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Ausgabe:

1891 Nr. 3

Spalte:

62-67

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bousset, Wilh.

Titel/Untertitel:

Die Evangelienzitate Justins des Märtyrers in ihrem Wert für die Evangelienkritik 1891

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1891. Nr. 3.

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copirt hätte, dafs Jahrhunderte ihm geglaubt haben und
erft der Scharffinn des Unglaubens ihn entdeckt hat';
er weift hin auf ,die unfagbare Mühe, feine Stellung
als die des Mofe zu kennzeichnen'; auf die ,vollendete
Färbung jeder Zeile mit dem Ton und der Stimmung
der mofaifchen Gegenwart mit einer photographifchen
Wirklichkeit'; er fragt pathetifch, warum der Nachahmer
denn niemals aus der Rolle gefallen fei. Den Nachweis
diefes gefperrten .niemals' mufs man S. 25 ff. lefen,
um fich zu überzeugen, wie fchwer es ihm gefallen fein
würde, Zahn gegenüber feine Rolle zu verleugnen. Aber
woher nimmt diefer denn den Muth, die photographifche
Wirklichkeit zu befcheinigen? Etwa aus dem Tetrateuch,
dem. er felbft S. 70 eine andere Darftellungsweife^ zu-
gefteht, fo fehr er anderwärts dagegen eifert? S. 78
hält er es für nöthig hervorzuheben, dafs fchöpferifche
Sprachgenies wie Mofe und Luther ,nicht nur eine Form
der Rede kennen', das klingt fchon anders. AberLuther's
Sprache klingt doch nirgends fo an die Sprache und
Art unferer blofs 350 Jahre fpäteren Zeit oder die der
beiden vorhergehenden Jahrhunderte an, wie die des
deuteronomifchen Mofe an alle Schrifterzeugnifse der
Zeit, die nach der herkömmlichen Zeitrechnung durch
cpo Jahre von ihm getrennt ift. Und wir find doch auch
bei Luther in die Schule gegangen (vgl. S. 79 f.). — Die
zweite Hauptangel, in der Zahns Widerlegung hängt, ift
die Unfittlichkeit folcher Nachahmung, folcher Lüge
(S. 9. 23). Natürlich, die berechtigte Abficht, das bisher
nur dem Priefter und Richter zu Gebote flehende
Gefetz in wirkfamer Form als Antrieb zu bewufster Gerechtigkeit
dem Volke zugänglich zu machen, wird nicht
in Betracht gezogen. Aber das Märlein, dafs Jeremias
alle Welt ausgefchrieben habe, hat der Verf. aus der
Zeit, wo er lernte, behalten und Küper geglaubt. Jeremias
ift überall Entlehner' (S. 10). Wo bleibt denn da
die Ehrfurcht vor dem biblifchen Schriftfteller und wo
der Glaube an die Wahrhaftigkeit des Propheten, der
überall Gottes Wort zu geben behauptet, nicht das der
Menfchen? Wir böfen Kritiker werden dem grofsen
Gottesmanne weit beffer gerecht. -— Die Kritik ift Ausgeburt
des Unglaubens (immer wieder, vgl. bef. S. 92 *).
Wie nennt man es denn, wenn Zahn S. 70 fagt: ,das Capitel
[Deut. 34] dem in der Schule Mofe's aufgewachfenen
Jofua abzufprechen ift kein Grund vorhanden'? Ift denn
Jofua der Verfaffer des Pentateuchs? Warum fagt er
denn nicht erft, warum Grund vorhanden fei, das Capitel
Mofe abzufprechen? Ja wohl ift Grund vorhanden, aber
nur für den Unglauben und die Kritik. Ift doch gerade
an Deut. 34, und nicht einmal an dem ganzen Capitel,
fondern an v. 5—12, der Sündenfall beider noch im Para-
diefe, an derfelben Stelle Baba Bathra fol. 14b begangen,
die Zahn's Gewiffen bindet. Aber er ift auch fofort von
der gläubigen Gemara geftraft. Ein offenes Bekenntnifs
hätte dem Verf. beffer geziemt, als die Verhüllung
unter dem Mantel der Abwehr gegen folche, mit denen
er in der gleichen Verdammnifs ift. —

Das dürfte nun genug und übergenug fein, wenn es
fich nur um diefe Schrift und ihren Verfaffer handelte.
Aber es handelt fich um mehr. Der vermeintlich vollauf
Sachverftändige will das Urtheil der mit Bewufstfein
minder oder durchaus nicht Sachverftändigen gefangen
nehmen, ihre Leidenfchaften erregen und fie zu einer
Hetze gegen die .ungläubige Kritik' anführen. Schon hat
er, der ftreitbare Reformirte, durch feine Selbftanzeige
die Gefinnungsgenoflen in der lutherifchen Kirche aufgerufen
. Das kann uns nicht gleichgültig fein; denn wir

1) ,Die Stellung der jüdifchen Kirche hat die Wahrheit geheiligt
und jeder thrift hat durch fie die Pflicht, mit der Kritik des Unglaubens
zu brechen.

Die Kritik möge fernerhin ihr frivoles Spiel mit lauter Scheingründen
treiben, die Jugend vergiften und fich dabei des Gottes der Wahrheit ge-
tröften. Mit der finkenden Autorität der Schrift fällt jede Autorität und
wer Wind fäet, wird Sturm ernten'.

brauchen wie jeder redliche Arbeiter, der feine Sache
verfteht, Vertrauen von der Gemeinfchaft, in der wir
flehen und flehen wollen. Deshalb drängt fich auch ein
ernftes Wort auf, und wäre es nur zur Wahrung unferer
Gewiffensftellung. Der Glaube der Kirche, welche auf
dem Boden der Reformation neu erftanden ift, wird hier
in fein Zerrbild verkehrt. Nicht Glaube, fondern Kleinglaube
ift es, der hier das Wort führt. Kleinglaube, dem
die heilige Schrift fo, wie fie nach Gottes Rathfchlufs
uns überliefert ift, nicht gut genug dünkt, der fie meiftern
will, um fie zu dem zu machen, was ihm nöthig fcheint.
Eine evangelifche Kirche, die nicht bemüht ift, die Urkunde
ihres Glaubens fo zu verliehen, wie es ihr nach der
Erkenntnifsftufe, die fie erreicht hat, nur immer möglich
ift, die nicht wagt den Thatfachen ins Geficht zu fehen,
hat fich felbft das Urtheil gefprochen. Alle Arbeit aber,
die daran gewandt wird, ift fubjectiv, weil menfchlich,
und damit dem Irrthum ausgefetzt. Man mache doch
niemand weis, dafs das nur mit der fogenannten
Kritik fo fei; will man ihr das Wort verbieten,
fo verbiete man doch auch die Auslegung, die
ganz ebenfo, und oft mit viel tiefer einfchneiden-
den Folgen, dem Irrthum ihren Tribut zahlt. Gerade
aus dem .gläubigen' Lager laffen fich dazu
zahlreiche, fehr fchlimme Beifpiele anführen.
Auslegungsmonopol, wie es die katholifche Kirche hat,
thut uns noth; dann werden wir bald zu der Ruhe des
Kirchhofs kommen, wo niemand mehr nach Wort noch
Auslegung begehrt. Wir find uns bewufst, dafs jeder
einzelne durch feine Subjectivität befonderen Gefahren
nach der Seite des Verftandes und des Temperaments
ausgefetzt ift; es wird die fittliche Aufgabe eines jeden
Kritikers fein, diefe Gefahren und die daraus fliefsenden
Irrthümer nach Kräften zu vermeiden. Aber ohne Irr-
thümer, ja ohne viele Irrthümer, geht es nicht ab, und
wir werden uns damit tröffen müffen, dafs Gott uns bei
allen Aufgaben, die er uns geftellt hat, durch Irrthum
hindurch in der Wahrheit wachfen läfst, und dafs kein
Irrthum fo grofs ift, aus dem Gott nicht einen Keim der
Wahrheit erwecken könnte. Jedenfalls beffer hundertmal
geirrt, und wäre es fo fchwer wie Hiob, als einmal gelogen
— ich rede von dem Dilemma, in das wir angegriffenen

Kritiker kommen würden, nicht von anderen Leuten _

und wäre es fo orthodox und darum fo nothwendig wie
Hiob's Freunde. Und gefchähe diefe Lüge vollends mit
gutem Gewiffen wie bei jenen, um fo fchlimmer: fo
drohte das Uebel unheilbar zu werden. Gott braucht
keine Advocaten, die ihm zu Liebe Lügen reden (Hiob
13. 7 !•)•

Strafsburg iE. K. Budde.

Bousset, Lic. Wilh., Die Evangeliencitate Justins des Märtyrers
in ihrem Wert für die Evangelienkritik, von neuem
unterfucht. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht's
Verl., 1891. (128 S. gr. 8.) M. 2. 80.

Die Räthfel, welche Juftin's Evangeliencitate darbieten
, können noch nicht als gelöft gelten. Unfäglicher
Fleifs ift auf ihre Unterfuchung von Credner (Beiträge
zur Einleitung in die biblifchen Schriften, 1, Bd. 1832),
Semifch (Die apoftolifchen Denkwürdigkeiten des Märtyrers
Juftinus, 1848) und Hilgen feld (Kritifche Unter-
fuchungen über die Evangelien Juftin's etc. 1850) verwendet
worden. Aber wie wenig bis jetzt ein überein-
ftimmendes Urtheil erzielt ift, können die neueften Behandlungen
des Thema's bei Zahn (Gefchichte des neu-
teftamentlichen Kanons I, 2, 1889, S. 463—585) und bei
Bouffet in der hier zu befprechenden Abhandlung
zeigen. Die einen (Semifch und Zahn) finden bei Jüdin
fo gut wie ausfchliefslich Benützung unferer kanonifchen
Evangelien, die Anderen (Credner, Hilgenfeld, Bouffet)
faft ebenfo ausfchliefslich oder doch ganz vorwiegend