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Ausgabe:

1891 Nr. 4

Spalte:

96-97

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pfleiderer , Otto

Titel/Untertitel:

Der Paulinismus. Ein Beitrag zur Geschichte der urchristlichen Theologie 1891

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 4.

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Gefch. II, 854). — An die Vita Mösts fchloffen üch nach
M. S. 49—54 noch folgende vier Tractate: 1) iitqi tvoe-
ßetag, 2) nun (pi?.av9Qt07Ttag, 3) /neu fisravolas, 4) treoi
evysveiag. Der erfte ift verloren. Auf ihn verweift aber
der Eingang von negi. cfilctvitgioniag (Mangey II, 383).
Auch haben fleh drei Fragmente daraus erhalten (Harris,
Fragments of Philo 1886,/. 10—11). Dafs der Tractat
neqi qri/.i'.viroiosiiag an die Vita Mösts anzufchliefsen ift,
haben fchon Gfrörer und Dähne auf Grund der Ver-
weifung in § i angenommen. Der Tractat nsgi uecavoLac
ermahnt die Heiden zur Umkehr und wendet fleh gegen
Schlufs ermunternd an die Profelyten. Da nun der
Tractat negi evytvtiag (de nobilitate bei Mangey II, 437—
444) die unter den Juden herrfchende Verachtung der
Profelyten bekämpft — der wahre Adel beftehe nicht
in der Geburt, fondern in der Tugend — fo ift Maffe-
bieau's Vermuthung nicht unwahrfcheinlich, dafs auch
diefer hier noch anzufchliefsen ift. In cod. Paris. 435
folgt er unmittelbar auf negi /jieravoiac.

Wie die Vita Mösts, fo find auch die Hypothe-
tica, die wir nur aus den Fragmenten bei Euseb. Praep.
evang. VIII, 6—7 kennen, für heidnifche Lefer beftimmt.
Sie find nach M. (S. 54—59) nichts anderes als eine
Antwort auf die gegen die Juden gerichteten
Anklagen (S. 57), alfo eine Apologie ähnlich der Schrift
des Jofephus gegen Apion. Wie letzterer fo befchäftigt
(ich auch Philo mit den albernen Märchen in Betreff des
Urfprunges der Juden (Euseb. VIII, 6) und giebt eine kurze
Ueberficht der mofaifchen Gefetze, um zu zeigen, dafs
diefe die vortrefflichften feien (Euseb. VIII, 7). Angefichts
diefes Inhaltes hält M. die von Bernays gegebene Erklärung
des Titels ('Y noUtti/xt = ethifche Rathfchläge)
nicht für richtig. Beffer fei die fchon von Viger gegebene
Erklärung suppositions (falfche Behauptungen,
Unterftellungen). Doch findet M. auch hier Schwierigkeiten
, und ift feinerfeits zu einer ganz neuen Erklärung
geneigt. Da nämlich in der Legatio od Cajttm vnoir&Oig
häufig l'affaire dont /es ambassadeurs etaient charges bezeichne
, fo fei i /i tiütir/.ü vielleicht = points re/atifs ä
notre affaire (S. 59). Mir fcheint diefer Vorfchlag doch
fehr problematifch.

Als eine von den Hypothetica verfchiedene Schrift
behandelt auch M. (8.59—65) die annhnyia uneq'IovdaiwVi
aus welcher uns Euseb. Praep. evang. VIII, 11 den Ab-
fchnitt über die Effener erhalten hat. M. tritt ent-
fchieden für die Echtheit desfelben ein. In Betreff der
Vita contemplativa verweift er auf feine frühere Abhandlung
(f. Theol. Litztg. 1888, 493), indem er nur kurz auf
die Recenfionen von Derenbourg und Ohle antwortet.

In der Befprechung des Flaccus und der Legatio ad
Cajuni befchäftigt fleh M. (S. 65—78) fehr eingehend
mit meinen Erörterungen (Gefchichte II, 855—860). Es
handelt fleh wefentlich um die Frage, ob der Flaccus
zu den fünf Büchern gehört, welche Eufebius Hist.
eccl. II, 5, 1 erwähnt, oder ob er eine felbftändige Schrift
für (ich ift. Ich habe mich für erftere Alternative ent-
fchieden, Maffebieau für letztere. Obwohl M.'s Einwendungen
theilweife berechtigt find, glaube ich in der
Hauptfache doch an meiner früheren Aufhellung feft-
halten zu müffen. Aus welchen Gründen und in welcher
Form, habe ich bereits an einem anderen Orte dargelegt
(Gefchichte I, 747), worauf ich der Kürze halber
hier verweifen mufs.

Von Quod omnis probus Uber giebt M. (S. 79—87)
eine ausführliche Analyfe, um zu zeigen, dafs die Dis-
pofition eine klare und befriedigende fei. Nur § 20 a-
icheine nicht zum urfprünglichen Beftande zu gehören
(ob etwa ein Stück aus der verlorenen Schrift quod
omnis insipiens servus:) und ^ 6 gehöre erft vor $ 21.
Die Echtheit der Schrift fucht M. durch Nachweifung
zahlreicher Parallelen mit anderen philonifchen Schriften
zu erhärten.

Von den beiden armenifch erhaltenen Büchern de 1

Providentia hält M. (S. 87—91) das erfte entfehieden für
unecht, das zweite für echt. Nur letzteres hat Eufebius
gekannt; erfteres erweife fich auch durch den Inhalt als
nicht-philonifch. Für echt hält M. auch den Idli'Sat'dooc.
in rrtoi xov 'knyov Pysiv xä äloyct 'Cioa. Doch glaubt er,
dafs fowohl der Tractat de Providentia als der Alexander
uns nicht intact erhalten feien. Auf Rechnung des Ueber-
arbeiters komme in erfterem die Einfuhrung eines ge-
wiffen Alexander als desjenigen, an welchen die Erörterungen
gerichtet find. Hiervon finde fich in den
von Eufebius griechifch erhaltenen Stücken keine Spur;
und fie fei auch mehrfach Hörend. Die Schrift de animalibus
fei durch den Redactor in Unordnung gebracht. Der-
felbe, der beide Tractate überarbeitet habe — wahr-
fcheinlich ein Armenier — habe wohl auch das erfte
Buch de Providentia verfafst.

Ich begnüge mich, diefe Aufftellungen zu referiren
und fie weiterer Erwägung anheim zu geben. Zu
folcher verpflichtet uns die Gediegenheit der ganzen
Arbeit Maffebieau's.

Kiel. E. Schürer.

Pf leiderer, Prof. Dr. Otto, Der Paulinismus. Ein Beitrag
zur Gefchichte der urchriftlichen Theologie. 2. verb.
Aufl. Leipzig, Reisland, 1890. (VI, 538 S. gr. 8.)
M. 10. —

Diefes in feiner Art claffifche, den Baur'fchen Paulus
in zeitgemäfs verjüngter Geftalt vertretende Werk war in
erfter Auflage 1873 erfchienen. Eine zweite ift Bedürf-
nifs geworden trotzdem, dafs der wefentliche Inhalt
mittlerweile in defselben Verfaffers gröfserer Arbeit über
,das Urchriftenthum' Aufnahme gefunden hat. Schon
hier hatte die Conftruction im Einzelnen mancherlei Modifikationen
erfahren, theils unter dem Einfluffe von Me-
negoz's Schrift über ,Sünde und Erlöfung nach Paulus',
theils auch in polemifcher Auseinanderfetzung bald mit
Höhten, bald mit Ritfchl. Vor Allem war der ganzen
Darfteilung ein Abfchnitt über die ,Quellen der pauli-
nifchen Theologie' vorangeftellt worden, welchen der
Verf. in der jüdifchen Theologie, infonderheit in der
pharifäifchen Schulgelehrfamkeit nachging. Auch jetzt
bekennt er fich bezüglich des Neuen, was diefe Auflage
bringt, hauptfächlich als der Darfteilung Weber's von
der altfynagogalen paläftinifchen Theologie verpflichtet.
Die fchriftlichen Quellen, aus welchen letztere Darfteilung
genoffen ift, find zwar jüngeren Datums. Aber wo die
Uebereinftimmung mit neuteftamentlichen Gebilden zu
Tage liegt, da wird man, namentlich wenn folche Uebereinftimmung
den Begriffsapparat, mit welchem Paulus arbeitet
, felbft betrifft und mit einer gewiffen Regelmäfsig-
keit wiederkehrt, doch wohl nicht ohne Fug und Recht
auf nachbarlichen Urfprung beider Reihen zurückfchliefsen
dürfen. Vor einer ausfchliefslichen Geltendmachung diefer
einzigen Ableitungsmöglichkeit bewahrt den Verfaffer
fchon der, die ganze Darftellung im ,Urchriftenthum' bedingende
, Gefichtspunkt des, in immer fteigenden Mafs-
verhältnifsen die altchriftliche Gedankenentwickelung be-
herrfchenden, Hellenismus. Auch in vorliegendem Werke
giebt die, ganz neu gefchriebene, zweite Hälfte der Einleitung
dem griechifchen Element im Paulinisrnus fein
Recht zurück und erkennt das Fortrücken des Schwerpunktes
vom jüdifchen auf den helleniftifchen Factor S.
29 f., ganz ähnlich wie im ,Urchrifteuthum', S. 298 f.
und im Anfchluffe an eine, vom Bruder des Verfaffers,
E. Pfleiderer, in deffen Buch über Heraklit S. 296 f.
geltend gemachte, Parallele zwifchen Sap. Salom. 9, 15
(= 2 Kor. 5, 1 f.) und Plato's Phädon 81 fogar auf dem
Boden der Efchatologie. Was hier über den Umfang, in
welchem die paulinifche Literatur nach gegenwärtigem
Stand der Kritik benutzbar ift (vgl. S. 34 f. eine kurze,
aber treffende Kritik der Steck'fchen Hypothefe), gefagt