, was Ficker auf Nr. 172 als eine von Löwenköpfen
und -Füfsen getragene Schüffei bezeichnet, dürfte vielmehr
ein Tifchchen zu erkennen fein (vgl. namentlich
ein bekanntes Wandgemälde aus S. Pietro e Marcellino
bei Garrucci tav. 56, 1). Bei dem intereffanten Sarkophag
174 wäre ein näheres Eingehen auf die Scene der
rechten Schmalwand mit dem bärtigen Chriftustypus zu
wünfehen gewefen (S. 17 Anm. 2 ift diefe Scene irr-
thümlich alseine folche bezeichnet, in welcherJefus nicht
die Hand auflegt). Auch die Chriftusgeitalt der linken
Schmalwand (eigenthümliche Haaranordnung; Typus ver-
fchieden fowohl von dem der rechten Schmalfeite als von
dem der Vorderwand) wird in ihrer Eigenthümlichkeit
nicht gewürdigt. Von anderer Seite wird ja diefe Figur
für die Magd bei Petri Verleugnung gehalten. Auf Nr.
181 blickt der mittlere Hirte nicht nach links, fondern
nach rechts. Auf Nr. 125 hat Chriftus bei der Heilung
der Blutflüffigen den Kopf nach links gefenkt. Bei Nr.
152 ift in der Befchreibung der Mittelfcene ein Satz ausgefallen
, der den Petrus mit dem Hahn namhaft machen
follte. Ich erwähne folche Kleinigkeiten, da die Beachtung
des Kleinen der Akribie des Verfaffers und der von
der Archäologie geforderten Methode entfpricht. Ficker
hat ein Buch geliefert, das ein unentbehrliches Handwerkszeug
für die chriftlich archäologifche Forfchung
bilden wird. Möge es bald ebenbürtige Nachfolger finden.

Reutlingen. H. Dopffel.

Appel, Heinr., Die Lehre der Scholastiker von der Synteresis.

Gekrönte Preisfchrift. Roftock, Volckmann &Jerofch,
1891. (VII, 60 S. gr. 8.) M. 2. —

Das Neue, was in diefer gekrönten Preisfchrift ge-
' leidet id, bedeht einerfeits in einer von allen bisherigen
abweichenden Erklärung der Bemerkungen des Hie-
I ronymus über die pfychologifche Bedeutung des Adler-
j gefichts bei Ezech. I, 10 (,Qtiartamque ponunt [plerique]
I quae super liacc et extra Iiaec tria est [nämlich Menfchen-
i geficht = to Xoyixov, Löwengeficht = zb &L/i.ix6», Kalbs-
j geficht = tb im&vprn;ix6v], quam Graccivocantavvfqoriaiv;

quae sciutilla conscientiae in Adami quoque pectore, post-
1 quam ejectus est de paradiso, non.extinguitur' etc.), anderer-
I leits in einer Dardellung und Beurtheilung der durch das
1 entfprechende angebliche Wort des Hieronymus veran-
I lafsten Lehre der Scholadiker von der Synterefis.
Was den erden Punkt anlangt, fo dellt Vf. die Anficht
auf, Hieronymus habe in Anlehnung an die Plerique
nichts anderes fagen wollen, als dafs das Adlergeficht
diejenige Kraft bedeute, welche über den anderen und
gefondert von ihnen fei (d. h. über der Vernunft, dem
Eiferartigen und dem finnlichen Begehrungsvermögen)
und welche die Griechen bezeichnend die hütende (die,
welche die drei anderen hüte) genannt hätten; alfo nicht
etwa einen angeblichen (vom eigentlichen Gewiffen noch
verfchiedenen) Urgrund (oder Theil) des Gewiffens habe
er in dem Adlergeficht fymbolifirt gefunden, fondern
lediglich die Hütung (= avvrrjgrjaic) der übrigen Seclen-
kräfte als die Aufgabe eben des Gewiffens. Diefe Auf-
faffung, welche übrigens dem von den Scholaftikern gezimmerten
Gefäfse den Boden ausfehlägt, gewährt unter
Vorausfetzung der Richtigkeit des überlieferten Textes
den Vortheil, dafs fie uns der undankbaren, weil unlösbaren
Aufgabe überhebt, Stellen bei griechifchen Kirchenvätern
oder Profanlcribenten ausfindig zu machen, in
denen oivti]q. als terminus technicus für eine befondere
Seelenkraft erfcheint. Aber zum Ziele führt fie dennoch
nicht. Sie läfst unerklärt, warum Hieronymus den griechifchen
Ausdruck überhaupt herbeizieht; und Appel
vermag nicht nachzuweifen, dafs irgend ein griechifcher
Schriftfteller dem Gewiffen unter Anwendung des Verbums
avvzrjQSiv odet des entfprechenden Subftantivs oder
auch Adjectivs (dvvaftig avvTTjQTjtixrj) die erwähnte Be-
| deutung beigelegt hat, gefchweige denn, dafs dies in
irgend conftanter Weife (Graeci vocant) vorgekommen ift.
Die Behauptung, dafs das griechifche Wort befonders
treffend und deshalb herbeigezogen fei, ift eine blofse
Behauptung — nicht des Plieronymus, fondern des Verf.'s
der Abhandlung. Das lateinifche custodire oder obser-
vare (bei Ovid heifst greges observare Heerden hüten) und
die entfprechenden Subftantiva wären genau ebenfo bezeichnend
gewefen, wie jenes griechifche Wort; auch
kann Origenes nicht ovvirjQiiv gebraucht haben wo fein
Ausdruck in der lateinifchen Ueberfetzung praesidere
lautet. Ganz anders liegt die Sache, wenn Hieronymus
doch von einer vierten Seelenkraft geredet hat, nur
nicht von der apokryphen Synterefe, fondern vom Gewiffen
, und nur infolge eines Irrthums anftatt oweid^oiv
das wunderliche ovvxtjg^oiv fich in den Text eingefchlichen
hat. Nehmen wir das an, fo dürfen wir fagen: es war
ganz natürlich, dafs Hieronymus, nachdem er die drei
übrigen Vermögen (tö Xoyiv.br, %b O-viii/.bvetc.) nach Plato
griechifch benannt hatte, nun auch für diefes vierte den
griechifchen Ausdruck herbeizog (vgl. übrigens des Ref.
Auffatz in den Jahrbb. f. proteft. Theol. 1879, III).

Die anderweitige Leiflung des Verf.'s, die Darftellung
der Gefchichte der Lehre der Scholaftiker von der