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Ausgabe:

1891 Nr. 3

Spalte:

71-77

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thomasius, D.

Titel/Untertitel:

Die christliche Dogmengeschichte, als Entwicklungsgeschichte des kirchlichen Lehrbegriffs dargestellt 1891

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 3.

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wo lyyciazgiuidog wiedergegeben ift mit qui dicunt
quid conceptum habeat mulier (tit. 15 initl). Zweitens
auf die biblifche Begründung des Verbotes der Ehe mit
der Schwägerin, mit der Schwerter der verrtorbenen
oder gefchiedenen Frau. Diefe Ehe ift, foweit bekannt,
zuerft unterfagt von dem Conc. Eliberit. A. D. 305; die
kaiferliche Gefetzgebung ift der kirchlichen gefolgt A.
D- 355 {Cod. Theod. III 12, 2). Man nimmt gewöhnlich
an, es liege dabei ein Mifsverftändnifs von Lev. 18, 18
zu Grunde, wo gefagt ift, man folle nicht zwei Schweftern
zugleich (in der Polygamie) zur Frau haben. Indeffen
die Stelle lautet in der LXX: yvvai/.a hz döelcpy avzrjg
ov Xrjiprj avxiQiqkov .... szz Liooiqg avzrjg. Der Zufatz
eri liüürjs avT?;c, der jedem Mifsverftändnifs vorbeugt,
macht es doch fehr fchwer zu glauben, dafs die Kirche
aus diefer Stelle ihr Verbot der Ehe mit der Schwägerin
nach dem Tode der Frau follte abgeleitet haben. In der
Collatio {tit. VI flu.) wird nun nicht Lev. 18, 18, fondern
Deut. 27, 23 citirt: maledictus qui concubuerit cum sorore
uxoris sicae = irzz/.azdgatog b -/.oiLuoiievog ttezd xrig ddek-
cprjg zijg yvvuv/.bg avzov. Die Schwerter feiner Frau
entfpricht dem hebräifchen Ifiinn; das fchwankende
Verftändnifs diefes Wortes hat in einer dreifachen griechischen
Ueberfetzung Ausdruck gefunden: Schwiegermutter
, Schwägerin und Schwiegertochter. Auffällig ift
allerdings, dafs Bafilius Magnus in feiner Polemik gegen
Diodor von Tarfus (deren Inhalt ich nur aus dem Com-
mentar des Gothofredus kenne) fich nicht auf unfere
Stelle beruft. Trotzdem fcheint es mir durch die Collatio
feft zu flehen, dafs fie es ifl, die den Anlafs zu dem
betreffenden in England noch jetzt giltigen Eheverbot
gegeben hat.

Marburg. Wellhaufen.

Thomasius, weil. Geh. Kirchenr. Prof. D., Die christliche
Dogmengeschichte, als Entwicklungs-Gefchichte des
kirchlichen Lehrbegriffs dargeftellt. 2. Aufl. Nach
des Verfaffers Tode hrsg. von Proff. Dr. N. Bon-
wetfch und R. Seeberg. 2. Bd. 2. Abtlg. Die
Dogmengefchichte der Neuzeit. Die Fortbildung des
Dogmas durch die Reformation und die gegenfätz-
liche Lehrfixierung des Romanismus. Leipzig, Deichert
Nachf., 1889. (XXVI u. S. 317—757. gr. 8.) M. 8.—

Es wäre längft meine Aufgabe gewefen, auch den
Schlufs der Neubearbeitung der Thomafius'fchen Dogmengefchichte
zur Anzeige zu bringen. Nachdem ich
foeben die erfte Abtheilung des zweiten Bandes kurz be-
fprochen hatte (1889, Nr. 25), erfchien die zweite, ab-
fchliefsende Abtheilung desfelben. Doch war ich ieider
nicht in der Lage, mich fofort an ein Studium derfelben
zu begeben. So ift wieder ein Jahr verfloffen, ehe ich i
dazu gelange, mit einem letzten Worte auf das Werk
hinzuweifen. Auch durch den Schlufstheil hat Seeberg
fich den Dank Aller verdient, denen die Dogmengefchichte
ein Intereffe gewährt. Er hat die Arbeit des
fei. Thomafius und des Elditors des von demfelben in
fehr unfertigem Manufcript hinterlaffenen zweiten Bandes
, des fei. Pütt, auch fernerhin auf's Gründlichfte
caftigirt; vor Allem hat er fie fehr erweitert. Kaum ein
Abfatz, der nicht eine Menge Zufätze erhalten hätte.
Weite Partien find überhaupt erft neu gefchaffen. 1
Vielerorts ift die Darfteilung umgeprägt. S. fchliefst die |
Dogmengefchichte nicht mehr fo, dafs blofs die lutheri- j
fchen Symbole in Betracht gezogen werden, er verfolgt
auch die Entwicklung des Dogma's im Katholicismus und
in den Bekenntnifsen der Reformirten. Es ift eine fo
ernftliche, gründliche ,Neubearbeitung', wie man fie feiten
bekommt. Dabei ift doch der Tenor des alten Werkes
vollkommen gefchont geblieben. Man hat nie den fatalen |
Eindruck, dafs der urfprüngliche Verfaffer und der Be- 1

arbeiter feines Werkes fich widerfprächen. S. ift ja wohl
nicht mehr ein perfönlicher Schüler des fei. Th. gewefen,
aber er ift fein geiftiger Schüler, er hat feine Arbeit wirklich
fortführen können. Er gleicht dem Th., wie auch
der treffliche Bearbeiter des erften Bandes, D. Bonwetfch
in Dorpat, auch in der Friedfertigkeit gegen anders
Denkende und in der Bereitwilligkeit, bei Allen zu lernen
S. ift bemüht gewefen, überall aufzunehmen, was er
brauchen konnte. Er konnte freilich nicht Alles
brauchen. Der alte Grundgedanke des Werkes beherrfcht
das Verftändnifs des Details, auch das Verftändnifs für
die Arbeit Anderer; die Receptionsfähigkeit mit Bezug
auf Gedanken, die auf anderem Boden entftanden find,
ift durch ihn eingefchränkt. So giebt der ,Standpunkt'
dem Werke auch in feiner gegenwärtigen Geftalt feine
theologifche Bedeutung und Unzulänglichkeit. Es ift diejenige
Darftellung der Dogmengefchichte, die zur ,Erlanger
Theologie' gehört, nicht mehr und nicht weniger. Mit
der theologifchen Schule, aus der es hervorgegangen ift
und für die es durch feine Art eine gute Stütze darftellt,
fleht und fällt es.

Ich möchte das Werk, foweit ich vermag, ehren,
indem ich die allgemeinen Grundlagen, auf denen es fich
erbaut, zur Sprache bringe und nur an ihnen Kritik übe.

Thomafius behandelt die Dogmengefchichte als ,Ent-
wicklungsgefchichte des kirchlichen Lehrbegriffs'. Es
giebt für ihn einen Faden in dem Gewirre theologifcher
Gedanken, der immer wieder bemerkbar wird, wenn man
nur weit genug abfteht von der betreffenden Epoche.

Zuletzt kommen immer wieder Refultate zum Vorlchein,

welche den Glauben ,der Kirche' ausdrücken. Immer
klarer wird die Kirche fich bewufst, was der Inhalt deffen
ift, was fie als ihr Verhältnifs zu Gott zunächft nur in
der .Erfahrung' kennen lernt. Von den allgemeinften
Formen ausgehend fpecialifiren fich die Vorftellungen
immer mehr, bis fchliefslich das ganze Syftem wird entwickelt
fein. Noch ift die ,Entwicklung des kirchlichen
Lehrbegriffs' nicht abgefchloffen. Die letzten normalen
Gedanken find fixirt in den lutherifchen Symbolen,
fpeciell im Concordienbuche. S., der die reformirte
Theologie einfichtig und freundlich beurtheilt, ift darin
mit Th., auch wenn er die Darftellung desfelben über
das Concordienbuch hinausführt, einig, dafs er die Symbole
' der anderen Kirchen, die aufserhalb der lutherifchen
Kirche bisher gewonnenen Ausgänge hinfichtlich des
Dogma's, mifst am ,lutherifchen Lehrbegriff'. Wenn man
fich die Frage vorlegt, welches die letzten Gründe feien
diefer Vorftellung von einem in der Gefchichte entftan-
denen kirchlichen Lehrbegriff', durch welchen der Theologie
der Gegenwart autoritativ die Wege gewiefen find,
fo wird man auf zweierlei geführt: ein Refiduum katholi-
fcher Vorftellungen über die Kirche, eine nicht ganz
zur Klarheit gelangte Vorftellung über den Erkenntnifs-
fortfchritt in der Theologie. Es wäre unbillig, Th. etwa
den Vorwurf zu machen, dafs er die evangelifche Pofition
gegenüber der Offenbarung nicht berückfichtige. Er thut
das fehr ernftlich und feine Auffaffung von der Bedeutung
des kirchlichen Lehrbegriffs' ift wefentlich unterfchieden
von der katholifchen. Die beiderfeitige Pofition ftellt
fich etwa, wie folgt, dar. In der katholifchen Kirche gilt
die kirchliche Lehre an Stelle der h. Schrift. Wenn
die Kirche gefprochen hat, wenn das ,Dogma' promul-
girt ift, fo hat Niemand mehr das Recht, eine Probe auf
die betreffende Lehre an der Schrift fo zu machen, dafs
er fich dabei von der Vorausfetzung leiten liefse, möglicherweife
lehre die h. Schrift etwas Anderes, als was
das kirchliche Dogma ausfage. Nur noch den ,Beweis'
darf einer nach der Schrift anzutreten fich ftark machen.
Aber der Beweis der Wahrheit ift ferner gar nicht nur
nach der Schrift zu führen. Die Kirche hat an der .Tradition
' einen Mafsftab neben der Bibel. Nicht fo auf
evangelifcher Seite, refp. bei Th. Die h. Schrift wird
durch das Dogma nicht erfetzt. Das Dogma wird nicht